Tiertransporte ins Ausland - Gequält und eingepfercht mit amtlicher Genehmigung

Rinder, die gequält und brutal abgeschlachtet werden - die Bilder von Schlachthöfen im Mittleren Osten sind offenbar auch für die Politik unerträglich geworden: So befürworten die Agrarminister der Länder inzwischen sogar einen Exportstopp in Drittstaaten - aber nur von Schlachttieren. Der Export von Rindern, die angeblich für die Zucht in anderen Ländern benötigt werden, geht indes munter weiter. Tagelang werden die Tiere eingepfercht in LKWs tausende Kilometer weit transportiert, teils bei sengender Hitze ohne ausreichend Wasser. Genehmigen müssen diese fragwürdigen Transporte die Veterinäre der Landkreise. Inzwischen verweigern zwar immer öfter Tierärzte ihre Unterschrift, aber für die Exporteure ist das kein Problem: sie wechseln dann in einen anderen Landkreis und das Geschäft läuft weiter. Kontraste traf Tierärzte, die aus ihrem Alltag berichten. Ihre Befürchtung: Einmal außerhalb der EU werden auch die Zuchtrinder abgeschlachtet - ohne Rücksicht auf Tierschutzbestimmungen.

Anmoderation:

Das, was wir Ihnen jetzt zeigen, ist harter Tobak. Aber: Die Bilder zeigen nur, was Tag für Tag passiert. Rinder werden auf das schlimmste gequält, wenn sie per LKW  ins nicht-europäische Ausland transportiert werden. Die Crux: Es gibt eigentlich ein Gesetz, das exakte Vorschriften für tiergerechte Transporte macht. Doch die Vorgaben werden immer wieder umgangen. Chris Humbs, Susanne Katharina Opalka und Lisa Wandt über das grausame Geschäft mit dem Rindertransport.

Tiere - transportiert über tausende Kilometer. Kurz frei – eine einzige Qual. Gerade im Sommer, bei sengender Hitze haben sie nichts zu trinken, sind am Ende ihrer Kräfte. Einige verenden jämmerlich.

Andere landen am Ende oft in einem Schlachthof im Mittleren Osten – und werden geschächtet - manche bei vollem Bewusstsein.

Iris Baumgärtner, Animal Welfare Foundation

"Sobald die Tiere die EU verlassen, sind sie im Prinzip entrechtet."

Ein glatter Verstoß gegen europäisches Tierschutzrecht. Das schreibt vor:

"Niemand darf eine Tierbeförderung durchführen oder veranlassen, wenn den Tieren dabei Verletzungen oder unnötige Leiden zugefügt werden könnten."

Und das gilt vom Abfahrtsort bis zum Zielort – egal wo. Der Tierschutz endet nicht an der EU-Außengrenze – das ist das Gesetz.

Aber warum werden die Tiere dann trotzdem weiter auf endlosen Tiertransporten gequält?

Wir begeben uns auf Spurensuche. Ausgangspunkt: Ohrenbach in Bayern. Wir beobachten wie ein ganz gewöhnlicher Rindertransport zusammengestellt wird: 62 trächtige Jungrinder für den Export. Wir wollen wissen, wohin diese Kühe gebracht werden. Doch wir sind mit unserer Kamera hier nicht erwünscht.

Anonym

"Sie dürfen hier nicht zugucken."

Kontraste

"Aber warum denn?"

Anonym

"Weil ich das nicht will."

Wir versuchen es beim zuständigen Landratsamt: Vom Amtstierarzt muss der Transport genehmigt werden. Erst auf mehrmalige Nachfrage erhalten wir Auskunft. Das Ziel: Gissar in Tadschikistan.

Für die Tiere heißt das: sie haben nun gut 6.500 Kilometer vor sich, eingepfercht im LKW. Mindestens 9 Tage sind sie unterwegs, über Polen, Russland, Kasachstan, Usbekistan. Für solche Transporte gelten eigentlich klare Regeln:

Vier Mal müssen die Tiere auf dieser Strecke für 24 Stunden in einem Stall ruhen können. Für Fütterung und Tränkung. Auch der LKW sollte ausgemistet werden. Soweit die Theorie.

Dass dies tatsächlich auch umgesetzt wird, dafür sind in Deutschland die Veterinärämter zuständig. Sie müssen die Transportroute genehmigen und unter anderem überprüfen, ob es für die vorgeschriebenen Ruhezeiten auch Ställe vor Ort gibt.

Eine schier unlösbare Aufgabe, erfahren wir von einer Amtstierärztin, die nicht erkannt werden will. Oft geben die Transporteure ihr nur einen Ortsnamen irgendwo in Zentralasien. Sie soll dann mit Google Maps überprüfen, ob es dort auch tatsächlich – wie behauptet – die entsprechenden Ställe gibt.

Tierärztin

"Wenn an dem Ort überhaupt kein Stall vorhanden ist, weil es dort nur Wohnhäuser gibt oder nur einen großen Spielplatz, an der Stelle wo das angegeben wurde, dann kann ich das natürlich verhindern. Aber solange ich dem nichts Gegenteiliges nachweise, habe ich derzeit nicht die Möglichkeit meine Unterschrift zu verweigern."

Zur Unterstützung kann sie auf diese Liste der EU von 2009 zurückgreifen. Darin Ställe zum Entladen der Tiere in Drittländern.

Die Tierschützerin Iris Baumgärtner hat schon viele Transporte begleitet, für sie ist die EU-Liste eine Farce.

Iris Baumgärtner, Animal Welfare Foundation

"Da steht irgendein Dorf, das war's, also keine genaue Adresse. Und niemand weiß irgendwas Genaues. Damit geben sich im Prinzip die Veterinärämter zufrieden, manchmal sogar mit weniger."

Auch für unseren Transport nach Tadschikistan lagen der zuständigen Veterinärbehörde nur Ortsnamen vor. Ob es dort tatsächlich Ställe für die Tiere gibt, wurde offenbar vor der Exportgenehmigung nicht überprüft, wie das Landratsamt gegenüber Kontraste einräumt:

"Uns liegen zurzeit nur die Daten der Transportplanung vor. In dieser müssen lediglich die Orte und nicht die genauen Adressen der Kontroll-, Versorgungs- oder Sammelstellen eingetragen sein."

Eine Transportgenehmigung ohne Kontrolle? Eine klare Missachtung der europäischen Tierschutzbestimmungen, so Rechtsexperten.

Das Ergebnis unserer Recherche ist offenbar kein Einzelfall in deutschen Veterinärbehörden, wie uns die Tierärztin berichtet.

Tierärztin

"Es gibt hier Ärzte, die illegale Sachen attestieren. Weil es ihnen offensichtlich egal ist, hinterfragen sie das nicht, ja, so einfach ist das. Also ich, wenn ich die Genehmigung unterschreibe, dann bin ich verantwortlich dafür, dass die Tiere dort gut ankommen."

Doch wer wie sie genauer hinschaut, hat es schwer als Amtstierarzt. Nicht nur die Exporteure machen Druck, auch die Amtsleiter. Das Geschäft mit den Rindern geht offenbar vor.

Tierärztin

"Es wird ganz konkret gesagt, sie haben diesen Transport unter den Bedingungen zu machen. Das wird schriftlich und mündlich so mir gegenüber geäußert."

Kontraste

"Vom Amtsleiter dann?"

Tierärztin

"Ja."

Die drastischen Folgen solcher Genehmigungen zeigen sich an der bulgarisch-türkischen Grenze. Denn besonders viele Rindertransporte gehen in die Türkei, dort ist die Nachfrage nach deutschem Fleisch groß. Hier Aufnahmen der Tierschutzorganisation Animal Welfare Foundation vom letzten Jahr.

Iris Baumgärtner hält fest:

"Und die Tiere hier werden wahrscheinlich vor morgen früh die Grenze nicht verlassen."

Das Team von Tierschützern dokumentiert die Zustände vor Ort. Stau bei 40 Grad Hitze, es gibt nur einen Wasserschlauch für alle LKWs, die Tiere fast am Verdursten.

Iris Baumgärtner, Animal Welfare Foundation

"Hier sieht man Zungenrollen bei den Rindern, das machen Tiere, wenn sie absolut im Stress sind durch Wassermangel, das sind deutsche. Und das Problem ist, dass die oft sechs Stunden, wenn es ganz dumm läuft sogar mehrere Tage dort stehen."

Auch ein Experten-Team der EU-Kommission hat vergangenes Jahr die untragbaren Zustände an der Grenze begutachtet und bestätigt in einem 15-Seitigen Bericht die Vorwürfe der Tierschützer.

"Es besteht ein hohes Risiko, dass den Tieren unnötige Schmerzen und Leid zugefügt werden."

Weiter heißt es:

"Die Tiere werden wahrscheinlich allein für die Grenzüberquerung mindestens sechs Stunden in den Fahrzeugen bleiben."

Wir konfrontieren Bianca Lind vom Bundesverband Rind und Schwein mit diesen Vorwürfen.

Bianca Lind, Bundesverband Rind und Schwein

"Wir haben da lange mit unseren Mitgliedern darüber gesprochen und mit den Transporteuren, die die Zuchtrinder in die Türkei liefern und da haben wir die eindeutige Aussage bekommen, also maximal drei Stunden Wartezeit an der Grenze."

Der Rinderverband beruft sich dabei auf die Fahrtenbücher und Navi-Daten seiner Mitglieder, der Rinder-Exporteure.

Doch eine aktuelle Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen belegt: Oft werden die Navigationsdaten über die tatsächlichen Routen der Transporte den zuständigen Kontrollbehörden überhaupt nicht zur Verfügung gestellt.

Trotz aller Verstöße – das Geschäft läuft weiter. Der Druck der Lobby aus Landwirten und Viehexporteuren sei zu groß, kritisiert der ehemalige niedersächsische Agrarminister Christian Meyer. Er fordert:

Christian Meyer (BÜ'90/Die Grünen), stellv. Fraktionsvorsitzender Landtag Niedersachsen

"Man muss die Exporte einstellen von Lebendtieren außerhalb der EU, man muss das verbieten, sonst macht man sich mitverantwortlich für solche Zustände. Eine starke Ministerin würde einfach mal sagen, so lange die Missstände so sind, exportieren wir, erteilen wir keine Genehmigung mehr."

Doch das lehnt die verantwortliche Ministerin Julia Klöckner ab. Auf Anfrage erklärt sie, ein pauschales Export-Verbot sei

"weder mehrheitsfähig in der EU noch mit den Regeln der Welthandelsorganisation vereinbar."

Sie schiebt die Verantwortung auf die Landesbehörden. Die seien für die Kontrolle verantwortlich. Doch dass die oft nicht funktioniert, dürfte auch der Bundesministerin bekannt sein.

Erstaunlich noch ein andres Argument der Agrarministerin: Deutschland habe bei den Exporten in Drittländer nur einen geringen Anteil.

Das stimmt: Im letzten Jahr wurden so gut wie keine Schlachtrinder mehr in Drittländer verkauft. Gerade mal 70 Tiere.

So genannte Zuchtrinder hingegen haben die Deutschen massiv exportiert: über 79.000.

Fast alle Rinderexporte in Drittländer sind heutzutage offenbar als Zuchttier-Transporte deklariert. So auch die Fracht nach Tadschikistan.

Als Zuchtrinder gelten in der Branche junge, wertvolle Tiere wie diese. Sie gehen bald in den Libanon und sollen dort angeblich beim Aufbau einer eigenen Viehwirtschaft helfen.

Doch das sei meist reiner Etikettenschwindel, meint Michael Marahrens. Er ist Tierschutz-Experte im Friedrich-Löffler-Institut, einer Bundesbehörde. Tacheles reden kann er über die wahren Hintergründe aber nur als Experte eines Tierarzt-Verbandes.

Dr. Michael Marahrens, Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz

"In diesen Ländern fehlt allein schon die Futterbasis zum einen. Zum anderen fehlt es an landwirtschaftlichen Strukturen, die diese Tierhaltung überhaupt erst ermöglicht.

Kontraste

"Was passiert mit den Tieren?"

Dr. Michael Marahrens, Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz

"Na sie landen natürlich im Schlachthaus."

Ein Schlachthof im Mittleren Osten. Mit dabei auch Deutsche Kühe, versichern uns die Mitarbeiter der Tierschutzorganisation Animals International. Die Bilder sind kaum zu ertragen – doch sie müssen gezeigt werden. Tausende Tiere leiden, weil die Politik wegschaut.

Beitrag von Chris Humbs, Susanne Opalka und Lisa Wandt

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