Angepöbelt und bedroht - Wie sich eine Rettungssanitäterin mit Kopftuch durchsetzt

Zahra Mrowat behauptet sich in einer echten Männerdomäne behauptet. Die junge Muslima arbeitet als Rettungssanitäterin in Berlin. Wegen ihres Kopftuches muss sie sich immer wieder rechtfertigen und klarstellen, dass sie nichts mit Islamisten zu tun hat. Aber Intoleranz ist nicht das Einzige, mit dem sie konfrontiert wird, wenn sie Menschen in Not helfen möchte. Übergriffe und Beleidigungen gehören für sie und die Kollegen des Rettungsdienstes mittlerweile zum Alltag. Kontraste begleitet die Helfer bei Tag und Nacht durch Berlin. Lebensgefährlich verletzte gehören ebenso zu ihren Patienten wie vereinsamte Menschen, die immer öfter den Notruf wählen.

Anmoderation 1:

Was macht das eigentlich mit unserer Gesellschaft, wenn im Deutschen Bundestag und in den Landesparlamenten offen Vorurteile und pauschale, fremdenfeindliche Ressentiments geschürt werden? So wie gerade erst wieder von der Fraktionsvorsitzenden der AfD, Alice Weidel?

Alice Weidel (AfD), Fraktionsvorsitzende

"Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern."

"Kopftuchmädchen", was für ein Begriff. Wir wollen Ihnen heute eine junge Frau vorstellen, die uns  sehr beeindruckt hat. Sie ist  Rettungssanitäterin in Berlin, will helfen und muss täglich erleben , wie weit Verrohung und Fremdenhass fortgeschritten sind. Christoph Rosenthal und Caroline Walter haben sie bei Ihren Einsätzen begleitet.

Anmoderation 2:

"Kopftuchmädchen", was für ein Begriff. Wir wollen Ihnen heute eine junge Frau vorstellen, die uns  sehr beeindruckt hat. Sie ist  Rettungssanitäterin in Berlin, will helfen und muss täglich erleben , wie weit Verrohung und Fremdenhass fortgeschritten sind. Christoph Rosenthal und Caroline Walter haben sie bei Ihren Einsätzen begleitet."

Zahra Mrowat fällt auf in Berlin. Sie ist Rettungssanitäterin. Eine junge Frau in einer Männerdomäne. Und dazu trägt sie noch Kopftuch.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Das Einzige, was zählt, ist eigentlich unsere Hilfe sozusagen und das finde ich für mich einfach sehr aufregend."

Die 23-Jährige kommt aus Afghanistan. Sie lebt seit acht Jahren in Deutschland. Im Eiltempo hat sie Deutsch gelernt, das Abitur und die Ausbildung gemacht.

Gerade ist ein Notruf eingegangen. Mit Blaulicht bahnt sich Zahra Mrowat den Weg durch Berlin – furchtlos über rote Ampeln. Doch ihr Kollege Michael Raether und sie verzweifeln oft am Verhalten der Autofahrer, die keine Rettungsgasse bilden.

"Fahr doch. Hup doch mal, hup den mal richtig an."

"Martinshorn ist eigentlich laut genug."

Manche Autofahrer machen gefährliche Überholmanöver oder schneiden ihr sogar den Weg ab.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Ich fahre etwa seit 10 Monaten und ich glaube, die werden jeden Tag schlimmer, dass sie uns bei dem Einsatz behindern oder den Weg sperren."

Ankunft am Einsatzort: Diese Jugendlichen haben wegen eines Betrunkenen den Notruf gewählt. Sie sind sauer.

Jugendlicher

"Wir rufen die an und die kommen nach zehn Minuten, obwohl die eigentlich früher da sein sollten."

Kontraste

"Zehn Minuten ist Ihnen zu lang?"

Jugendlicher

"Ja ist viel zu lang."

"Er könnte auch am Sterben sein …"

"Wäre er am Sterben, dann ist nicht gut so."

Zahra Mrowat und ihr Kollege haben keine Zeit für Erklärungen, der Mann muss ins Krankenhaus. Doch dort bleibt er nicht: Keine fünf Minuten später hat er sich selbst entlassen. Der gesamte Einsatz hat eine Stunde in Anspruch genommen – umsonst. Dazu mussten sich die beiden noch anmeckern lassen.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Aggressionen erlebt man sehr oft. Respekt gegenüber uns gibt es nicht. Man wird beleidigt. Man wird gestört auf der Arbeit."

Vor kurzem wurde ihr Team zu einem Patienten mit Herzinfarkt gerufen. Vor Ort gab es zwar einen Aufzug, aber ein Hausbewohner riss die Retter wieder hinaus, er hatte es selbst eilig. Sie mussten mit der ganzen Ausrüstung in den 6. Stock laufen.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Das ist wirklich unverschämt, muss man sagen, dass die Gefahren dabei ignoriert werden. Was kann wichtiger als ein Menschenleben und bei solchem Patienten zählte natürlich auch jede Sekunde."

Nachtschicht – das heißt zwölf Stunden im Dauereinsatz. Zahra Mrowat muss auch Notfälle in der Club- und Drogenszene versorgen. Die Eltern der jungen Muslima waren nicht gerade begeistert.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Ehrlich gesagt, mein Vater hat erst mal überrascht reagiert. Er hat nicht damit gerechnet und meinte: Wie Nachtschicht auch? Und dann habe ich ihm einfach erklärt, ja stell dir vor, du wirst auch mal mitten in der Nacht krank, dann erwartet man auch Hilfe."

An diesem Abend ist der Berliner Rettungsdienst überlastet. Deshalb müssen Zahra Mrowat und ihr Kollege einen Notfall am anderen Ende der Stadt übernehmen.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Wenn ich klopfe, wird es mehr oder bewegen sich die Schmerzen?"

Die Frau hat starke Bauchschmerzen. Obwohl die Helfer schnell in die Klinik wollen, machen die Angehörigen Stress.

Angehörige

"Ja dann sofort, auf was warten Sie. Du weißt doch, wie diese sind, Alter. Ihr kommt erst, wenn man tot ist, ich schwöre."

Zahra Mrowat

"Ok, das ist nicht freundlich, was sie sagt."

Bekannter der Familie

"Hallo, fahren Sie jetzt. Was ist das hier?"

Kontraste

"Der muss ja erst losfahren."

Bekannter der Familie

"Ok, soll fahren. Die Frau wird gerettet, ja, sonst gibt’s Probleme hier."

Beide bleiben ruhig. Michael Raether musste schon Drohungen wie "Ich töte dich" aushalten. Er ist seit 29 Jahren im Rettungsdienst. Die Hemmschwelle, sagt er, sei in jeder Hinsicht gesunken.

Michael Raether, Rettungsassistent DRK

 "Ein Beispiel Gaffer: Da hatten wir in einem Restaurant eine Reanimation und keinen Meter weiter am Tisch haben Leute gegessen und haben sich beschwert, dass wir so laut gearbeitet haben. Es ging dann da um ein Menschenleben, haben reanimiert und die haben dann weitergegessen und haben geguckt. Das ist wie im Kino."

Zahra Mrowat hat kürzlich einen Angriff hinter sich, der ihr Angst machte. Vor einem Berliner Club war ein Jugendlicher zusammengebrochen. Seine Partyfreunde wollten unbedingt im Rettungswagen mitfahren. Weil das nicht erlaubt ist, rasteten sie aus. Sie schlugen auf den Wagen ein und versuchten ihn zu kippen. Dem Patienten ging es in diesen 20 Minuten immer schlechter. Die Sanitäter mussten die Polizei rufen.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Die waren fast alle nüchtern noch teilweise und dass die uns bedroht haben und keine Angst hatten, dass sie ihren eigenen Freund anstatt zu helfen schaden, das ist für mich eigentlich unverständlich."

Die junge Sanitäterin ist hart im Nehmen. Sie muss viel einstecken – auch wegen ihres Kopftuches.

Michael Raether gibt offen zu, dass er zunächst skeptisch war.

Kontraste

"Wie war das als Sie das erste Mal die Kollegin mit dem Kopftuch gesehen haben, was haben Sie gedacht?"

Michael Raether, Rettungsassistent DRK

"Jetzt hat Deutschland verloren, ganz ehrlich. Jetzt werden wir unterwandert weniger, aber der Deutsche, der geht nicht mehr arbeiten und jetzt kommen die Südländer mit Kopftüchern und überrennen uns sozusagen.

Kontraste

"Das waren die ersten Gedanken?"

Michael Raether, Rettungsassistent DRK

"Das waren so meine ersten Gedanken."

Einige Kollegen wollten am Anfang nicht mit ihr ins Team. Sie hatten große Bedenken, dass ihr Kopftuch die Arbeit behindere, vor allem das Fahren.

Zahra Mrowa, Rettungssanitäterin DRK

"Für mich sehe ich kein Problem, wenn ich was sehen muss mit meinen Spiegeln oder so. Dann drehe ich meinen Kopf und hier ist keine Mauer, die mich behindert, das zu sehen. Stellen wir vor, wie viele Frauen fahren in anderen Ländern mit Kopftuch Fahrzeuge und da passiert nicht jeden Tag Unfälle mit Frauen, die Kopftuch tragen."

Der nächste Notfall: eine ältere Dame im Seniorenheim ist nicht ansprechbar. Bei Zahra Mrowat sitzt jeder Handgriff, auch deshalb haben die Kollegen die selbstbewusste Muslima schnell schätzen gelernt.

Michael Raether, Rettungsassistent DRK

"Sie ist tatkräftig, fasst mit an und kann manchem Mann was vormachen trotz ihrer Größe – Kopftuch spielt überhaupt keine Rolle."

Doch so manchen Patienten beschäftigt das Kopftuch mehr als das eigene Leiden – wie diesen Mann, der mehrere Flaschen Wodka  intus hat.

Patient

"Hast Du Kopftuch wa? ..."

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Das ist doch egal."

Und dieser Patient will sich nur vom männlichen Kollegen anfassen lassen.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Nicht mit mir."

Patient

"Nein."

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Ok, dann machen Sie mit ihm."

So eine Reaktion auf ihr Kopftuch findet die Sanitäterin noch harmlos.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Also, Erlebnisse habe ich schon oft genug. Wir mussten einmal zu einem Patienten. Sie brauchte dringende Hilfe, sie hat die Hilfe von meinem männlichen Kollegen akzeptiert, aber mich abgelehnt mit Begründung, ich sei Terroristin und komme von Al-Qaida und ich kann ihr nur schaden und nicht helfen. Das war schon ein bisschen traurig und ich wurde aus der Wohnung rausgeschmissen."

Im Einsatz wird sie immer wieder in Diskussionen über islamistische Anschläge verwickelt. Zahra Mrowat lächelt die Anfeindungen weg und bleibt immer freundlich.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Sonst geht man selber kaputt, wenn man alles ernst nimmt, jedes einzelne Wort interpretiert, was es bedeutet. Das bringt nichts."

Der nächste Notruf wartet schon. Es ist fünf Uhr morgens. Die ältere Dame klagt über Schmerzen.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Wie lange gehen denn die Schmerzen schon?"

Patientin

"Das zieht sich nun ein Jahr hin."

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Ok."

Patientin

"Jetzt reicht‘s."

Der Koffer für die Klinik ist schon gepackt. Ein richtiger Notfall ist es nicht.

Die Rettungskräfte treffen immer wieder auf Menschen, für die 112 auch ein sozialer Hilferuf ist.

Wie einsam viele Menschen hier in Deutschland leben, ist für die Afghanin erschreckend.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

"Wir hatten Einsatz, wo die Mutter in einer Straßenseite wohnte und der Sohn auf der anderen Seite. Und die Frau war schon seit zwei Wochen tot in der Wohnung und der Sohn hat es nicht mitgekriegt. Am Anfang war es für mich so ein Schock, ein Kulturschock, sagt man auch dazu. Bei uns gibt es das nicht. Gegenseitiges Aufpassen aufeinander sieht man viel, viel mehr."

Was hinter dieser Tür los ist, weiß noch keiner. Zahra Mrowat und ihr Kollege werden gleich einen Mann retten, der in einer zugemüllten Wohnung verwirrt und dehydriert ist. Für diesen Beruf braucht man starke Nerven und Mut.

Zahra Mrowat, Rettungssanitäterin DRK

 "Ich will auch ein Symbol sein für andere Mädchen vor allem aus meiner Religion, die muslimischen Mädchen, die denken, die haben keine Chance in männlichen Berufen, vor allem im Rettungsdienst zu arbeiten. Ein Kopftuch ist kein Hindernis."

Beitrag von Christoph Rosenthal und Caroline Walter

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