Ein Fahrradfahrerin fährt auf einem Fahrradweg auf einer Kreuzung zwischen zwei Autos entlang. Bild: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild
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Verkehr - Fahrradland Deutschland und das tägliche Radchaos

Deutschland soll eine Radfahrer-Nation werden. Bis 2030 soll sich der Fahrradverkehr verdoppeln – Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer proklamiert das Fahrradland Deutschland. Und es bewegt sich was: Noch nie wurde so viel Geld für Radewege-Förderprogramme in den Haushalt eingestellt. Immer mehr Menschen entscheiden sich zum Umstieg aufs Rad – nicht erst seit der Pandemie. Die Verkaufszahlen für Räder steigen rasant. Trotzdem stagniert der Radwegebau, Millionenbeträge werden nicht abgerufen und auch die Zahl der Fahrradtoten bleibt hoch. Der Grund: noch immer herrscht in den Köpfen von Verkehrsplanern eine Priorisierung für den Kraftfahrzeugverkehr. Dabei geht es auch anders, wie eine Kontraste-Reporterin aus Paris berichtet.

Anmoderation: Zeit für eine gute Nachricht: Der Straßenverkehr wird immer sicherer, Jahr für Jahr gibt es weniger Verkehrstote. Nur bei den Radfahrenden siehts anders aus, da stieg die Zahl der Getöteten wieder: Statistisch stirbt auf deutschen Straßen jeden Tag ein Mensch auf dem Rad. Das Ziel ist also klar: Es braucht endlich sichere, abgegrenzte Fahrradspuren. Und: es soll sie auch bald geben, und noch mehr: Deutschland zum Fahrradland Nummer eins aufsteigen. So will es unser Verkehrsminister. Dafür stehen 1,5 Milliarden zur Verfügung. Aber niemand weiß, ob sie auch jemals dafür ausgegeben werden. Andrea Everwien und Susett Kleine. 

Andreas Scheuer (CSU), Bundesinnenminister

“Um es auf den Punkt zu bringen – wir machen Deutschland zum Fahrradland!” 

Dazu hat das Bundesverkehrsministerium unter anderem den Nationalen Radverkehrsplan 3.0 aufgesetzt. Rund 1,4 Milliarden sollen für den Ausbau von Radwegen bis 2023 fließen. Große Versprechen - und auch die Länder haben sich den Ausbau von Radwegen auf die Fahnen geschrieben. Fahrradland bis 2030? Absichtserklärung oder realistisches Ziel? 

Polizist

„Guten Tag, Polizei! Halten Sie mal bitte an!“

Radfahren auf dem Gehweg: Genau dieses Vergehen erlebt die Berliner Fahrradstreife täglich.

Polizist

„Sie wissen ja schon, dass Sie immer in Anspruch nehmen können, diese rechte Fahrbahn für sich zu nutzen, also sprich, in der Mitte zu fahren.“

Radfahrerin

„Ja, ich weiß, da bin ich ja auch schon gefahren, aber ich bin ja nicht lebensmüde.“

10 Euro Bußgeld muss die Radfahrerin dafür jetzt zahlen. 

Radfahrerin

„Ich bin selbst Autofahrerin, ich weiß, was auf den Straßen los ist und das ist lebensmüde mit dem Fahrrad hier auf der Straße langzufahren, deswegen zahle ich gern 10 Euro und kann nicht versprechen, dass ich nicht auch wieder hier fahren werde.“

Die Radfahrenden sind dazu gezwungen sich zu entscheiden: Gesundheit oder Bußgeld riskieren! Für viele fällt die Entscheidung leicht. Und schnell wird klar warum! Auf dieser stark befahrenen Straße gibt es keinen Fahrradweg! Das Unfallrisiko ist hoch, erklärt uns Carsten Baß, Fahrradpolizist seit sieben Jahren. 

Carsten Baß, Fahrradstreife

„Die Abbiege-Situation ist problematisch für den Radfahrer, insbesondere der, der gerade ausfahren will, und der Radfahrer im Allgemeinen fühlt sich nicht wohl aufgrund der baulichen Gegebenheiten, weil für ihn eigentlich viel zu wenig Platz ist. Wenn der Rechtsabbieger sich einordnet, dann bleibt definitiv kein Meter fünfzig Abstand mehr frei und der Radfahrer fühlt sich bedrängt bzw. schlecht aufgehoben.

Der Verkehr wächst und auch die Polizei wurde vor drei Monaten aufgestockt. Regelmäßig kümmert sich die Fahrradstreife um verkehrswidrig abgestellte Fahrzeuge hier auf Fahrradstreifen. 

Carsten Baß, Fahrradstreife

„Die Situation, dass hier der offensichtliche Hänger von dem LKW von der Zugmaschine hier abgestellt wurde, das ist natürlich alles andere als optimal gelöst. Für den Radfahrer, der ab der Stelle den Radweg benutzen musste. Heißt er muss jetzt ausweichen, muss in den fließenden Verkehr. Dadurch entstehen für ihn mehr Gefahren, als die er sonst hätte.“ 

Genau so hat hier noch im Mai eine junge Frau ihr Leben verloren: ein weißes Rad, ein Geisterrad, erinnert an den Unfall. Aufgestellt von der Verkehrsinitiative Changing Cities. 49 waren es in den letzten fünf Jahren allein in Berlin. Eine der Hauptunfallursachen: Falschparkende in zweiter Reihe oder auf dem Radweg. 

Ragnhild Soerensen, Changing Cities e.V.

„Das gilt ja quasi als Kavaliersdelikt. Wir haben auch gesehen, nachdem wir die Mahnwache abgehalten haben, in den folgenden Tagen sowie jetzt da vorne parken locker weitere Menschen in Autos direkt neben einem Geisterrad. Also es scheint überhaupt keine Wirkung zu haben. Es ist einfach so kreuzgefährlich.“ 

Mehr Schutz ist dringend notwendig! Denn Radfahren ist längst kein Lifestyle mehr, sondern für viele ein effizientes Fortbewegungsmittel in der Großstadt. 

Von 2015 bis 2020 stieg die Zahl der Fahrräder in Deutschland von 72 auf einen Rekordwert von über 79 Millionen.

Verkehrsminister Andreas Scheuer hat den Ruf der Zeit gehört – will jetzt offenbar den Wünschen der Radfahrenden Bevölkerung entgegenkommen. In mehreren Programmen – darunter dem „Nationalen Radverkehrsplan 3.0“ – verspricht er rund 1,5 Milliarden Euro für bessere Radwege im ganzen Land.

Andreas Scheuer (CSU), Bundesverkehrsminister 

„Damit ist mein Versprechen auch wieder einen Schritt vorwärtsgekommen, dass Deutschland Fahrradland Nummer eins werden soll.“

Mit Eigenlob ist der Minister nie sparsam – doch diesmal gibt es sogar Lob vom ADFC. 

Rebecca Peters, ADFC

"Dass der Bund da jetzt auch vorgegangen ist und dieses Geld zur Verfügung stellt und in die Kommunen reinfördert, ist ein wirklich wichtiges Signal.“

Das Geld vom Bund müsste in den Ländern und Gemeinden hoch willkommen sein. Denn beim Ausbau hinkt man den eigenen Zielen hinterher.

Besonders schlecht: das Beispiel Berlin. Seit 2017 wurden hier ganze 107 Kilometer Radwege neu gebaut. Im kleineren Hamburg waren es zwar schon 164 – aber im Vergleich zu Paris mit rund 200 km sind das immer noch wenig. 

Dabei könnte gerade Berlin viel weiter sein, meint Verkehrsexperte Andreas Knie.

Andreas Knie, Verkehrsforscher, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialwissenschaften

„Berlin ist ja eigentlich gebaut für 4,6, 4,8 Millionen Menschen. Wir haben aber gerade mal 3,6. Das heißt, wir könnten also viel mehr tun. Wir könnten viel mehr Straßenraum in Fahrradwege verwandeln. Das wäre also eine wunderbare Möglichkeit. Aber was wiederum in Berlin mangelt eben Mut. Mut, etwas zu tun.“

Mut haben sie hier - in Paris. Dichtbesiedelt, gut zwei Millionen Einwohner auf 50 Quadratkilometern – einstmals Synonym für den Moloch Autoverkehr.

Heute heißt es auf vielen Straßen … 

„Ahh!“

Freie Fahrt für freie Radfahrer.

Vor 2016 war das hier eine Autopiste: das Seine-Ufer. Symbolischer Auftakt der Verkehrswende: das Ufer wurde zur Fahrrad-Flaniermeile. Damit erfüllte die Bürgermeisterin ein Wahlversprechen. 

Anne Hidalgo, Sozialistische Partei, Bürgermeisterin von Paris

„Wir müssen unbedingt den Stadtverkehr beruhigen, indem wir dafür sorgen, dass es weniger Autos gibt. Mein Ziel ist es wirklich, dass das Fahrrad auch ein Verkehrsmittel für den Weg zur Arbeit wird.“

Am Rathaus leihen wir ein Fahrrad aus – die stehen hier an jeder Metrostation. Yves le Jan will uns die Stadt auf dem Rad zeigen. Er ist Mitglied bei „Paris auf dem Sattel“ – einer Organisation, die die Bürgermeisterin vorantreibt. Zusammen unterqueren wir den Place de la Concorde in einem Radtunnel, für den die Autos zur Hälfte weichen mussten. Den Berufsverkehr entschlackt auch diese Fahrradstrecke hier.

Yves le Jan, „Paris auf dem Sattel“

„Der Weg geht hier in beide Richtungen, hier fahren pro Tag etwa 14.000 Räder und damit es hier nicht so eng ist, wird man einen zweiten Weg Richtung Norden bauen.“

Gefährdung durch parkende Fahrzeuge? Kein Problem! Die stehen hier nämlich nicht auf der Radspur, sondern daneben, bilden eine Art Schutzmauer zwischen Rad- und Autoverkehr.

Anstelle großer Straßenkreuzungen empfiehlt Paris solch einen Kreisverkehr und die Vorschrift, dass Radfahrer hier immer Vorfahrt haben.

Gut 150 Millionen Euro hat Paris in den letzten fünf Jahren in den Verkehrswandel investiert. Weitere 250 bis 300 Millionen werden nötig sein, erklärt der Beigeordnete für Verkehr und Transformation. 

David Belliard (Die Grünen), Beigeordneter für Verkehr und Veränderung

„Wir haben ja am Anfang eine Wahl gewonnen – und nicht, weil wir gesagt haben, dass wir hier und dort eine Fahrradstraße bauen, sondern weil wir gesagt haben: Leute, wir machen aus Paris eine Fahrrad- und Fußgängerstadt.“

Die Grüne Verkehrssenatorin in Berlin setzt auch auf den Radwegeausbau. Wir fragen nach: Warum geht es trotzdem nur so schleppend voran? Sie schiebt es auf die Straßenverkehrsordnung des Bundes.  

Regine Günther (Bündnis 90/Die Grünen), Senatorin für Verkehr, Umwelt und Klimaschutz

„In Paragraf 45 wird eben festgelegt, dass auch bei dem Bau von Radwegen, die erst einmal nachweisen müssen, dass hier eine besondere Gefahrensituation für die Radfahrer ist und das müssen wir nachweisen anhand von Unfallstatistiken und das ist natürlich sehr zeitaufwändig und manchmal auch schlicht gar nicht möglich.“

Und tatsächlich: acht temporäre Radwege wurden gerichtlich nur als zulässig erklärt, nachdem der Senat die Gefahrendarstellung nachgeliefert hatte. 

Hinzu kommt, dass viele Prozesse von der Planung bis zur Umsetzung nicht zentral verantwortet werden. Das koste viel Zeit.

Doch genau die drängt, bis 2023 müssen neue Projekte baureif geplant sein – sonst verfallen die Bundesmittel für einen nationalen Radwegeausbau. 

Regine Günther (Bündnis 90/Die Grünen), Senatorin für Verkehr, Umwelt und Klimaschutz

„Diese Förderung von 1,5 Milliarden, das ist natürlich gut, aber es müsste auch sichergestellt werden, dass das über 2023 zur Verfügung steht, weil viele Radwege, die wir planen, auch Radschnellwege, die sind natürlich noch nicht im Bau, weil es lange Planungsvorläufe gibt. Und dass Berlin da in den Genuss kommen könnte, müsste eben klar sein, dass auf 24, 25, 26 die Gelder dann noch abrufbar sind.“

Verkehrsminister Andreas Scheuer sieht das entspannter als die Städte, die das Geld brauchen. 

Andreas Scheuer (CSU), Bundesverkehrsminister 

„Ich bin da sehr optimistisch, dass wir mit dem Blick auf das Radwegenetz auch eine Verlängerung ab 2023 hinbekommen, eine Verstetigung der Mittel.“

Eine vage Ankündigung des Ministers. Und nur eine Hoffnung für Städte, die sicher und langfristig planen müssen.

Beitrag von Andrea Everwien und Susett Kleine

 

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