Björn Höcke begrüßt Prof. Dr. Jörg Meuthen am 30.11.2019 beim Bundesparteitag der Alternative für Deutschland. Bild: Revierfoto
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Inside AfD - Wenn Hass zum Alltag wird

Sie wünschen Flüchtlinge nach Auschwitz, sie phantasieren von der Überlegenheit der weißen Rasse und für Homosexuelle und Frauen haben sie nur Verachtung übrig. Die internen Chats und E-Mails aus der AfD sind Protokolle des Hasses und der Verrohung. Zwei junge AfD-Aussteiger haben sie Kontraste übergeben und von ihren Erfahrungen in der Jugendorganisation „JA“ und der Partei berichtet. Beide Männer waren lange Jahre Teil des Systems AfD, doch inzwischen denken sie, dass sie Deutschland mit ihrem Engagement in der Partei geschadet haben.

Anmoderation: Lange nichts mehr von der AfD gehört, oder? Ihre Themen sind auch gerade wenig gefragt: Euro, Migration, der Kult um den Diesel ziehen im Klima-Konsens-Wahlkampf jetzt nicht so wirklich. Das letzte große Ding war noch, dass der Verfassungschutz die Partei als rechtsextremistischen Verdachtsfall einstufte. Unter anderem auch wegen Rechtsaußen-Hardliner Björn Höcke. Seither bemüht sich Parteichef Jörg Meuthen nach Kräften, der AfD ein bürgerliches Antlitz zu verpassen. Doch wie bodenlos rassistisch es in der AfD zugeht, wenn sie glauben, unter sich zu sein, zeigen zahlreiche Chatprotokolle und Augenzeugenberichte, die zwei Aussteiger jetzt enthüllen. Cosima Gill und Kaveh Korooshy. 

„Höcke! Höcke! Höcke!“

Huldigungen für den Rechtsaußen-Anführer. Björn Höcke, den man inzwischen Faschist nennen darf, 2018 auf dem Bundeskongress der Jugendorganisation der AfD.

„Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“

Mit dabei: Alexander Leschik, hier im Bild. Auch Nicolai Boudaghi war vor Ort, hier links, bei der Anreise. Bis vor kurzem waren die beiden AfD-Funktionäre. Leschik engagierte sich seit 2015 in der Jugendorganisation, trat später der Partei bei. Boudaghi wurde bereits 2013 Mitglied der AfD.

Heute, sagen sie, haben sie mit der AfD gebrochen. Die Stimmung bei dem Bundeskongress, so die beiden, habe ihnen schon damals zu denken gegeben.

Alexander Leschik, ehemaliges Mitglied der AfD

„Das erste was wir sahen, waren zwei Mitglieder aus Ostdeutschland, die eine Reichskriegsflagge vor Presseleuten schwenkten.“

Nicolai Boudaghi, ehemaliger AfD-Funktionär

„Ganz viele rechtsextreme Exzesse. Es ging um Themen wie weiße Rasse. […] Dass da ein eisernes Kreuz aus Mett war. […] Absolute radikale Atmosphäre.“

Mitgemacht haben sie dennoch. Heute räumen sie ein, sich mit der Partei radikalisiert zu haben.

Alexander Leschik ehemaliger AfD-Funktionär

„Mir fällt da zunächst eine Parole ein, die ich selber über ein Bild von einem Wahlkampfstand gepostet hatte auf Facebook in Unkenntnis der, des historischen Hintergrundes. Der Slogan lautete Deutschland erwache!“

Eine Parole aus dem Dritten Reich, hier zu sehen auf einer Postkarte.

Als Alexander Leschik auf den historischen Kontext seines Posts hingewiesen wurde, habe er ihn gelöscht, gibt er an.

Alexander Leschik, ehemaliger AfD-Funktionär

„Trotzdem unentschuldbar und ein Sinnbild dessen, was in der Partei mittlerweile zu diesem Zeitpunkt schon Usus war.“

Sie sagen, inzwischen dominierten die Rechtsextremen die Partei. Aus ihrer Zeit in der AfD haben sie über die Jahre umfangreiche Chatprotokolle aus diversen Chatgruppen dokumentiert, die das belegen sollen. Nun wollen sie an die Öffentlichkeit, haben dazu ein Buch geschrieben.

Alexander Leschik, ehemaliger AfD-Funktionär

„Das einzige Ticket das ich einem Flüchtling geben würde, wäre ein Expressticket nach Ausschwitz Birkenau.“

Whatsapp-Chat, 2018

Nicolai Boudaghi, ehemaliger AfD-Funktionär

„Schwule sind in meinen Augen auch Viecher. Aber muss ich ja jetzt nicht jedem sagen.“

Facebook-Chat, 2018

Alexander Leschik, ehemaliger AfD-Funktionär

„Niedere Menschenformen sexuell zu demütigen ist ein Beleg für die Überlegenheit der weißen Rasse.“

Whatsapp-Chat, 2018

Nicolai Boudaghi, ehemaliger AfD-Funktionär

„Man sollte diese ganzen Volksverräter hinrichten lassen, das ganze Kabinett Merkel.“

Whatsapp-Chat, 2018

Alexander Leschik, ehemaliger AfD-Funktionär

„Stoppt Tierversuche, nehmt Flüchtlinge.“

Whatsapp-Chat, 2016

Beide haben eine steile Karriere hinter sich, waren im Bundesvorstand der Jungen Alternative, der Jugendorganisation der AfD. Zuvor waren sie politisch Suchende, sagen sie.

Nicolai Boudaghi, ehemaliger AfD-Funktionär

„Ich war der Meinung, dass nach dem Linksschwenk in der Euro-Politik bei der CDU eine konservativ bürgerliche Kraft gefehlt hat.“

Alexander Leschik, ehemaliger AfD-Funktionär

„Also ich hatte zunächst 2014 einige Stammtische der Jusos besucht gehabt, komme selber aus dem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus und habe dort zunächst meine politische Heimat vermutet gehabt. Bei den Stammtischen dort habe ich aber festgestellt, dass es diverse inhaltliche Unterschiede gibt oder Positionen, in denen ich mich nicht wiederfinden kann. Die Strukturen der AfD waren deutlich, deutlich durchlässiger. Man kam zu einem Stammtisch, wurde direkt von Funktionären begrüßt und wurde sehr schnell für voll genommen.“

Über ihre Parteiarbeit lernen sich Leschik und Boudaghi kennen. Sie verstehen sich als Konservative. Mitgemacht haben sie trotzdem lange bei einer Partei, bei der ihnen immer wieder rechtsextreme Ansichten begegnet sind. Nicolai Boudaghi, dessen Vater Iraner ist, glaubt heute, er wäre der AfD nützlich gewesen.

Nicolai Boudaghi, ehemaliger AfD-Funktionär

„Aufgrund meines Migrationshintergrundes - ja teilweise ich glaube schon, dass ich so ein bisschen der - als Posterboy war ich schon gut, ja.“

Ein gern genommenes Feigenblatt. Rassistische Anfeindungen treffen ihn dennoch.

Nicolai Boudaghi, ehemaliger AfD-Funktionär

„Sandn****, Boughadi ins Goulag und Baghdadi. Also Baghdadi bezog sich auf diesen IS-Führer.“

Eine Sprache, an die sich Boudaghi und Leschik über die Jahre „gewöhnen“. Immer wieder tauchen in den Chat-Nachrichten menschenverachtende Posts auf.

Alexander Leschik, ehemaliger AfD-Funktionär

„Ein Bild in dieser Whatsapp-Gruppe zeigte beispielsweise einen Soldaten an einem Maschinengewehr. Darüber stand dann Deutschlands schnellste Asylverfahren. In dieser Gruppe wurde eine Abstimmung zum Holocaust eingerichtet. Ein guter Teil der Gruppe kreuzte die Option an, den Holocaust hat es nie gegeben oder er hat so nicht stattgefunden.“

Auch bei der Aufnahme neuer Mitglieder hätte der Rassismus in der Partei eine Rolle gespielt, sagt Boudaghi.

Nicolai Boudaghi, ehemaliger AfD-Funktionär

„Ja, es gab einen Moment, da hat mich ein Kreisvorsitzender angerufen, nachdem ich zwei farbige Interessentinnen beim J.A. Stammtisch hatte und mir gesagt, dass diese Menschen nicht in die Partei gehören würden, dass das N**** sind, dass die auf Bäumen Bananen pflanzen würden und so weiter. Und ja, das hat mich doch sehr schockiert.“

Das war 2018. Ausgestiegen ist Boudaghi erst zwei Jahre später. Ann-Kathrin Müller, AfD-Expertin beim Spiegel, wundert sich über so viel Geduld.

Ann-Kathrin Müller, AfD-Expertin Der Spiegel

„Die AfD entwickelt sich schon sehr, sehr, sehr viele Jahre eigentlich immer weiter nach rechts, eigentlich von Beginn an und man hätte das mit jedem Ausstieg, eben von Herrn Lucke oder von Frau Petry eben sehen müssen, dass sich immer die Radikaleren durchsetzen. Insofern ist mir nicht ganz erklärlich, wie man das so lange hat mitmachen wollen.“

Erklärungsversuche zweier, die erst sehr spät die Reißleine gezogen haben.

Alexander Leschik, ehemaliger AfD-Funktionär

„Wenn man sich der AfD engagiert, dann opfert man unfassbar viel Zeit. Man nimmt Einschnitte im persönlichen Umfeld hin, man nimmt Anfeindungen hin, man baut Strukturen auf, steckt viel Geld, viel Zeit in diese Strukturen. Und die will man dem völkischen Flügel nicht überlassen.“

Nicolai Boudaghi, ehemaliger AfD-Funktionär

„Ich glaube, dass sozusagen das Monster, das wir erschaffen haben, man ist ja sozusagen immer noch ein bisschen der Vater, ja, und das ist traurig. Ja, man hofft, dass sozusagen der Junge zur Vernunft kommt. Ja.“

Möglicherweise haben die beiden geglaubt, sie könnten ihre politischen Vorstellungen durchsetzen – trotz oder mit den Rechtsradikalen.

Ann-Kathrin Müller, AfD-Expertin Der Spiegel

„Inhaltlich ist die AfD ja auch gar nicht so weit auseinander. Das sagen selbst Gemäßigte. Es gibt ja gar nicht so viele unterschiedliche Streitpunkte. Vielleicht in sozialen Themen am ehesten noch. Aber ansonsten ist es eigentlich fast immer nur eine Stilfrage.“

Vielleicht auch ein Grund, weshalb die vermeintlich Gemäßigten so lange mitmachen in einer AfD, die sich mit Höcke und seinen Gefährten so sehr radikalisiert hat, dass ihr die Beobachtung durch den Verfassungsschutz droht.

Nicolai Boudaghi, ehemaliger AfD-Funktionär

„Mich hatte nur gewundert, wie lahm der Verfassungsschutz eigentlich war. Also ich kann Ihnen sagen, wenn die Ihre Arbeit vernünftig gemacht hätten, dann wäre die AfD längst nicht nur Verdachtsfall, sondern längst Beobachtungsobjekt und die JA wäre längst auf dem Niveau der NPD.“

Noch im April, kurz vor seinem Ausstieg, nahm Leschik an einer internen Online-Konferenz mit Parteichef Jörg Meuthen teil. Dort soll Meuthen seinen Unmut über die Rechtsaußen in seiner Partei geäußert haben: Es gebe Leute, die die Beobachtung durch den Verfassungsschutz geradezu geil fänden. Das sei für die Partei fatal.

Auf Anfrage bestätigt Meuthen diese Aussagen nicht. Doch er scheint sich als vermeintlicher Biedermann immer unwohler zwischen all den Brandstiftern zu fühlen.

Ann-Kathrin Müller, AfD-Expertin Der Spiegel

„Ja es ist auch ein bisschen wohlfeil die Kritik, jetzt plötzlich zu sagen, man wolle das nicht, wenn man davor jahrelang zu den Treffen gegangen ist, da Reden gehalten hat, kein Problem mit Andreas Kalbitz hatte und das plötzlich hat. Also das ist natürlich wohlfeil.“

 

Beitrag von Cosima Gill, Kaveh Kooroshy und Wigbert Löer

 

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