- SPD: Das letzte Aufgebot?

Ende dieser Woche wird die SPD die Ergebnisse der Mitgliederbefragung präsentieren. Noch nie hat die SPD ein Führungsduo gesucht, und noch nie hat sie dafür eine Casting-Show veranstaltet. Die Bewerber um die Nachfolge von Andrea Nahles kommen aus der zweiten und dritten Reihe der Partei, außer Olaf Scholz, und der musste zur Kandidatur erst überredet werden. Das  Rennen ist völlig offen. Dabei sind die Fragen drängend: Wie umgehen mit katastrophalen Umfragewerten der ungeliebten Koalition? Ein Blick hinter die Kulissen des Kandidatenrennens um den SPD-Parteivorsitz.

Anmoderation: Die SPD hat gerade viel von einem trudelnden Riesenschiff, immer noch die Partei mit den meisten Mitgliedern, aber eben auch: Ohne Kurs und Kapitän unterwegs. Bis morgen läuft die Abstimmung, wer da nun das Kommando bekommt. 7 Kandidatenpaare redeten sich auf ihrer Deutschlandtournee durch die Stadthallen. Und bewiesen damit unfreiwillig, wie viel bei dieser Partei aus dem Ruder geraten ist Chris Humbs und Marcus Weller.

München. Löwenbräu-Keller. Hinterzimmer. Es treffen ein: die  Kandidaten, die die krisengeschüttelte SPD vor dem Untergang bewahren wollen.

Vierzehn SPD-Mitglieder bewerben sich paarweise um den Parteivorsitz. Nach 22 gemeinsamen Auftritten vor der Basis kennen sie sich ganz gut - doch draußen im Land, selbst unter den SPD Mitgliedern, sind die meisten weitgehend unbekannt. Und doch: zwei von Ihnen werden in Zukunft die SPD führen.

Prof. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler & SPD Mitglied

Dass es jetzt eigentlich nur die zweite und dritte Garnitur ist, die sich da zur Wahl gestellt hat, zeigt, dass diejenigen, die in der augenblicklichen Situation in der ersten Linie stehen, mit Ausnahme von Olaf Scholz, Angst davor haben, im Amt verbrannt zu werden.

Und so ist Olaf Scholz, der Vizekanzler und Finanzminister, das einzige  echte Schwergewicht in der Runde - und fremdelt sichtbar mit den immer gleichen Veranstaltungen. Denn jeder der Kandidaten hat gleich viel Redezeit, keiner soll herausragen können – selbst die Reihenfolge der Auftritte wird ausgelost. Von Promibonus keine Spur.

Und so zeigt sich der Mann, dem die besten Chancen auf den Parteivorsitz eingeräumt werden, einigermaßen dünnhäutig. Kein Wunder, den Scholz steht wie kein Zweiter der Kandidaten für ein "Weiter so"

Kontraste

"Herr Scholz wie bringen sie denn den Begriff Scholz und Aufbruch zusammen?"

Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister

"Ich bin fest davon überzeugt, dass es schon mehrfach gelungen ist zu zeigen, Wahlen zu gewinnen. Mit 46 Prozent, mit 48 Prozent, bei Landtagswahlen. Das sind ja keine selbstverständlichen Ergebnisse. Danke schön."

Doch die Erfolge in Hamburg sind lang her. Hier im Saal und wohl auch bei der bevorstehenden Wahl zählen vor allem Persönlichkeit und Überzeugungskraft.

Für die anderen Kandidaten-Teams heißt es: alle gegen Scholz.

Bei ihrer Vorstellungsrunde werden die Teams mit höflicher Zurückhaltung aufgenommen, wirklich begeistern kann kaum jemand.

Scheer

"Ja, liebe Genossinnen und Genossen, gemeinsam mit Karl möchte ich, dass unsere SPD wieder zur stärksten politischen Kraft in Deutschland wird und zwar für einen wirklich wirksamen Klimaschutz."

Kampmann

"Ich habe meinen Wahlkreis in Bielefeld immer direkt gewonnen und manche sagen, das liegt daran, dass es Bielefeld gar nicht gibt. Ich sage, dass ich so unglaublich gerne Politik mache."

Esken

"Beruflich habe ich als Paketbotin gearbeitet, ich habe Software entwickelt, ich habe drei Kinder großgezogen und jetzt bin ich im Bundestag."

Manfred Güllner – Meinungsforscher und SPD-Mitglied

"Ich kann also nur relativ wenige erkennen, die wirklich für Erneuerung stehen. Wenn man an Herrn Stegner denkt, der hat ja nun die SPD in Schleswig-Holstein schon ruiniert und ist nicht ganz unschuldig am schlechten Erscheinungsbild der SPD insgesamt. Auch Herr Roth ist ja nicht unbelastet. Er hat ja auch in Hessen mit dazu beigetragen, dass die SPD heute abgestraft ist und nur noch hinter den Grünen als drittstärkste Partei dort vorhanden ist.

Nach den Eingangsstatements folgen Fragen aus dem Publikum - immer nur an ein Kandidatenpaar -  miteinander streiten ist nicht gewollt. Die SPD will Geschlossenheit zeigen.  Und so reicht Scholz für den Fall seines Sieges den Konkurrenten schon mal ein Trostpflaster.

Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister

"Alle die, die hier vorne sitzen, haben in den letzten Wochen gezeigt, dass die SPD eine große Bandbreite hat, aber dass sie zusammengehört. Und deshalb, glaube ich, müssen auch alle eine Rolle spielen in der künftigen SPD. Auch dafür werden wir den ersten hundert Tagen sorgen."

Auftritt in Dresden. 7,7 Prozent bei der Landtagswahl vor vier Wochen. Groko oder nicht Groko. Weiterregieren a la Scholz oder Opposition. Das ist hier das Thema - vor allem bei den linken Kandidaten.

Esken

Die Union, die CDU/CSU die sagen aber die Verteilungsfrage, die stellt sich gar nicht. Und deswegen sagen wir, die Groko hat keine Zukunft, die Groko, mit der baut man keine Zukunft, wir müssen da raus."

Lauterbach

"wir müssen die große Koalition verlassen, es ist auch Deal, es ist kein Brexit oder so etwas, es ist das, was man von uns erwartet."

Kontraste

"Was, wenn das Team Scholz gewinnt dann wird das alles nicht umgesetzt."

Mattheis

"Es wird traurig."

Kontraste

"Aber die Chancen stehen ganz gut für ihn."

Mattheis

"Das sagen sie. Es gibt keine vernünftige Grundlage für eine solche Annahme."

Wenig später zieht das Paar Mattheis/Hierschel seine Kandidatur zurück – um so – wie sie sagen - das linke Lager zu stärken.

In Dresden jedenfalls treffen die Linken den Nerv. Raus aus der Regierung, dafür sind die meisten hier im Saal

Mitglied 1

"Ich hoffe, dass es ganz schnell aus der Groko rausgeht, denn das ist das, was uns gerade krank macht."

Mitglied 2

"Dieses klare Bekenntnis, ja wir müssen raus aus der Groko, find ich ganz entscheidend, das wird für mich das Zünglein an der Waage sein zwischen den einzelnen Kandidaten."

Prof. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler & SPD-Mitglied

"Es sollten die Sozialdemokraten, die sagen Erholung in der Opposition, mal drüber nachdenken, warum sie in Bayern nicht längst so kraftvoll wie ein Herkules dastehen, wo sie seit vielen Jahrzehnten in der Opposition sind."

Die SPD-Mitglieder müssen sich entscheiden. Verliert Scholz ist er als Vizekanzler in der Regierung geschwächt. Gewinnt er, hat die SPD einen Vorsitzenden, der nur Wenige begeistern kann, aber viele Gegner hat.

Beitrag von Chris Humbs und Marcus Weller

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Seit dem Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien überschlagen sich die Ereignisse: IS-Gefangene werden befreit, Dschihadisten von der Türkei eingeschleust, um gegen Kurden zu kämpfen. Dabei kommt es bereits jetzt zu Erschießungen von Gefangenen und Zivilisten. Beteiligt sind zum Teil Syrer, die zuvor als Flüchtlinge in Deutschland lebten. Wieder einmal betätigt sich die Türkei als Drehscheibe für islamistische Terroristen.

Original Play - Kindesmissbrauch in deutschen Kitas

Das Training soll helfen, Aggressionen von Kindern abzubauen. Original Play heißt das Geschäftsmodell eines dubiosen, international tätigen Vereins. Während Eltern nicht ahnen, was in der Kita passiert, dürfen wildfremde Männer mit ihren Kindern „spielen“. Eltern in Berlin und Hamburg zeigten Missbrauchsfälle und sogar Vergewaltigungen an.

Verdeckte Wahlkampfhilfe für AfD Thüringen

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Der Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri hatte noch weitere mögliche Anschlagsziele im Visier. Auf dem Handy der Marke HTC stellen die Ermittler nach dem Anschlag ein bemerkenswertes Foto sicher: Amri fotografiert sich aus wenigen Metern Entfernung vor dem Wohnhaus von Angela Merkel. Ein Objekt, das 24 Stunden am Tag von Polizisten bewacht wird. Erwog der Tunesier einen Anschlag auf die Kanzlerin? Und wurde das Kanzleramt mittlerweile gewarnt, dass der IS möglicherweise die Kanzlerin im Visier hat?