Symbolbild Glasfaserkabel

Alle Wahlkampf-Jahre wieder - Das ewige Versprechen des schnellen Internets

Es ist wieder Wahlkampf in Deutschland und wieder einmal ist das Thema schnelles Internet ganz vorne. Olaf Scholz verspricht die flächendeckende Gigabit-Gesellschaft jetzt bis 2030, dabei hatte diese Bundesregierung sich das schon bis 2025 vorgenommen. Das wird wohl nichts, da sind sich Experten einig. Die Bundesregierung habe den Glasfaser-Ausbau nicht verschlafen, sondern bewusst verzögert, kritisiert Sascha Lobo. Seit Jahrzehnten gibt es immer wieder die Versprechen des schnellen Internets, wirklich eingehalten werden diese nie. Kontraste-Reporter waren an den weißen Flecken: In Mose in Sachsen-Anhalt ist Homeoffice und Homeschooling parallel unmöglich. Mitten im Schwarzwald haben die Reporter einen Unternehmer getroffen, der befürchtet abgehängt zu werden. Daten in Echtzeit zu übertragen, wirkt für ihn wie ein ferner Traum. Damit setzt Deutschland die wirtschaftliche Zukunft aufs Spiel, warnen Experten.

Anmoderation: Wir haben Super-Wahljahr - und damit kann man die alten Plakat-Versprechen wieder rausholen: Der Breitband-Boom soll mal wieder kommen. Wie so oft. Knallte nur nie so richtig: Noch immer gibts kein schnelles Internet für alle - gerade auf dem Land  - das ist nervig oder auch mal unpraktisch - längst aber eben auch existenzbedrohend für die, die damit arbeiten müssen. Daniel Donath und Cosima Gill über gebrochene politische Versprechen - und die, die sie dann aushalten müssen.

Was tun – um an besseres Netz zu kommen. Dafür muss Marco Röhrmann kreativ werden. Auf seinem Balkon hat er eine kleine Richtfunkantenne angebracht. 

Marco Röhrmann

„Ein Gefriemel“ 

„So wir haben internet!“ 

Röhrmann ist Bürgermeister von Mose – einem Dorf in Sachsen-Anhalt. Ohne die Antenne würde er mit maximal 5mbit surfen – übersetzt heißt das: Internet im Schneckentempo. Die Antenne fängt das Signal von einem größeren Mast am Ortsrand ab. Der wiederum bekommt das Signal aus der Nachbarstadt.  

Das schlechte Netz – für Röhrmann war das vor sieben Jahren auch eine Motivation in die Lokalpolitik zu gehen. 

Marco Röhrmann

„Es darf kein Wirtschaftsfaktor werden, kein Internet zu haben, weil es aus meiner Sicht eine Grundversorgung ist, ähnlich wie Wasser und Strom.“ 

John

„Kannst Du aus dem Internet rausgehen?“ 

Auch die Brüder John und Leon sind genervt von dem langsamen Internet in ihrem Dorf. Die Verbindung reicht nicht für beide aus. Das Netz – eine Herausforderung auch für seine Ausbildung: 

John

„Also eigentlich ist das fast ein Scherz als Informatiker mit so einer Leitung rumzuhantieren. Von vornherein sagt der Ausbilder schon immer du kriegst zwei bis drei Tage länger, weil wir haben zum Beispiel wenn wir irgendwelche Programme runterladen müssen, brauchen die anderen zwei Minuten. Ich brauch eine Stunde.“  

Mose - ein weißer Fleck auf der Versorgungskarte Deutschlands. Der zuständige Minister hatte eigentlich längst versprochen: 

Andreas Scheuer (CSU), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur

„Ein Dorf ohne Netz, das darf es eigentlich nicht geben.“

Schnelles Internet: ein Versprechen der Politik seit über einem Jahrzehnt – Das beobachtet auch der Spiegel Journalist und Digitalexperte Sascha Lobo. 

Sascha Lobo, Journalist

„Es gibt seit spätestens 2008 Versprechungen der verschiedenen Bundesregierungen Merkel das jetzt aber ganz bald wirklich superschnelles Internet und auch wirklich überall und für alle Haushalte verfügbar sein. Jedes einzelne dieser mindestens 15 Versprechungen von Regierungsseite und Regierungsstellen ist wieder einkassiert worden und immer weiter nach hinten verschoben worden.“ 

Die Internetversorgung deutschlandweit ist ein Flickenteppich. Die meisten Haushalte hierzulande, sind über Telefonleitungen – also Kupferkabel – oder Fernsehkabel mit dem Internet verbunden. Das Problem: Die Übertragungsraten sind begrenzt. Lange wurde daraufgesetzt, diese Infrastruktur aufzurüsten, aber ohne dabei die zukunftsfähige Technologie Glasfaser in die Gebäude zu verlegen.  Diese Technologie ermöglicht nahezu unbegrenzte Übertragungsraten, erklärt Telekommunikationsexperte Professor Torsten Gerpott. 

Torsten Gerpott

„Langfristig denke ich, braucht Deutschland in jedem Privathaushalt, natürlich in jedem Unternehmen eine richtige Glasfaser. Es gibt ja keine Alternative. wenn Sie künstliche Realität haben sollen Augmented Reality, brauchen wir Medizin Daten zwischen Unternehmen übertragen wollen, brauchen wir das. Wir brauchen sie immer dann, wenn sehr viel Daten in kurzer Zeit übertragen werden müssen.“ 

Auch selbstfahrende Autos, die in naher Zukunft zum Alltag gehören sollen, brauchen einen schnellen Datenfluss und - das viel diskutierte 5G-Netz. Nur mit einem flächendeckenden ans Glasfasernetz angeschlossenen Funkmastennetz kann der schnelle Mobilfunk richtig genutzt werden. 

Das schnelle Netz ist also eine Notwendigkeit, die auch die Große Koalition erkannt hat und sich bis 2025 vorgenommen hat.

„Unser Ziel lautet: Glasfaser in jeder Region und jeder Gemeinde, möglichst direkt bis zum Haus.“ 

Doch noch sind wir davon sehr weit entfernt:  

In Lettland sind fast 90 Prozent der Haushalte an Glasfaser angeschlossen. In der EU liegt der Schnitt bei 33,5 Prozent. In Deutschland hatten Mitte 2020 13,8 Prozent der Haushalte einen solchen Zugang.  

Aber warum hinkt Deutschland beim Glasfaserausbau so weit zurück?  

Lange hat die Bundesregierung auf den Ausbau des vorhandenen Netzes gesetzt. Das Kupfer- und Kabelnetz in Deutschland war bereits sehr gut ausgebaut. Auch für die Telekom die wirtschaftlichste Lösung, zunächst die vorhandene Infrastruktur zu nutzen, sagt sogar der Branchenverband der Konkurrenz, der VATM. Die Schattenseite – Verzicht auf eine flächendeckende Glasfaserinfrastruktur bis zu jedem Haushalt: VATM – Geschäftsführer Jürgen Grützner sieht da vor allem den Staat in der Verantwortung, denn ihm gehören 31,9 Prozent der Telekom. 

Jürgen Grützner, Geschäftsführer VATM

„Man kann durchaus sagen, dass die Politik die Telekom geschont hat. Sie ist Teilhaber des Unternehmens. Um es mal platt zu sagen. Und man hat es ihr erlaubt, hier diese strategische Option zur Schonung des Eigenkapitals durchzuführen, wissend, dass dies den Glasfaserausbau verzögern wird.“ 

Hat die Bundesregierung die Interessen der Telekom also über die des Landes gestellt? Auf Nachfrage von Kontraste antwortet das zuständige Ministerium man habe längst umgesteuert. 

„Seit dem "Relaunch" der Förderung in 2018 wird ausschließlich das reine Glasfaser-Modell gefördert." 

Und auch die Deutsche Telekom bekennt sich Kontraste gegenüber klar zur Glasfaser.

„Glasfaser ist die Zielstruktur und niemand leistet dafür einen größeren Beitrag als die Deutsche Telekom.“ 

Möglicherweise kommt dieser Fokus zu spät. 

Das fehlende Glasfasernetz könnte jetzt zu einem Problem für die deutsche Wirtschaft werden, sagt Monika Schnitzer vom Rat der Wirtschaftsweisen. 

Monika Schnitzer  

„Es wird eben deutlich weniger Innovationen geben in Deutschland, wenn wir nicht die entsprechende Infrastruktur haben. Wir sehen aktuell schon das Problem, dass unsere mittelständischen Unternehmen insbesondere in der Digitalisierung noch lange nicht so weit sind, wie das in anderen Ländern zum Teil der Fall ist.“  

Horst Fritz betreibt im Schwarzwald ein Maschinenbauunternehmen und versucht seit zehn Jahren ans Glasfasernetz angeschlossen zu werden. Wir testen, wie schnell das Internet vor Ort tatsächlich ist. Gerade beim für diese Firma so wichtigen Hochladen von Daten hapert es. Die Upload Geschwindigkeit im WLAN ist gering. 

Horst Fritz „In Bezug auf den Industriestandort Deutschland und das Hightech was wir hier entwickeln ist das ein Armutszeugnis“ 

Bitter für sein Unternehmen: Denn hier bauen sie Maschinen, die in die ganze Welt verkauft werden: Südkorea, Indien, USA – überall gibt es ein schnelleres Netz als am Firmenstandort in Forbach. Wenn Maschinen-Zeichnungen verschickt werden, braucht es viel Zeit. 

Horst Fritz im Gespräch mit einem Mitarbeiter 

„Wie lange wird das noch dauern? Momentan sind wir bei 45 Minuten Rechenzeit.“

Es gibt einige neue Geschäftsmodelle, an denen das Unternehmen mit so einem langsamen Internet nur schwer teilnehmen kann. Denn dafür wäre eine Echtzeit Übertragung der Daten notwendig: 

Horst Fritz, Inhaber

„Und wenn ich jetzt allein daran denke was in dem letzten Jahr an Projekten gelaufen ist und wir hätten dort mehr machen können mit neuen Geschäftsmodellen ist es sicher ein Betrag der jenseits von 100.000 Euro, für uns schon als kleine Firma liegt, der uns da durch die Lappen geht.“  

Wir erinnern uns: Bis 2025 hat die Bundesregierung schnelles Internet für alle versprochen. Doch Finanzminister Olaf Scholz setzt jetzt ein neues Ziel. Kürzlich versprach er die flächendeckende Gigabit Gesellschaft bis 2030: 

Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister

„Ich will, dass Deutschland eine Gigabit Gesellschaft wird. Ich will das da drin steht Gigabit für jeden Handwerker, für jede Handwerkerin, für jedes Unternehmen und alle Bürgerinnen und Bürger.“ 

Sascha Lobo, Journalist

„Der Kanzlerkandidat der SPD, die in den letzten 25 Jahren sehr viel an der Regierung war, verspricht, dass 2030 die Gigabit fähige Gesellschaft endlich Realität sein wird. Was bedeutet, das 2025 wieder gerissen wird. Wir werden seit über 13 Jahren einfach komplett verkackeiert.“ 

Und was macht der zuständige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer? Er versucht zwar mit zusätzlichen Förderprogrammen verlorene Jahre beim Glasfaserausbau aufzuholen. – doch auch er rückt nun offenbar stückchenweise vom unrealistischen Ziel 2025 ab. Auf Kontraste-Anfrage heißt es aus seinem Haus:  

(...) dass wir dem Ziel flächendeckender Gigabitnetze bis 2025 rasch näher kommen." 

Heißt so viel wie: Schau mer mal.

Beitrag von Daniel Donath und Cosima Gill