Kinder auf dem Weg zum Unterricht in der Schule

„Auf dünnem Eis“ - Das sächsische Schul-Experiment

Vor zwei Wochen machten die Grundschulen in Sachsen als bundesweit Erste wieder auf. Ohne Masken, ohne Abstand, in voller Klassenstärke. Ministerpräsident Kretschmer nannte es einen „Versuch“, auf „dünnem Eis“. Epidemiologen hingegen befürchten drastisch steigende Infektions-Zahlen, wenn Schulen derart öffnen. Während in Österreich längst jedes Schulkind zweimal die Woche getestet wird, soll das in Sachsen erstmal nur für Lehrkräfte gelten. Zu lange versteckten sich die Kultusminister hinter der Mär, Kinder seien keine Treiber der Pandemie. Und bringen somit Kinder und Lehrkräfte in Gefahr.

Anmoderation: Für viele Kinder war er die helle Freude - und für ihre Homeschooling- geplagten Eltern ebenso: Der erste Schultag nach dem Lockdown im Dezember. Nur: Die versprochenen Schnelltests und Lüftungsanlagen sind bei den meisten Schulen noch nicht angekommen. Und während das deutschlandauf- und -ab diskutiert wird. Machen die Sachsen - trotz ihrer hohen Fallzahlen - einfach weiter wie im Dezember: Also vorallem die Fenster auf. Und da kann man dann sehen, wie es nicht laufen sollte. Pune Dja-lileh-vand, Silvio Duwe und Lisa Wandt.

Grimma am Montag vor einer Woche.

“Guten Morgen” 

Hier beginnt das sächsische Experiment. Noch vor allen anderen Bundesländern öffnet der Freistaat die Grundschulen. In voller Klassenstärke. Auch hier in Grimma, wo die Inzidenz am ersten Schultag bei 117 liegt.

Jana Fischer, Lehrerin Wilhelm-Ost-Grundschule, Grimma

"Dass hier im Landkreis, die Inzidenz momentan über 100 noch ist. Das macht uns schon ein bisschen Bauchdrücken. Andererseits ja, wir haben Desinfektionsmittel, wir haben Masken. Aber ob das jetzt der allumfassende Schutz ist, das wissen wir nicht.“ 

Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident Sachsen

„Wir wissen, dass wir uns auf einem ganz dünnem Eis bewegen.”

Und trotzdem hat sich im Hygienekonzept im Vergleich zum Vorjahr fast nichts geändert. Außerhalb des Klassenraums müssen die Kinder jetzt medizinische Masken tragen. Im Klassenzimmer sieht es aus wie vor der Pandemie. Keine Einschränkungen? 

Jana Fischer, Lehrerin Wilhelm-Ost-Grundschule, Grimma

"Also im Klassenraum eigentlich nicht, außer dass wir öfters auch Lüften müssen. Aber dann schreien die Kinder ‘Es ist kalt‘. Also im Klassenraum nicht. Wir haben keine Masken, wir dürfen Sitzkreis machen. Alles." 

Wir zeigen die Bilder der Virologin Corinna Pietsch von der Universität Leipzig. 

Dr. Corinna Pietsch, Virologin, Universitätsklinikum Leipzig

"Der Sitzkreis verschärft die Situation nochmal dahingehend, dass die Abstände nochmal geringer werden und die Kinder sich nochmal neu untereinander gemischt haben in der Situation, weil sie nicht mehr an dem festen Platz sitzen im Unterricht. Das ist natürlich für das Virus nochmal eine extra Gelegenheit, sich zu übertragen." 

Auch wenn die Kinder sich über die Normalität freuen, ist das aus virologischer Sicht fatal. 

Dr. Corinna Pietsch, Virologin, Universitätsklinikum Leipzig

„Man hat sich in Sachsen sehr bewusst gegen die Maskenpflicht entschieden, was ich sehr bedauere, ich finde, das ist eine vergebene Möglichkeit ist, Risiken einzuschränken.”

Während es in anderen Bundesländern strenge neue Hygienekonzepte gibt - auch wegen der sich rasant ausbreitenden Mutationen, bleibt in Sachsen fast alles beim Alten. Der Epidemiologe Markus Scholz findet das besonders fahrlässig. 

Prof. Markus Scholz, Epidemiologe, Universität Leipzig

"Zumindest muss man, wenn man die Schulen öffnet, dann dort die Hygienekonzepte weiterentwickeln und nicht die identisch übernehmen, diese praktisch im Sommer gelaufen sind. Denn im Sommer hat man eine ganz andere Lage, da hat man nicht diese ansteckende Mutation." 

Kultusminister Christian Piwarz hält hartnäckig am Narrativ fest, Kinder trügen nicht zum Infektionsgeschehen bei.

"Das bestätigen mir auch die Wissenschaftler, dass gerade die ganz kleinen Kinder nicht das Problem sind in der Weitergabe des Virus. Insofern gibt es durch die Kinder eigentlich keine unmittelbare Bedrohung für die Erzieherinnen und Erzieher."

Das dachten viele im vergangenen Sommer. Inzwischen sehen Virolog*innen das anders. 

Dr. Corinna Pietsch, Virologin, Universitätsklinikum Leipzig

"Die ersten Studien, die wir ja gemacht haben in Schulen, waren dann meistens zu Zeitpunkten, wo insgesamt sehr, sehr wenig Fälle in der Bevölkerung waren. So hat man natürlich auch an den Schulen sehr, sehr wenig Infektionen gefunden, obwohl da viele Kontakte stattgefunden haben. Und da hat man so ein bisschen den falschen Schluss daraus gezogen, dass es da keine Infektionen gäbe. Kinder sind ganz genauso Überträger des Virus wie auch die Erwachsenen." 

Ignoriert das Kultusministerium aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse? 

Die 100. Grundschule in Leipzig-Grünau. Was in Sachsen gegen das Virus helfen soll: Händewaschen. Von den Schülerinnen und Schülern hier vorbildlich eingehalten.

Kind

“Wenn man sich so lange die Hände wäscht, bis der Stempel weg ist, dann hat man lange genug Hände gewaschen.”

Doch das allein bringt wenig.

In dieser Grundschule kann nicht richtig gelüftet, die Fenster nur gekippt werden. So bleibt die Viruslast im Raum. Helfen könnten Luftfiltergeräte, doch die finanziert das Land Sachsen nicht. 

Auch Schnelltests an Schulen organisiert das Land nicht.  Lehrerin Stefanie Weidermann hat heute trotzdem einen Schnelltest-Termin vor Ort. Dank der Eigeninitiative der Schulleitung. Allerdings erst nach zwei Tagen Unterricht im vollen Klassenzimmer. 

Stefanie Weidermann, Lehrerin, 100. Grundschule, Leipzig

“Man hat natürlich schon Sorge, dass man sich ansteckt, aber man versucht den Gedanken zu verdrängen.”

Die Lehrerin wird gleich wissen, ob sie sich angesteckt hat.  Die Grundschulkinder nicht. Für sie hat das Land Sachsen keine Teststrategie. 

Christian Piwarz (CDU), Kultusminister Sachsen

“Wir haben nach Rücksprache mit unseren Wissenschaftlern, die uns beraten, davon Abstand genommen, weil die Frage inwieweit die Tests, die dort zu Anwendung kommen, bei jüngeren Menschen, bei Kindern, tatsächlich valide sind, weil diese Frage abschließend noch nicht geklärt ist.”

In Österreich werden Schulkinder längst flächendeckend getestet. Mindestens einmal in der Woche ist der Antigen-Schnelltest verpflichtend. In die Schule darf nur, wer negativ ist. Zusätzlich gibt es ein Monitoring, um das Infektionsgeschehen an Schulen zu beobachten. Der Mikrobiologe Michael Wagner von der Universität Wien hat das Verfahren mitentwickelt. 

Prof. Michael Wagner, Mikrobiologe, Universität Wien

“Ich glaub das ist eher des politischen Wollens als des Könnens. Es ist ja relativ leicht ausrollbar. Diese Selbsttests, auch wenn sie nicht perfekt sind. Man muss sich eben bewusst sein, da werden auch infektiöse Personen übersehen, aber man zieht doch regelmäßig die größten Fische aus dem Teich und das ist besser als nichts zu tun.“ 

Auch Epidemiologen in Deutschland fordern, die Schulen nicht einfach im Blindflug zu öffnen.  Markus Scholz hat der Landesregierung ein Monitoring-Konzept vorgeschlagen. 

O-Ton Prof. Markus Scholz, Epidemiologe, Universität Leipzig: „ Ja, wir haben das tatsächlich, das Thema Schule auch im Landtag mal diskutiert, da unsere Bedenken mitgeteilt und da entsprechend auch eine Test-Strategie entwickelt, die wie wir vorschlagen würden, dann im Zuge der Schulöffnungen zu implementieren. Meines Wissens ist die Teststrategie nicht umgesetzt.“  

Dazu heißt es aus dem sächsischen Kultusministerium: 

“Ein Antrag für eine Schulstudie “Monitoring der Infektionsausbreitung in Schulen” liegt dem Kultusministerium noch nicht vor.”

Doch die Öffnung der Grundschulen würden von Forschern der Universitäten Leipzig und Dresden wissenschaftlich begleitet. Seltsam: Auf Kontraste-Nachfrage erklären die genannten Wissenschaftler*innen, derartige Studien würden derzeit von ihnen NICHT durchgeführt.

Zurück an der Grundschule in Leipzig. 

“Die 15 Minuten sind um Frau Weidermann."

Das Testergebnis für die Klassenlehrerin.

“Alles gut” 

Am Ende des zweiten Schultags also vorerst Entwarnung, aber das Risiko bleibt, denn ihre Schüler*innen gehen am Nachmittag in den Hort und vermischen sich dort mit anderen Klassen. 

Grit Trepte, Schulleiterin, 100. Schule, Leipzig

“Was wir an Kindern früh trennen, wird nachmittags im Hort teilweise zusammengeführt. Es ist, ja es ist schon fast lächerlich eigentlich dahingehend. Aber es ist auch so – ich kann nicht sagen: böser Hort oder böse Schule. Die zwei Konzepte stoßen aufeinander. Die dürfen so machen, wir dürfen so machen. Oder die müssens so machen, wir müssens so machen. (lacht) Das sind so Momente: Ich kann sie nicht ändern. Die sind so die Gegebenheiten.”

Für die Schule ist das Bundesland zuständig. Für den Hort die Kommunen. Dass deren Hygienekonzepte nicht zusammenpassen, für Virologin Corinna Pietsch unverständlich. 

Dr. Corinna Pietsch, Virologin, Universitätsklinikum Leipzig

“Mein Verständnis neigt sich dem Ende, wenn wir Schulen öffnen wollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass ausreichend Personal und Platz genau dafür auch da ist, feste Gruppen weiter den ganzen Tag lang deckungsgleich zu realisieren.”

Sachsen hatte angekündigt, die Schulen dort wieder zu schließen, wo die Inzidenzen am 08. März über 100 liegen. Letzte Meldung: Im Vogtlandkreis wird das sächsische Experiment schon am Montag wieder beendet. Die Schulen geschlossen. Bitter für all die Kinder, die sich so gefreut haben.

Beitrag von Pune Djalilehvand, Silvio Duwe und Lisa Wandt