Operation Flaschenhals - Die Geschichte hinter dem Impfdesaster

Unbestritten ist zügiges Impfen der beste und derzeit einzige Weg aus der Corona-Katastrophe. Unbestritten ist auch, dass in Deutschland Impfstoff Mangelware ist, weswegen Impfzentren leer und die Wartelisten lang sind. Eine der vordringlichsten Aufgaben der Regierung müsste daher die Beschleunigung der Produktion der Impfstoffe sein. Doch während in den USA sogar die Armee den Impfstoffproduzenten den Weg frei räumt und in Großbritannien die Leiterin der Nationalen Impfstoff-Taskforce ihre Arbeit inzwischen erfolgreich beendet hat, beruft die Bundesregierung jetzt - erst viele Monate später und auf Druck von Experten - einen Impfbeauftragten. Dienstbeginn: 1. März. Vorschläge, die Impfproduktion etwa durch Prämien zu beschleunigen werden bislang allerdings ignoriert. KONTRASTE-Reporter gehen dem deutschen Impfdesaster auf den Grund.

Anmoderation: Gut, dass Sie da sind. Das hier stammt nicht aus einem Hollywood-Film - auch wenns erstmal so aussieht: Operation Warp Speed - Operation Überlichtgeschwindigkeit also - sie wissen schon: Star Trek und so - DIE gibts wirklich: Donald Trump hat sie eingeführt - um schnellstmöglich Impfstoffe zu produzieren - zur Not werden da auch mal Bauteile per Air Force eingeflogen. Das ist sehr teuer, sehr amerikanisch: aber eben auch: sehr wirkungsvoll. Chris Humbs, Ursel Sieber und Marcus Weller über ein Rennen bei dem wir Europäer zur Schnecke gemacht werden. 

 

Der Impfstoff. Das kostbare Gut in diesem Fläschchen soll auch hier in Heidelberg millionenfach hergestellt werden. Im Auftrag eines Impfstoff-Entwicklers. 

Die Anlage dafür wird gerade aufgebaut. Dafür braucht die Firma spezielle Technik und Pharmastoffe von vielen unterschiedlichen Zulieferern. Doch die kommen kaum hinterher. An allen Fronten kämpft der Chef mit Engpässen

Konstantin Matentzoglu, Geschäftsführer Celonic Deutschland

„Wir kriegen keine Maschinen, wir kriegen keine Verbrauchsmaterialien, kein Rohmaterial. Und es ist schwer, von den Lieferanten eine Liefer-Garantie zu bekommen.“

Die Probleme beim Aufbau der Produktion kommen nicht von ungefähr: Impfstoffe wurden zu spät von den EU-Mitgliedstaaten geordert. Doch diesen Zusammenhang will der Bundesgesundheitsminister nicht so recht erkennen:

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

„Grund für diese Knappheit zu Beginn der Impfkampagne sind fehlende Produktionskapazitäten, nicht fehlende Verträge.“

Die Firmen in der EU haben es nicht geschafft, die verlorene Zeit aus eigner Kraft aufzuholen. Produktionsanlagen und Lieferketten – es klemmt an allen Ecken.

In Großbritannien oder den USA läuft es deutlich besser – Hier steht heute mehr Impfstoff zur Verfügung – so kann deutlich mehr geimpft werden als in Deutschland. 

Dieser Erfolg – beispielsweise in den USA - hat vor allem damit zu tun, dass der Staat die Initiative ergriff: mit der Operation Warp Speed – unter Donald Trump. 

Sprecher

„The president of Amerika…“

Donald Trump

„Operation-Warp-Speed-Impfgipfel, ein ganz schönes Abenteuer für alle und was für ein wahnsinniger Erfolg.“

Chef von Warp Speed: Moncef Slaoui. Der Pharmamanager leitet für Trump die militärische Operation mit enormen finanziellen Mitteln. Er kann sogar zivile Unternehmen verpflichten, für ihn zu arbeiten – auf Basis eines Gesetzes aus dem Koreakrieg. Alles wurde in Bewegung gesetzt, wenn es irgendwo bei der Herstellung von Impfstoffen klemmte.  

Die Operation Warp Speed wurde nach dem Überlichtgeschwindigkeitsantrieb der Star Trek-Raumschiffe benannt.

Der Staat griff ein. Auch bei dieser Fabrik in Alabama. Sie stellt spezielle Fläschchen für die Impfstoffe her. Aber viel zu wenig, für den immensen Bedarf. 

Schon im Juni 2020 überwies die amerikanische Regierung 163 Millionen Dollar - für den Ausbau. Das Lokalfernsehen berichtete über den Geldsegen. Doch dann gab es Probleme. Baufirmen lehnten Aufträge ab. 

Die Regierung half wieder – prompt: Entsendete Bauexperten und organisierte Baufirmen. 

Lawrence Ganti, Vorstandsvorsitzender SiO2

„Sie wurden per Gesetz gezwungen, die Arbeit für uns vorzuziehen. In diesem Teil von Alabama gibt es nicht viele Baufirmen. Und alle wurden angewiesen, die Arbeiten für unser Werk zu priorisieren, um wirklich sicherzustellen, dass wir die Zeitvorgaben einhalten können. Das war ziemlich beeindruckend.“

Die riesigen Maschinen für die Produktion holt die Air Force aus Deutschland. Auf die Fläschchen hat der Staat nun ein Vorkaufsrecht – diesen Deal musste die Firma für die Unterstützung eingehen. 

Wieder in Heidelberg. Von solch staatlicher Unterstützung kann der Chef hier nur träumen. 

Die Regierung hält sich vornehm zurück. Nicht einmal per Telefon sucht man den Kontakt: 

Konstantin Matentzoglu, Geschäftsführer Celonic Deutschland

„Ich kann mich jetzt nicht erinnern, dass es irgendwie die Bundesregierung oder die EU-Kommission. Ich weiß gar nicht, ob die wissen, dass wir Impfstoffe herstellen. Und ganz ehrlich zu sein und ich glaube, das gilt für Stufen, die noch weiter vorgeschaltet sind, noch viel stärker.“

Und genau in den vorgeschalteten Stufen der Produktionskette beginnt das Problem. Auch die Zulieferer müssten ihre Kapazitäten massiv ausbauen – und zwar schnell. Da es hier keine Operation Warp Speed gibt, müssten die Firmen finanziell voll ins Risiko gehen. Da zögert man, denn was ist, wenn in einem Jahr keine Nachfrage mehr da ist? 

Clemens Fuest vom Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo fordert deswegen seit langem, dass der Staat die Abnahmen garantieren soll.

Clemens Fuest, ifo-Institut

„Der Staat kann die Unternehmen versichern gegen die Risiken, die jetzt mit Kapazitätsausweitung verbunden sind. Man weiß eben nicht, wie lange es Nachfrage nach Impfungen gibt. Und da könnte der Staat die Risiken übernehmen.“

Und er fordert einen Bonus für die Hersteller – als zusätzliche Motivation, den Impfstoff schneller auszuliefern. 

Clemens Fuest, ifo-Institut

„Es wäre richtig, Prämien zu zahlen, und zwar Prämien für zusätzliche beschleunigte Lieferungen von Impfungen. Das müsste eine Prämie sein, die erst sehr hoch ist und dann im Zeitablauf fällt.

Dieser Bonus für die Hersteller könnte an die Zulieferer durchgereicht werden, meint der IFO-Chef. 

Hört sich an, als würde es teuer für den Staat. Ist es aber nicht. Eine Spritze kostet bis zu 18 Euro. Man braucht zwei Dosen. Damit wären wir bei 36 Euro. Würde konsequent geimpft, bräuchte es bald keinen milliardenteuren Lockdown mehr. 

Umgerechnet bedeutet das: Jede Impfung verhindert einen geschätzten volkswirtschaftlichen Schaden von 1.500 Euro, so das Ifo-Institut. 

Impfen statt Lockdown. Bei der Produktion zu knausern, wäre nichts anderes, als Geld zu verbrennen.

In Brüssel wacht man langsam auf? Kommissionspräsidentin von der Leyen ist mit ihrem Kurs, die Wirtschaft sich selbst um ihre Probleme kümmern zu lassen, inzwischen enorm unter Druck. Nun holt sie sich Rat, aus den USA, von Trumps-Warp-Speed-Mann Moncef Slaoui. 

Und in Deutschland? Hier beim Impfgipfel der Bundesregierung trommeln die Chefs der Hersteller. 

Kontraste liegt ein Bericht von Biontech vor. Das Unternehmen bittet die Regierung um Unterstützung. Der Impfstoffpionier sucht dringend Fachpersonal. Universitäten könnten mit Experten aushelfen. Es geht auch um die speziellen Fläschchen, sterile Tüten. Und es fehlt an Lipiden. Extrem reine Fettkügelchen im Nanobereich. Ohne sie keine mRNA-Impfstoffe.

Nur langsam wird die Lipid-Produktion auch bei uns hochgefahren.

Die Bundesregierung handelt bürokratisch, ja unmotiviert, meint Prof. Moritz Schularick. Der Ökonom beschäftigt sich seit langem mit der Corona-Politik: 

„Das ist dann um Weihnachten klar geworden, dass wir nicht genug Impfstoff haben und dann hätten sofort alle Ampeln in Berlin auf grün gehen müssen, man hätte verstehen müssen, dass das wirklich die wichtigste Frage ist für unsere Gesundheit, aber auch für die Volkswirtschaft in diesem Jahr und da hat man aber erst mal sechs Wochen damit verbracht das Problem zu leugnen und die fehlen uns jetzt.“

Am 9. Februar 2021 fragt der Wirtschaftsminister das erste Mal bei den Impfstoffentwicklern nach, die in Europa aktiv sind, wie die Herstellung der Impfstoffe beschleunigt werden könnte. Aber: Zwei wichtige Player wurden offenbar vergessen: Moderna oder Novavax.

Mehrere Firmen erzählen uns im Vertrauen, wie enttäuscht sie von der Bundesregierung sind. Es fehle die Koordination. 

Die Verantwortung wird zwischen den Ministerien und dem Kanzleramt hin und her geschoben. Und aus dem Kanzleramt erfahren wir noch letzte Woche: einen Impfkoordinator wie etwa in den USA, brauche man in Deutschland nicht. 

Nur einen Tag später setzt dann Olaf Scholz doch einen Impfkoordinator durch: Christoph Krupp, ein Vertrauter von Scholz und sein ehemaliger Staatskanzleichef in Hamburg.

Immerhin, ein Anfang, während die Operation Warp Speed in den USA mit ihrer Arbeit langsam zum Ende kommt.

Lawrence Ganti, Vorstandsvorsitzender SiO2

„Mein bescheidener Rat, was auch immer er wert ist, wäre, eine Person macht nicht den Unterschied. Diese Person braucht Unterstützung, eine Infrastruktur. Ich glaube, was in den USA wirklich gut funktioniert hat, war, dass man Warp Speed Geld gegeben hat.“

Momentan wird in den deutschen Impfzentren vor allem der Mangel verwaltet. Es wird Zeit, dass sich daran etwas ändert. 

Beitrag von Chris Humbs, Ursel Sieber und Marcus Weller