Angela Merkel und Donald Trump bei einem Treffen im Dezember 2019. Foto: Michael Kappeler/dpa
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Bad Boy Germany - Trumps Truppenabzug als Wahlkampfmanöver

Es knirscht in den deutsch-amerikanischen Beziehungen, denn der US-Präsident will die Militärpräsenz in Deutschland um rund ein Drittel reduzieren. Als Strafe dafür, dass die Bundesrepublik zu wenig für die eigene Verteidigung ausgibt. Sogar seine eigenen Militärexperten halten das Manöver für schädlich, denn die Truppenstützpunkte in Deutschland sind für die US-Armee von zentraler Bedeutung. Doch wegen der vielen Corona-Fälle unter Druck, braucht Trump für seinen Wahlkampf einen Bad Boy. Und scheint in ihn Deutschland gefunden zu haben.
 

 

Donald Trump, Präsident USA

„No Angela. Angela please, don’t say that Angela.“

„No, Angela, that is not working.“

„Wir sind für den ein politisches Feindbild. Und ehrlich gesagt, darauf sollten wir stolz sein.“

Anmoderation: Feindbild Angela Merkel – die Kanzlerin ist das Bad Girl beim Wahlkampfauttakt von Donald Trump und mit ihr auch Germany, also wir alle – Guten Abend zu Kontraste. Jeden Tag aufs Neue hagelt es Schimpftiraden aus Washington – jetzt Trumps Ankündigung, ein Drittel aller US-Truppen abzuziehen. Trump braucht einen Prügelknaben für seinen Wahlkampf und er ist bei uns fündig geworden. Daniel Donath und Cosima Gill.

 

So belohnt US-Präsident Donald Trump politische Freunde, die machen was er will. 

Gestern vor dem weißen Haus: Trump empfängt den polnischen Präsidenten Andrzej Duda.

Donald Trump, Präsident USA

„Polen ist eins der wenigen Länder, das seinen Verpflichtungen gegenüber der NATO nachkommt, besonders seinen finanziellen Verpflichtungen. Wir werden die Truppen wahrscheinlich von Deutschland nach Polen verlegen.

Trumps Worte: Wahlkampfhilfe für Polens Präsidenten – am Sonntag wird dort gewählt –  und zugleich: Die nächste kalte Dusche für Deutschland. Schon bei Trumps Wahlkampfauftakt in Tulsa vor wenigen Tagen wird klar mit welchem Feindbild Trump seinen Wahlkampf führen will. 

Donald Trump, Präsident USA

„No Angela, No!“

„We cannot continue to be ripped off.“ 

„Wir können uns nicht weiter abzocken lassen.“ 

Angela und Donald. Freunde waren Sie noch nie. Nun hat sie ihm den Wahlkampfauftakt vermasselt. Es war ihre Absage, die seinen G7 Gipfel zum Platzen und Trump zum Wüten brachte.

Sigmar Gabriel (SPD), ehemaliger Außenminister

"Merkel ist so ziemlich die Spitze der Bewegung gegen ihn. Im Übrigen wollte sie sich mit Sicherheit nicht zu einer Wahlkampshow für Donald Trump missbrauchen lassen." 

Die Strafe folgt auf den Fuß: Trump verkündet den Abzug von 9.500 US-Soldaten aus Deutschland. Der Vorwurf: „Angela“ zahle nicht genug für die Verteidigung.

Der diplomatische Affront ist nur das eine. Die massiven Folgen für das US-Militär, für die deutschen US-Stützpunkte und die transatlantischen Beziehungen das andere. Deutschland ist für die USA einer der strategisch wichtigsten Ausgangspunkte für Einsätze weltweit: Ramstein - der größte Flugplatz der US-Luftwaffe außerhalb der USA., Landstuhl das größte US-Krankenhaus. Grafenwöhr gilt als modernster Truppenübungsplatz.

Ben Hodges hat von 2014 bis 2017 alle US-Landstreitkräfte in Europa kommandiert und ist entsetzt.

Ben Hodges, ehemaliger Kommandeur aller US-Landstreitkräfte in Europa

"Wir sind so dünn aufgestellt in Europa. Es gibt nur noch ein einziges Luftabwehrbatallion, ein Batallion Spezialeinheiten und ein Pionier Bataillon – eins von jedem. Eine 30 Prozent Reduzierung des US-Militärs bedeutet in Wahrheit eine Reduzierung auf Null."

Trifft Trump also nicht Deutschland, sondern vor allem die USA? 

Baumholder in Rheinland-Pfalz. Auf dem Berg liegt die Kaserne, im Tal der Ortskern. Seit Anfang der 50er Jahre sind die Amerikaner hier stationiert – ohne die amerikanischen Streitkräfte würden sofort 450 Arbeitsplätze verloren gehen, in der ohnehin schon strukturschwachen Region. 

Ihr Mann ist US-Soldat. Interviews zum Truppenabzug der US-Soldaten sind unerwünscht, aber sie darf reden. Vanity Beach ist Halbamerikanerin und spricht mit einer Freundin über den drohenden Abzug.

Vanity Beach, Bürgerin Baumholder

„Mein erster Gedanke war Oh, mein Mann ist ja auch US-Soldat hier in Baumholder stationiert. Auch für die Arbeitsplätze. Nicht gut. Man möchte auch in Deutschland weiterleben.“ 

In Baumholder leben 7.000 US-Amerikaner neben 4.000 Einheimischen. Der Wegzug wäre eine Katastrophe, sagt der Bürgermeister. Er sieht die Schuld an der angespannten politischen Lage nicht nur beim US-Präsidenten, sondern auch bei der Bundesregierung.

Bernd Alsfasser, Bürgermeister Verbandsgemeinde Baumholder

„Die Amerikaner, haben uns Frieden und Freiheit gebracht und sind Partner gewesen. Und bis jetzt sind sie Partner von uns, und da muss man auch mit Partner umgehen. Dementsprechend und in diesem Punkt, wie gesagt, kann ich Trump schon verstehen. In manchen anderen Sachen kann ich nicht verstehen. Aber hier in diesem Punkt Verteidigungsausgaben, gerade weil ich das auch weiß von der Bundeswehr. Hier gibt es genug Lücken, die man schließen könnte.“

Deutschland zahlt zu wenig für die eigene Verteidigung – Trumps ewige Litanei zeigt auch in Deutschland ihre Wirkung

Donald Trump, Präsident USA

„Sie haben nicht gezahlt, was sie hätten zahlen sollen. Sie bezahlen ein anstatt zwei Prozent. Und zwei Prozent ist schon eine kleine Zahl.“

Zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts sollen in Verteidigung investiert werden – das haben sich die NATO-Staaten lange vor Trump als Ziel gesetzt. Ein Ziel, das angestrebt werden soll, aber nicht rechtlich bindend ist.  

Für Präsident Trump ist das Zwei-Prozent-Ziel ein Sakrileg, doch er ist nicht der erste US-Präsident, der in diesem Punkt von einer Bundesregierung hingehalten wird. Sigmar Gabriel ist Außenminister als Trump ins Amt kommt

Sigmar Gabriel (SPD), ehemaliger Außenminister 

„Er hat recht. Es ist nicht nur ein deutsches Problem, sondern wenn man Amerika und Europa sind ungefähr gleich starke Volkswirtschaften. Die Amerikaner tragen zwei Drittel der Verteidigungslasten Europas. Das sagen viele Amerikaner. Wieso eigentlich? Das war mal gewünscht von Amerika. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die Amerikaner nicht, dass wir Europäer, vor allem wir Deutschen, zu viele eigene militärische Fähigkeiten haben.“

Tatsächlich stiegen die deutschen Verteidigungsausgaben enorm – alleine von 2018 bis 2019 um mehr als fünf Milliarden Euro – der höchste Anstieg seit Ende des Kalten Krieges - 2020 sind es 50,5 Milliarden. Wohl auch wegen Trump.

Hätte Deutschland aber 2019 schon die zwei Prozent-Forderung erfüllt, wäre Deutschland von Platz sechs bei den weltweiten Verteidigungsausgaben auf Platz drei aufgestiegen.

Sigmar Gabriel (SPD), ehemaliger Außenminister 

„Die Frage, die man stellen kann - ich habe mal mit dem früheren Verteidigungsminister der USA Mathes gesprochen - ist das eigentlich sinnvoll? In der Mitte Europas, dass das große Land Deutschland mit der größten Volkswirtschaft jedes Jahr 80 Milliarden Euro und mehr in die Bundeswehr investiert? Frankreich, um es mal im Vergleich zu nehmen, investiert in seine konventionelle Armee nur 40 Milliarden. Da wächst ein ziemlicher militärischer Gigant. 

Das scheint Trump nicht zu interessieren – mit offenbar genau diesem Auftrag hat er den ehemaligen US-Botschafter Richard Grenell vor zwei Jahren nach Berlin geschickt. Von Anfang an wollte Grenell nichts über Deutschland als wichtigsten Verbündeten hören, erinnert sich Hodges.

Ben Hodges, ehemaliger Kommandeur aller US-Landstreitkräfte in Europa

„When I was the commander of U.S. Army Europe we had a talk about how important Germany is as our ally and host nation. And he cut me off after about 30 seconds and said the Germans have got to do more. So he arrived already with a mission. Clearly, guidance from the president.“ 

„Ich hatte eine Unterhaltung mit ihm, bevor er in Berlin angekommen ist, als ich der Kommandeur der US-Armee in Europa war. Wir wollten darüber reden, wie wichtig Deutschland als unser Verbündeter ist und er hat mich nach 30 Sekunden unterbrochen und gesagt: Deutschland muss mehr machen. Er ist schon mit einer Mission angekommen, ganz klar gesteuert vom Präsidenten.“

Grenell versucht Trumps Linie in Berlin durchzusetzen, er bricht Gepflogenheiten und provoziert - Anfang Juni verkündet er seinen Rückzug als Botschafter und postet diese Bilder mit Donald Trump aus dem weißen Haus.

Bei Twitter droht er Ende Mai: "Wenn ihr denkt, dass der amerikanische Druck jetzt vorbei ist, kennt ihr die Amerikaner nicht." 

Grenell als Drahtzieher? Fakt ist: Die Entscheidung über den Truppenabzug fällt direkt nach dem Treffen. Nun ist Grenell Teil von Trumps Wahlkampf und Angela Merkel offensichtlich auch. 

Sigmar Gabriel (SPD), ehemaliger Außenminister

„Ich fand das erst einen Akt tiefer Freundschaft des amerikanischen Präsidenten, aus Deutschland abzuziehen. Ich habe immer gedacht, er würde uns nicht mögen. Da habe ich zum ersten Mal gedacht, der mag uns.“

Was beim Truppenabzug als Kollateralschaden noch auf dem Spiel steht, ist die deutsch-amerikanische Freundschaft, an Orten wie hier in Grafenwöhr – der US-Standort gilt als modernster Truppenübungsplatz Europas.

Es gibt es Autohäuser für Amerikaner, bayerische Souvenir-Shops und eine amerikanische Westerntanzgruppe.

Einst wurden diese Biker als US-Soldaten in die Oberpfalz versetzt und sind geblieben. Byron Dickman ist Vorsitzender des Motorradclubs der Veteranen und fährt ganz vorne. Er arbeitet noch als Zivilist auf dem US-Stützpunkt in Grafenwöhr.

Byron Dickman, Mitarbeiter US-Armee Grafenwöhr

„Mein Nachname ist Dickmann, meine Großeltern, sie sind aus Deutschland und ich bin der Erste, der nach Deutschland zurückgekommen ist. Ich bin stolz Amerikaner zu sein, aber ich genieße es in Deutschland zu wohnen.“ 

Den Zoff auf internationaler Ebene versucht er auszublenden. 

Byron Dickman, Mitarbeiter US-Armee Grafenwöhr

„Die Chefs machen, was die Chefs machen.“ 

Und Trump möchte Chef bleiben – doch es läuft nicht rund. Miese Laune nach dem verhagelten Wahlkampfauftakt. 

Schlechte Umfragewerte, Corona-Miss-Management und landesweite Proteste gegen Rassismus – Trump braucht dringend einen Sündenbock. Koste es, was es wolle.

Ben Hodges, ehemaliger Kommandeur aller US-Landstreitkräfte in Europa

„Sollte die Entscheidung umgesetzt werden, wäre das ein kolossaler Fehler. Es schadet nur den USA und den Verbündeten. Es bestraft Deutschland nicht, auch wenn das wohl das ursprüngliche Ziel war.“

Beitrag von Daniel Donath und Cosima Gill

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