Josephin Kampmann, Gesundheits- und Krankenpflegerin, steht auf dem Gang der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen und zieht Schutzkleidung an. Bild: Fabian Strauch/dpa
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Vierte Welle - Deutschland vor der Impfpflicht und dem nächsten Lockdown?

Kliniken am Limit, unzureichende Impfquote und eine landesweite Inzidenz über 400: Mit voller Wucht erlebt Deutschland seine Vierte Corona-Welle. Heftiger als je zuvor. Während zu Beginn der Pandemie alle neidisch auf die Deutschen waren, warnen die USA nun sogar vor Reisen nach Corona-Deutschland. Bis in den späten Herbst hinein ignorierte die Politik die steigenden Inzidenzen weitgehend. Politiker versprachen im Wahlkampf lieber Freedom Days. Auch die künftige Ampel-Koalition schreckt noch vor harten Maßnahmen zurück. Viel zu spät einigte man sich auf eine berufsbezogene Impfpflicht und 3G am Arbeitsplatz. So stehen wir, nach bald fast zwei Jahren Pandemie, vor einem Desaster: Wie konnte uns das passieren? Und was muss jetzt geschehen, dass die Republik nicht in ein schlimmes Weihnachtsfest und in die fünfte Welle schlittert? Kommen wir überhaupt noch vorbei an der Impfpflicht und einem neuen Lockdown? Kontraste Reporter waren unterwegs - auf Covid-Intensivstationen, im Bundestag, auf Weihnachtsmärkten und beim nun Vorzeige-Nachbarn Frankreich.

Anmoderation: Es werden schwere Weihnachten...und es wird nicht leicht, sich auf diese Vorweihnachtszeit noch zu freuen: In der es Woche für Woche mehr Tote geben wird. Das ist jetzt schon klar. Nachdem wir drei Pandemiewellen einigermaßen glimpflich überstanden haben, sind wir jetzt der Corona-Hotspot der Welt – nur die USA meldeten heute noch mehr Neuinfektionen. Und nun haben wir eine Schwelle übertreten, die vor einem Jahr noch undenkbar schien: 100.000 Menschen haben diese Pandemie nicht überlebt in Deutschland. Bitterböser Zufall, dass ausgerechnet heute die epidemische Notlage im Land endet. Nur auf dem Papier. Natürlich. In Wirklichkeit war die Notlage nie größer: Unsere Reporter zeigen ein Land zwischen Leichtsinn und Schwermut, die die dagegen ankämpfen und die, denen wirklich nicht mehr zu helfen ist.

Notfall auf der Intensivstation des Klinikums Kempten im Allgäu. Der erste neue Patient an diesem Morgen: ein bewusstloser Mann nach einem Atem-Stillstand. Es ist ein Corona-Fall.

Arzt

"Also, es ist ein 63-jähriger Patient, war vor einer Woche zirka Covid-positiv gewesen, war nicht geimpft gewesen und ist dann vom Rettungsdienst reanimationspflichtig aufgefunden worden und dann haben die ihn eine Viertelstunde lang reanimiert."

Der Mann schwebt in akuter Lebensgefahr. Er ist hier schon der achte Corona-Patient. Die Station ist voll, fast die Hälfte aller 18 Intensivbetten ist damit an diesem Morgen mit Covid-Fällen belegt.

Kurz darauf die Nachricht: Der Zustand einer Patientin auf der Corona-Normalstation verschlechtert sich.

"Hallo Jutta, grüß dich, du, dein Chef hat angerufen, dass die Frau oben auf der B3 kritisch ist. Sie wäre der neunte Covid-Patient, aber es hat sich so angehört, wie wenn die es schon braucht, oder?

Jetzt heißt es für die Mediziner: Platz schaffen, wo eigentlich keiner mehr ist.

"Ich sehe das schwarz, dass das uns lange irgendwohin reicht."

Hier im Allgäu sind sie bereits jenseits der Überlastungs-Grenze. Für die Intensivmediziner bedeuten die vielen Covid-Fälle: Sie müssen aussortieren.

Florian Wagner, Chefarzt Klinikum Kempten

"Wir machen seit mehreren Wochen im Prinzip schon so eine latente Triage. Das macht ein ungutes Gefühl. Ich möchte es mal vergleichen: Es gibt einen ungeimpften 50-jährigen Patienten, der hier zur Klinik reinkommt, weil er an Covid erkrankt, weil er sich nicht impfen hat lassen. Und der belegt im Prinzip ein Bett für eine möglicherweise 50-jährige Patientin, die einen Hirntumor hat. Und zu der muss man sagen: Tut uns leid, wir können Sie heute nicht operieren. Und das ist schon schwer zu verstehen."

Derzeit ist hier die Lage so schlimm wie noch nie während der Pandemie. Aktuelle 7-Tages-Inzidenz in der Region: mehr als 800.

Florian Wagner, Chefarzt Klinikum Kempten

"Im Allgäu speziell hat uns die vierte Welle drastisch getroffen, muss man einfach so sagen. Die ist eingeschlagen, wie nochmal was. Die Patienten, die hier auf der Intensivstation und auch auf der Normalstation gelandet sind, die sind explodiert bei uns."

Bundesweit steigt die Zahl der Covid-Intensivpatienten derzeit wieder steil an. Stand heute sind es mehr als 4.200. Schon jetzt ist klar: Der Anstieg wird sich in den Dezember hinein fortsetzen.

Diese Vierte Corona-Welle in Deutschland war vermeidbar – und sie kam mit Ansage. Auch wenn so manche Verantwortliche in der Politik das gerne abstreiten.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern, 10.11.2021

"Schauen Sie: Es ist ja sehr beeindruckend, dass nahezu alle Virologen, Epidemiologen und Wissenschaftler auch die Wirkung dieser neuen Welle in ihrer Wucht und Geschwindigkeit nicht richtig eingeschätzt haben."

Das ist schlicht nicht wahr: Das Robert-Koch-Institut warnt bereits im Juli vor einem "sehr starken Anstieg der 7-Tage-Inzidenz" im Herbst.

Ebenfalls im Juli sagt der Modellierer Kai Nagel in einem Bericht an die Bundesregierung voraus, im Oktober starte ein "exponentieller Anstieg bei den Krankenhauszahlen".

Prof. Kai Nagel, Mobilitätsforscher, Technische Universität Berlin

"Viele von uns haben immer wieder gewarnt, entweder dass das passieren wird oder zumindest, dass das sehr wahrscheinlich ist und wir Vorkehrungen treffen sollten."

Im Juli aber will die Politik solche Warnungen nicht hören. Beispielhaft: der CDU-Kanzlerkandidat

Armin Laschet (CDU), Parteivorsitzender, 25.7.2021

"Wenn wir dann im Herbst sehen, die Impfquote ist immer noch viel zu niedrig, finde ich, muss man dann weiter nachdenken, aber nicht jetzt."

Dabei zeichnet sich da schon ab, was jetzt zum riesigen Problem wird: Deutschland hinkt beim Impfen hinterher.

So sind aktuell in Portugal 87 Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft. In Spanien sind es 80, in Frankreich 78. In Deutschland aber gerade einmal 68 Prozent.

Prof. Kai Nagel, Mobilitätsforscher, Technische Universität Berlin

"Bezogen auf die Delta-Variante hätten wir eine deutlich höhere Impfquote haben müssen. Und das haben wir nicht erreicht und somit ist insgesamt eigentlich klar, dass das explodieren muss."

Jetzt laufen die Intensivstationen voll, vor allem mit Ungeimpften, so wie hier in Kempten. Eine Covid-Patientin muss von der Normalstation verlegt werden.

"Dann kriegen sie von uns mal ein paar Kabel und ein bissl mehr Sauerstoff, gell."

Die Patientin wurde vor wenigen Tagen erstgeimpft, zu spät für einen wirksamen Immunschutz. Lange hatte sie gezögert, zu lange.

Patientin (anonym)

"Da hat jemand zu mir gesagt: Ihre Schwester, die ist ins Koma gefallen bei der zweiten Impfung. Und dann hat man gesagt, man soll sich nicht impfen lassen. Es hat aber auch keiner gesagt, wie es ist, wenn man Corona hat, da hat keiner was gesagt. Es tut mir halt auch leid, aber es wird so viel geredet."

Lediglich 61 Prozent der Menschen im Allgäu sind vollständig geimpft. Viele hier meinen, sie würden das Virus leicht wegstecken. Das bekommen Pfleger und Ärztinnen immer wieder zu hören.

Susanne Füssel, Fachärztin Klinikum Kempten

"Wir sehen halt hier live jeden Tag, dass es eben nicht so ist, dass man es allein mit seinem guten Immunsystem schaffen kann. Weil: Wir haben hier auch junge Patienten, junge Familienväter, da haben es die Kinder nach Hause gebracht, und die liegen jetzt hier und kämpfen eigentlich um ihr Leben.

Eine Erfahrung, die auch dieser Patient auf der Normalstation gemacht hat. Harald Lederle, 48 Jahre, von Beruf Landwirt, und: ungeimpft.

Harald Lederle, Landwirt

"Vom dritten November weg habe ich ein Fieber gehabt, immer zwischen 40 und 42 Grad, und von Tag zu Tag ist es schlechter geworden. Dann ist ganz extremer Durchfall dazugekommen, 3-4 Tage, und dann war ich raus. Und dann hat zu mir der Hausarzt gesagt, aus dieser Nummer kommst du ohne Krankenhaus nicht mehr raus, hast du keine Chance mehr, da ist eine ganz, ganz massive Lungenentzündung da, oder, so war´s ja, und die muss man behandeln, weil sonst, ist es aus.

Auch er hatte die Gefährlichkeit des Virus massiv unterschätzt.

Harald Lederle, Landwirt

"Ich war nie krank, mir hat nie was gefehlt. Arbeit: Vollgas. Sportlich: Vollgas. Ausgleich: in Berg hinaufspringen, zack, schnell mal abends, gar kein Thema. Da denkst Du nicht daran, dass dich der Virus nachher dermaßen auf der Lunge erwischt."

Im Sommer, als die Vierte Welle noch zu verhindern war, hat die Politik andere Sorgen. Es ist Wahlkampf. Statt alles zu tun, um zukünftige Lockdowns auszuschließen, schließt man lieber Lockdowns aus.

Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister

"Wir werden keinen neuen Lockdown haben."

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

"Einen Lockdown wird’s auch nicht mehr geben.

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

"Für Geimpfte und Genesene sicher nicht."

Christian Lindner (FDP), Parteivorsitzender

"Geimpfte, Genesene, negativ Getestete, da muss ein Lockdown ausgeschlossen sein."

Aus Angst um Wählerstimmen hätten die Verantwortlichen kurzsichtig populäre Versprechungen abgegeben, sagt die Politikwissenschaftlerin Sabine Kropp.

Prof. Sabine Kropp, Politikwissenschaftlerin, Freie Universität Berlin

"Was wir feststellen können ist eine Art Ausblendung von Fakten und von wissenschaftlichen Ergebnissen, verbunden mit dem Glauben, es werde schon irgendwie gut gehen. Und das kann nicht gut gehen, zumindest nicht, wenn man sich inmitten einer Pandemie befindet."

Statt konsequenter Maßnahmen erlässt die Politik halbherzig einen Flickenteppich aus 2G- und 3G-Regelungen. Unübersichtlich, lückenhaft – und kaum kontrolliert.

Wir sind in Bad Schandau, im Elbsandsteingebirge. Ausgelassen feiern die Narren hier vor zwei Wochen Karneval. Die 7-Tages-Inzidenz im Kreis liegt da schon bei 1.150.

Schlemmer-Eck Seit wenigen Tagen gilt für die Innengastronomie 2G – nur Geimpfte oder Genesene dürfen rein. Das Schlemmer-Eck am Markt aber erklärt seinen geschlossenen Vorbau kurzerhand zum Biergarten - und damit zum Außenbereich. Hier dürfen alle rein. Und es ist voll.

Diese Gäste sehen das gelassen.

"Wir sind ja 2G. – Wir sind 2G!"

"Ja, aber drinnen, eigentlich gilt das ja für geschlossene Räumlichkeiten."

"Ja, wir können damit leben. – Was haben Sie denn für ein Problem?"

"Nee, aber drin werden ja sozusagen, da wird ja der Impfnachweis gar nicht verlangt."

"Wir haben ja Abstand gehabt, alle Mann."

"Impfnachweis nicht wirklich verlangt, Genesenennachweis wird nicht verlangt und trotzdem ist das ja eine geschlossene Räumlichkeit. Macht Ihnen das nichts aus?"

"Nö."

Am Abend schaut dann tatsächlich die Polizei zu einer Corona-Kontrolle vorbei. Und kommt kurz darauf wieder heraus: Der Betrieb darf ungehindert weiterlaufen. Streng kontrolliert wird dagegen etwas ganz anderes: unser Presseausweis. Ein Statement bekommen wir nicht.

Wie es anders hätte gehen können, zeigt der Blick nach Frankreich.

Ohne den "pass sanitaire", einem digitalen 3G-Nachweis, geht hier seit dem Sommer gar nichts mehr. Auch nicht in der kleinen Gaststätte "Au Brasseur" im Zentrum von Straßburg.

Jean Claude Faux, Kellner "Au Brasseur"

"Ehrlich gesagt, hatten wir anfangs Angst, dass die Leute ein bisschen widerspenstig sein könnten. Aber das hat sich von selbst gegeben. Heute präsentieren es die Kunden ganz selbstverständlich, bevor sie überhaupt danach gefragt werden."

"Bonjour Monsieur!"

Seit Anfang August wird nicht nur in Restaurants kontrolliert, auch in Fernzügen oder Krankenhäusern ist der "pass sanitaire" Pflicht.

Yves Neusch, Gast

"Ich bin noch nie irgendwo reingekommen, wo es keine Kontrollen gibt."

Mitte Juli hatte Präsident Macron in einer Rede an die Nation einen "Mobilisierungssommer" für das Impfen ausgerufen:

"Un été de mobilisation pour la vaccination"

Und kündigte an, den "Pass sanitaire" verpflichtend einzuführen.

Die direkte Folge: Unmittelbar danach zog die Zahl der Impfungen in Frankreich wieder massiv an. Innerhalb von fünf Wochen ließen sich mehr als zehn Millionen Franzosen erstmals impfen.

Die Umsetzung der Maßnahmen wird streng überwacht, wie an diesem Abend in Straßburg. In Mannschaftsstärke zieht die Polizei durch die Restaurants. Auch Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamtes sind dabei. Kontrolliert werden Inhaber ebenso wie Gäste.

"Bon appétit! - Merci!"

Gast (anonym)

"So ist das eben. Wir respektieren die Regeln, die Restaurants respektieren sie. Und die, die machen ihre Arbeit."

Die Bilanz nach gut einer Stunde:

Helmut Schmitz, Gendarmerie Straßburg

"Sehr positiv. Wir haben etwa zehn Einrichtungen kontrolliert, Restaurants und Bars. Keine einzige Person hat sich strafbar gemacht. Wir können sehr, sehr zufrieden sein."

Auch in Frankreich steigen die Corona-Zahlen derzeit wieder. Bislang aber ist die Inzidenz nicht einmal halb so hoch wie in Deutschland.

"Wir bewegen jetzt das Bett. Und dann bringen wir Sie in Bauchlage."

Nur wenige Kilometer jenseits der Grenze schlägt das Versagen der deutschen Politik voll durch. Wir sind auf der Intensivstation des Klinikums Karlsruhe. Die Betreuung der vielen Corona-Kranken hier ist Schwerstarbeit.

"Tschuldigung. Gleich vorbei, gell."

Sonja Crocoll, Intensivpflegerin

"Es ist körperlich. Man schwitzt, man hat das Bedürfnis, öfters zu trinken. Man kann es aber nicht. Man kann nicht wegen jeden Schluck Wasser rausgehen, sich ausschleusen, weil das ist ein enormer Zeitaufwand. Manchmal ist es schon nicht auszuhalten."

Viele Pflegerinnen haben in der Pandemie ihren Beruf aufgegeben oder arbeiten jetzt nur noch Teilzeit.

Sonja Crocoll, Intensivpflegerin

"Ja, es gab Kündigungswellen, und es ist ja auch eine Herausforderung. Es kann nicht jeder hier acht Stunden im Bereich arbeiten oder zehn Stunden."

Der Klinikdirektor zeigt uns die Folgen des Personalmangels: Ein Drittel der eigentlich vorhandenen Intensivbetten kann derzeit nicht genutzt werden.

Prof. Dr. Franz Kehl, Klinikdirektor

"Sie sehen: voll ausgerüstet, voll betreibbar. Aber das ist eben jetzt die Krux in der jetzigen Pandemie-Lage. Wir haben zu wenig Pflegepersonal, Intensiv-Pflegepersonal, also Fachpersonal, mit dem wir Intensiv-Therapie auch durchführen können. Und das ist natürlich fatal in der jetzigen Situation, wo wir mehr Intensiv-Betten brauchen."

Ein Umstand, der bundesweit die Krise noch einmal verschärft.

Vor einem Jahr konnten in Deutschland noch mehr als 25.000 Intensivbetten genutzt werden. Heute sind es etwa 3.000 weniger. Auch die Zahl der freien Betten ist heute deutlich kleiner.

In der ersten Welle hatte der Bundestag noch demonstrativ für die Leistung der Pflegekräfte geklatscht. Substanziell verbessert hat sich für sie seitdem nichts.

Sonja Crocoll, Intensivpflegerin

"Die Pandemie hat jetzt erstmal gezeigt, was passiert, wenn noch weniger Pflegekräfte da sind, dass die Pflege kurz vor dem Kollaps steht. Also, so langsam muss die Politik sich jetzt echt mal am Riemen reißen und einen Masterplan erstellen. Sie sagt, ja schon Jahre, sie tun was und tun nix. Also wir fühlen uns echt im Stich gelassen."

Ausgelaugtes Personal, zu wenige nutzbare Betten – und zu viele Unvernünftige. Nach zehn Tagen Intensivbehandlung liegt Jost Otto Ludwig jetzt auf der Normalstation. Auch er gehört zur Riege der Ungeimpften.

Jost Otto Ludwig, Covid-Patient

"Ich habe so ein bisschen abgewägt: Impfschaden versus schwerer Verlauf. Und ich war eben mit der Politik nicht zufrieden. Das war so ein bisschen ein Trotz auch vielleicht. Aber eins sage ich jetzt hier in aller Öffentlichkeit: In einem halben Jahr bin ich geimpft."

Zwar können sich mit der aggressiven Delta-Variante auch Geimpfte anstecken. Der Virologe Friedemann Weber aber betont weiterhin den Wert der Impfung.

Prof. Friedemann Weber, Virologe, Justus-Liebig-Universität Gießen

"Der Schutz vor Krankheit, sehr schwerer Krankheit, Hospitalisierung und gar Tod, der bleibt aufrechterhalten. Also, wir sind nach wie vor mit über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit geschützt vor einer schweren Infektion bis hin zum Tod."

Was mit der Zeit deutlich schwindet: der Schutz vor Weitergabe des Virus. Deshalb tragen auch Geimpfte zur Vierten Welle bei. Um das zu bremsen, braucht es jetzt möglichst viele Drittimpfungen.

Doch die Politik ließ die Impfzentren in den vergangenen Monaten vielerorts dicht machen. Auch den Einstieg ins sogenannte Boostern hat man verschlafen.

Bis Mitte November hätte es schon mehr als neun Millionen Berechtigte gegeben, deren Zweitimpfung sechs Monate zurücklag. Tatsächlich geboostert aber wurde nicht einmal die Hälfte davon.

Am fehlenden Willen liegt das nicht. Freitag, 11 Uhr, Ankunft des Impfbusses in Stuttgart-Zuffenhausen. Die meisten Menschen in der Schlange hier versuchen doch noch eine Impfung zu ergattern. Denn in den umliegenden Arztpraxen ist alles dicht

"Also, unser Hausarzt nimmt erst Patienten ab 70, weil er sagt, er bewältigt einfach den Andrang, den Ansturm nicht."

Brigitte Haas

"Jeder jammert, ich krieg keinen Termin. Vielleicht erst im Januar oder Februar, das ist halt schon zu spät."

Brigitte Haas und ihr Mann Fritz versuchen bereits zum dritten Mal, eine Auffrischungs-Impfung zu bekommen. Zwei Mal schon wurden sie abgewiesen.

Fritz Haas

"Da sind wir auch in der Schlange gestanden. Dann wurde gesagt, auf einen Schlag, heute wird nur noch mit Anmeldung geimpft. Und da haben wir wieder gehen können. Und gestern waren wir in Pforzheim, standen wieder zwei Stunden in der Schlange und dann kam einer vorbei und sagte, die mit Moderna geimpft sind, können nicht geimpft werden, weil keine Zulassung für Biontech genehmigt wäre. Dann haben wir wieder gehen können. Super organisiert."

Heute aber klappt es dann endlich.

"Froh es geschafft zu haben?"

"Ja, jetzt sind wir zufrieden, ja."

Die Schlange vor dem Bus ist mittlerweile auf mehrere hundert Menschen angewachsen. Impfarzt Christian Schweninger versucht dem Ansturm Herr zu werden.

"Das ist der Booster von Moderna, der ist sehr gut für Sie. Einmal hier vor."

Er badet hier aus, was die deutsche Pandemie-Politik versäumt hat.

Christian Schweninger, Impfarzt

"Da hätte man sich sehr schön im Sommer alles vorbereiten können, um dann hier auf den Winter gewappnet zu sein. Aber es hieß ja, im Oktober ist die Pandemie vorbei."

Es war vor allem die FDP, die bis in den Herbst hinein das schnelle Ende aller Corona-Maßnahmen in Aussicht gestellt hatte.

Wolfgang Kubicki (FDP), Bundestagsvizepräsident 19.9.2021

"Wir brauchen den Freedom Day, so schnell wie möglich."

Mitte Oktober, da steigen die Inzidenzen schon exponentiell, kündigt dann die Ampel-Koalition das Ende der epidemischen Notlage an.

Dirk Wiese (SPD), Stellvertretender Fraktionsvorsitzender Bundestag

"Lockdowns und Ausgangssperren wird´s jedenfalls mit uns nicht mehr geben."

Und FDP-Politiker Marco Buschmann erklärt.

Marco Buschmann (FDP), Bundestagsabgeordneter

"Alle Maßnahmen enden spätestens mit dem Frühlingsbeginn am 20. März 2022."

Als ob man das Ende der Pandemie per Dekret festlegen könnte. Die Kurzsichtigkeit der Politik - für Virologen ein Rätsel.

Prof. Friedemann Weber, Virologe, Justus-Liebig-Universität Gießen

"Also den Freedom Day, den hat natürlich kein Wissenschaftler ausgerufen. Und da haben auch alle die Hände überm Kopf zusammengeschlagen. Das ist einfach Unsinn gewesen und psychologisch auch sicherlich schlicht falsch."

Vergangene Woche im Bundestag. Die Realität hat die Ampel eingeholt. Angesichts von Rekordinzidenzen ist nun vom Ende der Maßnahmen keine Rede mehr. Aber die Koalitionäre streichen im neuen Infektionsschutzgesetz den Katalog zusammen: Ausgangssperren, Schulschließungen, geschlossene Geschäfte – all das soll es nicht mehr geben.

Prof. Friedemann Weber, Virologe, Justus-Liebig-Universität Gießen

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir mit 2G alleine bei der momentanen Impf-Quote diese Welle brechen können. Letztlich wird es bei uns rauslaufen wie in Österreich."

Kontraste

"Das heißt was?"

Prof. Friedemann Weber, Virologe, Justus-Liebig-Universität Gießen

"Naja, die haben ja auch jetzt einen Shutdown ausgerufen. Und die Impfpflicht kommt auch."

Egal was kommt – es müsste schnell gehen. Denn die Zahl der Covid-Patienten auf den Intensivstationen steigt weiter ungebremst.

Florian Wagner, Chefarzt am Klinikum Kempten

"Warum müssen wir immer so lange drüber nachdenken und quasi die Inzidenzen weiter in die Höhe treiben lassen? Also momentan, wie träge die Politik unterwegs ist, ist einfach nur erschreckend."

Beitrag von Pune Djalilevand, Daniel Donath, Silvio Duwe, Anne Grandjean, Markus Pohl, Daniel Schmidthäussler und Ursel Sieber

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es fälschlicherweise „Bad Schandau, im Erzgebirge“. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, diesen zu entschuldigen.

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