1. Bundesliga, 1. BL Saison 2018/2019 HSV Hamburg Hamburger SV, Testspiel, Test, Freundschaftsspiel, Vorbereitungsspiel gegen FCB FC Bayern München Muenchen. Bild: augenklick/firo Sportphoto
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Fußball - Wie Kinder zu Profis gemacht werden sollen - und was dabei schieflaufen kann

Kürzlich brüstete sich der Fußballclub Arsenal London, einen Vierjährigen für den Verein gewonnen zu haben. Die Talente werden immer jünger und der Kampf um einen Platz bei den Top-Vereinen mitunter härter. Oft werden die Kinder aus der Schule und ihren Familien genommen, um in Sportinternaten für ihren Traum zu kämpfen. Mehrere Eltern ehemaliger Nachwuchstalente erheben nun Vorwürfe gegen den Fußball-Bundesligisten Union Berlin. Recherchen von Kontraste und Ippen Investigativ zeigen, dass der Verein 12-jährige Jungs in einer WG aufnahm und sie dort nicht immer altersgerecht versorgen konnte. Die Betreuung dort sei zeitweise "katastrophal" gewesen, sagen die Eltern – Union bezeichnet das als "unglaubwürdig". Eine neue Studie zeigt zudem: zu frühe Förderung schadet – den Kindern und dem Erfolg.

Anmoderation: Und von der harten Corona-Realität zu einem schönen Traum: Bundesligaprofi werden, - so wie er: Manuel Neuer. Aktueller Marktwert: rund 18 Millionen Euro - Top-Verein, Weltkarriere. Um das zu schaffen, hoffen viele Eltern und Kinder auf einen Platz im Bundesliga-Nachwuchskader. Und auch die Vereine suchen nach immer jüngeren Talenten. Ihr Ziel: den nächsten Neuer auf irgendeinem Bolzplatz finden - je früher, desto lukrativer. Chris Humbs, Daniel Laufer und Laurenz Schreiner haben gemeinsam mit den Kollegen von Ippen Investigativ Eltern getroffen, die ihre Kinder schon früh einem Bundesliga-Verein anvertrauten. Und enttäuscht wurden.

Gesang

"Eisern Union"

Der 1. FC Union Berlin. Ein Arbeiter-Club mit großer Tradition. 2019 steigt der Verein auf in die 1. Bundesliga. Als Underdog spielt er sich in die Herzen der Stadt. Nun gibt es heftige Vorwürfe gegen den Verein.

Es geht um die Kinder- und Jugendarbeit des Clubs. Das Nachwuchsleistungszentrum.

Gegenüber Kontraste und der Redaktion Ippen Investigativ gehen nun Eltern vor die Kamera – verdeckt. Sie wollen nicht, dass die Fußballkarriere Ihrer Kinder wegen der Kritik Schaden nimmt.

Der 1. FC Union sichtete junge Talente in Brandenburg und holte zwei 12jährige in die clubeigene Spieler-WG nach Berlin. Er war einer von ihnen, wir nennen ihn Paul.

Die Mutter vertraute dem Bundesligisten ihr Kind an, glaubte an das Versprechen des Clubs.

Mutter

"Es wird eine Rundumbetreuung vor Ort sein. Es wird für Essen, Trinken, Nachhilfe gesorgt sein, dass es sich nachher alles anders entwickelt hat. Es war enttäuschend."

Vater 2

"Die Kinder wurden morgens nicht geweckt. Katastrophe. Ich würde mein Kind nie wieder, nie wieder in solchem Alter in so eine Wohngemeinschaft schicken."

Drei Jahre kickte Paul zusammen mit seinem Freund beim Bundesligisten. Weil die Anfahrt zum Trainingsgelände für die Eltern zu weit war, erlaubten sie, dass ihr Sohn in einer WG in diesem Haus untergebracht wird. Sogar die Schule wurde für die Fußballkarriere gewechselt.

Am Wochenende schlief er meist zu Hause. Von Sonntagabend bis Freitagvormittag, so das Versprechen des Vereins, sollte es einen Betreuer in der WG geben. Doch der war wohl nicht immer da.

Sohn

" …manchmal mit 12 Jahren hatte ich dann ein bisschen Angst, sag ich mal, wen ich da alleine in der Wohnung war."

Mit der Betreuung klappte es offenbar nicht immer, das bekam auch der Vater des anderen Jungen mit.

Vater 2

"Der Anruf kam nach drei Tagen. Papa, wie funktioniert der Wasserkocher? Ich will mir wenigstens eine 5-Minuten-Terrine machen. Die Kinder standen selber vor der Tatsache, sie müssen abends nach dem Training um 19, 19:30 noch selber kochen, Hausaufgaben machen und waren natürlich völlig überfordert."

Das Fußballspielen in der Jugendabteilung bei Union lief offenbar nicht immer kindgerecht ab. Ganz vorne dagegen steht das Prinzip Leistung, so der Eindruck von Paul – er fühlte sich oftmals unter Druck gesetzt.

Sohn

"Da wirst du, sage ich mal, auch wenn du einen Fehler machst, nicht aufgebaut, sondern wirst so richtig niedergemacht."

Mehrfach kam es zu Zwischenfällen, berichten die Eltern. So ein Busunfall nach einem Auswärtsspiel.

Vater 2

"Die Kinder hatten einen Unfall, wo der eine Fahrer gegen die Leitplanke gerast ist."

Den Eltern wird vom Unfall erstmal nichts erzählt. Erst am folgenden Nachmittag werden sie per WhatsApp informiert. Wir bitten den Verein um ein Interview. Der lehnt ab, erklärt aber schriftlich zur späten Benachrichtigung der Eltern:

Zitat

"Die Spieler kamen erst sehr spät von dem Auswärtsspiel zurück. Der Schaden war daher erst bei Tageslicht erkennbar."

Zur Betreuung in der WG heißt es:

"Die alters- und sportgerechte Versorgung der Spieler durch den Verein war zu jeder Zeit sichergestellt … Die Bitten der Eltern nach einer Verbesserung der Verpflegung haben wir aufgenommen."

Union streitet ab, dass die Kinder allein gewesen seien. Insgesamt habe sich die Situation verbessert. Man habe zudem einen Nachhilfelehrer engagiert. Und eine Pädagogin, die zweimal die Woche für die Kinder kochte.

Der damalige Betreuer meint dagegen: Zeitweise sei die Unterbringung "nicht altersgerecht" gewesen.

Und: Union bot zumindest einem talentierten Kind auch Geld an, lockte mit Prämien.

Einen solchen Prämien-Vertrag hat er für seinen Sohn unterschrieben. Es ging um insgesamt 3.000 Euro, die über drei Jahre auf ein Sparkonto des Vereins flossen. Das Geld wurde aber von Union nie ausbezahlt – dank einer Klausel. Denn der Sohn flog vorzeitig aus dem Team.

Vater 2

"In meinen Augen ist es einfach ein Locken von anderen Vereinen weg. Und die wissen von vornherein, da gibt es doch eine Klausel, also bekommst du eh nichts."

Der Verein begründet den Rauswurf mit stagnierender Leistung – auch bei Paul. Der sagt, die genauen Gründe dafür kenne er nicht.

Sohn

"Also bis heute weiß ich auch nicht wirklich, warum ich rausgeflogen bin."

Mutter

"Man hat die Jungs darauf nicht vorbereitet oder nie darüber geredet."

Kontraste

"Gab es Tränen?"

Mutter

"Ja, ja. Es waren Wochen, wo man sich halt, wo er sich halt gefühlt hat: Ich habe komplett versagt. Keiner hat gesagt, woran hat es gelegen?"

Zum Rauswurf erklärt der Verein, es habe Gespräche gegeben – der Spieler habe frühzeitig folgenden Hinweis bekommen:

"…erfüllt die Weiterführungskriterien aktuell nicht."

Der Sportwissenschaftler Professor Arne Güllich forscht zum Thema Talentförderung. Für ihn ist ein solcher Umgang mit Kindern völlig indiskutabel:

Prof. Arne Güllich, Sportwissenschafler, Universität Kaiserslautern

"Diese Ausmusterung, das ist ein dramatischer Moment für die jungen Spieler, sei es im Kindes-, sei es im Jugendalter. Der Lebenstraum zerplatzt. Das ganze bisherige Leben gibt es nicht mehr. Die eigene Identität geht verloren. Die haben ein Gefühl der Hilflosigkeit, auch des Alleingelassenseins. Und das geht so weit, dass über 50 Prozent der ausgemusterten Spieler haben psychische Belastungen, die klinisch relevant sind."

Das zeigen die ausgewerteten Studien. Kinder als Ware - Union ist in Deutschland kein Einzelfall – das Thema betrifft die Nachwuchsleistungszentren in ganz Deutschland.

Auch Michael Franke hat so etwas erlebt. Er ist der Präsident des Sportvereins Gern in München. Scouts des FC Bayern München holten sich 6jährige aus seinem Team. Fünf kleine Kinder in einer Saison.

Michael Franke, Vorsitzender FT Gern / München

"Kleine Kinder mit 6, 7, 8, 9 Jahren zu scouten, ist für mich eine Perversion des Kinderfußballgedankens. Da werden Kinder aus dem Freundeskreis rausgerissen, kleine Kinder… das Ganze ist völlig absurd."

Letztlich nutzen die großen Vereine schon die Kleinsten als Werbeträger und um das eigene Image aufzupolieren. Bringen die Kleinen nicht die erhoffte Leistung, werden sie von Nachwuchsleistungszentren schnell fallengelassen.

Michael Franke, Vorsitzender FT Gern / München

"Die haben weniger das Thema die Ausbildung im Vordergrund, sondern eher, es ist eher Marketing Tool."

Professor Arne Güllich analysierte den Talentmarkt im Fußball in einer Publikation, wertete 57 Studien aus. Die Ergebnisse bezüglich der Leistungszentren werden nun erstmals veröffentlicht:

Prof. Arne Güllich, Sportwissenschafler, Universität Kaiserslautern

"Es spricht nichts dafür, dass eine frühere Selektion und frühere Förderung langfristig mit höheren Erfolgen einher gehen. Das Gegenteil ist der Fall. Frühzeitige Förderung korreliert negativ mit dem langfristigen Erfolg."

Je früher ein Spieler ins Leistungszentrum kommt, desto geringer sind seine Chancen. Von 1.000 Talenten dort, schafft es nur einer in die Bundesliga.

Erst ab dem Alter von 14 Jahren ergeben solche Leistungszentren Sinn. Erst dann kann man erkennen, wer wirklich die Fähigkeiten mitbringt für den Einsatz im Profifußball.

Beitrag von Chris Humbs, Daniel Laufer und Laurenz Schreiner

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