Erdogans langer Arm in Deutschland (Quelle: rbb)
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Erdogans langer Arm in Deutschland - Wie türkische Ditib-Moscheen Kinder für die Kriegshetze instrumentalisieren

Über 900 türkisch dominierte Moscheen in Deutschland unterstehen direkt Diyanet, dem Amt für Religion in Ankara. Seit die Türkei die kurdischen Grenzgebiete in Syrien okkupiert hat, wird in den Ditib-Moscheen offensiv für den Kriegseinsatz Propaganda gemacht. Kinder werden für Propagandazwecke missbraucht, spielen "heiliger Krieg" und preisen den Märtyrertod. Es wird unverhohlen auf islamististische Radikalisierungsmuster zurückgegriffen. Muss die Zusammenarbeit mit Ditib beendet werden? Ist der Verband bald ein Fall für den Verfassungsschutz?

Anmoderation:
Erinnern Sie sich an die Aufregung um die Wahlkampfauftritte türkischer Minister in Deutschland vergangenes Jahr? Seitdem sind solche Auftritte grundsätzlich verboten. Doch nun will sich der Präsident Erdogan im Juni vorzeitig wiederwählen lassen- und findet andere Kanäle, um Propaganda bei den hier lebenden Türken zu machen: Unsere Recherchen zeigen: unverhohlen wirbt Erdogan in zahlreichen Moscheen in Deutschland für seinen Krieg in Syrien. Sascha Adamek, Susanne Opalka und Hüseyin Topel zeigen, wie weit Erdogans langer Arm reicht und dass er inzwischen vor nichts mehr zurückzuschrecken scheint.

Die Türkei im Krieg. Präsident Recep Tayyip Erdogan ruft sein Volk zu den Waffen und schwört sogar kleine Kinder auf den Märtyrertod ein:

Recep Tayyip Erdogan, Präsident d. Türkischen Republik:
"Schau mal, was es da gibt. Hey Mädchen, was machst Du da?"

Sie hat die türkische Fahne in der Tasche. Wenn sie als Märtyrerin fällt, wird sie auch – so Gott will – damit zugedeckt. Sie ist zu allem bereit, nicht wahr?

Der türkische Präsident als oberster Feldherr. Für seine Kriegspropaganda ist ihm jedes Mittel recht.

Und das jetzt auch in Deutschland:
Unveröffentlichte Bilder aus einer türkischen Moschee in einem kleinen Ort in Baden-Württemberg: Kindersoldaten sterben für ihr Vaterland, bedeckt mit der türkischen Fahne, ein Spiel mit dem Tod, aufgeführt von deutschen Kindern türkischer Abstammung.

Propaganda mit System. Denn Erdogan hat über seine Religionsbehörde Diyanet direkten Zugriff auf 960 Moscheen ihres deutschen Ablegers DITIB. Sämtliche Imame sind türkische Staatsbeamte. Über sie versucht Erdogan, die 2,9 Millionen in Deutschland lebenden Wähler zu beeinflussen. Eine gezielte Strategie, sagt die Islamexpertin Susanne Schröter:

Prof. Susanne Schröter, Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam
"Erdogan nutzt DITIB in Deutschland um die türkei-stämmige Bevölkerung mit zur Unterstützung seines militärischen Abenteuers in Syrien zu gewinnen und diesen Krieg  als heiligen Krieg zu legitimieren und sein Projekt auch des militarisierten Islam auch in Deutschland auch fortzusetzen."
 
Dabei bedient sich Erdogan der wichtigen historischen Schlacht von Canakkale vor 103 Jahren, der traditionell schon immer von Türken in aller Welt gedacht wurde. Der Sieg über Briten und Franzosen. Tausende Soldaten starben, darunter viele Kindersoldaten.

Schon kurz nach dem Einmarsch in Syrien in diesem Januar wies Ankara zudem deutsche Moscheen an, die Gläubigen zur Geschlossenheit für den neuen Krieg aufzurufen.
So schreibt Erdogans Religionsattaché im Berliner Konsulat auf facebook - Zitat:

Zitat Religionsattaché:
"Damit die Operation erfolgreich ist, ist am morgigen Tag zum Morgens- und Mittagsgebet die Eroberungs-Sure zu lesen und an Bittgebeten nicht zu sparen:“

Eine klare Anweisung, der viele Imame gehorchten:

Castrop-Rauxel – Ruhrgebiet. In dieser Ditib-Moschee werden auch die ganz Kleinen auf den "heiligen Krieg" eingeschworen:

Jungs tragen vor – Zitat:
Die Helden geben ihr Leben, um die Heimat am Leben zu erhalten.

Mädchen singen Zitat:
Die Kugel, die dich getroffen hat, spüre ich in meinem Leib… Mein Märtyrer, schlaf ruhig!

Joachim Schaefer engagiert sich seit Jahren gegen Radikalisierung unter anderem mit seinem Videoprojekt Hessencam- auch gemeinsam mit Ditib-Mitgliedern. Doch seit dem Putsch in der Türkei, erzählt er, gehe man sich persönlich eher aus dem Weg.

Joachim Schaefer, Pastoralreferent Wetzlar
"Eigentlich habe ich mit DITIB sehr gut zusammengearbeitet. 2015 haben wir hier mit den Moscheegemeinden Flüchtlingsarbeit gemeinsam gemacht, ...wir haben Solingen Gedenktag hier im Dom gemeinsam gefeiert, haben Blumen hingelegt, um den Toten zu gedenken, den Opfern. Also von daher war DITIB immer für mich eine Freundschaftsadresse."

Um so entsetzter war Schäfer, als er im Internet mehr und mehr militaristische Videos aus Ditib-Moscheen entdeckte, in denen Kinder unter Flaggen begraben werden.

Joachim Schaefer, Pastoralreferent Wetzlar:
"Wie kann man zuschauen als Eltern, weil das ist das Zeichen der Beerdigung, also es ist wie ein Sarg. Also da ist die Grenze erreicht, ja. da beginnt es bei mir schon mit Missbrauch oder Gewalt, das ist nicht mehr jugendfrei."

Empört ist man auch im ostwestfälischen Herford. In der hiesigen Moschee traten Kinder in Uniformen mit Spielzeugwaffen auf. Der Bürgermeister lässt jetzt das Jugendamt rechtlich prüfen, ob hier eine Kindeswohlgefährdung vorliegt.

Tim Kähler SPD, Bürgermeister Herford
"Also der erste Gedanke war, ich habe gedacht, ich gucke nicht richtig. Weil alles, was man da sehen kann, widerspricht unseren Wertvorstellungen, widerspricht dem, wie wir Erziehung definieren, wie wir die Frage mit geschichtlichen Reflexion gegenüber Militarismus umgehen. Und das ist all das was gegen die Werte steht die wir haben."
 
Dass diese Propaganda die Kinder erreicht und verändert, hat die Herforder Sekundarstufenlehrerin Birgit Ebel im Unterricht erlebt.

Birgit Ebel, Lehrerin
"Da werden Kriegerpersönlichkeiten erzogen. Finde ich. Sie werden dazu erzogen, alles zu rechtfertigen, was von der Türkei kommt, was von Erdogan kommt und auch alles richtig zu finden. Und im Gleichschritt zu marschieren."

Wir versuchen in der Ditib-Moschee Herford herauszufinden, was Gläubige von der Kriegsaufführung halten. Kritik? Fehlanzeige.

Frage: Ganz Normal?

O-Ton:
Normal, nicht so schlimm…
Wie finden Sie das?
Machen Sie die Kamera aus....

 
O-Ton ÄLTERER HERR
Nein. Nein. Das ist ein Spiel. Kleine Kinder vier, fünf, sechs Jahre. Es ist nur so über vor 100 Jahren wir sind gucken so und so das ist alles. Mehr nicht.
 
Der Ditib-Landesverband NRW wiegelt schriftlich ab, spricht nur von "aktuellen Entgleisungen". Aber man finde auch, dass Kinder in Uniformen "schockieren".
Und der örtlicher Ditib-Vertreter versucht, die Wogen erstmal zu glätten:  

N. Aydin, DITIB Herford
"Das findet auf jeden Fall nicht unsere Zustimmung. Also wir sind selber empört als Vorstand. Und wir werden halt daran arbeiten. Und wir tragen auch Sorge dafür dass sich so etwas nicht wiederholt."

Gab es eine Anweisung vom Religionsattaché?

Auf gar keinen Fall. Es war lediglich nur Eltern von unserer Gemeinde.

Netter Versuch einer Ausrede. Tatsächlich feierten zahlreiche Ditib-Vereine in Deutschland die große Schlacht von Canakkale: Unveröffentlichte Bilder, aus dieser Ditib-Moschee in Baden-Württemberg, im Saarland, oder Nordrhein-Westfalen und in vielen anderen Moscheen sprechen gegen einen zufälligen Einfall von Eltern. Immer die gleiche Szenerie.

Minderjährige werden auch in dieser Duisburger Moschee gedrillt.

Der türkische Generalkonsul hatte Ditib und andere türkische Vereine  zum diesjährigen Canakkale-Gedentag ausdrücklich auf die Erdogan-Doktrin eingeschworen.

Mustafa Çelik, Generalkonsul der Türkischen Republik
"Sie wissen, das türkische Volk schreckt nicht davor zurück, Märtyrer zu stellen. Und die Anzahl unserer Märtyrer bleibt stets deutlich unter den Verlusten, die wir unseren Gegnern zufügen. Das war schon immer so und so sehen wir es auch heute."

Erdogan nutzt die Religion zur Propaganda. Für die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter muss der Staat deshalb den Verband Ditib dringend neu bewerten:

Prof. Susanne Schröter, Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam
"DITIB ist ganz eindeutlich ein Instrument Erdogans geworden, ein Instrument eines totalitären Islam, eines politischen Islam und darf, wenn da keine fundamentalen Änderungen erfolgen nicht mehr Partner der Politik sein."

Zuständig ist Bundesinnenminister Horst Seehofer, der sonst jede Gelegenheit wahrnimmt, den Islam zu kritisieren. Beim  Ditib-Skandal, der seit Wochen auch seine Sicherheitsbehörden beschäftigt, bleibt er erstaunlich wortkarg.

Frage: "Wie bewerten Sie die Kriegsspielen von Kindern in Ditib-Moscheen in Deutschland."

Horst Seehofer (CSU), Bundesinnenminister
"Ich bin da sehr,sehr kritisch gegenüber eingestellt."

Frage: "Haben Sie die türkischen Partner angefragt?"

Seehofer: "Dazu sage ich öffentlich nichts, welche Maßnahmen wir sicherheitspolitisch treffen."

In Herford duckt sich die Politik nicht weg und stellt sich der Realität. Der Bürgermeister glaubt:

Tim Kähler (SPD), Bürgermeister Herford
"dass damit ja die Frage wie sind wir eigentlich integriert, wie gehen wir als Gesellschaft miteinander um, von vorne gefragt werden muss. Eigentlich fangen wir bei Null an bei dieser Frage, wenn ich so etwas sehe."

Es geht um Hunderttausende Kinder und Jugendliche, deutsche Staatsbürger.   
 
Beitrag von Sascha Adamek, Susanne Opalka und Hüseyin Topel

Abmoderation: Der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen hat uns am Abend mitgeteilt, man fürchte, dass die "türkisch-nationalistischen Aktivitäten von Ditib den inneren Frieden beeinträchtigen können".

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