US-Soldaten sichern den Flughafen in Kabul. Bild: US MARINES/X80025
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- Afghanistan – Die Geschichte eines Verrats

Menschen, die sich an Flugzeuge klammern, um ihr Leben rennen, aus Todesangst – diese Bilder sind zum Symbol des Versagens des Westens geworden. Und klar ist schon jetzt: Viele Afghanen werden es nicht mehr in ein Flugzeug schaffen; sie werden den Taliban schutzlos ausgeliefert sein. Was nach 9/11 mit Schröders „uneingeschränkter Solidarität“ und einem Nato-Einsatz begann, endet 20 Jahre später in einer humanitären Katastrophe. Ausgelöst auch durch einseitiges Handeln der USA, einen afghanischen Präsidenten, der sein Volk im Stich ließ und eine Bundesregierung, die entscheidende Fehler gemacht hat und die lokalen Helfer der Bundeswehr im Stich lässt.

Anmoderation: Das Bild das die westliche Allianz an diesem Tag in Afghanistan bietet ist eindeutig: Wir gehen. Die Taliban bleiben. Was vor zwanzig Jahren mit dem 11. September und den Luftangriffen auf die Taliban begonnen hatte, endete heute im tödlichen Chaos. Der Flughafen war die letzte Rettungsinsel der Bevölkerung, ein paar tausend Quadratmeter, die nicht unter die Kontrolle der Taliban fielen, er bot die letzte Chance auf Rettung. Und auch das ist seit heute erstmal vorbei. Die Retter, die zu wenig, zu spät getan haben, sie lassen ein Land zurück, das verraten wurde. Und zwar mehrfach. Daniel Donath, Cosima Gill und Daniel Laufer.

Tausende Menschen im Gedränge vor dem Flughafen Kabul. Am Flughafen Kabul wird das Scheitern der westlichen Afghanistan-Politik offensichtlich. Verzweifelt versuchen sich die Afghanen in Sicherheit zu bringen. 

Vergangene Woche. Die Taliban patrouillieren durch die Straßen der Hauptstadt. Und das nach 20 Jahren NATO-Einsatz. Es sind Bilder, die belegen: Der Westen lässt die Afghanen im Stich.  

Hans-Peter Bartels (SPD), ehem. Wehrbeauftrager

„So darf man nicht aus einem Land gehen, wo man Erwartungen geweckt hat, wo man Hoffnungen geweckt hat, in das man so viel investiert hat, dass auch Menschen gestorben sind“ 

Er wurde im Stich gelassen. Najib, sieben Jahre hat er in einem Bundeswehr-Camp in Afghanistan gearbeitet. Zu seinem Schutz haben wir seinen Namen geändert: Seit zwei Wochen sind wir mit ihm in Kontakt. Er hat uns ein Videotagebuch seiner Flucht geschickt.

Najib, Name geändert

„Die Taliban gehen von Haus zu Haus und fragen, wer mit ausländischen Kräften zusammengearbeitet hat.“  

Währenddessen in Berlin: Najibs Bruder Amir. Auch er hat mit der Bundeswehr gearbeitet und ist vor sieben Jahren vor den Taliban geflohen. Er sorgt sich um seinen Bruder.

Amir, Name geändert

"Wenn sie einfach den Mitarbeiter oder afghanische Soldaten erwischen, bringen sie sofort um.“  

Diese Bilder schickt uns Najib Ende letzter Woche. Mit seiner Familie flieht er zunächst nach Kabul. Auf dem Weg werden sie immer wieder von den Taliban kontrolliert. Dass Najib fliehen muss ist das Ergebnis einer Geschichte des Verrats – aber sie beginnt mit Solidarität – 20 Jahre zuvor.

11 September 2001: Anschläge auf das World Trade Center in New York. Der Westen vereint im Kampf gegen den Terror.

Gerhard Schröder (SPD), Bundeskanzler 1998-2005

„Ich habe dem amerikanischen Präsidenten George Bush die uneingeschränkte Solidarität Deutschlands zugesichert.“

Zum ersten Mal wird ein Nato-Bündnisfall ausgerufen. Gemeinsam mit den USA ziehen die NATO-Staaten in einen teuren und verlustreichen Krieg gegen den Terror – auch Deutschland.

Ein Kriegseinsatz der sich zwei Jahrzehnte hinziehen wird.

Was als Krieg gegen den Terror beginnt, begründet der damalige Außenminister Steinmeier später auch mit dem Kampf für Demokratie und Menschenrechte.

Steinmeier (SPD), ehem. Außenminister: „Wir haben gleichzeitig das Versprechen abgegeben, dass wir Afghanistan und dem afghanischen Volk – ein Volk, das von 30 Jahren Krieg und Bürgerkrieg geschunden ist – einen zivilen Wiederaufbau ermöglichen wollen.“

Ein moderner Staat, Menschenrechte: Es sind Ideale, die die Bundesregierung später aufgibt. 

Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Verteidigungsministerin

“Ganz sicherlich müssen wir kritisch hinterfragen, ob das, was wir uns an politischen Zielen gesetzt haben, an Nation-Building gesetzt haben. Ob das wirklich nachhaltig erhalten werden kann.“

Schuld daran ist auch Donald Trump. Denn er hat 2020 mit der Führung der Taliban in Doha ein Friedensabkommen aushandeln lassen, mit dem er den Abzug nicht nur der amerikanischen Truppen garantiert.

Zitat Doha-Abkommen: „The United States, its allies, and the Coalition will complete withdrawal of all remaining forces from Afghanistan.”  

Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten werden den Abzug aller übrig geblieben Truppen abschließen...

Auch deutsche Soldaten sollen also nach fast Jahren 20 Jahren das Land verlassen. Welche Rolle hat die Bundesregierung bei diesem Abkommen gespielt? Noch am selben Tag verschickt das Auswärtige Amt eine Stellungnahme.  

Zitat Auswärtiges Amt (29.2.20): „Die jüngsten Entwicklungen in Kabul und Doha sind ein Hoffnungszeichen. Sie eröffnen eine lang ersehnte Chance auf einen Friedensprozess in Afghanistan.“  

Aber Waren Vertreter der Bundesregierung überhaupt an der Ausarbeitung des Abkommens beteiligt? Diese Frage beantwortet uns das Auswärtige Amt nicht. Stattdessen heißt es, man sei über den „grundsätzlichen Inhalt“ des Abkommens informiert worden.  

Zitat Auswärtiges Amt: „Die finale Version des Abkommens wurde der Bundesregierung erst unmittelbar vor der Unterzeichnung zur Kenntnis gebracht.“  

Die USA verhandelten also mit den Taliban auch den Abzug ihrer Verbündeten – und die Bundesregierung schaut nur zu. Der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung sieht ein grundsätzliches Problem.

Franz Josef Jung (CDU), ehem. Verteidigungsminister

"… dass die Taliban nicht generell der Gewalt abgeschwört haben. Das war aus meiner Sicht der Grundfehler des Deals."

Der langjährige Wehrbeauftragter des Bundestages Hans Peter Bartels hätte sich ein stärkeres Engagement Deutschlands gewünscht.

Hans-Peter Bartels (SPD), ehem. Wehrbeauftragter

"Natürlich hätte Deutschland, hätten andere Nato-Mitglieder zu einem früheren Zeitpunkt sagen müssen Der bedingungslose Abzug der NATO kommt nicht in Frage.“

Mehr als ein Jahr später zieht die NATO nach: Die Verbündeten beschließen den Rückzug ihrer Truppen. Der Alleingang der USA, zeugt von dem Kräfteverhältnis innerhalb der NATO, erklärt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler.

Prof. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler

"Weil nur die Amerikaner die Fähigkeit haben, die Präsenz der NATO in Afghanistan aufrechtzuerhalten. Insofern war das gewissermaßen die Kehrseite der Entscheidung, dorthin zu gehen, war es auch eine amerikanische Entscheidung, rauszugehen. Und die Verbündeten sind halt mitgegangen. Das muss den Verbündeten zu denken geben, nicht? Dass sie in dieser Weise abhängig sind von den USA."

Zurück in Berlin bei Amir. Er erzählt uns, wie sein Bruder auf der Flucht in die Straßensperren der Taliban geraten ist.  

Amir

"Wenn man von den Taliban gefragt wird, dann denkt man sofort an Tod, dann denkt man, dass das die Taliban umbringen."

Najib schafft es nach Kabul – versteckt sich mit seiner Frau und Kindern in einer Unterkunft. Doch Ihm geht das Geld aus – die Überweisungen seines Bruders kommen nicht mehr an.

Er versucht an den Kabuler Flughafen zu gelangen, doch er kommt nicht durch. Dort spielen sich diese Szenen ab, ein Video, das im Netz kursiert. Vor einer Woche telefonieren wir mit Najib in Kabul. Sein Bruder übersetzt für uns das Gespräch.

Antwort

„Er sagt, man hört immer noch diese Geräusche, dass die Taliban schießen.“

Kontraste

„Im Moment gerade?“

Antwort

„Ja im Moment in Kabul, ja.“

Der Siegeszug der Taliban: die Folge eines Verrats. Diesmal verrät die afghanische Regierung allen voran der Präsident, Ashraf Ghani, sein eigenes Volk, obwohl er ihm Sicherheit versprochen hatte:

Ashraf Ghani, Präsident Afghanistan

„Of course, there will be scepticism. Four years ago, a lot of journalists wrote that Afghanistan would collapse today. We have not collapsed and we are not going to.“  

“Natürlich wird es Skeptiker geben. Vor vier Jahren schrieben viele Journalisten, dass Afghanistan heute zusammenbrechen würde. Wir sind nicht zusammengebrochen und werden es auch nicht tun.”

Als die Taliban Kabul einnehmen, ist der Präsident einer der ersten, die das Land verlassen. Die Islamisten besetzen den Präsidenten-Palast.

Ahmad Massoud will die Herrschaft der Taliban nicht hinnehmen. Er ist Sohn des legendären Ahmad Shah Massoud. Der schon in den 90er Jahren gegen die Taliban kämpfte und den die Al-Qaida ermordete.

Wir schaffen es mit dem jungen Massoud am vergangenen Sonntag per Sprachnachrichten in Kontakt zu treten, kurz nachdem die Taliban bekanntgeben, das Pandschir-Tal angreifen zu wollen – eine der größten Rebellenbastionen.

Ahmad Massoud, Kommandeur

“Insbesondere die Deutschen haben ein Interesse daran, denn im Moment fliehen viele aus diesem Land. Es sind Millionen, die aus Afghanistan über die Landesgrenzen nach Iran, nach Pakistan und in andere Gebiete fliehen werden. Und sie sind auf dem Weg in den Westen und nach Europa.“

Er fordert uns gegenüber Unterstützung seines Widerstands im Kampf gegen die Taliban. Unter den vielen Flüchtlingen sind auch Menschen, die jahrelang zusammen mit den Deutschen in Afghanistan gearbeitet haben und jetzt deshalb um ihr Leben fürchten müssen. Und das, obwohl die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer noch im Juni großzügige Versprechen machte:

Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Verteidigungsministerin

"Alle die, die seit 2013 für die Bundeswehr gearbeitet haben oder für die Bundespolizei, alle, die haben die Möglichkeit, nach Deutschland zu kommen.”

Das - ist bislang nicht gelungen. Auch, weil Menschen wie Amirs Bruder, die mit der Bundeswehr zusammengearbeitet haben, lange Zeit nicht geholfen wurde. Als er Anfang August die deutsche Botschaft um Hilfe bittet, wird ihm abgesagt. Er sei nicht berechtigt, weil er nicht direkt bei der Bundeswehr angestellt war. Amir zeigt uns Najibs Vertrag samt dem Stempel der Bundeswehr, in deren Camp er sieben Jahre lang einen Laden betrieben hat.

Amir

„Ich muss Ihnen nochmal sagen, das macht überhaupt keinen Unterschied, ob man da als Übersetzer arbeitet oder als Schneider. Das reicht schon, wenn man jeden Tag rein und rausgeht.“

Warum darf sein Bruder nicht nach Deutschland einreisen? Das Auswärtige Amt sagt, es sei nicht zuständig. Schließlich werden wir zwischen Verteidigungs- und Innenministerium hin und her verwiesen. Gestern dann fragen wir die Beteiligten in der Bundespressekonferenz:

Steve Alter, Sprecher Bundesinnenministerium

„Wenn sie anschauen, wie viele Leute schon ausgeflogen wurden, dann können Sie ja sehen, dass wir das nicht nur auf die Ortskräfte mit unmittelbarem Vertragsverhältnis beschränken. Also insofern ist diese Frage, die sie stellen, berechtigt. Aber ich kann auch versichern, jedenfalls das, was die Bundesregierung tut, beschränkt sich nicht ausschließlich auf diejenigen, die ein unmittelbares Vertragsverhältnis hatte.“

Möglicherweise hätte Najib doch ausgeflogen werden können, doch nach dem Selbstmordattentat heute am Kabuler Flughafen ist die Bundeswehr, auf die er so gehofft hat, nun raus aus Afghanistan.

Najib

„Wir flehen die deutsche Regierung an, uns aus dieser schrecklichen Situation zu retten. Auf der einen Seite die Taliban, auf der anderen Seite Anschläge. Bitte helfen Sie uns!“

Abmoderation: Menschen, die die Hoffnung auf Rettung verloren haben. Und heute eine Bundeskanzlerin, die ihnen neue Hoffnungen machte: Es ist ein Satz, an dem sie sich in Zukunft messen lassen muss. Und an den wir sie zur Not auch gern nochmal erinnern werden.

Beitrag von Daniel Donath, Cosima Gill und Daniel Laufer

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