Massiver Erdrutsch im Stadtteil Blessem in Erftstadt. Bild: Christoph Reichwein/www.imago-images.de
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- Klimaschutz sofort – aber wie?

Wie könnte die nächste Bundesregierung möglichst schnell möglichst viel Treibhausgase einsparen? Kontraste liegen dazu exklusiv konkrete Vorschläge von Experten vor, doch auch die könnten nicht ausreichend sein. Denn wie dramatisch der Handlungsbedarf in Deutschland beim Klimaschutz tatsächlich ist, das zeigen Berechnungen des Sachverständigenrats für Umweltfragen: Das Budget an CO2-Äquivalenten, das Deutschland noch zur Verfügung steht ist in Wahrheit viel kleiner, als von der Bundesregierung angenommen. Angesichts dessen stellt sich nun die Frage: sollte man die Atomkraftwerke noch einige wenige Jahre länger laufen lassen, um sich so Zeit für den Ausbau der Erneuerbaren Energien zu kaufen?

Anmoderation: Dieser Sommer brachte eine Katastrophe mit sich: Starkregen vor genau einem Monat. Die Flut, die alles mit sich riss und 220 Menschen tötete. Das war, so hat es gerade eine  internationale Forschergruppe ausgewertet, mit hoher Sicherheit eine Folge des Klimawandels, also: unserer Art zu leben. Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas bei uns passiert steigt nach dieser Studie um das bis zu neunfache an. Und sie steigt weiter, wenn wir nichts unternehmen. Momentan unternehmen wir viel zu wenig. Dabei gäbe es eine einfache, naheliegende Lösung, die Co2 spart und Kohlekraft ersetzen könnte. Chris Humbs weist uns den Weg zum Notausgang.

Die Erde hat sich bereits um 1,1 Grad erwärmt. Viel schneller als erwartet. Es wird ungemütlich auf unserem Planeten. Und dennoch – Deutschland steigert seinen CO2-Austoß!

Patrick Graichen, Agora Energiewende

„Wir werden 2021 einen deutlichen Anstieg unserer Treibhausgasemissionen haben. Unsere Prognose ist 50 Millionen Tonnen mehr. Das ist der größte Anstieg seit 1990.“

Mehr CO2, statt weniger. Das ist der eine Teil der Wahrheit. Der andere ist, dass der offizielle Reduktionspfad der Bundesregierung grundsätzlich und massiv dem 1,5-Grad-Ziel vom Pariser Abkommen widerspricht. Das zeigen unsere Berechnungen und die des Sachverständigenrats für Umweltfragen. Prof. Lucht ist Klimaexperte, berät die Bundesregierung und hat nachgerechnet.

Prof. Wolfgang Lucht, Sachverständigenrat für Umweltfragen

„Wenn man sich den Reduktionspfad ansieht und ausrechnet, wie viel jedes Jahr emittiert wird und diese Emissionen aufaddiert, dann kommt eine gesamte Emissionsmenge heraus, die deutlich über dem liegt, was man für einen 1,5 Grad Pfad bräuchte…“

Kontraste

„Das heißt, wir planen, viel mehr zu emittieren, als uns, wenn man das Weltbudget anguckt, zusteht?

Prof. Wolfgang Lucht, Sachverständigenrat für Umweltfragen

„Ja, so ist das,“

Man weiß heute, wie sich eine gewisse Menge an CO2, also ein gewisses Weltbudget an zusätzlichen Emissionen in der Atmosphäre auswirkt. Kleines Budget, wenig Erderwärmung, großes Budget, starke Erderwärmung.

So beträgt das Weltbudget 400 Gigatonnen CO2 für das 1,5 Grad-Ziel. Das nationale Budget berechnet sich nach der Einwohnerzahl. Jeder Mensch auf der Welt bekommt den gleichen Anteil. So gilt laut Pariser Abkommen das „Prinzip gemeinsamer, aber differenzierter Verantwortlichkeiten“

Soll heißen, Staaten, die in der Vergangenheit pro Kopf besonders viel emittiert haben, sollten ihr Budget zusätzlich kleinrechnen. Zu den historisch schlimmsten Klimasündern gehört auch Deutschland. Auf all das geht die Bundesregierung aber nicht ein.

Im Gegenteil: Wir erlauben uns viel zu hohe Emissionen. Konservativ gerechnet dürfen wir tatsächlich nur noch die Hälfte von dem ausstoßen, was wir planen. Nur bei der Hälfte könnten wir das 1,5 Grad-Ziel erreichen. Tatsächlich sind wir laut Plan und Prognosen auf Kurs über 2 Grad.

Deutschland bricht also bewusst das einst umjubelte Pariser Abkommen. In den Erklärungen hört sich das ganz anders an:

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

„Der Maßstab für unser Handeln muss das Pariser Abkommen sein, das den Rahmen setzt, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken.“

Prof. Wolfgang Lucht, Sachverständigenrat für Umweltfragen

„In Deutschland herrscht ja so ein bisschen oft der Eindruck, dass wir eigentlich Vorreiter im Klima und Umweltschutz sind und dass es ja auch nichts nützt, wenn wir jetzt so toll sind und die ganzen anderen nichts machen. Aber so ist es gar nicht. Wir sind schon lange kein Vorreiter mehr.“

Wir fragen nach beim zuständigen Bundesumweltministerium. Ein Interview will man uns nicht geben. Schriftlich wird uns erklärt, dass das Prinzip Anteil des Weltbudgets "allzu rigide Zielvorgaben" zur Folge hätte. Deswegen habe die Bundesregierung ein solches in ihren Plänen nicht berücksichtigt.

Es klingt nach einem Offenbarungseid. Die Regierung bekommt die Treibhausgase nicht in den Griff.

Patrick Graichen, Agora Energiewende

“Angesichts dieser Zahlen ist klar: Unmittelbar nach der Bundesregierung muss ein Klimaschutz-Paket kommen, das es so noch nie gegeben hat und worum es jetzt wirklich geht, ist, dass die Politik auch den Menschen reinen Wein einschenkt.“

Agora Energiewende, Denkfabrik und einer der wichtigsten Akteure im Bereich Klimaschutz, hat nun einen 100-Tage-Plan entwickelt. Kontraste erhielt erste Einblicke.

Gefordert werden:

Ein Tempolimit. Das geht schnell und kostet nichts. Bringt aber nur wenig. Ein massiver Ausbau der Erneuerbaren: Windenergie und Solar. Lange erwünscht, aber immer wieder ausgebremst. Wesentliche Einsparung brächte ein deutlich früherer Kohleausstieg. Der Widerstand ist aber enorm.

Bereits vor der Veröffentlichung des Agora-Einsparplans, hält der Unions-Kanzlerkandidat im ZDF-Sommerinterview dagegen:

Armin Laschet, CDU-Kanzlerkandiat

„Politik muss verlässlich sein. Man kann nicht letztes … letztes Jahr es ist dieses, 2038, und dann fängt man wieder mit neuen Daten an. Deshalb sollten wir beim Zeitplan bleiben.“

Und auch der Kanzlerkandidat der SPD weigert sich, den Ausstieg aus der Kohle vor 2038 festzuschreiben.

Olaf Scholz, SPD-Kanzlerkandidat

„Ich finde, diese Vereinbarung muss eingehalten werden.“

Beide verweisen auf den Passus im Kohleausstiegsgesetz, dass man auch früher aussteigen könne, wenn alles passt.

Wesentlich ist dabei das Argument der Netzstabilität. Denn die Erneuerbaren allein haben zu große Schwankungen, liefern nicht kontinuierlich Strom.

Zudem: Der Atomausstieg läuft zeitgleich zum Kohleausstieg. Beide Kraftwerkstypen - Kohle und Atom - stabilisieren das Netz. Ohne ausreichend Kohle- oder Atom-Meiler drohen Blackouts.

Es gibt Vorschläge, wie man das ohne Kohle und Atom hinbekommt:

Patrick Graichen, Agora Energiewende

„Wenn der Wind weht und die Sonne scheint, dann machen das die Erneuerbaren. Und wenn das gerade nicht der Fall ist, dann springen Batterien, dann springen Gaskraftwerke ein.“

Aber auch Gaskraftwerke stoßen große Mengen an CO2 aus. Will man CO2 radikal reduzieren, bleiben als Alternative die Batterien.

Bei Überproduktion können Batterien die Energie speichern und bei Bedarf wieder ins Netz einspeisen. Aber die Produktion wird jetzt erst hochgefahren. Bis genügend produziert und installiert sind, vergehen noch einige Jahre. Vor 2025 werden die Fabriken wohl nicht die benötigten Masse an Batterien auf den Weltmarkt bringen.

Es wird also eng, wenn man schnell auf die viele Kohlekraftwerke verzichten will.

Denn die drei Reaktoren werden bereits Ende 2021 abgeschaltet. Die anderen Ende 2022. Kohle wird sogar einen großen Teil der Reaktoren ersetzen müssen. Da Atomkraftwerke nur Wasserdampf produzieren und so gut wie kein CO2, stellt sich die Frage, warum man die restlichen sechs Atomkraftwerke in Deutschland nicht länger laufen lässt, aus Klimaschutzgründen, vielleicht bis 2025.

Mit einer Laufzeitverlängerung bis 2025 würde man die notwendige Zeit gewinnen, um die Batterieproduktion für die Erneuerbaren massiv auszubauen.

Auf Usedom im Ferienhaus treffen wir einen, der mit den deutschen Atommeilern bestens vertraut ist. Der Physiker arbeitete für Atomkonzerne wie Siemens oder Areva. Er machte Wirtschaftlichkeitsberechnungen und Risikobewertungen und ist Mitglied der Reaktorsicherheitskommission.

Kontraste

„Wäre es technisch möglich, diese sechs Kernkraftwerke ein paar Jahre länger laufen zu lassen?

Ulrich Waas, Atomkraftexperte

„Also technisch ist der Weiterbetrieb möglich. Man muss sich um die Wartung, Instandhaltung austauschen und Komponenten kümmern. Was jetzt zum Beispiel die Brennelemente betrifft oder das Uran dafür, das wäre ein sehr kleiner Bruchteil von dem Weltmarkt, also den so weit aufzustocken, das wäre sicher nicht das Problem.“

Zurzeit liefern die Atomkraftwerke etwa 12 Prozent des benötigten Stroms. Das ist etwa die Hälfte dessen, was durch Kohle produziert wird. Und die Kohleverstromung ist zurzeit für etwa 30 Prozent des CO2-Ausstoßes in Deutschland verantwortlich. Würden man Kernkraftwerke weiterlaufen lassen, könnte man bis Ende 2025 bereits die Hälfte der Kohlekraftwerke abschalten.

Eine Besonderheit der sechs AKW kommt hinzu: Sie sind innerhalb von Minuten regelbar.

Ulrich Waas, Atomkraftexperte

„Das ist, was gut funktioniert, dass bei Anstieg der Stromerzeugung zum Beispiel aus Wind oder Sonne dann ein Kernkraftwerk in der Leistung runterfährt und wenn es umgekehrt geht, mit der Leistung hochfährt.“

Atomkraftwerke ergänzen also die Erneuerbaren passgenau. Dennoch soll das sehr bald mit den restlichen Meilern geschehen. Jetzt, solange sie noch stehen, wäre die letzte Chance, alle Für und Wider abzuwägen – unideologisch. Die Debatte ist eröffnet.

Beitrag von Chris Humbs

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