Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Bild: Kay Nietfeld/dpa
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- Warum wir schnell die ganze Welt impfen sollten

Wann hat der Corona-Albtraum endlich ein Ende? Das hängt auch davon ab, wie schnell wir es schaffen, die gesamte Welt zu impfen. Nur zehn Länder haben sich drei Viertel aller bislang produzierten Impfstoffe gesichert, zum Teil werden dort bereits Drittimpfungen, sogenannte Booster-Shots, durchgeführt. Von einem moralischen Versagen der reichen Länder in der Corona-Pandemie spricht die Weltgesundheitsorganisation WHO, denn im globalen Süden hat die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung bislang keinen Zugang zu Impfstoffen. Dort müsste nun schnell geholfen werden – nicht nur aus moralischen Gründen, vielmehr ist es in unserem eigenen Interesse, denn neue Mutationen könnten den Corona-Albtraum endlos verlängern. Die Bundesregierung aber ist nach Kontraste-Recherchen derzeit dabei, einen gewaltigen Impfstoff-Vorrat anzulegen, statt die dringend benötigten Dosen schnell weiterzugeben.

Anmoderation: Ehrlich: Langsam reicht's. Dauer-Ausnahmezustand. Dauer-Abstandhalten, Dauer-Masketragen ... Wann nochmal ist das eigentlich vorbei? Die Antwort der Politikschaffenden auf diese Frage war immer: Vorbei ist es, wenn genug Impfstoff da ist. Den haben wir inzwischen. Auch die Impfquote steigt. Nur so zögerlich die Politik einst bei der Impfstoffbeschaffung war. So geizig benimmt sie sich jetzt, wo uns das Zeug in Massen zur Verfügung steht: Das Bundesgesundheitsministerium will sogar Millionen Dosen horten. Für die dritte „Booster“-Impfung vorsorgen. So läuft die Pandemie auch dank unserer Knausrigkeit anderswo nahezu ungebremst weiter. Und das kann auch für uns noch sehr gefährlich werden wie Sascha Adamek, Markus Pohl und Ursel Sieber zeigen.

Das Krankenhaus von Machakos nahe der kenianischen Hauptstadt Nairobi ist voll ausgelastet. Wir filmen dort vor zwei Tagen. Das Land steckt mitten in der vierten Corona-Welle, viele Patienten benötigen Sauerstoff.

Beryl Negesa, Pflegedienstleiterin Machakos Hospital

„Etwa 75 Prozent der Leute kommen mit Atemnot oder Atemwegserkrankungen in die Not-Aufnahme und sind positiv mit Covid-19.“

Das Virus hat hier leichtes Spiel. Weniger als drei Prozent der Menschen in Kenia sind vollständig geimpft. Vor dem Krankenhaus an diesem Tag eine der wenigen Impfaktionen, die Mittel sind hier Mangelware.

Beryl Negesa Pflegedienstleitung

„Die meisten Impfstoffe stammen hier aus Spenden westlicher Industriestaaten und werden zentral verteilt. Aber im Moment haben wir einfach noch nicht genügend Impfstoff.“

Im bayerischen Pfaffenhofen ist es genau umgekehrt. Impfstoff gäbe es hier mehr als genug, nur die Impflinge fehlen. Der Ärztliche Leiter des Impfzentrums freut sich über jeden einzelnen.

„Ganz toll, dass sie sich impfen lassen. Und meine Bitte wäre, dass sie ihren Freundeskreis auch motivieren, weil wir brauchen jetzt Impfungen, um die Pandemie zu bekämpfen.“

Vor allem Astra Zeneca wird der Impfarzt nicht mehr los. Weil sich das Vakzin immer mehr anhäufte und bald zu verfallen drohte, startete Peter Korzinek eine Initiative. Über persönliche Kontakte wollte er Astra Zeneca nach Namibia bringen lassen.

Peter Korzinek, Ärztlicher Leiter Impfzentrum Pfaffenhofen

„Der Plan war, dass wir dann da so ein Paket von 30-, 40-, meinetwegen auch 50-tausend, das lässt sich nicht genau sagen, wahrscheinlich wäre es in der Größenordnung gewesen, dann nach Namibia geschickt hätten und dort auch eventuell die Verimpfung organisiert hätten. Also wir hätten so fünf, sechs Leute gehabt, die wären sofort mitgeflogen.“

Doch daraus wurde nichts. Denn das Bundesgesundheitsministerium hat Korzinek und anderen Impfärzten Spenden strikt untersagt. In einem Schreiben an die Länder, das Kontraste vorliegt, heißt es, Spenden bedürften der Zustimmung der Hersteller. Ohnehin sei zur Weitergabe „allein der Bund aus den Verträgen mit den Impfstoffherstellern berechtigt“.

Vieles wird nun weggeschmissen. Vor allem der überschüssige Impfstoff bei Haus- und Betriebsärzten.

In den Impfzentren ließ der Bund wenigstens Dosen einsammeln, die noch mindestens zwei Monate haltbar sind. Insgesamt 2,6 Millionen.

Auch in Pfaffenhofen wurde Astra Zeneca bis auf einen kleinen Restbestand abgeholt. Was mit dem Impfstoff nun passiert – da kann Peter Korzinek nur hoffen.

Peter Korzinek, Ärztlicher Leiter Impfzentrum Pfaffenhofen

„Es geht immer darum, dass man nichts wegschmeißen muss und dass man das, was wir nicht verimpfen können, weitergeben. Und das muss gewährleistet sein. Und das erwarten wir auch von der Politik.“

Der Bund aber will die Dosen nur weitergeben, wenn er für sie nicht länger haften muss. Das Auswärtige Amt verhandelt deshalb derzeit mit Herstellern und möglichen Empfängerländern. Und währenddessen rückt das Verfallsdatum der eingesammelten Impfstoffe immer näher. Eine Verzögerung, für die der Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen kein Verständnis hat.

Janosch Dahmen (Bündnis 90/Die Grünen), Bundestagsabgeordneter

„Da gabs doch anderthalb Jahre oder zumindest jetzt ein Dreivierteljahr, in dem man sich hätte darum kümmern können, diese Verträge anzupassen. Weil es war klar, dass der Punkt kommen wird, wo wir mehr Impfstoffe als Impflinge haben, völlig unbenommen der Impfbereitschaft, weil wir viel mehr Impfstoff bestellt haben, als letztlich hier gebraucht wird.“

Dringend gebraucht würde er in den ärmsten Ländern. Eigentlich sollte das von der WHO mitgegründete Covax-Programm diese mit Impfstoff versorgen. Doch bislang konnte Covax weltweit erst 215 Millionen Dosen ausliefern. Der Hauptgrund: Noch bevor die ersten Impfstoffe zugelassen waren, hatten die Industriestaaten den Markt schon weitgehend leergekauft.

Die Folge: Während viele wohlhabende Nationen mittlerweile mehr als die Hälfte ihrer Bevölkerung vollständig geimpft haben, sind es in weiten Teilen des globalen Südens weniger als ein Zehntel. Besonders düster: die Lage in Afrika mit einer durchschnittlichen Impfquote von 2,5 Prozent.

Und das ist für uns alle gefährlich. Denn je ungehinderter sich das Virus in weiten Teilen der Welt vermehren kann, umso eher droht, dass neue, noch aggressivere Varianten entstehen. Und diese könnten auch unseren Impfschutz wieder umgehen, warnen Immunologen

Prof Carsten Watzl, Generalsekretär Deutsche Gesellschaft für Immunologie

„Das Virus verbreitet sich weltweit, und wenn wir eins gelernt haben, dann ist es, dass Mutationen, die irgendwo auf der Erde passieren, auch ihren Weg zu uns finden. Je höher die Impfquote, desto geringer ist die Anzahl der Mutationen. Das heißt, Impfen verhindert das Auftreten von neuen Mutanten. Und deshalb müssen wir das Entstehen der Mutationen durch eine Impfkampagne weltweit verhindern und uns natürlich nicht nur auf Deutschland verlassen.“

Genügend Impfstoff, um die ganze Welt zu schützen, wäre in absehbarer Zukunft grundsätzlich vorhanden. Prognosen gehen davon aus, dass bis Ende dieses Jahres global mehr als 11 Milliarden Dosen produziert werden können. Die Frage der gerechten Verteilung aber bleibt.

Denn während in ärmeren Ländern viele noch gar nicht geimpft sind, starten bei uns bereits die Drittimpfungen. Zunächst nur für Senioren und Risikogruppen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat aber bereits ins Spiel gebracht, solche Booster-Shots bald allen Bürgern anzubieten. So wie in den USA.

Eine solche Ausweitung lehnen viele Epidemiologen ab. Denn auch die ersten Impfungen schützen nach wie vor zuverlässig davor, schwer zu erkranken.

Prof. Timo Ulrichs, Infektionsepidemiologe Akkon Hochschule Berlin

„Deswegen brauchen wir keine dritte Auffrischungs-Impfung und deswegen ist das absolut nicht notwendig, außer vielleicht eben bei Risikogruppen, bei älteren Menschen. Und deswegen sollten diese Impfstoff-Dosen freigegeben werden und möglichst schnell - das ist ja so ein zeitliches Fenster, was wir gerade haben - möglichst schnell verimpft werden in Ländern, wo man noch nicht so weit ist.“

Zwar hat die Bundesregierung angekündigt, auf 30 Millionen ausstehende Dosen des ungeliebten Astra Zenecas zu verzichten. Statt an Deutschland sollen sie bis Jahresende direkt vom Hersteller an Covax gehen. Möglich wäre aber weitaus mehr.

Schon jetzt sitzt Deutschland auf 13 Millionen nicht genutzter Impfdosen. Selbst ohne Astra Zeneca sollen mit Neulieferungen bis Jahresende 114 Millionen Dosen zur Verfügung stehen. Bis Ende nächsten Jahres voraussichtlich sogar 318 Millionen.

Nur ein Bruchteil davon dürfte auf Sicht in Deutschland verimpft werden können. Tatsächlich plant Jens Spahn nach Kontraste-Recherchen eine gewaltige Impfstoff-Reserve: Er will für jeden Deutschen eine Dosis auf Vorrat sichern.

Sein Ministerium schreibt uns dazu:

„Das Bundesgesundheitsministerium trifft derzeit Vorkehrungen für die Lagerung einer für die Versorgung der Bevölkerung ausreichenden Menge von Impfstoffdosen“.

Und bestätigt uns auf Nachfrage,

„…dass in der Tat für jede Bürgerin und jeden Bürger eine Impfdosis vorgehalten werden soll.“

Janosch Dahmen (Bündnis90/Die Grünen), Bundestagsabgeordneter

„Ausgerechnet jetzt, wo die globalen Produktionskapazitäten immer größer werden, in Lagerhaltung zu gehen, ist eine von Angst getriebene und wenig vorausschauende Politik, die am Ende des Tages Impfstoffe in dieser Übergangsphase global hortet und nicht verfügbar macht. Es nützt niemand und bindet Ressourcen an der Stelle, wo sie letztlich keine Leben schützen.“

Es geht jetzt um schnelle Hilfe für die ärmsten Länder. Denn solange in dieser Pandemie nicht alle sicher sind, solange wird niemand sicher sein.

Beitrag von Sascha Adamek, Markus Pohl und Ursel Sieber

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