Junkie – Spritzen - Wachsende Gefahr für Kinder

Der Konsum von Heroin im öffentlichen Raum nimmt zu, dadurch liegen auch vermehrt Junkie-Spritzen auf Spielplätzen, Schulhöfen und in Parks herum. Regelmäßig kommt es in Berlin zu Verletzungen durch Drogen-Nadeln. Kontraste-Reporter treffen eine Familie, deren Kind auf dem Spielplatz in eine Spritze getreten ist – noch ist unklar, ob es zu einer Infektion gekommen ist. Dass der Staat etwas gegen das Problem tun kann, zeigt sich in Stuttgart: Hier konnte durch eine mehrmals tägliche Reinigung ein Schulweg wieder frei von Drogen-Abfällen gemacht werden.

Anmoderation: Was Kinder brauchen oder nicht brauchen - darüber kann man sich lange streiten. Das Folgende ist aber für alle Eltern ein Grauen: Das Kind tritt beim Sandburgbauen plötzlich in eine Spritze. Wahrscheinlich hat sich damit jemand Drogen in die Venen gepumpt. Ja, das klingt schrecklich. Aber eben auch: Sehr unwahrscheinlich. Ist es aber leider nicht - Anna Katharina Küsters und Lisa Wandt

Berlin Neukölln. Unterwegs mit dem Straßen- und Grünflächenamt. Eigentlich reparieren Steffen Groß und sein Kollege Rutschen, Schaukeln und Klettergerüste. Seit einiger Zeit müssen sie aber in Parks und auf Spielplätzen immer öfter benutzte Drogen-Spritzen aufsammeln. Manche davon noch mit frischem Blut.
Steffen Groß, Revierleiter für Spielplätze, Straßen- und Grünflächenamt Neukölln
"Das waren jetzt in den fünf Minuten locker zehn bis zwölf Spritzen. Hier haben wir natürlich das Problem, dass die Kinder, wenn sie aus dem Spielplatz rauskommen und hier Versteck spielen, natürlich auch durch die Gebüsche rennen. Und dass die dann hier … ist alles voll hier. Wahnsinn."
Niels Tönneshoff, Vorarbeiter Straßen- und Grünflächenamt Neukölln
"Keiner kann sagen, dass nichts passieren kann, weil sie finden nicht alle Spritzen. Die sind ja in dem Grünzeug versteckt und die Kinder treten dann dort rein und die Nadeln gehen auch durch Schuh-Sohlen durch."
Kinder, die sich an Fixer-Nadeln verletzen – der Chef der Kindernotfallmedizin an der Charité, Alexander Rosen, erlebt das regelmäßig.
Dr. Alexander Rosen, Leiter Kindernotfallmedizin Charité
"Diese Fälle sind gar nicht so selten, wie man immer meint. Wir sehen hier in der Charité alleine ein bis zwei Fälle im Monat. Es ist völlig egal, wo in Berlin man mit seinen Kindern im Park oder im Spielplatz ist. Es gibt überall die Möglichkeit, dass so eine Spritze liegen kann. Wir haben auch Leute, die greifen in der Bahn zwischen den Sitzen in eine Spritze."
Auch wenn viele Eltern Angst vor HIV haben – das Risiko sich damit zu infizieren ist gering, einmal an der Luft, stirbt das Virus schnell ab. Größer ist die Gefahr, sich mit Hepatitis B oder C anzustecken.
Jorinde und Claudio müssen derzeit um die Gesundheit ihrer fünfjährigen Tochter bangen. Denn sie ist auf diesem Spielplatz in Berlin Kreuzberg barfuß in eine blutige Spritze getreten.
Jorinde, Mutter
"Ich halte mich jetzt daran fest, dass ich einfach hoffe, dass sie nichts hat, aber die Angst ist natürlich da, ich finde das ist eine furchtbare Vorstellung, dass unser Kind vielleicht erkranken könnte."
Claudio, Vater
"Angst, dass dem Kind was passiert ist, oder dass unserem Kind was passiert ist. Und dann kommt auch eine Wut auf."
Eine Wut auf die Politik, die so groß ist, dass die Eltern Anzeige gegen die Bezirksbürgermeisterin und den Regierenden Bürgermeister von Berlin erstattet haben, wegen Körperverletzung durch Unterlassen.
Jorinde, Mutter
"Da muss rangegangen werden, wir müssen alle Kinder schützen, weil sie sich selber oft nicht schützen können."
Claudio, Vater
"Uns war es wichtig, das zu dokumentieren und dass es bei den beiden mal auf den Tisch gelegt wird und sie sich einmal dazu äußern müssten."
Doch den Eltern gegenüber hat sich die Bezirksbürgermeisterin nicht geäußert. Auch Kontraste wollte sie dazu kein Interview geben. Schriftlich schiebt sie die Verantwortung auf das Grünflächenamt, in ihrem eigenen Bezirksamt.
Die Drogen-Hauptstadt Berlin kriegt das Problem nicht in den Griff. Machtlos gegenüber Dealern. Hilflos im Umgang mit Süchtigen. Heute sieht man die Abhängigen fast in der ganzen Stadt, für alle sichtbar konsumieren sie ihre Drogen.
Einer dieser Plätze: Das Kottbusser Tor. Wir sprechen mit einem, der im Alter von 13 Jahren mit Heroin anfing – nach eigener Aussage inzwischen aber auf Methadon ist.
Drogenabhängiger
"Vor 25 Jahren oder so war das alles noch so bisschen verdeckt, und hat man ein bisschen auf undercover gemacht und so. Und jetzt ist alles egal, wird auf jedem U-Bahnhof, Moritzplatz, gehen Sie mal morgens um vier, fünf Moritzplatz."
Hier verdeckte Aufnahmen davon. Der U-Bahnhof voller Suchtkranker. Auf den Bänken: benutzte Spritzen. Und auch wenn die Kinder ab sieben Uhr zur Schule fahren liegen blutige Reste da.
Drogenabhängiger
"Das ist halt, weil die Leute nicht wissen, wo sie spritzen sollen. Gehen sie in irgendeinen Hausflur oder so, da kriegen sie von irgendjemanden in die Fresse, irgendwo muss man spritzen gehen, ich weiß das selber."
Dieses Youtube-Video zeigt, wie aggressiv manche Anwohner auf die Suchtkranken reagieren
Szene frei
"Guck mal, hier sind auch Kinder und dies das alles. Soll ich euch das nächste Mal die Schädel einhauen. Ich schwör euch, ich brech euch die Nasen, ich schlitz euch auf Alter, ihr Hunde."
Die Leidtragenden sind hier auch die Drogen-Abhängigen. Viele von ihnen sind wohnungslos.
Es ist ein bundesweites Problem. Ob Leipzig, Hamburg oder Duisburg. Vielerorts sind die Folgen des Drogenkonsums in Parks und Wohnanlagen spürbar.
In Stuttgart setzt man seit einem Jahr auf ein Projekt von Caritas und Stadt. Dabei sammelt der ehemals suchtkranke Michael frühmorgens Spritzen auf. Nach kürzester Zeit sind es auch hier zehn Fixer-Nadeln.
Michael, Ex-Drogenabhängiger
"Bevor die Kinder in die Schule gehen muss das alles, muss der Weg abgelaufen sein. Die Kinder rufen schon Michael, die rufen mich mit meinem Namen, winken mir zu und das tut mir persönlich gut."
Dreimal täglich wird hier der Schulweg gereinigt. Im vergangenen Jahr lagen hier so viele Spritzen, dass die Eltern Alarm schlugen. Ein Jahr später scheint das Problem – zumindest an dieser Stelle - gelöst:
Mihaela Manachidis, ehem. Elternbeiratsvorsitzende Jakobschule
"Dass wir jemand haben, wo wir wissen, ok, jeden Morgen bei Wind und Wetter, jeden Morgen werden die Spritzen gesammelt und das ist schon das Tollste, was wir bis jetzt erreicht haben."
Dreimal täglich reinigen – das würde sich Martin Hikel der Neuköllner Bezirksbürgermeister für seine Problem-Parks auch wünschen. Und:
Martin Hikel (SPD), Bezirksbürgermeister Neukölln
"Man kann nicht nur auf die Süchtigen rauf schlagen und sagen: die Junkies. Es sind Süchtige, die Hilfe bedürfen. Wir brauchen einen Ausbau der Straßensozialarbeit, der Menschen, die dann die Süchtigen ansprechen, damit sie eben nicht hier rumsitzen, damit sie nicht auf Spielplätzen rumsitzen und dort konsumieren."
Zwar hat Berlin so genannte Drogen-Konsumräume, in denen sich die Abhängigen geschützt spritzen können. Doch davon gibt es in der ganzen Stadt nur drei Orte, mit kurzen Öffnungszeiten, nur von Montag bis Freitag. Und die wenigen Einrichtungen sind völlig am Limit.
Nina Pritszens, Sozialarbeiterin, Geschäftsführerin VISTA
"Zwischen 2015 und 2018 kann man sagen, dass sich die Konsumvorgänge mehr als verdoppelt haben, wir haben im letzten Jahr ungefähr 25 000 Konsumvorgänge hier in der Birkenstube gehabt, das ist deutlich mehr, als die Einrichtung personell wie auch räumlich verkraften kann."
Wohnungslose Suchtkranke verlieren zunehmend ihre Rückzugs-Orte, denn leerstehende Gebäude gibt es in der Boom-Stadt Berlin kaum noch. Und offenbar steigt auch insgesamt die Zahl der Abhängigen: unter ihnen viele Geflüchtete, und viele aus Osteuropa.
Jorinde und Claudio haben erst in mehreren Wochen Gewissheit, ob sich ihre Tochter infiziert hat oder nicht. Sie werden von der Politik genauso allein gelassen wie die Drogenabhängigen.
Drogenabhängiger
"Druckräume für die Leute, hier, da wo die Szene ist, wo gemacht wird und so. Jeder weiß das doch, die Politiker, Polizei, jeder weiß es doch."

Beitrag von Anna Katharina Küsters und Lisa Wandt

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