Extinction Rebellion - Die PR-Strategie der Klimarebellen

Die Aktivisten der Gruppe "Extinction Rebellion" sehen sich als Speersitze der Klimaproteste und legen es gezielt darauf an, mit dem Gesetz in Konflikt zu gelangen, um auf Ihr Anliegen durch möglichst spektakuläre Bilder von Polizeieinsätzen aufmerksam zu machen. Die Grenzüberschreitungen sind wohl dosiert. Kontraste hat die Gruppe begleitet. Zudem hinterfragt Kontraste das Klimapaket der Bundesregierung: Neueste Zahlen belegen, dass Deutschland die Klimaziele von Paris weit verfehlen wird.

Anmoderation: "Es ist schon einigermaßen erstaunlich: Da gehen über eine Million Demonstranten auf die Straße. Aber bekommen haben sie dafür nichts als ein laues Klimapaketchen, sagen einige von ihnen und finden: Wir müssen deutlicher werden, Grenzen überschreiten, notfalls auch mal Gesetze brechen. Sascha Adamek und Chris Humbs haben sie begleitet."

Fridays for Future mobilisiert Hunderttausende. Aber mit jeder neuen Demonstration steigt hier der Frust über die Klimapolitik.

Diese Aktivisten wählen daher eine härtere Gangart. Sie blockieren nach der angemeldeten Kundgebung eine zentrale Straßenkreuzung in der Hauptstadt. Sie folgen einer neuen Organisation namens "Extinction Rebellion". Übersetzt: Aufstand gegen das Aussterben. Das Logo symbolisiert eine Sanduhr – die Zeit, die vielen Lebewesen noch bleibt.

Stunden vorher treffen wir Kerstin Mudra. Sie ist im achten Monat schwanger und verteilt Flugblätter, um für die abendliche Aktion zu werben, denn Demonstrieren allein helfe nicht mehr.

Kerstin Mudra

"Wir haben alles versucht, NGO's haben alles versucht. Petitionen unterschrieben Briefe geschrieben, mit Politikern geredet, in diesem System ist es nicht umsetzbar und das was uns erwartet. Das sind Hungersnöte, Kriege um Wasser. Und dann wird es als radikal bezeichnet wenn wir uns auf die Straße setzen.

Hier in England ist der Sitz der Organisation. Hier ist sie bereits eine breite Bewegung. Im April blockierten Aktivisten Brücken und mit solchen Booten Straßenkreuzungen der Londoner City. Zehn Tage lang. Gut 1.000 Aktivisten wurden verhaftet. Erst als die Regierung auf diesen Druck hin einem Klimanotstandsgesetz zustimmt, hören die Blockaden auf.

Der Landwirt Roger Hallam ist Vordenker und Mitgründer der Organisation:

Roger Hallam, Mitgründer Extinction Rebellion

"Junge, alte, verschiedene Kulturen kommen mit einem einzigen Ziel zusammen und sie begehen gemeinsam zivilen Ungehorsam, brechen das Gesetz. Damit sich tatsächlich etwas verändert."

Letzten Freitag wurde Hallam verhaftet. Er hatte angedroht, eine Drohne am Rand der Flugsicherheitszone von London-Heathrow fliegen zu lassen, um den Flughafen lahmzulegen.  

In den Augen von Experten erwies sich diese Strategie zuweilen als erfolgreich:

Harald Welzer, Sozialpsychologe

Ziviler Ungehorsam spielt für die Entwicklung von Demokratie eine große Rolle weil wir natürlich immer Notwendigkeiten der Veränderung haben weil sich die Umfelder verändern. Die Institutionen sind langsam aber Druck von unten ist relativ schnell. In diesem Spannungsverhältnis spielt sich das ab und am Ende kommt Modernisierung raus.

Und so sieht das dann aus: In Hamburg blockieren die Aktivisten eine Hauptverkehrsstraße. Sie wollen die normalen Abläufe stören. Im Visier diesmal: der Autoverkehr.

Demonstrant

"Wir haben drei Mal aufgefordert, ein fünftes Mal…"

Die Gesetzesbrüche sind wohl dosiert, aber ausreichend, um solche Bilder zu produzieren. Ein Staat der Bürger abführt, die sich für künftige Generationen einsetzen. Das soll immer mehr Menschen mobilisieren.

Bereits am nächsten Tag: Ein Trauermarsch zum Hafenfest. Vorneweg ein Kindersarg. Er soll die toten Kinder symbolisieren, die einst den Klimatod sterben. Die Stimmung apokalyptisch. Im Visier: die Kreuzfahrtschiffe.

Die Polizei beobachtet jeden Schritt. Auch für sie überraschend gießen die Aktivisten Kunstblut aus Rote-Beete-Saft über die Stufen.

Demonstrant

"Ich stehe hier vor dem Blut der Kinder, vor unserem Blut. Es erinnert mich daran wie schlimm alles aktuell läuft es kann nicht sein dass wir jetzt schon Angst haben müssen dass wir keine Zukunft haben."

Extinktion Rebellion spielt mit Ängsten. So versucht man, neue Aktivisten  für die Bewegung zu gewinnen:

Video

"Nachdem ich mein Einführungsvortrag gehört habe, hat mir das so etwas von den Boden unter den Füßen weggezogen. Einfach dieses Schockgefühl, wie weit wir diesen Planeten zerstört haben."

"Also, es reicht nicht nur noch sich vegan zu ernähren oder auf das Fliegen zu verzichten."

"Ich habe letztes Jahr verzweifelte Nächte verbracht und konnte nicht mehr schlafen, es geht so nicht mehr, ich muss etwas tun."

Prof. Harald Welzer, Sozialpsychologe

"Ich halte Angst für kein gutes Mittel der Politik. Wir sehen das auf ungute Weise im Rechtspopulismus deren einziges Instrument ist Angst erzeugen. Das ist ungut weil Menschen gewissermaßen nicht mehr klar denken können wenn sie Angst getrieben sind."

Dennoch verfängt die Strategie. Extinction Rebellion zählt in Deutschland bereits mehr als 70 Ortsgruppen. Die Blockaden sind gut organisiert.

XR mit Megafon

"Keinen aktiven Widerstand, bitte. Und nehmt bitte euren Müll mit."

Am Ende greift die Polizei doch ein. Das Ganze soll auch nur der Anfang sein. Für den 7. Oktober droht  Extinction Rebellion nun, mehrere Großstädte weltweit, darunter Berlin, lahmzulegen.

Beitrag von Sascha Adamek und Chris Humbs

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