People dance in close proximity at Paradiso pop venue, club and cultural center, in Amsterdam. Bild: Peter Dejong/AP
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Warum wir noch nicht lockern können - Die Tyrannei der ungeimpften Älteren

Bald werden wir uns alle mit Omikron infiziert haben. Und danach ist ein Ende der Pandemie in Europa möglich, sagt die WHO. Warum also nicht die Maßnahmen jetzt schon aufheben und zurück zur Normalität? Eine Frage, die derzeit viele umtreibt. Die Antwort ist simpel: Weil noch immer zu viele Ältere Menschen in Deutschland ungeimpft und damit gefährdet sind. Knapp 3 Millionen der über 50-Jährigen verweigern bis heute die Impfung. Eine Minderheit, die damit über das Leben der Mehrheit bestimmt. In Spanien, wo bald 100 Prozent der Älteren geimpft sind, bereiten sie schon das Ende der Pandemie vor. Und bei uns zahlen, bis auf weiteres, Kinder und Jugendliche den höchsten Preis: sie müssen auch nach zwei Jahren Pandemie immer wieder raus aus der Schule und auf Partys und Freunde verzichten.

Anmoderation: Zwei Jahre auf den Tag genau. Zwei Jahre ist es her, dass der erste deutsche Coronafall bestätigt wurde - alles anders wurde. Und es bleibt alles anders. Obwohl die hohen Inzidenzen ihren Schrecken verloren haben, obwohl viele europäische Nachbarn längst die Masken abnehmen und die WHO in der Omikron-Variante ein mögliches Ende der Pandemie sieht: Wir können noch immer nicht alle Türen wieder aufmachen, alle Infektionen zulassen. Denn die Sache hat bei uns einen Haken. Oder besser: Rund drei Millionen kleine Widerhaken.

Malik Böttcher, Ärztlicher Leiter MVZ Havelhöhe, Berlin

„Das ist die erste Impfung. Das ist toll! Das freut mich.“

Malik Böttcher gilt in Berlin als der Impf-Papst. Rund 130.000 Menschen hat der Arzt zusammen mit seinem Team schon geimpft. An diesem Nachmittag hatte er auf mehr Andrang gehofft.

Vor allem die Gruppe der älteren Ungeimpften macht ihm Sorgen.

Malik Böttcher, Ärztlicher Leiter MVZ Havelhöhe, Berlin

“Es ist sehr schwer, an eine Restgruppe Ungeimpfter heranzukommen und dann haben wir gesagt okay, wir versuchen einfach auf die zuzugehen und haben das Wochenende genutzt und haben diese Menschen abtelefoniert und von 300 haben wir glaube ich nicht mal 40 Personen geschafft zu akquirieren, die sich dann haben impfen lassen, also von denen, die nicht geimpft waren. Und das war ein sehr frustraner Moment.”

Dabei sind es die älteren Ungeimpften, die das Virus besonders hart trifft.

Malik Böttcher, Ärztlicher Leiter MVZ Havelhöhe, Berlin

“Das ist aber auch die Bevölkerungsgruppe, muss man ganz ehrlich sagen, die natürlich momentan in der Pandemie das Verhalten der Rest der Bevölkerung bestimmt. Und auf die nehmen wir alle Rücksicht und müssen unser Verhalten anpassen. Das heißt, die Schüler tragen Masken, obwohl sie überhaupt nicht vital gefährdet sind. Die Menschen in den U-Bahnen tragen Masken, obwohl 80 Prozent von denen nicht gefährdet sind.”

Gefährdet sind vor allem die über-50-Jährigen: Bundesweit waren 84 Prozent der Patientinnen und Patienten, die im letzten Monat mit Corona auf der Intensivstation lagen, älter als 50. Und noch sind über 3.000.000 Menschen genau dieser Altersgruppe nicht geimpft.

Auch, wenn bei der neuen Omikron-Variante die Infektion in vielen Fällen milder verläuft – Einfach laufen lassen kann man das Virus dennoch nicht, meint der Epidemiologe Timo Ulrichs. Denn:

Prof. Timo Ulrichs, Epidemiologe

“Das sind einfach so viele, dass wir es uns nicht erlauben, dass die alle auf einmal eine Infektion bekommen und dann zeitversetzt schwere Verläufe entwickeln, wenn sie dann auch etwas leichter verlaufen. Im Vergleich zu Delta ist es immer noch so, dass ein Gutteil dieser Menschen ins Krankenhaus kommen wird.”

Eine Minderheit, die das Leben der Mehrheit dadurch maßgeblich bestimmt.

Prof. Timo Ulrichs, Epidemiologe

„Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen, wie man dieses Angebot nicht wahrnehmen kann, wie man sich so unsolidarisch verhalten kann, wie man diese Argumente der Impfgegner und Corona Leugner ernst nehmen kann, die dann ja darauf abzielen, hier etwas bewusst in Kauf zu nehmen. Ein Risiko, das man an Covid 19 erkrankt und sich dann aber wieder auf die Solidargemeinschaft zu verlassen und auf das Angebot, was unser Gesundheitssystem vorhält, nämlich eine optimale Versorgung von schweren Verläufen bis hin zur Intensivstation.“

Hier im Jugendclub in Berlin-Friedrichshain spüren sie, was die Impflücke ganz konkret bedeutet. Schon zwei Jahre wird ihr Leben vom Virus beherrscht.

Es ist Freitagabend. Statt ausgelassene Partys und Konzerte zu besuchen, dürfen sie hier nur zu zehnt in einem Raum sein. Und das auch nur mit Maske. Erwachsenwerden in der Pandemie.

Deniz

“Die letzten zwei Jahre waren sehr prägend für mein Leben. Vor allem da ich jetzt erst vor kurzem 18 wurde. Das heißt mitten in der Coronazeit, wo man nichts machen konnte. Es fehlte das gesamte Sozialleben, weshalb der Frust mittlerweile der groß ist.”

Natalie

“Das sind ja eigentlich die wichtigsten Jahre in der Jugend. Und die richtig nachzuholen, das geht gar nicht.”

In der Pandemie haben Angststörungen und Depressionen bei Kindern und Jugendliche drastisch zugenommen. Auch Lernrückstände durch das viele Homeschooling haben Auswirkungen.

Daniel

„Das hat bei mir überhaupt nicht funktioniert und das hat meine Noten so dramatisch verschlechtert, dass ich die zehnte Klasse wiederholt habe.

Schließlich hat Daniel sogar die Schule abgebrochen – und sich stattdessen für eine Ausbildung entschieden.

Endlich wieder Normalität. Die Sehnsucht danach ist hier groß.

In Spanien gibt es dieses Versprechen bereits: Das Ende der Pandemie sei in Sicht.

Man müsse das Virus neu bewerten, erklärt Ministerpräsident Pedro Sanchez. Er denke darüber nach, Corona in Spanien zukünftig wie eine Grippe zu behandeln.

Pedro Sanchez, Ministerpräsident Spanien

„Diese Debatte ist absolut notwendig. Die Wissenschaft hat uns doch glücklicherweise Instrumente an die Hand gegeben, um uns besser zu schützen und auch die Sterblichkeit ist gesunken.”

Ein Kurswechsel, der denkbar ist, weil das Land eine der höchsten Impfquoten weltweit hat: In Spanien sind fast alle über Ü-60-Jährigen vollständig geimpft.

Eine Impfquote, von der der Deutsche Gesundheitsminister nur träumen kann.

Karl Lauterbach (SPD), Gesundheitsminister

“Wir haben in Deutschland die Sondersituation, dass wir eine besonders hohe Quote von Ungeimpften haben, bei der älteren Bevölkerung.”

Und weil sich über Drei Millionen von ihnen nicht impfen lassen, wird der Albtraum für die restlichen rund Achtzig Millionen noch länger so weitergehen müssen.

Gestern im Bundestag. Die Debatte um eine mögliche Impfpflicht wird emotional geführt.

Lang

"Ich werbe dafür, dass wir das Hamsterrad der Pandemie durchbrechen."

Kubicki

"Ich möchte nicht, dass die Mehrheit der Minderheit vorschreibt, was als vernünftig anzusehen hat."

Lauterbach

”Wenn wir das Problem von uns wegschieben, dann wird das Problem in voller Stärke zurückkommen! Das können wir den Kindern, den Pflegekräften, den Ärzten und den Menschen die gefährdet sind, nicht weiter zumuten! Wir müssen handeln!”

Eine Debatte mit noch unklarem Ausgang. Andrew Ullman von der FDP will vor allem die Älteren zur Impfung verpflichten.

Andrew Ullmann (FDP), gesundheitspolitischer Sprecher

“Wenn jetzt eine sehr große Anzahl von über 60-Jährigen geimpft gewesen wären im Dezember hätten wir keine Probleme gehabt auf der Intensivstation oder geringere Probleme. Aber zur Ehrlichkeit gehört auch dazu, wenn man die Statistik sich genau anguckt, dann fängt das mindestens im Alter von 50 an, wo schon über 20 Prozent der Menschen mit Covid 19 auf der Intensivstation gelegen haben.”

Die ungeimpften Älteren haben es jetzt in der Hand. Jetzt könnten SIE sich solidarisch zeigen. In einer Situation, die alle satthaben.

Beitrag von Pune Djalilevand, Andrea Everwien, Susett Kleine und Ursel Sieber

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