Mitglied einer Wehrsportgruppe in Niedersachsen. Bild: rbb/Kontraste
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Völkischer Wehrsport - Die Spuren einer Gruppe rechtsradikaler Reservisten

Ein Ex-Soldat aus Niedersachsen soll eine Wehrsportgruppe aus rechtsradikalen Reservisten aufgebaut haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Oberstleutnant und neun weitere Personen, bei Hausdurchsuchungen haben die Ermittler zahlreiche Waffen gefunden. Kontraste und das ARD-Hauptstadtstudio folgen den Spuren der Beschuldigten, die tief in die völkische Szene führen und sich über Jahrzehnte nachvollziehen lassen. Mehrere der Männer fielen immer wieder im Umfeld von Rechtsextremisten auf, trotzdem machten Sie Karriere bei der Bundeswehr-Reserve. Der Oberstleutnant führte gar eine Kompanie an und bildete andere an der Waffe aus. Die Sicherheitsbehörden sind alarmiert, auch weil die Gruppe offenbar über ein erstaunlich weit verzweigtes Netzwerk verfügt.

Anmoderation: Es sind oft kleine Meldungen, hinter denen dann eine Menge steckt. So wie diese: Die Staatsanwaltschaft Lüneburg findet bei Hausdurchsuchungen Waffen und Munition, ermittelt wegen der Gründung einer bewaffneten Gruppe. Brisant wirds, wenn man weiß, dass einige aus dieser Gruppe Reservisten der Bundeswehr sind, sich also mit den Waffen auskennen, dass es mindestens einen Kontakt bis hoch ins Bundesverteidigungsministerium gab. Und dass der mutmaßliche Kopf dahinter, ein Oberstleutnant, eine derart dunkelbraune Biografie hat, dass wir ihn schon vor 18 Jahren auf dem Schirm hatten. Silvio Duwe und Markus Pohl mit Michael Götschenberg, unserem ARD-Hauptstadtstudio-Kollegen.

Wir sind auf Spurensuche in der Wedemark, nördlich von Hannover. Abgelegen wohnt hier ein Mann, gegen den die Behörden schwere Vorwürfe erheben. Der Ex-Soldat soll eine rechtsextreme Wehrsportgruppe aus Reservisten um sich geschart haben. Sie hätten über Angriffe auf Migranten gesprochen, heißt es.

Wir treffen den mutmaßlichen Anführer als er nach Hause kommt: Jens G., ein Oberstleutnant der Reserve:

Kontraste

„Ihnen wird ja vorgeworfen, sie hätten eine Wehrsportgruppe gegründet.“

Jens G.

„Ja, das ist nicht der Fall! Ich weiß nicht, wer darauf wie kommt. Ich habe mit Reservisten Reservistendinge getan. Und das wars."

Die Staatsanwaltschaft in Lüneburg sieht das anders. Sie ermittelt gegen G. und 9 weitere Beschuldigte wegen Bildung einer bewaffneten Gruppe. Bei Durchsuchungen fanden die Ermittler eine große Zahl an Waffen, darunter auch illegale.

Besonders brisant: Jens G. war Funktionär im regionalen Reservistenverband. Zwischenzeitlich führte er sogar das Kommando über eine Kompanie von Reservisten für den Heimatschutz. Und: Er bildete Männer an der Waffe aus, hier bei einer Schulung am Maschinengewehr.

Beim Reservistenverband schätzte man ihn als fähigen Soldaten.

Kontraste

„Er hat Leute auch an der Waffe ausgebildet?“

Dirk Kemmerich, Vorsitzender Reservistenverband Kreis Hannover

„Ja, da war er auch gut, auf jeden Fall.“

Kontraste

„Was heißt das?“

Dirk Kemmerich, Vorsitzender Reservistenverband Kreis Hannover

„Also ich sag mal, er hatte Kenntnisse über Waffen, die ins Detail auch ging.“

Aus Sicherheitskreisen heißt es: Jens G. habe Radikale um sich geschart, mutmaßlich um sich auf einen Tag X vorzubereiten. Der bestreitet das.

Jens G.

„Das ist nicht zutreffend.“

Kontraste

„Stimmt alles nicht, sagen sie?“

Jens G.

„Nein, ich distanziere mich von Gewalt jeglicher Art.“

Jens G. gibt sich harmlos. Doch die Behörden sind alarmiert, auch weil seine Kontakte offenbar bis ins Verteidigungsministerium reichen. Nach Ermittlungen des Militärischen Abschirmdienstes verlor dort ein Referent wegen einer möglichen rechtsradikalen Gesinnung seinen Posten. Es geht um Alexander B., ein langjähriger Bekannter von Jens G, der bis zuletzt mit ihm in Kontakt stand.

Bei unseren Recherchen entdecken wir Alexander B. auf alten Kontraste-Aufnahmen von 2004. Damals berichteten wir über ein Treffen von Ritterkreuzträgern – eine Zusammenkunft dekorierter Wehrmachts- und SS-Angehöriger, die den deutschen Angriffskrieg verharmlosten:

„Wenn wir nicht gewesen wären, wäre der Russe marschiert bis unten noch nach Biarritz.“

„Wir haben doch nur verteidigt.“

Unter den Gästen: Alexander B., Mitglied einer schlagenden Burschenschaft. Und gleich daneben in derselben Gruppe: Jens G. in seinen jungen Jahren.

Wir finden heraus: Schon seit seiner Jugend bewegt sich Jens G. im völkisch-nationalistischen Milieu. Er gehörte dem rechten Bund „Deutsch Wandervogel“ an, wie zahlreiche Dokumente belegen. Sein Fahrtenname: „Trüffel“.

Mehrfach besucht Jens G. Treffen der antisemitischen Artgemeinschaft. Sie gilt als Bindeglied zwischen heidnisch-religiöser Szene und Neonazis. In ihrem Umkreis finden sich verurteilte Unterstützer des NSU.

Stephan Ernst, rechtsextremer Mörder des CDU-Politikers Walter Lübcke, war zwischenzeitlich sogar Mitglied.

Die Journalistin und Rechtsextremismus-Expertin Andrea Roepke hält diesen politischen Hintergrund von Jens G. für alarmierend.

Andrea Roepke, Rechtsextremismus-Expertin

„Die Artgemeinschaft sperrt sich überhaupt nicht zum Rechtsterrorismus ab. Die Artgemeinschaft fährt unter dem Label Natur-Religiosität und Ahnen-Gedenken. Aber die Artgemeinschaft ist tatsächlich eine der konspirativsten - und ich würde sagen - gefährlichsten Strukturen, die wir in Deutschland haben.“

Bis in die jüngere Vergangenheit hinein taucht Jens. G immer wieder bei rechtsradikalen, völkischen Zusammenkünften auf.

2016 etwa trifft er sich mit Gleichgesinnten zu einem „Maitanz“ in der Lüneburger Heide. Dieses Foto zeigt ihn bei der Ankunft zu der konspirativen Veranstaltung.

Kontraste

„Dass sie tatsächlich schon auch eine Vergangenheit haben in der völkischen Szene, in der eher rechts orientierten Szene, das ist ja unbestritten.“

Jens G.

„Dazu habe ich nichts weiter zu sagen. Sie können sich an meinen Anwalt wenden.“

Der aber gibt uns keine Auskunft.

Auch andere der Wehrsportgruppen-Beschuldigten sind einschlägig aufgefallen. Wir fahren ins Wendland. Hier wohnt Wolfgang F., eine bekannte Größe in der völkischen Szene. Dieses Foto zeigt ihn bei einem Neonazi-Aufmarsch im Jahr 2006 in Dresden.

Und genau wie Jens G. nahm auch Wolfgang F. am Maitanz-Treffen teil. Heimlich von Journalisten gemachte Aufnahmen zeigen ihn, wie er beim Aufbau mithilft, später spielt er dort mit einem Waldhorn auf.

Auf den Bildern des klandestinen Treffens entdecken wir noch einen weiteren der jetzt Beschuldigten: Christian G., auch er Reservist. Bei der Durchsuchung von G.s Räumen fanden die Ermittler Nazi-Devotionalien, Waffen sowie eine Liste mit Namen und Adressen von Politikern.

Andrea Roepke, Rechtsextremismus-Expertin

„Ich glaube, dieses Zusammenspiel zwischen völkischer, fanatischer Ideologie, dem jahrzehntelangen Denken, wehrhaft sein zu müssen gegen die Demokratie und dann verbunden mit einer Aktivität bei der Bundeswehr, bei den Reservisten, sich mit Waffen auszukennen, das macht diese Gruppe um Jens G. besonders gefährlich.“

Alarmiert sind die Behörden nicht zuletzt wegen Christian G.s Begleiterin, seiner Lebensgefährtin. Maren D. soll eng vernetzt in die gewaltbereite Neonazi-Szene sein. Laut Informationen aus Sicherheitskreisen ist sie eine frühere Lebensgefährtin von Stanley R., ehemaliger Kopf der inzwischen verbotenen rechtsextremen Vereinigung „Combat 18“.

Beim Reservistenverband will man von diesem Umfeld Jens G.s all die Jahre nichts mitbekommen haben. Auch nicht der Kreisvorsitzende aus Hannover, dessen Stellvertreter Jens G. acht Jahre lang war.

Dirk Kemmerich, Vorsitzender Reservistenverband Kreis Hannover

„Ich kann auch den Leuten leider nicht in den Kopf reingucken. Und es gibt immer wieder solche Auswüchse, die wir natürlich unterbinden möchten. Aber wir können sie nicht unterbinden.“

Die Bundestagsabgeordnete Martina Renner fordert den Verband auf, künftig genauer hinzusehen. Denn wegen des Zugangs zu militärischem Training und Waffen sei der für Rechtsradikale besonders attraktiv.

Martina Renner (Die Linke), Bundestagsabgeordnete

„Man muss beim Reservisten-Verband wirklich grundhaft mal ran und zu sagen, was gibt es dort eigentlich für Statuten, wer muss dort eigentlich auch mal aus dem Verband entfernt werden, weil sonst ist das das Einfallstor, wo eben ja bestimmte Leute ganz gezielt den Reservistenverband nutzen für ihre extrem rechten Vorhaben.

Die Ermittlungen gegen die Gruppe um Jens G. dauern weiter an. Seine Mitgliedschaft im Reservistenverband ruht derzeit.

Beitrag von Michael Götschenberg, Daniel Laufer und Markus Pohl

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