Elon Musk, Tesla-Chef, steht zum Tag der offenen Tür auf eine Bühne der Tesla Gigafactory. Bild: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild
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Giga-Factory in Grünheide - Wasserwunder für den Tesla-Standort?

Um das Wasser für Teslas Gigafactory am Stadtrand von Berlin ist ein heftiger Streit entbrannt. Noch immer könnte das gesamte Projekt an der Frage scheitern, ob es ausreichend Trinkwasser gibt. Nun hat sich beim Bürgermeister von Grünheide eine Firma vorgestellt, die behauptet, das Problem der weltweiten Wasserknappheit gelöst zu haben – und damit natürlich auch das Wasserproblem am Tesla-Standort. Das Ass im Ärmel: Geräte, die Wasser aus der Luft filtern und daraus täglich Millionen Liter Trinkwasser produzieren sollen. Während Experten darüber den Kopf schütteln, ist der Bürgermeister von der Idee angetan. Die Firma erklärt öffentlich, dass eine Installation ihrer Anlagen in Grünheide bereits in Gange sei. Man habe zudem Millionen Dollar an Investoren-Gelder eingesammelt und sich die weltweiten Patentrechte gesichert. Kontraste-Recherchen zeigen: statt Wasser wird hier bislang vor allem heiße Luft produziert.

Anmoderation: Kommen wir zu einem Wunder-Werk: Diese Maschine soll aus Luft Wasser gewinnen, bis zu einer Million Liter täglich. Ein blühendes Landschafts-Versprechen, das ein Unternehmen derzeit vielen macht: Wasser da schaffen, wo es gebraucht wird - sogar in der Wüste. H2O ja wirklich! Was genial klingt, entpuppt sich allerdings als gigantisches Hütchenspiel in dem Aktienkurse, Wissenschaft und übergroßes Selbstbewusstsein munter durcheinander gehen. Philipp Barnstorf, Gesine Enwald und Melanie Stucke.

Am Stadtrand von Berlin baut Tesla seine europäische Gigafactory. Tausende Industriearbeitsplätze entstehen. Aber es gibt einen Streitpunkt: Das Wasser. Die Gigafactory verbraucht so viel wie eine Kleinstadt mit 40.000 Einwohnern. Der Tesla-Chef, Elon Musk, findet die Frage unserer Kontraste-Reporterin dazu offenbar lächerlich.

Kontraste

"One question: Critics say Tesla is stealing water from the region here."

UT: Eine Frage: Kritiker sagen, dass Tesla der Region das Wasser wegnimmt…

Elon Musk, CEO Tesla

"That is completely wrong. It’s like water everywhere here."

UT: Das ist komplett falsch. Es gibt hier überall Wasser.

"Does this seem like a desert to you?"

UT: Sieht es hier etwa wie eine Wüste aus?

"It’s ridiculous. It rains a lot."

UT: Das ist lächerlich. Es regnet sehr viel.

Viel Regen – meint der amerikanische Visionär. In Wirklichkeit gehört Brandenburg zu den trockensten Bundesländern Deutschlands. Und auch andere Unternehmen in der Region verbrauchen viel Wasser.

Langsam wird es also knapp. Der örtliche Wasserverband fordert, mehr Grundwasser zu fördern.

André Bähler, Wasserverband Strausberg Erkner

Wenn das nicht passiert, werden wir irgendwann an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit kommen und werden dann tatsächlich Trinkwasserversorgung einschränken müssen, an Spitzentagen.

Aber der Bürgermeister von Grünheide, Arne Christiani, ist im Herbst 2021 noch überzeugt, ein Ass im Ärmel zu haben. Die Lösung für das Wasserproblem.

Arne Christiani, Bürgermeister Grünheide (Mark)

Es gibt auch die Möglichkeiten, Wasser aus der Luft zu nehmen und zu Trinkwasser zu verarbeiten und das wird zum Beispiel in vielen Flüchtlingswerken gemacht. Und so eine Fabrik gibt es schon in Deutschland, die arbeitet in Hamburg und sie baut zu 65 Prozent glaube ich für die UNO, diese Flüchtlingswerke, die Wasser- und Stromgewinnungsanlagen.

Durch diesen Produktionsprozess, durch die Wassergewinnung bleiben bis zu eine Million Liter Trinkwasser pro Tag übrig.

Kontraste

"Nein!"

Arne Christiani

"Ja"

Kontraste

"Und wie muss man sich das vorstellen? Sie haben ja sicher Pläne oder Bilder gesehen, …"

Arne Christiani

"Wie die Fabrik aussieht?"

Kontraste

"Ja, sind das irgendwelche Türme, die dann […]"

Arne Christiani

"Ja wie Pyramiden-artig "

Kontraste

"Pyramiden. Das ist ja interessant. aber ist das dann nicht auch Wasser was woanders wieder fehlt?"

Arne Christiani

"Wo denn, in der Luft? Also das reicht selbst in der Wüste"

In der märkischen Sandwüste: Pyramiden, die Wasser machen, vor den Toren von Tesla.

Die Pressemitteilungen der EAWD wimmeln vor guten Nachrichten:

„EAWD erhält weltweiten Patent-Schutz“

„EAWDs Technik wird bereits installiert in Grünheide“

Erfolgsmeldungen für potenzielle Kunden und Investoren.

Wir wollen die Wunder wirkenden Wassergeneratoren in Aktion sehen und fahren nach Hamburg an die Binnenalster, beste Adresse. Offiziell der deutsche Sitz der amerikanischen Firma.

Doch die ist dort nicht zu finden.

Zum Interview bitten sie uns in ein Industriegebiet bei Hamburg. Und da steht eine der „Pyramiden“ mit Solarpanels.

In der halbleeren Lagerhalle: Wassergeneratoren sind nicht zu sehen.

Der Chef von EAWD lotst uns vor das Metallgerüst. Es sieht aus wie eine schlichte verschraubte Tribüne.

Die EAWD-Mitarbeiter wirken eher wie bestellte Statisten.

Aber Ralph Hofmeier ist von seiner Technik überzeugt.

Ralph Hofmeier, EAWD

"Wir können die Trinkwasserversorgung von jeder Stadt lösen, von Las Vegas, von Berlin. Es spielt keine Rolle."

Kontraste

"Wie viel Geld haben sie da schon eingesammelt?"

Ralph Hofmeier, EAWD

"Etwa, insgesamt etwa, der Aktienwert, etwa 220 Millionen Dollar. Und wir brauchen noch mehr natürlich, um auch 3.000 Stück davon zu bauen pro Jahr."

220 Millionen – eine stolze Summe, die wir in Geschäftsberichten nirgendwo finden können.

Täglich mehrere Millionen Liter Wasser aus der Luft ziehen – ist das realistisch?

Am Max-Planck-Institut in Jena treffen wir Axel Kleidon, Experte für die erneuerbaren Energiesysteme der Erde. Sonne, Wind, Wasser.

Wir spielen ihm ein Interview mit dem EAWD Firmenchef vor.

Ralph Hofmeier, EAWD

"Die EAWD hat die weltweite Wasserknappheit beendet mit diesen Geräten."

Axel Kleidon, Max-Planck-Institut

"Das ist Quatsch. Also ich meine, ich kann da nur Kopfschütteln. Ich meine, so einfach geht das nicht. Ich meine, dass ist naiv zu denken, dass es einfach nur eine Maschine benötigt, um die Welt-Wasser-Probleme zu lösen. Wenn Sie einen Wald haben und Sie haben 100 Bäume auf diesem Wald, dann können Sie nicht jeden Tag 100 Bäume ernten. Das geht ja nicht. Die müssen nämlich nachwachsen. Und genauso, wenn man der Atmosphäre Wasserdampf entzieht, dann muss dieser Wasserdampf auch erst wieder aufgefüllt werden."

Wolken könnten sich dann keine mehr bilden. Axel Kleidon hat für uns die Angaben von EAWD durchgerechnet. Es würde Regen fehlen auf drei Quadratkilometer Fläche.

Falls die Pyramide überhaupt funktioniert. Wir überprüfen die vollmundigen Versprechen von EAWD und fragen nach – bei Siemens und Bosch, mit denen die EAWD angeblich kooperiert:

„Das Unternehmen ist uns nicht bekannt.“

Siemens, 07.12.2021

Beim Europäischen und beim Deutschen Patentamt:

„Ein Patent wurde (bisher) nicht erteilt“

Deutsches Patentamt, 06.12.2021

Auch beim Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen - keiner kann die Angaben von EAWD bestätigen:

Sie sagen, Sie beliefern Flüchtlingscamps. Wir fragen bei UNHCR nach. Die sagen, wir haben noch nie von EAWD gehört.

Bei den Patentämtern kriegen wir auch die Rückmeldung, dass es sie nicht gibt.

Ralph Hofmeier, EAWD

"Ja, vielleicht. Vielleicht haben Sie irgendeinen Kollegen, der besser recherchieren kann in Google. Aber wie gesagt, Ihre Unwissenheit oder Unfähigkeit, etwas zu recherchieren, ist nicht mein Problem."

Kontraste

"Wir haben jetzt gedacht, dass wir heute hier – weil ja die Produktionskapazitäten schon ausgeschöpft sind, wie Sie bereits behauptet haben - haben wir natürlich gehofft, dass wir hier eine Vorführung einer funktionierenden Technik bekommen."

Ralph Hofmeier, EAWD

"Ja, wissen Sie, auf Ihren Hoffen und Glauben kann man keine Fakten bauen."

"Your weakness is not my obligation. Your limitation is not my obligation."

UT: Ihre Schwäche ist nicht meine Verpflichtung. Ihre Begrenztheit ist nicht meine Verpflichtung.

Ralph Hofmeier, EAWD

"Gute Reise zurück nach Berlin."

Kontraste

"Danke! Tschüß."

Der angebliche Weltenretter EAWD produziert statt Wasser nur heiße Luft.

Der Grünheider Bürgermeister will nun kein Interview mehr geben, teilt aber mit, es gebe gar keine Vereinbarung zum Trinkwasser mit der EAWD. Das Wasserproblem rund um Tesla und weltweit also: leider weiterhin ungelöst.

Beitrag von Philip Barnstorf, Gesine Enwaldt und Melanie Stucke

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