Trauermarsch für ein Opfer des Anschlages in Hanau. Quelle: Boris Roessler/dpa
Bild: Boris Roessler/dpa

Anschlag in Hanau - Rassismus, rechte Filterblasen und ein psychisch kranker Täter

Um den Terroranschlag von Hanau rankten sich von Beginn an Verschwörungstheorien und falsche Nachrichten. Insbesondere Rechtspopulisten weisen immer wieder auf eine psychische Erkrankung des Täters hin. So versuchen sie, die Verantwortung für das rassistische Gift, das sie versprühen, von sich zu weisen.
 

Anmoderation: Ist ganz schön viel los diese Woche: Corona, Karneval, Und: Friedrich Merz will Bundeskanzler werden - die AfD halbieren und Rechtsextremisten das Wasser abgraben, In dem er, nichts unter den Teppich kehrt, die Themen Grenzkontrollen und Clankriminalität in den Vordergrund rückt. Von Clankriminalität haben wir gerade auch in Hanau gehört, wo ein Attentäter neun Menschen aus einem rassistischen Motiv tötete und angebliche Clankriminalität viel zu schnell und fälschlicherweise in den Fokus rückte. Karolin Schwarz und Lisa Wandt über den öffentlichen und politischen Umgang mit dem Anschlag, der uns alle nachdenklich machen muss.

Reporter: "Die meisten Spekulationen die ich bisher wahrnehmen konnte gehen eher in die Richtung, dass es sich um eine Milieu-Tat handeln könnte."

Moderator: "Du hast von organisierter Kriminalität gesprochen…"

Reporter: "Oder es geht da um Vormacht, worum auch immer, oder eben Schutzgelderpressung. Dass es natürlich die Befürchtung gibt, es könnte auch möglicherweise einen rechtsextremen Hintergrund haben, lag natürlich daran, dass beide Bars von Menschen mit Migrationshintergrund aufgesucht wurden."

Alles Spekulation. Es ist wenige Stunden her, dass neun Menschen hingerichtet wurden. Fast alle verbrachten ihren Abend in zwei Bars im hessischen Hanau. Viel mehr weiß man zu diesem Zeitpunkt nicht. Doch die Spekulations-Welle ist bereits losgetreten.

Im Nachtmagazin ist von „Schießereien in Shisha-Bars“ die Rede. Ein Welt-Reporter bringt auch die „Spielautomaten-Mafia“ ins Spiel. Und Focus-Online titelt „erste Bilder nach den Shisha-Morden“.

Eine Wortwahl, die an die Mordserie des NSU erinnert, die lange Zeit in den meisten Medien nur „Döner-Morde“ genannt wurden.

Schnell stellt sich heraus: Die so genannten Shisha-Morde sind völliger Humbug: Der mutmaßliche Täter von Hanau, Tobias R., hatte auf seiner Homepage Video-Botschaften und mehrere Pamphlete in Text-Form hinterlassen.

Peter Frank, Generalbundesanwalt

„Die neben wirren Gedanken und abstrusen Verschwörungstheorien aber eine zutiefst rassistische Gesinnung aufweisen.“

Focus Online hat die Überschrift schnell geändert. Auf eine Kritik an den Mutmaßungen bei BILD-Live antwortete Chefredakteur Reichelt: der rechtsextreme Hintergrund sei ja dann als erstes bei der BILD vermeldet worden.

Doch auch das rassistische Motiv genügt der Öffentlichkeit nicht. Sofort wollen alle wissen: Wie kommt ein Mensch dazu, sowas Schreckliches zu tun?

Und die nächste Spekulations-Welle beginnt: War Tobias R. psychisch krank, gar ein unzurechnungsfähiger Irrer? Nicht mal 24 Stunden nach der Tat heißt es:

„Es steht im Moment als Verdacht im Raum, dass er eine paranoide Wahnerkrankung hatte.“

„Eine sehr schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung.“

„Schwere psychotische Störung, wo ich die Realität nicht mehr richtig wahrnehme.“

Das Attentat wird durch die schnellen psychiatrischen Einschätzungen vielleicht begreifbarer. Doch wie aussagekräftig sind solche Ferndiagnosen?

Die große amerikanische Psychologenorganisation APA zumindest bezeichnet sie in der „Goldwater-Regel“ als unethisch.

Auch die Sozialpsychologin Pia Lamberty lehnt Psychogramme ab, die allein nach der Analyse von Texten und Videos angestellt werden.

Pia Lamberty, Sozialpsychologin, Universität Mainz

„Wir haben maßgeblich mehrere Text-Dokumente und einige Videos. Das ist politische Propaganda. Das heißt, die wurde mit einem gewissen Ziel verfasst. Sie sollte eine gewisse Intention erfüllen. Es fehlt eine Auseinandersetzung mit dem Täter, auch mit dem Umfeld, und das darf eigentlich nicht die Grundlage einer psychiatrischen Einschätzung sein.“

Die Gefahr ist: Das rassistische Motiv tritt so in den Hintergrund. Und aus dem mutmaßlichen Täter wird vorschnell einer, der vor allem nicht ganz richtig im Kopf war.

Fest steht: Auf seiner Homepage verlinkt Tobias R. internationale Verschwörungstheoretiker.

Und in seinem 24-Seiten Pamphlet fordert er, ganze Völker müssten vernichtet werden. Er spricht von Grob-Säuberung und Fein-Säuberung. Und wünscht sich eine Halbierung der Bevölkerungszahl.

All das hat sich der Rechtspsychologe Dietmar Heubrock angesehen. Für ihn liegt die Gefahr im Zusammenspiel von wirren Gedanken und rassistischer Ideologie.

Prof. Dietmar Heubrock, Rechtspsychologe, Universität Bremen

„Das Nähren eben dieses Wahns erfolgt ja durch die Ideen, die von anderen in die Gesellschaft hineingetragen wurden und dann eben von psychisch Kranken ausgewählt werden.“

Viele in der AfD verweisen zunächst nur auf die Expertisen zur Psyche von Tobias R.: „Wohl die Tat eines Geisteskranken“ - „Er hätte in die Psychiatrie gehört.“

Drei Tage später nennt AfD-Sprecher Chrupalla die Tat von Hanau dann doch „ein rassistisches Verbrechen“. Wie bitte? Nachfrage bei Alexander Gauland:

Alexander Gauland (AfD), Fraktionsvorsitzender Bundestag

„Es ist ein völlig Verrückter, es ist ein Mensch, der offensichtlich auch Verschwörungstheorien nachhängt und Rassismus ist natürlich auch eine Verschwörungstheorie.“

Horst Seehofer (CSU), Bundesinnenminister

„Ich habe mich da genau informiert. Der rassistische Hintergrund dieser Tat ist aus meiner Sicht vollkommen unbestritten und kann durch nichts relativiert werden.“

Durch die vielen Spekulationen rücken die Opfer in den Hintergrund. Neun junge Menschen, die in Deutschland zuhause waren. Und deren Angehörige sogar in der tiefsten Trauer nochmal betonen, wie gut integriert sie alle waren. Wie diese Mutter:

Serpil Temiz, Mutter von Ferhat Unvar

„Sie waren alle so großartig. Keiner von ihnen war arbeitslos. Mein Sohn hatte vor die Wochen seine Berufsausbildung abgeschlossen. Er wollte ins Leben starten.“

Ihr Sohn heißt Ferhat Unvar. Er wurde 22 Jahre alt.

Beitrag von Karolin Schwarz und Lisa Wandt

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