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Maskenpflicht - Chaos in der Pandemie-Bekämpfung

Ob die Menschen sich vernünftig verhalten, hängt vor allem davon ab, ob Sie Vorschriften einsehen und Vergehen auch geahndet werden. Hier gibt es viele Widersprüche: In Schulen herrscht Maskenpflicht, dieselben Kinder gehen danach in den Hort – ohne Maskenpflicht. Zwar soll es jetzt Bußgelder von mindestens 50 Euro geben – aber kontrolliert wird das in U-Bahnen kaum. Die Reportage belegt: Wieder einmal gibt es kein einheitliches Pandemie-Konzept.
 

Anmoderation: Und: Es sind ja eben nicht nur Flughäfen, an denen das Corona-Chaos herrscht. Wir leisten uns gerade jede Menge Regeln. Nur sorgt kaum einer dafür, dass sich wirklich alle dran halten. Und einige machen auch schlicht keinen Sinn: da packen Eltern drei verschiedene Masken in die Schultasche - für alle Fälle - und hören dann, dass in der Klasse keiner eine aufhatte. Was bringt das eigentlich alles? Das ist eine Frage, die langsam viele mürbe macht - Silvio Duwe, Susett Kleine und Markus Pohl hätten da ein paar Beispiele.

Unterrichtsbeginn an der Bruno H. Bürgel Grundschule in Berlin. Um sich möglichst wenig mit anderen Schülern zu mischen, nimmt die Klasse von Yannis heute den Hintereingang. Lehrer verteilen Masken an Vergessliche, auch an Yannis. Denn auf den Gängen herrscht Maskenpflicht. So sieht es der Berliner Musterhygieneplan vor. Im Klassenraum kann Yannis die Maske wieder absetzen. Auch für ihn ist das alles noch verwirrend. 

Yannis, 11 Jahre

„Du musst auch immer daran denken zum Beispiel, wenn man auf die Hofpausen muss und man es dann vergisst und angemeckert wird oder so, ist dann halt auch nicht cool.“

Zwei Lehrerinnen und 23 Kinder teilen sich einen Raum – dicht an dicht, ohne Masken. Weit geöffnete Fenster sollen die Ansteckungsgefahr mindern, so stellt sich das der Berliner Senat vor. Doch das ist hier nur eingeschränkt möglich. 

Bianca Pohler, Klassenlehrerin 6c

„Ich habe ein geöffnetes Fenster, weil für die anderen großen Fenster keine Fenstergriffe vorhanden sind. Die fehlen, die wurden irgendwann aus Sicherheitsgründen mal abmontiert. Ist vielleicht eine gute Idee, dass man sich das vorgestellt hat, aber klappt in der Praxis einfach nicht.“

Lehrerin Bianca Pohler hat sich vorsorglich schon jetzt für freiwillige Coronatests in einer und in vier Wochen angemeldet.  

Bianca Pohler, Klassenlehrerin 6c

„Ich vermute, dass es denn auch bald zu irgendwelchen Fällen kommt. Dass wir jetzt noch so weiter unterrichten, kann ich mir nicht vorstellen, dass es so lange hält.“

Auf dem Weg zum Pausenhof gilt wieder Maskenpflicht. Dort darf Yannis dann aber ohne Schutz spielen - ohne Abstand und auch mit Kindern aus anderen Klassen. 

Yannis, 11 Jahre

„Am Anfang habe ich ein bisschen drauf geachtet, aber jetzt mittlerweile, wenn ich in der Schule bin und eh keiner Abstand hält, ist es so ja, dann mach ich es in der Freizeit und dann komme ich in die Schule und dann ist sozusagen alles wieder aufgelöst.“

Auch seine Klassenkameraden sind von dem Hin und Her nicht überzeugt.  

Noah Maximilian, 10 Jahre

„Aber wie ich jetzt sehe, wie es so ist, finde ich schon, dass die Maßnahmen strenger gemacht werden sollten.“

Jakob Leonardo, 11 Jahre

„Wo ich erfahren habe, dass die Schule wieder losgeht, habe ich zu meinem Vater gesagt, nach zwei Wochen ist die Schule wieder zu.“

Um das zu verhindern, sieht das Senatskonzept eine regelmäßige Reinigung der Oberflächen vor. Hier müssen das die Kinder selbst übernehmen, denn es gibt nur eine einzige Reinigungskraft für die ganze Schule, berichtet Leiter Jens Otte.  

Jens Otte, Schulleiter 

„Im Grunde genommen bräuchten wir eine Putzkolonne, die das hier macht zur Mittagszeit und vorher und nachher die Toiletten und Waschräume reinigt. Weil eine Kraft kann das bei so einer großen, weitläufigen Schule gar nicht alleine schaffen.“

Für Yannis ist der Schultag vorbei. Doch andere Kinder bleiben noch für ein paar Stunden im Hort. Und hier wird es endgültig absurd: Vorher mühsam getrennte Klassen kommen im Hort zusammen, ohne Maske, ohne Abstand. 

Angela Zimmerer, Erzieherin

„Wir haben gar keine Möglichkeit die zu separieren, also diese Klassen beide auseinander zu nehmen in diesem Raum, weil wir haben ja gar kein Personal, um die zu trennen. Also die sind dann hier gemischt in dem Raum. Im Grunde hätte man nicht zum Regelbetrieb zurückkehren dürfen.“

Manche Corona-Regeln machen wenig Sinn – und manch Sinnvolles wird nicht durchgesetzt. Auch im Nahverkehr der Hauptstadt gilt Maskenpflicht. Aber während sich der Großteil daran hält, sitzt in fast jedem Waggon jemand ohne Mund-Nasenschutz, in der Regel gänzlich unbehelligt. Wer solche Maskenverweigerer anspricht, muss sich auf Ausreden und bizarre Argumente einstellen.

Frau

„Zwölf Stunden Arbeit, Kopfschmerzen, und die Luft hier drin – das geht gar nicht. Kennen Sie jemanden, der Corona hat?“ 

„Jetzt aktuell, ich persönlich?“ 

„Ja.“ 

„Nee, kenn ich niemanden.“ 

„Genau. Ich komme aus dem Gesundheitswesen, und da kennt keiner jemanden.“

Mehr als 9.000 Menschen sind in Deutschland bislang an Covid-19 gestorben. Aber so einige haben es sich in ihren alternativen Wahrheiten bequem eingerichtet. Wir drehen weiter mit versteckter Kamera. 

Gedächtnisprotokoll Frau

„An einer Grippe kann man auch sterben. Corona ist doch nur eine weiterentwickelte Grippe, mehr ist es nicht!“

Solche Polizeikontrollen sind eine seltene Ausnahme. Auch wenn heute einheitliche Mindest-Bußgelder für Maskenverweigerer beschlossen wurden: Solange sie kaum verhängt werden, bleibt der Nahverkehr für Kranke und Ältere ein Wagnis. 

Ältere Frauen

„Wenn sich dann auch zwei Sitze weiter jemand hinsetzt ohne Maske und in sein T-Shirt hustet, Ähnliches, das finde ich schon unangenehm.“ 

„Ich kann die doch nicht ansprechen. Das sind meist junge Leute, wenn ich die anspreche, die springen mir ins Gesicht.“

Tatsächlich wird die Stimmung in der Bahn schnell aggressiv:

Gedächtnisprotokoll Mann

„Komm mir nicht so dumm, ich sag dir, geh weg einfach! Geh weg! Wenn nicht, nehm ich dir deine Maske weg. Soll ich dir deine Maske wegnehmen?“

„Ich hab‘ dich doch einfach nur gebeten, eine Maske aufzusetzen.“

Gedächtnisprotokoll Mann

„Mach hier nicht auf Wichtigtuer, reicht! Er hat gesagt, wir haben keine!“

Gedächtnisprotokoll Mann

„Hätten sie auch ne Maske, die sie aufsetzen könnten?“ 

„Also bei 36 Grad und ich krieg kaum Luft, nö! Haben Sie irgendwie Langeweile, mich hier vollzuquatschen?“

Wo Regeln nicht kontrolliert werden, sinkt auch die Bereitschaft, sie zu befolgen. Eine warme Sommernacht am Spreeufer – Abstand hält hier kaum noch jemand. 

In dieser Nacht aber zeigt die Polizei Präsenz.

„Sie packen jetzt ihre Sachen, der Park wird geräumt und bewegen sich alle in diese Richtung hier.“ 

„Was ist denn der Grund für die Räumung?“ 

„Der Grund sind die ganzen Abstandsverstöße von Corona.“ 

„Ok, ja.“

Auch wenn manche murren: Am Ende siegt dann doch das Verständnis.

Junger Mann

„Sicherlich hätten wir gerne noch eine Stunde länger hier gesessen. Aber mal ganz ehrlich, es gibt hier natürlich auch Orte, wo man vielleicht auch ein bisschen alleiner ist, wo nicht so ne Massenansammlungen sind.“

Der Grat ist schmal - zwischen Einsicht in Regeln und dem Willen, die Pandemie endlich hinter sich zu lassen.

 

Beitrag von Silvio Duwe, Susett Kleine und Markus Pohl

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