Baumsterben im Nationalpark Harz nahe des Brocken an der Achtermannshoehe in Niedersachsen. Foto: Martin Wagner/imago images
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Dürre in Deutschland - Sterbende Wälder, trockene Fischteiche und massive Ernteausfälle

Am Freitag verkündet die Bundesagrarministerin den aktuellen Erntebericht. 2020 ist das dritte Dürrejahr in Folge, entsprechend hoch sind die Ernteausfälle. Der Klimawandel ist in Deutschland angekommen. Früher und heftiger als viele Experten erwarteten. Wir werfen einen Blick auf deutsche Dürre-Hotspots: Wegen Wassermangels fährt die Fischzucht Notprogramme, Teiche sind trockengefallen und die Fichtenwälder in Deutschland großflächig abgestorben oder zum Tode verurteilt. Eigentlich verfolgt die Bundesregierung seit über zehn Jahren eine Strategie der Anpassung an den unaufhaltsamen Klimawandel. Doch davon ist im Land kaum etwas zu merken, wie eine Kontraste-Reise durch die Trockengebiete aufdeckt.
 

Anmoderation: Das hier ist kein Bild aus einem Katastrophenfilm: so sieht er in Teilen tatsächlich aus, der deutsche Wald. Und: Es geht nicht um einen kleinen Teil. Etwa ein Viertel der Bäume in den Waldgebieten kommt gerade buchstäblich um vor Durst. Es ist das dritte Trockenjahr in Folge. Morgen wird der Erntebericht der Bundesregierung die Folgen auflisten - aber man kann sie auch längst mit bloßem Auge sehen: Chris Humbs und Marcus Weller haben sich auf den Weg gemacht zu den Dürre-Hotspots in Deutschland. Zu denen, die darunter leiden - und denen, die ratlos danebenstehen.

Deutschland – 2020: das dritte Dürrejahr nacheinander – die Folgen sind apokalyptisch: sterbende Wälder, Wassermangel, ausgetrocknete Flüsse.

Wir sind hier nicht auf einem Feld, sondern in einem großen Fischteich in Sachsen - bei Torgau.

Georg Stähler, Teichwirt

„In dieser Höhe etwa wäre Wasserstand normal.“

Es herrscht Ratlosigkeit - nicht ein Tropfen Wasser ist mehr übrig.

Georg Stähler, Teichwirt

„In den Teich werden etwa 15.000 Fische mit 500-600 Gramm könnten jetzt hier drin sein. Die ganzen Teiche wurden für Karpfen angelegt, die seit Jahrhunderten schon so bewirtschaftet werden.“

Mit dieser Tradition ist jetzt erstmal Schluss. Alle Zuflüsse für die 100 Hektar große Teichlandschaft sind wegen der Dürre versiegt - und damit auch die Einnahmen.

Georg Stähler, Teichwirt

„Dieses Jahr gar nichts, im letzten Jahr Notabfischung.“ 

Die Teiche gehören zu einem Naturschutzgebiet. Da sich der Fischer um den Artenschutz kümmerte, bekam er bis jetzt staatliche Gelder. Ohne Wasser stirbt aber so ziemlich alles Leben ab. Damit gibt es auch keinen Grund mehr für einen Zuschuss.

Georg Stähler wollte seine Teiche retten, tiefe Grundwasserschichten anzapfen und Wasser in die Teiche pumpen. Doch das Projekt scheiterte.

Georg Stähler, Teichwirt

„Da hatte ich jetzt auch eine Gespräch mit dem Landrat gehabt, die haben mir alle Brunnenbohrungen verboten.“

Im Landkreis gilt: Bis zu 50.000 Euro Strafe, wer Wasser abzweigt - wegen des Trinkwasserschutzes. Denn auch das wird knapp.

Die Dürre verursacht enorme Schäden, doch Deutschland hat sich noch nicht angemessen auf den unaufhaltsamen Klimawandel eingestellt – das zeigt unsere Reise zu den Hotspots der Trockenheit. 

Dieser „Dürremonitor“ zeigt die Entwicklung - die braunen Flächen markieren extreme Trockenheit im Boden. 2018 und 2019 waren gravierend – und auch 2020 war wieder ein Dürrejahr. Vor allem der Osten Deutschlands ist betroffen.

Ein Besuch in Pfiffelbach - Thüringen. Was trotz Dürre noch wächst, holen sich jetzt die Mäuse. Sie verbreiten sich explosionsartig, wegen des Klimawandels, wegen der milden Winter. Eine riesige Fläche weit hinein nach Sachsen-Anhalt ist betroffen. 

Landwirt Lars Fliege hat dieses Jahr beinahe die Hälfte seiner Weizenernte verloren, und mit dem Raps sieht es ähnlich aus.

Lars Fliege, Geschäftsführer Agrargesellschaft Pfiffelbach

„Das sind die Mäuse. Wenn wir uns so ne Pflanze anschauen hier, das soll ne Rapspflanze sein, alles abgefressen.“

Lars Fliege ist Chef einer Agrargenossenschaft - er bewirtschaftet eine Fläche, groß wie 6.000 Fußballfelder. Überall Mäusebauten. Es sind eine Millionen Nager, so schätzt er, die seine Ernte vernichten.

Er versucht es mit pflügen - aber das hilft kaum gegen die Plage.

Lars Fliege, Geschäftsführer, Agrargesellschaft Pfiffelbach

„Wir bewegen Erde. Da mach die Maus ne Rolle rückwärts, dann schüttelt die sich und läuft weiter.“

Mäuseplagen gehören seit jeher zur Landwirtschaft und Landwirt Fliege weiß was zu tun ist. Normalerweise würde er jedes einzelne Mauseloch mit vergifteten Ködern bestücken. Die Mäuse würden fressen und verenden.

Lars Fliege, Geschäftsführer, Agrargesellschaft Pfiffelbach

„Das ist genau das was wir nicht tun dürfen, leider Gottes“

Der Grund ist der gemeine Feldhamster - die Art ist vom Aussterben bedroht und deswegen streng geschützt. 

Lars Fliege, Geschäftsführer, Agrargesellschaft Pfiffelbach

„Wenn ein Hamster gefunden wurde oder gefunden wird, wird ein Areal von 100 Quadratkilometern gesperrt für die Mäusebekämpfung, mit so einer Legeflinte. Weil man uns abspricht, dass wir ein Mauseloch von einem Hamsterloch unterscheiden können.

Und so sind seine 5.000 Hektar komplett für die Mäusebekämpfung gesperrt. 5.000 Hektar auf denen sich die Mäuse ungehindert vermehren können – Bauer Friedrich ist sich sicher: die nächste Ernte ist schon jetzt verloren.

Und noch ein Opfer der Dürre: der Wald. Hitze und Trockenheit haben die Bäume so geschädigt, dass Schädlinge leichtes Spiel haben. Waldbauern wissen nicht, wohin mit dem ganzen Schadholz. 

Wir sind in Lehesten - in Thüringens Süden. Im Akkord müssen ganze Wälder geerntet werden. Großflächig sind Fichten vom Borkenkäfer befallen. Eine Invasion.

Dirk Meisgeier, Geschäftsführer, WBS Waldbesitzer Service

„Es sind extreme Stückzahlen entstanden, und diese Stückzahlen sind zurzeit einfach in den Wäldern und wir können sie nicht mehr händeln.“

Die Waldbesitzer lassen die betroffenen Fichten fällen - und das so schnell es geht, bevor sich die Borkenkäfer vermehren und die nächsten Bäume befallen. Doch eigentlich ist es schon zu spät. 

Ein Problem auch: Der Wald gehört vielen Besitzern - und nicht jeder holt die Bäume mit den Käfern raus. So verbreiten sie sich ungebremst weiter.

Dirk Meisgeier, Geschäftsführer, WBS Waldbesitzer Service

"Diese Vielzahl an Baustellen, die die Waldbesitzer jetzt innerhalb ihres Eigentums haben, führen aber dazu, dass die Leute resignieren, dass sie sagen, dann frisst der Käfer. Ich komme nicht mehr nach." 

Inzwischen ist beinahe der gesamte Fichtenbestand in Deutschland betroffen. Eine Fläche größer als das Saarland ist bereits so gut wie tot. Es fällt so viel Holz an, dass der Markt übersättigt ist. Es lohnt sich nicht, Bäume zu fällen, es gibt keine Abnehmer. Die Waldbauern erhoffen sich viel mehr Unterstützung von der Politik:

Dirk Meisgeier, Geschäftsführer, WBS Waldbesitzer Service

"Wir würden uns zum Beispiel wünschen, dass im öffentlichen Bereich Gebäude, die aus öffentlicher Hand finanziert werden, immer mit mindestens 50 oder mehr Prozent Holz gebaut werden, damit wir einfach diesen Rohstoff hier aus der Heimat auch heimisch irgendwo wieder einsetzen können." 

Doch derzeit verhindert das Baurecht vieler Länder die Errichtung großer Holzbauten. 

Eine schnelle Lösung ist trotz Anpassungsstrategie an den Klimawandel nicht in Sicht – Sie ist schon ziemlich alt, nur gelegentlich wird sie aktualisiert. Der Inhalt: eher unverbindlich und wenig konkret – Länder und Kommunen fehlt so die Linie, um den Schaden klein zu halten.

Verantwortlich hierfür ist das Umweltbundesamt – im Auftrag der Bundesregierung.

Inke Schauser, Kompetenzzentrum Klimafolgen, Bundesumweltamt

"Ich kann dazu nur sagen: Der Bund hat mit der deutschen Anpassungsstrategien eine mittel- bis langfristige Strategie entwickelt, um den Wald, auch den Wald, aber auch andere Systeme langfristig in der Struktur umzubauen, die Nachhaltig und resilient sind."    

Doch die Waldbesitzer brauchen jetzt konkrete Lösungen für ihr Holz.

Inke Schauser, Kompetenzzentrum Klimafolgen, Bundesumweltamt

"Was Sie ansprechen, ist aktuelle Forstpolitik. Dazu kann ich nichts sagen.“

Für die Holzwirtschaft neue Märkte zu schaffen halten die Strategen für keine gute Idee.

Inke Schauser, Kompetenzzentrum Klimafolgen, Bundesumweltamt

"Letzten Endes sind das freie Märkte. Der Bund ist nicht verantwortlich für die Ausgestaltung dieser Märkte.“

Ohne Hilfe ist man auch im fränkischen Igensdorf. Bauer Georg Friedrich hat vor drei Jahren sein Milchvieh abgeschafft und mit dem Geld 850 Süsskischbäume gepflanzt. 

Georg Friedrich – Obstbauer

"Gelbe Blätter, die dann abfallen, alles trocken." 

Kontraste

"Und erholen die sich jetzt nochmal?"

Da müsste diese Woche Regen kommen, unbedingt. Aber der meldet jetzt schon über 30 Grad und dann muss man nachhelfen, sonst werden sie kaputt. 

Mit den Kirschbäumen wollte der Landwirt die Zukunft seines Betriebes sichern, doch wegen der anhaltende Dürre ist an eine Ernte nicht zu denken. Es gibt einfach nicht genug Regen.

Georg Friedrich – Obstbauer

„Wo bring ich das Wasser her, aus der öffentlichen Wasserversorgung darf ich’s nicht nehmen. Wo bring Ichs her?“

Beinahe in Sichtweite liegt eine bereits erschlossene ehemalige Trinkwasser-Quelle, deren Wasser zurzeit ungenutzt versickert. Bauer Friedrichs Plan war, eine Zisterne zu bauen und das im Winter gesammelte Wasser im Sommer per Tröpfchen-Bewässerung an die Bäume zu bringen. Mit Unterstützung des Bauernverbandes wurden Pläne erarbeitet, Gutachten eingeholt, zahlreiche Anträge gestellt.

Hermann Greif, Bezirkspräsident Oberfranken, Bayerischer Bauernverband

„Aber letztendlich haben wir eigentlich nie eine Antwort gekriegt. Es sind schon ein bisschen die Zuständigkeiten von einem auf den anderen geschoben worden.“ 

Kontraste

„Und dann haben Sie aufgegeben?“ 

Hermann Greif, Bezirkspräsident Oberfranken, Bayerischer Bauernverband

„Dann hat man irgendwann so nach zweieinhalb Jahren aufgegeben.“

Und so muss Bauer Friedrich weiter auf Regen hoffen – kommt er nicht, wird er die Plantage wohl abschreiben müssen.

Dürre in Deutschland – trotz enormer Schäden im ganzen Land, fehlen noch immer kluge, vor allem aber schnelle Lösungen. 

 

Beitrag von Chris Humbs und Marcus Weller

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