Ansturm von Reiserückkehrern am Flughafen Frankfurt. Foto: Ralph Peters/imago images
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Rückkehrer aus Risikogebieten - Politischer Reinfall Flughafentests

Der Anteil der Reiserückkehrer an den Neuinfektionen liegt deutschlandweit bei 42 Prozent. Daher verkündete Bundesgesundheitsminister Spahn vor wenigen Wochen flächendeckende Tests an Flughäfen. Wenige Tage später nun der Offenbarungseid: Bund und Länder beschließen heute, die Tests Mitte September zu stoppen. Laborkapazitäten fehlen und das Personal in Gesundheitsämtern. Die Geschichte eines politischen Reinfalls.
 

Anmoderation: Jetzt also doch wieder nicht: Aber: was ist denn jetzt mit den 42 Prozent der Infizierten die das Virus laut Robert-Koch-Institut aus dem Ausland mitbringen? Für die wären Teststationen an den Flughäfen ja eigentlich die perfekte Abwehrmaßnahme. Oder: Wären sie gewesen - wenn nicht schon bei diesem einen simplen Verfahren so gewaltig geschlampt worden wäre. Markus Pohl berichtet.

Flughafen Berlin-Tegel in dieser Woche. Noch sollen und können sich Rückkehrer aus Risikogebieten hier an der Corona-Teststation kostenlos testen lassen. 

Rückkehrer

„Ging schnell, war eigentlich ganz gut, also da gabs keine Probleme.“ 

„Im Rachen geht, aber in der Nase ist schon anstrengend.“

Doch am späten Abend ist Dienstschluss an der Teststation - und das, obwohl die Urlaubsflieger weiter landen.

„Woher kommen Sie denn gerade? 

„Aus Mallorca, ist es noch offen?“ 

„Ich weiß es nicht, müssen sie gucken.“ 

„Oh Mann.“

Eile ist geboten, denn pünktlich um 22 Uhr ziehen die Helfer von der Bundeswehr ab. Wer jetzt noch kommt, hat Pech gehabt oder muss auf seine Überredungskünste setzen.

Rückkehrerin

„Sie hat mich noch mit betteln reingelassen.“ 

„Mit betteln?“ 

„Ja, ich musste ein bisschen betteln, aber ich war drin und habe jetzt einen Test, mal gucken.“

Kurz darauf landet der Flug aus Beirut. Im Libanon sind die Infektionszahlen in den vergangenen Tagen rapide angestiegen. Doch die Risikoreisenden bleiben um diese Zeit sich selbst überlassen.

Rückkehrerin

„Wir kommen aus dem Libanon, wo es sehr viel Corona gibt, und niemand da zum Testen. Kein Mensch da, es sei geschlossen.“ 

„Ja, die haben um 22 Uhr zugemacht, also vor wenigen Minuten.“ 

„Entschuldigung, aber da macht man dann nicht zu.“

Wie gewissenhaft die Einreisenden hier ihrer Pflicht nachkommen, sich in den nächsten drei Tagen testen zu lassen, ist fraglich. 

Rückkehrer

„Kein Mensch wird das machen.“ 

„Warum nicht?“ 

„Warum? Weil keiner sich an die Regeln hält, ob die Deutschen oder Ausländer oder alle. Ich glaube auf ganze Welt gibt’s kein Corona, das ist nur politische Gründe, mehr nicht.“

„Darf ich was sagen? Merkel, Erdogan und die ganzen, Trump, das sind alles nur Marionetten. Alles nur Marionetten, wir werden gerade regiert von den ganzen Zionisten und die ganzen Illuminatis. Das ist meine Meinung.“

Passagiere füllen momentan sogenannte Aussteigerkarten aus, oft falsch, deshalb sollen sie demnächst digitalisiert werden. So wie es bislang läuft, geht es nicht weiter, sagt auch der zuständige Gesundheits-Stadtrat

Detlef Wagner, Bezirksstadtrat für Gesundheit Charlottenburg-Wilmersdorf

„Unser Gesundheitsamt arbeitet jetzt schon am Limit. Sollten wir feststellen müssen, wer sich an die Testung gehalten hat, wer sich wirklich in Quarantäne begeben hat, könnten wir das überhaupt nicht tun, weil diese Tausenden von Aussteigerkarten, die irgendwo jetzt rumliegen, wären für uns der Kollaps.“

Erst vor drei Wochen hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Zwangstests für Risikoreisende verordnet.

Weil aber auch die Labore mit den vielen Proben überfordert sind, nun die Rolle rückwärts. Ein politisches Scheitern mit Ansage, das Praktiker aus den Gesundheitsämtern vorhergesehen hatten.

Patrick Larscheid, Amtsarzt Berlin-Reinickendorf

„Wenn jetzt die Situation eintritt, dass man zurückrudern muss, ist das schon eine schallende Ohrfeige für all diejenigen, die vorher gewarnt wurden. Umsetzbar ist aktuell nur die Testung von richtig kranken, von symptomatischen und von Patientinnen und Patienten aus einer Ausbruchssituation. Alles andere ist ein Luxus, den wir uns überhaupt nicht leisten können.“

 

Beitrag von Markus Pohl

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