19.02.2019, Berlin: Aufgrund eines Stromausfalls ist die Straßenbeleuchtung im Stadtteil Köpenick nicht im Betrieb (Quelle:
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- 31 Stunden Blackout Berlin

Es war der größte Stromausfall seit Jahrzehnten in Berlin. Betroffen waren 31000 Haushalte - über 31 Stunden. KONTRASTE-Reporter waren unterwegs, um herauszufinden, was das mit Menschen macht: in einem 11-stöckigen Hochhaus, einem Einfamilienhaus, bei der Feuerwehr im Brandeinsatz und in einer Klinik, die bis auf die Intensivstation zeitweise im Stockdunkeln lag.

Anmoderation: Wie verwundbar wir sind, wenn plötzlich gar nichts mehr funktioniert, zeigte sich über dreißig Stunden lang hier in der Hauptstadt: kein Licht, keine Heizung, kein Wasser, das Handynetz gestört. 31.000 Haushalte von der Versorgung abgeschnitten. Der größte Stromausfall  der vergangenen Jahrzehnte. Unsere Kontraste-Reporter nehmen sie mit in die Dunkelheit.
 

Stockfinstere Nacht beim Krankenhaus Köpenick. Eine Klinik mit über 500 Betten – und seit dem frühen Nachmittag vom Netz abgeschnitten. Energie liefert  nur ein Notstromaggregat. Doch das funktioniert nicht richtig – immer wieder hat es Aussetzer. Ein unkalkulierbares Risiko für Patienten, die auf lebenserhaltende Maßnahmen angewiesen sind.

Prof. Matthias Pross, Ärztlicher Leiter DRK Kliniken Berlin Köpenick

"Daraufhin haben wir den Katastrophenalarm ausgelöst und um Unterstützung gebeten. Es sind heute Nachmittag schon zwei kritische Patienten verlegt worden in die Charité und wir planen jetzt weitere Patienten zu verlegen."

Hilfe bekommt Matthias Pross von Polizei und Feuerwehr. Notstrom liefert nun zusätzlich das Technische Hilfswerk. Nur die Intensivstation ist vollständig versorgt. Alle anderen Patienten müssen überwiegend im Dunkeln klarkommen.

Prof. Matthias Pross, Ärztlicher Leiter DRK Kliniken Berlin Köpenick

"Das ist dann schon 'ne Herausforderung, weil sie ja Sorge tragen müssen. Jetzt wissen wir, wir schaffen alles, aber wie ist es in drei Stunden?"

Eine Nacht ohne Strom - insgesamt trifft es 31.000 Haushalte. In einem lebt Katrin Rösicke. Heute ohne Heizung, ohne Kühlschrank, ohne Herd. Für die Köchin doppelt ärgerlich: Sie ist beruflich davon abhängig.

Katrin Rösicke

"Ich mache eigentlich Catering und eigentlich habe ich morgen eine Lieferung und ich weiß noch nicht, wie die Lieferung aussehen wird."

Immerhin hat sie sich kürzlich diese batteriebetriebene LED-Lampe zugelegt.

Auch dieser Mann sorgt sich um seine Lieferung. Für die Brötchen gibt es im Bahnhofs-Kiosk derzeit keine Kühlung. Und der Aufback-Ofen wird am nächsten Morgen wohl auch nicht laufen. Trotzdem wird tapfer geliefert.

Zurück beim Krankenhaus. Sie haben entschieden, großflächig zu evakuieren. Insgesamt 23 Patienten müssen in andere Krankenhäuser verlegt werden. Hinzu kommt: Dem Notstromaggregat könnte der Treibstoff ausgehen.

Prof. Matthias Pross, Ärztlicher Leiter DRK Kliniken Berlin Köpenick

"Das Aggregat, das ist ein großer Dieselmotor, der muss mit Diesel nachgefüllt werden, das ist das Limitierende. Aber wir hoffen, dass in unserer modernen Gesellschaft, dass natürlich bald der Strom wiederkommt."

Nachschub bringen bis dahin mobile Tankstellen. Noch funktioniert das Notfallsystem aus Hilfsorganisationen, Technischem Hilfswerk und immer wieder der Feuerwehr: Im Dauereinsatz beim Krankenhaus, auf den Straßen als Ansprechpartner für Bürger in Notlagen.

Und dann brennt es auch noch in einem Einfamilienhaus. Der komplette Dachstuhl steht in Flammen. Für die Einsatzkräfte eine harte Nacht – heute sind sie auch mit Taschenlampen unterwegs – und für diesen Anwohner eine Ausnahmesituation, die gar düstere Erinnerungen weckt.

Vox-Pop

"Da fällt mir immer noch der zweite Weltkrieg ein, den ich als Kind erlebt habe."

Im Döner-Bistro Final brennt nach Mitternacht noch Kerzenlicht. Verkäufer Ansar Ali will im Laden bleiben bis es am nächsten Morgen wieder hell wird. Aus Angst vor einer Nacht der Räuber.

Ali Ansar

"Die machen das Fenster kaputt und kommen rein, wird alles Bier mitgenommen oder trinken den Schnaps und so."

Kontraste

Sie haben Angst vor Plünderungen?

Ali Ansar

"Ja genau."

Selbst wenn was passiert, kann mancherorts nicht mal mehr der Notruf gewählt werden. Denn zeitweise ist auch das Mobilfunknetz ausgefallen.

Ali Ansar

"Bei unserem Land ist das normal, aber hier Deutschland, ich weiß nicht."

Kontraste

"Was ist ihr Land?"

Ali Ansar

"Ich komme aus Pakistan."

Am nächsten Tag – der Strom ist nun seit fast 24 Stunden weg.

Hier beim Krisenstab werden alle Maßnahmen koordiniert. Noch reichen die Kapazitäten. Doch Björn Radünz von der Berliner Feuerwehr kann für einen größeren, längeren Stromausfall nichts garantieren.

Björn Radünz, Berliner Feuerwehr

"Wenn die ganze Stadt betroffen ist, über einen längeren Zeitraum auch, so 24 Stunden, drei Tage, dann kommen wir natürlich auch an unsere Grenzen. Gerade personell und materiell."

Die Hilfe kommt in solchen Krisen vor allem für Notfälle.

Die Köpenicker Unternehmen aber müssen alleine klarkommen. Zum Beispiel die Firma Equiconn.

Patrick Schilling, Betriebsleiter

"Ja sorry, Klingel geht leider nicht, Strom ist weg. Deswegen geht es leider nur mit klopfen, aber wir schaffen das."

Hier wird eigentlich passgenaues Batteriezubehör gefertigt: Kabel, Schrauben oder Steckverbindungen.

Kontraste

"Noch geht der Akkuschrauber. Und was passiert wenn nicht mehr?"

Patrick Schilling, Betriebsleiter

"Na die letzten Reserven quetschen wir noch raus und danach geht’s auf die altherkömmliche Art mit den beiden und einem Schraubenzieher weiter. Was soll man machen?"

Für Betriebsleiter Patrick Schilling ungewohnt: Sämtliche Maschinen stehen still, keine Emails, kein Telefon. Nur Handarbeit am Fenster, bei natürlichem Licht. Und kalt ist es auch – nur ein kleiner Ofen für alle.

Ohne Heizung, ohne Warmwasser – Jenifer Jaeck hat das nun seit über 26 Stunden. Sie ist ziemlich genervt. Ihre beiden kleinen Kinder sind krank.

Jenifer Jaeck

"Schnauze voll. Ich weiß nicht, was ich noch dazu sagen soll. Ich möchte jetzt einfach bloß noch ins Warme, weil mir jetzt auch kalt wird. Sie braucht eine warme Dusche und was zu Essen. Was Warmes im Bauch."

Ihre Wut richtet sich gegen diese Baustelle, die quasi Schuld ist an dem Blackout: Hier hatten Arbeiter die zwei wichtigsten Stromkabel angebohrt, ohne sich vorher über die Lage der Kabel schlau zu machen.

Der längste Stromausfall seit Jahrzehnten also wegen dilettantischer Bauarbeiten. Typisch Berlin.

Beitrag von Sascha Adamek, Matthias Deiß, Cosima Gill, Max Kell und Norbert Siegmund

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