Olga und ihr Sohn (Bild: rbb/ Kontraste)
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Plötzlich Krieg - Das Schicksal einer ukrainischen Familie

Es ist die größte Fluchtbewegung seit Ende des Zweiten Weltkriegs: Zehn Millionen Menschen suchen Schutz vor Putins Bomben. So wie der neunjährige Sascha und seine Mutter Olga. Während der Vater in der umkämpften Ukraine bleiben muss, sind sie erstmal in Sicherheit – haben eine Wohnung in Leipzig bekommen. Doch wie ist es, von heute auf morgen Flüchtling zu sein? Und wie verkraftet ein Kind die Schrecken des Krieges?

Olga und Sascha wurden durch den Krieg aus einem wohlhabenden und glücklichen Familienleben herausgerissen. Kaum in Leipzig angekommen erreicht sie die schlimme Nachricht: Olgas Eltern sind im umkämpften Mariupol ums Leben gekommen. Die 40-Jährige wird auf einem Video im Netz sogar mit einem Bild ihres toten Vaters konfrontiert. Auch in Deutschland lassen die Schrecken des Krieges Mutter und Sohn nicht los.

Olga Okara

"Das ist meine Mutter. Und das ist mein Vater. Putin hat mein Leben zerstört."

Olga Okara hat in der Ukraine ein glückliches Leben geführt. Noch vor wenigen Wochen lebten sie und ihr Mann in einer heilen Welt - in der Hauptstadt Kiew. Mit ihrem Sohn bereisen sie die Welt. Ein Bilderbuchleben, das sie sich immer für ihre Familie gewünscht hatte.

Dann, innerhalb eines Tages, bricht all das zusammen. Mitten in Europa herrscht plötzlich Krieg.

Horrorbilder aus der Ukraine und die schrecklichen Nachrichten reißen nicht ab.

Olga Okara

"Ein Massengrab. Wie kann das sein?"

Sie haben es nach Deutschland geschafft.

Sascha

"Mistkerle."

Doch Putins Hass verfolgt sie weiter.

Grit Trepte, Schulleiterin

"Er baut sich nach außen eine Mauer auf. So nach dem Motto: Ich bin cool, ich kann das schon."

Sascha

"Mir wurde alles genommen."

Wie zurechtkommen, wenn der Krieg einen immer wieder einholt?

"Friede, Freiheit, Demokratie!"

Dresden am 20. März. Seit fast drei Wochen schon führt Russland seinen unerbittlichen Krieg gegen die Ukraine. Doch hier, auf einer "Querdenken"-Demonstration werden russische Fahnen geschwenkt. Viele Teilnehmer hier sympathisieren offen mit dem Angreifer. Putin ist für sie kein Kriegstreiber, sondern ein Held.

Demonstrant

"Ich weiß nicht, warum die Ukrainer jetzt so einen starken Widerstand machen. Ich denke, der Putin hat ganz gute Ansichten."

Demonstrant

"Das ist kein Angriffskrieg! Sie müssen ja nur mal dem Herrn Putin zuhören!"

Wir treffen Olga zum ersten Mal. Sie ist zufällig in die Demonstration geraten und kann nicht fassen, was sie dort hört. Olga Okara ist selbst erst vor wenigen Tagen vor dem Krieg aus der Ukraine geflohen.

Olga Okara

"Ich bin schockiert. Ich habe viele Menschen gesehen, die Putin unterstützen. Leute, Ihr seid verrückt! Wie kann das sein? Wie kann das sein? Bitte kommt nach Kiew! Kommt nach Mariupol und seht es mit eigenen Augen! Es ist fürchterlich. Unser Leben ist zerstört. Ich habe alles verloren."

Die 40-Jährige ist zusammen mit ihrem Sohn aus Kiew nach Deutschland gekommen. Aufgewachsen ist sie in Mariupol. Doch von ihrer Stadt und ihrer Kindheit ist kaum etwas übrig.

Olga Okara

"Das ist mein Haus in Mariupol. Das ist meine Mutter. Das ist mein Vater. Und ich bin ein echter Mensch. Putin hat mein Leben zerstört."

Das Video, auf dem ihre Eltern zu sehen sind, stammt von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur "Ria Novosti". Zu Propagandazwecken führen die Russen im Fernsehen vor, wie gut sie sich angeblich um ukrainische Zivilisten kümmern.

Tatsächlich zeigt es eine Hochhaussiedlung im schwer umkämpften Mariupol. Die Frau, die hier getragen wird, ist die Mutter von Olga Okara. Wir können sie mit offiziellen Dokumenten, etwa ihrem Pass, identifizieren. Das Foto zeigt Nelja Michailowska, geboren in Mariupol.

Kurz ist in dem Video auch ein lebloser Körper auf der Straße zu sehen. Olga Okara glaubt hier ihren Vater zu erkennen. Auch hier kommen wir zu dem Schluss, dass es sich um ihn handeln muss – Witali Tretyakow.

Ein Nachbar der Eltern hat der Ukrainerin geschrieben - ihr Vater lebt nicht mehr. Die Mutter soll in einem Krankenhaus liegen.

Vor dem Krieg waren Olga Okara, ihr Mann Pavlo und ihr Sohn Sascha ein Team, eine glückliche Familie. Sie wohnten in der Hauptstadt der Ukraine, es fehlte ihnen an nichts. Gerade hatten sie ihre Wohnung abbezahlt. Eine Familie, die es so in jeder Metropole geben könnte.

Sascha trainierte Judo, lernte Geige. Immer wieder waren sie in Mariupol, wo Olga Okaras Eltern wohnten. Sascha liebte seine Großeltern sehr.

Jetzt ist alles anders. Mutter und Sohn leben in einer Plattenbausiedlung in Leipzig. Hier sind sie direkt nach ihrer Flucht untergekommen, haben eine kleine Wohnung gefunden. Doch der Vater musste in Kiew zurückbleiben.

Olga Okara

"Wir schicken dir einen Teil von unserem friedlichen Himmel und der friedlichen Sonne. Ja, mein Lieber. Ich umarme dich. Ich küsse dich, mein Geliebter. Tschüss."

Ihren Sohn Sascha lassen die schrecklichen Bilder von zerbombten Gebäuden nicht los. Die Angst vor dem Krieg und dem Tod – sie begleitet ihn, auch wenn er in Leipzig erstmal in Sicherheit ist.

Olga Okara

"Sascha, was machst du?"

Sascha

"Ich mache hier Aufkleber dran."

Olga Okara

"Was für Aufkleber? Hast du die selbst auf Deutsch geschrieben? Ukraine?"

Sascha

"Weil ich gegen den Krieg bin."

Olga Okara

"Wow! Hast du es selbst gemacht oder hat jemand geholfen?"

Sascha

"Nein, ich habe den allein gemacht."

Olga Okara

"Und du schreibst "Ukraine…"

Sascha

"Ukraina top!"

Olga Okara

"Ukraine top – Was bedeutet das?"

Sascha

"Es bedeutet, dass die Ukraine das beste Land ist."

Olga Okara

"Das beste Land…"

Aus seinem früheren Leben ist Sascha nur die Mutter geblieben. Weit weg von zuhause versucht sie ihm ein bisschen Normalität zurückzugeben. Auch wenn sie selbst verzweifelt ist. Wird sie ihren Vater überhaupt beerdigen können?

Olga Okara

"Wir haben hier Sonne. Stell dir vor Sonnenschein, warm und Frühling und ich stelle es mir vor, wie die Leiche meines Vaters einfach da liegt. Das hat er doch nicht verdient."

Mariupol. Seit Februar steht die Stadt unter Dauerbeschuss. Olgas Eltern lebten in diesem zerbombten Wohnblock. Inzwischen sind etwa 90 Prozent aller Häuser zerstört. Die Hafenstadt war einer der am stärksten umkämpften Orte des Landes. Es gibt dort keine Heizung, keinen Strom, kein Wasser mehr. Mariupol wird zum Synonym für den Widerstand der Ukrainer und für die Hemmungslosigkeit Putins. Eine russische Rakete zerstört die Geburtsklinik. Ein Kriegsverbrechen.

Eine Woche später wirft ein russisches Flugzeug Bomben über dem Stadttheater ab. Im Keller suchten Einwohner Schutz. 300 Tote zählte die Stadtverwaltung, viele Frauen und Kinder. "Ditnja", "Kinder", mit diesem Schriftzug war der Platz vor dem Theater markiert worden. Damit hier keine Bomben abgeworfen werden.

Sascha hat es raus aus diesem Krieg geschafft. Doch es fühlt sich nicht wie eine Rettung an. Ein Schwimmkurs soll ihm dabei helfen, auf andere Gedanken zu kommen. In der Ukraine ist er regelmäßig zum Training gegangen, hat sogar schon Wettkämpfe geschwommen. Heute aber geht es nicht ums Gewinnen.

Franziska Meißner, Schwimmlehrerin

"Sascha! Eine Bahn schwimmst du so vorwärts. Dann drehst du dich und schwimmst so zurück."

Es ist ein Kurs auch für geflüchtete Kinder, die aus unterschiedlichen Kriegsregionen kommen. Die Schwimmlehrerin klammert das Thema dabei bewusst aus, spricht mit den Kindern nicht darüber. Doch der Krieg in Europa beschäftigt sie sehr.

Franziska Meißner, Schwimmlehrerin

"Diese Angst kommt definitiv jetzt aktuell näher. Das beunruhigt mich persönlich auch. Ich habe auch zwei Kinder. Das lässt einen natürlich nicht kalt."

Sascha hat den Krieg erlebt. Und er begleitet ihn jeden Tag.

Sascha

"Der Krieg ist da und er wird auch bleiben. Und ich weiß auch nicht, wie lange das dauern wird. Ich will solche Sachen nicht mitmachen. Ich bin vom Krieg gekommen. Nicht aus dem Urlaub."

Kontraste

"Was würdest Du gerne machen?"

Sascha

"Ich will mich jetzt nur ausruhen und an nichts denken."

Sascha geht in Leipzig zur Schule, in eine Willkommensklasse für ukrainische Kinder. Zusammen singen sie jeden Morgen die Nationalhymne der Ukraine – ein Gefühl von Heimat im fremden Land.

Die 20 Schülerinnen und Schüler kommen aus allen Ecken der Ukraine. Zusammen mit ihnen lernt Sascha hier auch ein bisschen Deutsch.

Lehrerin

"Wie heißt du?"

Sascha

"Ich heiße Sascha."

Sascha

"Woher kommst du?"

Schüler

"Ich komme aus der Ukraine."

Schule. Das bedeutet Struktur. Alltag. Für Sascha soll es auch Ablenkung sein.

"Sascha!" - "Die Federmappe."

In einer Pause denken sich die Kinder ein Spiel aus. Geopolitik mit Buntstiften. Jedes Kind ist ein eigenes Land, das die Grenzen der anderen achten muss. Sie spielen im Kleinen durch, was im Großen so oft misslingt.

Junge

"Ich werde ein friedliches Land sein."

Sascha

"Ich auch! Seht ihr meine Grenzen? Ich werde sie nicht überschreiten."

Junge

"Ich auch!"

Sascha

"Hier ist mein Land. Und die Inseln da drüben sind bereits Fremdterritorium. Ich habe kein Recht sie einzunehmen. Denn ich gelte sowieso als ein großes Land."

Wie erwachsen und abgeklärt die Kinder hier teilweise mit den schrecklichen Erfahrungen des Krieges umgehen, erstaunt Schulleiterin Grit Trepte immer wieder. Doch sie erlebt auch Momente, in denen die Kinder traurig sind. Auch Sascha.

Grit Trepte, Schulleiterin

"Ich sehe das auch als Chance mit diesem Auffangbecken einem wirklich traumatisierten Jungen, wie ihm, hier eine Chance zu geben, einen gewissen Rahmen an Stabilität wieder erfahren zu können. Er baut sich nach außen so eine Mauer auf, so ein – ich bin cool, ich habe das alles im Griff. Aber er hat ganz viele sensible Seiten, das haben sie ja bemerkt. Die will er nicht unbedingt der ganzen Welt zeigen."

Olga Okara ist ganz gerührt von den zahlreichen Hilfsangeboten in Deutschland. Aber wie viele andere, die ihre Heimat verlassen mussten, will auch sie so schnell wie möglich zurück.

Olga Okara

"Hier sind unsere Nachnamen. Das ist vorübergehend unser Haus. Wir hoffen, dass es vorübergehend bleibt."

Auch Sascha will nicht in Deutschland bleiben. Er sehnt sich zurück nach Kiew. Deshalb hat ihm seine Mutter heute sein Lieblingsessen zum Mittag gemacht. Es gibt Borschtsch. Ein typischer Eintopf aus der Heimat.

Olga Okara

"Komm essen, Sascha, mein Schatz. Setz dich! Nimm Platz. Leg das bitte weg! Das geht schon nicht verloren. Lass es dir schmecken."

Olga Okara

"Ich würde sehr gerne eine Arbeit suchen. Was denkst du, wird das klappen?"

Sascha

"Bei dir klappt doch immer alles. Absolut sicher, dass es klappt."

Olga Okara

"Aww. Danke, mein Sohn."

Die 40-Jährige will unbedingt herausfinden, was mit ihrer Mutter passiert ist. Ausgerechnet in einem weiteren Video des russischen Propagandasenders "Ria Novosti" findet sie das letzte Lebenszeichen ihrer Mutter. In dem Bericht wird ihre diabetes-kranke Mutter offenbar für Propagandazwecke benutzt. Die Russen spielen sich in Mariupol als Helden auf.

Video

"Die Frau bekommt eine permanente Insulin-Therapie. Uns fehlen aber Medikamente."

Inzwischen weiß Olga, dass auch ihre Mutter gestorben ist.

Olga Okara

"Ich kann sie nicht anfassen, ihre Hand halten. Ich kann mich nicht verabschieden, ihr wichtige Worte sagen. Ihr sagen, dass ich sie liebe. Und sie einfach anfassen, sie berühren und diese Wärme spüren von meiner Mama."

Olga verliert ihre Eltern im Krieg. Ohne Abschied.

Olga Okara

"Für mich sind sie immer noch am Leben. Ich bin so traurig, dass sie einfach zu einem weiteren Bild des Krieges geworden sind, verstehen Sie. Zu einem bloßen Kriegsbildchen. Aber ich bin froh, dass ich wenigstens diese Videos habe. Die meisten Menschen haben nicht einmal solche Videos."

Sie hat jetzt nur einen Wunsch: Ihre Eltern wenigstens beerdigen zu können. Ihr Mann Pavlo kann seine Frau nur über das Telefon trösten. Der nicht enden wollende Krieg macht ihn wütend. Vor allem von Deutschland wünscht er sich mehr Unterstützung.

Pavlo Okara

"Wie viele Menschen müssen in der Ukraine noch sterben, Kinder, Alte, Zivilisten, Soldaten bis die Entscheidung getroffen wird uns zu helfen?  Wir brauchen diese Waffen nicht, um den Feind auf seinem Gebiet anzugreifen. Wir haben keinen Krieg erklärt und auch keine fremden Gebiete besetzt und wir planen auch nicht so etwas zu machen. Die Ukraine will die eigenen Gebiete zurückholen und den Besatzer vom eigenen Gebiet vertreiben. Das ist alles."

Die Situation in Mariupol spitzt sich immer weiter zu. Die Versorgungslage ist katastrophal. Fluchtkorridore für die Zivilbevölkerung werden beschossen und daraufhin wieder dicht gemacht. Viele machen sich seither auf eigene Faust auf den Weg.

Russland hält inzwischen den größten Teil der Stadt. Die letzte Bastion der Verteidiger: Eine der größten Eisenhütten Europas, das Asow-Stahlwerk. Olga arbeitete hier eine Zeit lang für die Geschäftsleitung des Werks. In den Kellersystemen und ehemaligen Atombunkern für die Werksarbeiter haben sich die ukrainischen Kämpfer verschanzt, zusammen mit etwa 1.000 Zivilisten. Es gibt kaum noch Wasser, Essen – auch keine Windeln:

Kind

"So quält sich der Junge."

Kind

"Wir wollen nach Hause, wir wollen die Sonne sehen."

Unterdessen wird weiter bombardiert. Während die Menschen in Mariupol nur noch ums Überleben kämpfen können, bangt Olgas Mann Pavlo in Kiew gerade um seinen Job. Denn die Wirtschaft im ganzen Land ist eingebrochen.

Pavlo Okara

"Ich war gerade im Supermarkt."

Olga Okara

"Ja?" 

Pavlo Okara

"Habe eingekauft."

Sascha

"Wurden Gurken geliefert?" 

Olga Okara

"Sascha fragt, ob es Gurken gibt."

Pavlo Okara

"Ja, es gibt Lebensmittel, Gemüse, Früchte, aber alles ist deutlich teurer geworden."

Olga Okara

"Deutlich teurer?!"

Pavlo Okara

"Der Einkauft fällt eineinhalb oder doppelt so teuer aus. Das ist schwer zu ertragen, vor allem wenn man weiß, dass man vielleicht arbeitslos wird."

Der Vater kann die Familie in Deutschland finanziell kaum noch unterstützen. Olga und ihr Sohn sind auf deutsche Sozialleistungen angewiesen. Ihnen stehen als Geflüchteten rund 600 Euro im Monat zu. Der Gang zur Leipziger Tafel – nie hätte die 40-Jährige gedacht, dass sie sich hier einmal anstellen würde.

In der Schlange trifft sie auf Frauen, die ebenfalls aus der Ukraine geflüchtet sind.

Olga Okara

"Und wie sieht es mit der Arbeit aus?"  

Ukrainerin

"Wir gehen wieder zurück in die Ukraine, um unseren Job nicht zu verlieren."

Olga Okara

"Ja, mit der Arbeit ist das so. Ich spreche mit so vielen Menschen und die meisten erzählen, dass sie ihren Job verlieren."

Ukrainerin

"Ja, und das macht Angst. Wenn ich nicht die Arbeit hätte, würde ich vielleicht sogar hierbleiben. Ich hoffe, dass alles gut wird, denn arbeitslos zu werden, das wäre schrecklich." 

Olga Okara

"Man hat gerade die Hypothek abbezahlt. Dein Leben hat sich gerade eingependelt. Man macht sich mit seinem Ehemann Pläne für die Zukunft. Man erlaubt sich am Wochenende Kurztrips nach Europa. Man fliegt mal nach Dubai, du kannst dein Kind Disneyland zeigen und dann innerhalb eines Tages bricht all das zusammen, innerhalb eines Tages." 

Zum dritten Mal kommen Mutter und Sohn schon her, fahren dafür eine Stunde durch Leipzig.

"Hallo!" - "Englisch?" - "Ja, Englisch! Ja." - "Was brauchen Sie? Vegetarisches, veganes oder normal?" - "Normal."

Hier bekommt sie genügend Lebensmittel um Frühstück, Mittag und Abendbrot für sieben Tage zuzubereiten.

"Vielen Dank. Vielen Dank." - "Gerne." - "Danke! Auf Wiedersehen und vielen Dank für Ihre Unterstützung."

Die Ukrainerin schaut ständig auf ihr Handy, auch wenn sie die Nachrichten und Bilder aus der Heimat kaum noch erträgt. In einem Vorort von Mariupol soll ein Massengrab ausgehoben worden sein.

Olga Okara

"Oh Gott, oh Gott! Wenn ich diese Gruben sehe, packt mich die Angst, da ich nicht weiß, wo mein Vater begraben ist, es gibt keine Informationen und keine Verbindung. Und wenn ich mir vorstelle, dass er in so einem Massengrab beerdigt ist."

Schreiende Kämpfer

"Allahu Akbar""

"Gott ist groß", eine tschetschenische Einheit in Putins Diensten feiert den Triumph über die Stadt Mariupol vor einem Gebäude des Asov-Stahlwerks, in dem Olga einst gearbeitet hat. Auf dem Fernsehturm wird eine Separatisten-Fahne gehisst. Der Kreml inszeniert sich als Befreier Mariupols.

Im Stadtzentrum sind derweil Trupps unterwegs, die die Leichen beseitigen – im Auftrag der neuen Stadtverwaltung. Es ist von mobilen Krematorien die Rede.

Auf Satellitenbilder ist zu sehen wie in Manhusch, einem Vorort von Mariupol, ein riesiges Massengrab ausgehoben wird - für bis zu 9.000 Menschen.

Die Schrecken des Krieges lassen Olga Okara nicht los. In der Kirche kann sie zusammen mit ihrem Sohn trauern. Um den verstorbenen Vater und die Mutter. Kurz zuvor hat sie eine Nachricht bekommen. Es gibt offenbar neue Hinweise, wohin ihre verstorbene Mutter gebracht worden sein soll.

Olga Okara

"Michailowska Nelja Filipowna, geboren 1944, gestorben 22.03.22. Wurde von der Polizei zur gerichtsmedizinischen Untersuchung nach Manhusch gebracht. Suchen sie in Manhusch weiter."

Olga Okara

"Und was dort in Manhusch ist…"

Sascha

"… das weiß keiner."

Olga Okara

"Ein Massengrab. Wie kann das sein? Wofür das alles? Und warum? Es sieht so aus, als wäre die 300 Meter lange Grube in Manhusch auch für meine Eltern gegraben worden."

Vielleicht stimmt es, vielleicht nicht. Aber es ist gerade diese Ungewissheit, die sie quält. Und ein schlechtes Gewissen gegenüber Sascha.

Olga Okara

"Mit all meinem Leid stürze ich mich jetzt auf mein Kind. Er ist ja ein Teil davon, er sieht, was mit mir passiert. Er nimmt es auf sich und macht sich auch Sorgen."

Der Tod seiner geliebten Großeltern, ein Massengrab, in dem sie liegen könnten. Eine Heimat, die es so nicht mehr gibt. Was macht das alles mit einem neunjährigen Kind? Das erste Mal seit Kriegsbeginn geht Olga Okara mit ihrem Sohn zum Geigenunterricht. Ukrainische Freunde finanzieren ihn für Sascha.

"Hallo!" - "Hallo, Sascha! Guten Tag!" - "Guten Tag!"

In Kiew hat er vor vier Jahren mit dem Geige spielen begonnen. Neben dem Schwimmen ist Musik sein großes Hobby. Der Geigenlehrer versucht es erstmal mit einem deutschen Lied.

Freistand Geigenlehrer

"Das ist ein Lied, das ist geschrieben von Johann Sebastian Bach und das wurde hier in Leipzig zum ersten Mal gespielt."

Doch Sascha will lieber ein ukrainisches Volkslied spielen.

Die Noten zu diesem alten Lied hat seine Mutter in das Buch geschrieben. Es ehrt Soldaten, die einst für die ukrainische Unabhängigkeit gekämpft haben. Sascha erinnert sich, wie er das letzte Mal gespielt hat - für seinen Opa, zu dessen Geburtstag.

Sascha

"Das hat ihm sehr, sehr gefallen. Ihm hat es sehr gefallen, als ich ihm vorgespielt habe, ich habe ihm viele Male vorgespielt."

Kontraste

"Vermisst Du ihn?"

Sascha

"Ja, sehr, ich hätte es so gerne, dass er herkommt, mich umarmt und auch Oma Nelja. Ich habe so gute Erinnerungen an Opa, wie er mir auf dem Akkordeon vorgespielt hat, das waren schöne Zeiten. Aber mir wurde alles genommen. Ich erinnere mich, wie ich mit ihm auf die Datscha gefahren bin und Weintrauben geerntet habe."

Olga Okara

"Erzähl lieber, dass du die beiden lustig und keck in Erinnerung behalten wirst. Wie wir zusammen Liedchen gesungen und getanzt haben."

Kontraste

"Dass du jetzt hier Geige spielen kannst, hilft dir das, hier vielleicht ein neues Leben zu beginnen?"

Sascha

"Nein, überhaupt nicht. Mir hilft hier nichts dabei. Ehrlich gesagt."

Olga Okara

"Gar nicht?"

Sascha

"Nein."

Sascha

"Ohne Verwandte hier, nur mit der Mama. Das heitert mich nicht auf. Was mich aufheitert, ist ein Gespräch mit Papa, seine Witze, seine Erzählungen von seinem heutigen Tag. Das würde mich aufheitern, aber alles andere macht mich nicht froh."

Auf dem Weg nachhause sehen sie dann auch noch das.

Olga Okara

"Da, da ist das Zeichen!"

Der Buchstabe Z steht für die Unterstützung des russischen Angriffskriegs.

Olga Okara

"Stellen Sie sich vor, da ist unser Haus. Hier wohnen sehr viele Ukrainer. Da, da drüben sind zum Beispiel welche. Das wurde doch extra gemacht."

Sascha

"Mistkerle!"

Sascha

"Bleibt in eurem scheiß Murmansk."

Sascha

"Das sind Bestien. Sie vernichten friedliche Menschen, unsere Soldaten. Die haben uns angegriffen. Sollen wir die mit Blumen empfangen? Wir? Euch? Von wegen Befreier!" 

Ein Film von Pune Djalilevand, Daniel Donath und Susett Kleine