Massenerschießung von Juden ungesühnt - Mutmaßlich beteiligte SS-Angehörige bleiben ohne Strafe

Am 29. und 30.September 1941 haben sogenannte Sondereinsatzgruppen im ukrainischen Babi Yar über 30.000 Juden erschossen. Ein Massenmord, für den bis heute nur wenige zur Verantwortung gezogen wurden. Noch immer leben SS-Angehörige der Sondereinsatzgruppen, deren Hauptaufgabe die Ermordung ukrainischen Juden war, unbehelligt in Deutschland, obwohl ihre Namen seit Jahren bekannt sind. KONTRASTE hat zwei von ihnen aufgespürt.

Anmoderation: Mord verjährt nicht, und Beihilfe zum Mord auch nicht. Egal also, wie lange die Tat zurück liegt: Ein Täter gehört vor Gericht. Spät - aber nicht zu spät - ist die juristische Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen in den letzten Jahren noch mal in die Gänge gekommen: Mehrere Angehörige der Konzentrations- und Vernichtungslager wurden wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Eine aufsehenerregende Wende in der Rechtsprechung! Eigentlich sollte man annehmen, die Strafverfolger würden nun mit Feuereifer gegen die letzten noch lebenden NS-Täter ermitteln. Aber weit gefehlt: Meine Kollegen Chris Humbs, Markus Pohl und Stephan Stracke haben zwei Männer aus einem berüchtigten Mordkommando aufgespürt, die bis heute unbehelligt in Deutschland leben.

Am Ende einer langen Suche stehen wir vor diesem Haus, in einer Kleinstadt bei Kassel. Hier wohnt Herbert Wahler, 95 Jahre alt, aber immer noch fit. Er war früher in der SS. Und vieles spricht dafür: Wahler war an Massenmorden beteiligt.

Kontraste

"Wir haben eine Liste gefunden und auf der Liste steht ihr Name. Das muss 1941 gewesen sein."

Herbert Wahler

"41, da war ich im Krieg. In Russland"

Kontraste

"In der Ukraine auch?"

Herbert Wahler

"Ja, mussten wir ja durchfahren."

Kontraste

"Wo waren sie da in der Ukraine stationiert?"

Herbert Wahler

"Kiew."

Kiew – im Jahr 1941 Schauplatz eines der größten Massaker der jüngeren Geschichte. Am 29. September wird den Juden der Stadt befohlen, nach Babi Yar zu gehen, eine Schlucht am Stadtrand.

Damals mit dabei: Raisa Maistrenko.

Raisa Maistrenko, Holocaustüberlebende

"Man dachte, wir werden wegfahren: entweder ins Getto oder nach Palästina. Alle liefen ganz freiwillig, ohne jeden Gedanken, dass sie in den Tod gehen."

In der Schlucht müssen sie sich ausziehen. Dann erschießen deutsche Sondereinheiten die Juden – zwei Tage lang. Am Ende sind es mehr als 30.000 Tote - Männer, Frauen, Kinder.

Diese Fotos entstehen kurz nach dem Massenmord in der zugeschütteten Schlucht. Kriegsgefangene Rotarmisten werden gezwungen, die Spuren zu verwischen.

Raisa Maistrenko ist damals noch ein Kind. Kurz vor der Schlucht entkommt sie der Exekution.

Raisa Maistrenko, Holocaustüberlebende

"Alle schrien, die Polizisten schlugen mit Gewehrkolben. Meine Oma hielt mich auf dem Arm. Sie erkannte eine Lücke im Stacheldraht, Wir schlüpften durch und rannten davon. Sie haben auf uns geschossen aber nicht getroffen."

Ihre jüdischen Familienangehörigen zerren die Deutschen in die Schlucht. Sie werden ermordet.

Herbert Wahler könnte einer der Täter sein. Wir zeigen ihm Dokumente, die darauf hinweisen, dass er als SS-Mann Teil der für Babi Yar verantwortlichen Einheit war.

Herbert Wahler

"Wahler, Herbert, ja da ist mein Name drauf."

Kontraste

"Was ihre Einheit damals gemacht hat, 41 in der Ukraine - deswegen sind wir hier, um mit ihnen darüber zu reden."

Herbert Wahler

"Also wenn sie mich ausfragen wollen, da haben sie Pech. Ich habe nichts zu verbergen."

Kontraste

"Aber dann können wir ja kurz darüber reden, wenn sie nichts zu verbergen haben."

Herbert Wahler

"Ich habe auch nichts zu verbergen. Und von mir werden sie nichts … Was gewesen ist, ist gewesen. Ist vorbei."

Nach unseren Unterlagen gehörte Wahler zur sogenannten Einsatzgruppe C.

Als die Wehrmacht 1941 die Sowjetunion überfällt, folgen die Einsatzgruppen unmittelbar hinter der Front. Sie sind unterteilt in die Abschnitte: A, B, C und D.

Es sind hochmobile Mordkommandos, die das Land mit Blut tränken. Systematisch erschießen sie in den eroberten Gebieten Juden, aber auch Sinti und Roma und Behinderte. Nicht selten mit der Unterstützung einheimischer Kollaborateure.

Holocaustforscher konnten rekonstruieren, wie sich die Gruppen im rückwärtigen Gebiet Stadt für Stadt, Dorf für Dorf vornahmen.

Prof. Stephan Lehnstaedt, Holocaustforscher

"Die Einsatzgruppen sind die Mordkommandos, die mit dem Holocaust tatsächlich anfangen. Also die Vernichtung in den Vernichtungslagern wie Auschwitz, wie Treblinka, die beginnt erst Ende 1941, Anfang 1942. Da ist fast eine halbe Millionen Juden in der Sowjetunion und in Ostpolen schon tot, schon erschossen, eben von den Einsatzgruppen."

Die Einsatzgruppe C mordet in der Ukraine. Sie besteht aus nur 700 Mann, die in motorisierten Unterkommandos ein riesiges Gebiet durchkämmen.

Herbert Wahler gehört offenbar seit Ende Juli 1941 zur Einsatzgruppe C. Laut Akten wird seine etwa 100 Mann starke Waffen-SS-Kompanie damals in die Einsatzgruppe eingegliedert. Sofort fangen sie an zu morden.

Das Foto zeigt die zusammengetriebenen Juden von Zhitomir. Die neu hinzugekommenen Männer der Waffen-SS stellen das Exekutionskommando. In den Akten heißt es:

"Viele der Opfer waren nicht gleich tot, weil die 19 und 20 Jahre alten Schützen aufgeregt waren, schlecht trafen. Es […] erging der Befehl Kopfschüsse abzugeben. Dies führte dazu, dass bei den so getroffenen Opfern Schädeldecken hochflogen und die Gehirnmasse herumspritzte."

Die Skizze zeigt die Durchführung. Der Massenmord wird fortlaufend perfektioniert.

Und die Bilanz der Aktionen regelmäßig nach Berlin übermittelt:

11.9.41 Fastow

"Die gesamte Judenschaft im Alter von 12 bis 60 Jahren … erschossen."

15.9.41 Boguslaw

"Durch die Exekution von 322 Juden … ist diese Stadt jetzt judenfrei."

29./ 30.9.41 Kiew

"33.771 Juden exekutiert."

Ein weiteres Mitglied dieser Einsatzgruppe war Kurt Gosdek. Wir finden den 94jährigen ehemaligen Waffen-SS-Mann in der Nähe von Osnabrück.

Kurt Gosdek

"Ich war im Werkstattdienst gewesen. In der Zeit, wo man in dem Werkstattbetrieb untergebracht war, war es verhältnismäßig ruhig, man hatte nur den Arbeitseinsatz gehabt. Nicht das Schießen…"

Kontraste

 "Mit den LKWs zum Beispiel, die sie repariert haben, sollen eben auch Judentransporte stattgefunden haben, sollen Geisteskranke zu den Gruben gefahren worden sein."

Kurt Gosdek

"Das habe ich ja gar nicht gesehen."

Kontraste

"Ja, aber es kann ja sein, dass darüber gesprochen wurde?"

Kurt Gosdek

"Ich wüsste nicht, da annähernd irgendwie was gehört zu haben."

Kontraste

"Sind sie dazu schon mal von der Polizei oder von der Staatsanwaltschaft verhört worden?"

Kurt Gosdek

"Das wüsste ich nicht."

Beim Hinausgehen erklärt er uns noch mit einem Lächeln, dass er kürzlich alle Unterlagen zu seiner Einheit vernichtet hat. Es hätte sich ja niemand dafür interessiert.

Wir zeigen die Bilder der beiden SS-Mitglieder auch Raisa Maistrenko. Sie ist verärgert, dass die deutsche Justiz die Männer nie vor Gericht gebracht hat:

Raisa Maistrenko; Holocaustüberlebende

"Der Staat, der so etwas zulässt, der hat wohl ein Anliegen. Was kann ich sagen? Es ist natürlich nicht richtig."

Und auch der deutsche Vertreter in der Stiftung für das geplante Holocaust-Zentrum in Kiew, Joschka Fischer, ist über die Untätigkeit der Justiz verwundert:

Kontraste

"Haben sie ein Verständnis dafür, dass man solche Leute laufen lässt?"

Joschka Fischer, ehem. Außenminister und Vizekanzler

"Ich habe kein Verständnis dafür. Es ist Pflicht der Strafverfolgungsbehörden bei Mord oder sogar bei Massenmord tätig zu werden, also es ist keine Frage des Wollens."

Auch wenn man ihnen nicht nachweisen kann, dass sie selbst abgedrückt haben, meint Rechtsexperte Professor Nestler, können Mitglieder der Einheiten belangt werden.

Prof. Cornelius Nestler, Rechtswissenschaftler

"Alle die daran mitgewirkt haben, also nicht nur die, die selbst geschossen haben, sondern auch die, die abgesperrt haben oder vielleicht auch jemand, der immer die Autos repariert hat, damit man das eben machen konnte, die haben alle diese Tat wie die Juristen sagen, gefördert, und Fördern der Haupttat ist Beihilfe."

Besonders bemerkenswert ist, dass mit diesem Schreiben aus dem Jahr 2014 das Simon-Wiesenthal-Center den Bundesjustizminister auf Gosdek und Wahler aufmerksam machte.

Den Hinweis übermittelte das Ministerium bereits vor drei Jahren an den Leiter der sogenannte Zentrale Stelle für Naziverbrechen in Ludwigsburg. Doch der macht klar, dass man für solche Ermittlungen einfach keine Zeit hat – lediglich acht Ermittler arbeiten für ihn.

Jens Rommel, Leiter Zentrale Stelle Ludwigsburg

"Es ist so, dass wir eben nur begrenzte Ressourcen haben und dass wir uns auf die Verfahren stützen müssen, die noch am ehesten zu Verhandlungen vor Gericht führen können."

Umfangreiche Recherchen sind für die Sonderermittler schlicht zu aufwändig. Die Einsatzgruppen fallen hinten runter.

Für die chronische Unterbesetzung der Ermittlungsbehörde sind die Landesjustizminister verantwortlich.

Der Sparkurs an dieser Stelle, meint der Leiter des Simon-Wiesenthal-Centers, grenzt an Strafvereitelung im Amt

Efraim Zuroff, Simon-Wiesenthal-Zentrum Jerusalem

"Ich bin schockiert, das ist wirklich schrecklich! Die ARD hat zwei dieser Leute gefunden und sie interviewt. Sie sind in ziemlich guter Verfassung – also worauf warten sie? Dass sie sterben? Dass sie krank werden und nicht mehr vor Gericht gestellt werden können? Also das ist wirklich schrecklich!"

Beitrag von Chris Humbs, Markus Pohl und Stephan Stracke

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