Rückkehrprogramme für Flüchtlinge - Nachhaltige Starthilfe für die Heimat oder "Hau-ab-Prämie"?

Der Druck auf abgelehnte Asylbewerber nimmt immer mehr zu. Viele von ihnen sind der Armut im Heimatland entflohen, doch ihr Traum von Europa ist geplatzt. Um teure Abschiebungen zu vermeiden, setzt die Bundesregierung jetzt verstärkt auf die Förderung einer "freiwilligen Rückkehr". Als Anreiz gibt es finanzielle Starthilfen für den Aufbau einer neuen Existenz in der Heimat. Doch müssten die Hilfen Unterstützung noch viel mehr ausgebaut werden?  Oder sind  es unmoralische "Hau ab Prämien" wie Kritiker meinen? Kontraste begleitet Flüchtlinge, die freiwillig in ihre Heimat zurückkehren.

Anmoderation: Über Flüchtlinge wurde im Wahlkampf heiß diskutiert, über Fluchtursachen kaum. Klar ist: Rund die Hälfte der Weltbevölkerung lebt von weniger als zwei Dollar am Tag. Oft treiben Armut, Hunger und Arbeitslosigkeit Menschen, vor allem aus Afrika, nach Europa. Doch sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge haben bei uns kein Recht auf Asyl. Für viele von ihnen ist der Traum von Europa geplatzt. Um sie zur Rückkehr zu bewegen, setzt die Politik mittlerweile verstärkt auf finanzielle Anreize für den Aufbau einer neuen Existenz in ihrer Heimat. Sind das sowas wie "Hau ab Prämien" oder ist es eine gute Alternative zu Abschiebungen? Caroline Walter und Christoph Rosenthal haben Rückkehrer auf ihrem Weg begleitet.

Alex und Tino aus Nigeria haben eine Entscheidung getroffen. Sie kamen als Asylbewerber, aber ihre Erwartungen wurden enttäuscht. Sie wollen in ihre Heimat zurückkehren.

Alex

"Ich glaube, das Leben in Nigeria war besser als das Leben, das ich jetzt hier habe. Zuhause wurde gesagt, in Europa würden alle nur mit dem Geld so um sich schmeißen. Aber seit ich hier bin, weiß ich es besser. Das Geld, das ich verdiene, reicht mir überhaupt nicht aus."

Alex erzählt, er sei Schreiner und dachte, er könne in diesem Beruf hier weiterarbeiten – schnell viel Geld verdienen.

Im Internet postete er für die Heimat Selfies vor einem Porsche. Doch in Wirklichkeit bekam er nur Hilfsarbeiterjobs - und sein Asylantrag hat kaum eine Chance.

Alex

 "Ich will meine Landsleute warnen, dass sie nicht ihr Leben auf dem Mittelmeer für Europa riskieren sollten, um Asyl zu suchen."

Alex und sein Freund haben bereits erlebt, wie andere von der Polizei abgeholt wurden - zur Abschiebung. Das macht ihnen Angst. Jetzt wollen sie freiwillig ausreisen mit Hilfe der Rückkehrberatungsstelle "Coming Home" in München.

Die Beraterin erklärt den beiden: Wenn sie ihren Asylantrag zurückziehen, erhalten sie eine Starthilfe für ihr neues Leben in Nigeria. Heute überreicht sie die Flugtickets und eine erste Tranche Bargeld.

Sylvia Glaser, "Coming Home" München

"Alex, Sie erhalten 1200 Euro."

Dass diejenigen noch Geld bekommen, die ohnehin ausreisen müssten, hält Sylvia Glaser für den richtigen Weg.

Sylvia Glaser, "Coming Home" München

"Freiwillige Ausreise ist natürlich zum einen humaner – also die Person kann freibestimmt oder selbstbestimmt wieder ins Heimatland zurückkehren. Während eine Abschiebung ist natürlich auch die wesentlich teurere Variante. Ganz klar."

Denn eine Abschiebung kann über 10.000 Euro kosten - mit aufwändigem Personaleinsatz der Polizei. Am Flughafen München treffen wir die freiwilligen Rückkehrer Alex und Tino wieder. Abschied vom Traum Europa.

Alex

"Heute ist der schönste Tag in meinem Leben - wie Weihnachten. Weil ich mich so sehr darauf freue, endlich meine Mutter wiederzusehen."

Alex sagt noch, er werde besonders den Schnee hier vermissen.

Kurze Zeit später erhalten wir ein Video von ihm. Das Wiedersehen mit der Mutter verläuft anders als erhofft. Sie ist sauer, denn es gebe viele, die jetzt im Dorf seine Feinde seien, weil er in Europa war und damit geprahlt hätte.

Wir sind in Magdeburg – diese Rückkehrberatungsstelle hat einen besonderen Schwerpunkt. Sie hilft Rückkehrern bei Existenzgründungen in der Heimat.

Victoria Künnemann, Magdeburger Stadtmission

"Manche kommen schon mit Geschäftsideen. Manche haben vier, fünf, sechs Ideen und dann muss man erstmal herausfinden, was wirklich lukrativ und lohnenswert wäre im Heimatland. Manche wissen das gar nicht. Sie kommen einfach zur Beratung und dann erzählen wir: OK, für Dein Land gibt es die und die Fördermöglichkeiten."

Auch Herr Alidou will freiwillig zurück nach Afrika, in sein Heimatland Benin. Er war 13 Jahre in Deutschland - davon fast die gesamte Zeit in diesem abgelegenen Asylheim in Sachsen-Anhalt. Ausgegrenzt und nicht integriert. Er wollte hier arbeiten, aber er bekam nie eine Arbeitserlaubnis.

Alidou

"Mein Vater hat gesagt, du bleibst dort in Europa. So will es eben die Familie. Aber das Problem ist, dass ich kein Geld habe. Und so kann ich den Kindern und der Familie nicht helfen. So geht es nicht weiter."

Die Beraterin und er haben überlegt, wie er sich eine Existenz in Benin aufbauen könnte. Herr Alidou wollte einen Traktor, weil seine Familie Landwirtschaft betreibt.

Doch die Beratungsstelle hat wenig Mittel für Existenzgründungen. Deshalb musste eine günstigere Geschäftsidee gefunden werden: ein Motorrad als Taxiservice.

Victoria Künnemann, Magdeburger Stadtmission

"Insgesamt, die Existenzgründung, da wären wir bei 2.500 Euro, ja. Genau."

Aber Alidou kämpft weiter für einen Traktor. Zwischendurch zweifelt er sogar, ob er nicht doch hier bleiben sollte.

Alidou

"In Afrika gibt es viele Probleme…"

Victoria Künnemann, Magdeburger Stadtmission

"Ich glaube, Du musst wissen, dass Dein Anwalt Dir keine Arbeitserlaubnis beschaffen kann, wenn Du eine Duldung hast. Und da haben wir ein Angebot für Dich, was Du nutzen kannst. Wenn Du das nicht nutzen willst, dann musst Du das auch nicht nutzen."

Schließlich stimmt er zu: ein Motorradtaxi als Starthilfe und keinen Traktor.

Victoria Künnemann, Magdeburger Stadtmission

"Ich fand das ganz schwierig, weil ich würde es ihm ja gerne finanzieren können, aber das sind Summen, die können wir vom Projekt nicht erbringen."

Denn für die gesamten Existenzgründungen steht nur ein Budget von 30.000 Euro für drei Jahre aus einem EU-Programm zur Verfügung.

Alidou ahnt noch nicht, was in der Heimat auf ihn zukommt.

Kontraste

"Jetzt könnte man natürlich sagen: Gut, jetzt werden sie auch noch belohnt dafür, dass sie eigentlich gar kein Recht auf Asyl hatten."

Victoria Künnemann, Magdeburger Stadtmission

"Ich denke nicht, dass es eine Belohnung darstellt, wenn man ein paar Hundert Euro an die Menschen gibt, die nach Hause zurückgehen, denn im Vergleich dazu, was sie den Staat kosten, wenn sie Monate und Jahre in Deutschland bleiben, ist das nur ein Bruchteil."

Ca. 20 Existenzgründungen hat die Beratungsstelle bisher gefördert.

Wir erfahren von dem Rückkehrer Karim, der in Burkina Faso mit dem Geld eine Schneiderei aufgemacht hat.

Wir wollen ihn kennenlernen und fliegen nach Burkina Faso - eines der ärmsten Länder Afrikas.

Die Hauptstadt Ouagadogou: Hier in einem Außenbezirk liegt die Schneiderei von Karim. Nach seiner Rückkehr hat er gleich drei gebrauchte Nähmaschinen gekauft.

Karim

"Diese Maschinen, die ich Ihnen hier zeige, hatte ich vorher nicht. Wenn ich ohne Hilfe aus Magdeburg zurückkommen wäre, hätte ich bestimmt auch irgendwie arbeiten können. Aber nicht so erfolgreich, wie Sie es hier sehen."

Mittlerweile hat er sogar sieben Arbeitsplätze geschaffen.

Er schneidert aufwändige traditionelle Gewänder.

Karim erzählt seinen Landsleuten, dass man in Deutschland keine Chance als Asylbewerber aus Burkina Faso hat. Aber glauben will ihm das kaum einer.

Kunde

 "Er hat gesagt, dass es ein Kampf in Deutschland ist, dass es nicht einfach ist. Aber ich will dorthin gehen, um selbst zu schauen, wie es ist."

Karim lebt bescheiden mit seiner Familie. Wasser müssen sie mehrmals täglich vom Brunnen holen. Mit den Einnahmen der Schneiderei kann er jetzt das Schulgeld der Kinder bezahlen. Doch seine Ehefrau versteht bis heute nicht, wie schwierig die Situation für ihren Mann in Deutschland war.

Ehefrau

"Ich bin nicht so zufrieden. Wenn er länger fortgeblieben wäre, hätte er mehr Geld mitbringen können."

Seine Kinder dagegen glauben ihm. Sie haben nicht mehr den Wunsch, ihr Land zu verlassen.

Tochter

"Ich träume davon, hier Anwältin zu werden, um den Menschen in Burkina Faso zu helfen."

Jetzt hat die Familie wieder eine Zukunft.

Wir reisen weiter ins Nachbarland Benin. Dort in der Großstadt Cotonou treffen wir Herrn Alidou wieder, den wir aus Magdeburg kennen. Er ist vor vier Wochen in seine Heimat zurückgekehrt. Er lebt auf engstem Raum bei seiner Schwester – das Leben in diesem Viertel ist hart.

Alidou

"Hier hat sich nichts geändert in meinen Augen. Es ist alles gleich geblieben – überall steht Wasser und dann der viele Schmutz. Und auch mit der Familie, es ist schwer hier anzukommen."

Herr Alidou war 13 Jahre weg, eine lange Zeit - die Entfremdung zur Schwester ist spürbar.  

Die erste Rate für den Kauf des Motorradtaxis ist gerade aus Deutschland angekommen. Anruf in Magdeburg. Es gibt schlechte Nachrichten: Die zugesagten 2.500 Euro gibt es doch nicht. Das Innenministerium von Sachsen-Anhalt hat nur 1.400 Euro bewilligt.

Alidou

"Sie haben mir etwas geholfen, dafür danke ich ihnen. Was soll ich machen? Sie haben Geld gegeben. Der Rest ist mein Problem."

Schon das Motorradtaxi kostet ca. 1000 Euro. Da bleibt nicht viel übrig. Alidous Familie hat mehr erwartet.  

Schwester

"Ich bin sehr enttäuscht. Ich dachte, mein Bruder wird es dort im Leben zu etwas bringen. Aber er kam mit großen Sorgen wieder – und wir haben Sorgen genug. Die ganze Familie hatte große Hoffnungen auf ihn gesetzt."

Vor allem die Geschäftsidee mit dem Motorradtaxi sieht seine Schwester skeptisch.

Schwester

"Einen Traktor könnte mein Bruder besser gebrauchen, denn unsere Familie lebt nicht in der Großstadt, sondern auf dem Land, wo wir alle Bauern sind."

Aus seinem geplanten Gemüseanbau wird nichts. Doch mit dem Geld der Rückkehrhilfe steht er nicht mit leeren Händen da. Sein Neustart wird wohl dauern. Alidou sagt, es wird schon gehen.

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