Sieg im Kulturkampf? - Wie die AfD den Grünen den Rang ablaufen will

Während die Themen der Grünen längst zum Kern von SPD und CDU gehören, bietet die AfD all denen eine politische Heimat, die einfach nur gegen den angeblichen politischen Mainstream stimmen wollen. Früher fanden sie ihren Platz noch in der Union, jetzt wählen sie eine Partei, die Multikulti, Homoehe und Atomausstieg den Kampf angesagt hat. Kann die AfD Deutschland verändern, stehen wir gar am Anfang eines Kulturkampfs?

Anmoderation: Droht jetzt die geistig - moralische Wende? Wird in Zukunft der deutsche Stammtisch im Parlament eine Stimme haben? Guten Abend, meine Damen und Herren, herzlich Wilkommen. Die AfD, die jetzt mit 94 Abgeordneten in den Bundestag einziehen wird, bekämpft Themen, die ursprünglich mal von Grünen und Linken stammten - nun aber längst in der politischen Mitte angekommen sind: Homoehe, Klimaschutz, Integration. All das wird von der AfD als politically correct verhöhnt. Auf was müssen wir uns da einstellen? ist das der Beginn eines Kulturkampfes - mit einer politischen Rolle rückwärts? Lisa Wandt, Axel Svehla und Diana Kulozik

Der Wahlabend, 18 Uhr. Die AfD ist zum ersten Mal im Bundestag.

"Huh. Wow. Wir ham‘s."

In Gelsenkirchen feiert sie ihren neuen Bundestagsabgeordneten Jörg Schneider. Hier hat die Alternative für Deutschland rund 17 Prozent geholt.

Jörg Schneider (AfD), MdB

"Geiles Ergebnis. Und ich denke mir, wir haben uns das alles verdient, Leute. Und ab heute holen wir uns das Land zurück!"

Das Land zurückholen.

Ein Slogan, der nun Realität werden soll. Warum, erklärt AfD-Parteisprecher Jörg Meuthen.

Jörg Meuthen (AfD), Parteisprecher

"Ich lehne Multikulti ab, ich lehne diese völlig absurde und rechtswidrige Grenzöffnung ab. Ich lehne refugees welcome in der Naivität mit der sie vertreten wird, ab. Ich lehne ab diese Art von Energiewende, die sie praktizieren. Die etablierten Parteien haben gelernt einen Kotau vor den Grünen zu machen, haben sich selbst vergrünisiert und machen dann eben genau die grüne Multikultipolitik."

Hauptgegner der AfD sind die Grünen und ihre Werte. Viele Dinge, die für die meisten heute selbstverständlich sind, gehen auf sie zurück. Atomausstieg, Ehe für alle, Multikulti.

Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen), MdB

"Es ist eigentlich die Einleitung oder die Ankündigung von einem Kulturkampf, in einem Land, das reich geworden ist im wahrsten Sinne des Wortes durch eine lebendige Demokratie und die AfD hat eine andere Vorstellung von einem Deutschland und das war eine sehr klare Ansage: Wir wollen ein anderes Deutschland."

Wahlkampfendspurt in Essen. Der Grünen-Kandidat Kai Gehring besucht die Caritas-Flüchtlingshilfe. Er will den Menschen dabei helfen, hier Fuß zu fassen.

Kai Gehring (Bündnis 90/Die Grünen), MdB

"Wichtig ist: Sprache, Sprache, Sprache, Sprache, bleiben Sie am Ball. Auch wenn es noch so schwierig manchmal ist und mühsam."

Auch wenn Willkommenskultur gerade nicht mehr so populär ist und nicht bei allen gut ankommt – Kai Gehring kümmert sich auch weiter um Flüchtlinge.

Integration, Gerechtigkeit, Klimaschutz. Auf diese klassischen Themen haben die Grünen im Wahlkampf gesetzt.

Aber reicht das gegen eine AfD, die sich mit einer Kampfansage an die so genannte "Grüne Gesellschaft" als einzig wahre Opposition verkauft?

Kai Gehring (Bündnis 90/Die Grünen), MdB

"Dass wir heute vielfältige Familienformen anerkennen, dass sich heute zwei Männer oder zwei Frauen das Ja-Wort geben dürfen und gleiche Liebe endlich gleich viel wert ist und sich absichern kann, das haben doch wir Grüne auch in dieser Gesellschaft mit durchgefightet."

Kontraste

"Und warum schlägt sich das nicht in den Wahlergebnissen nieder?"

Kai Gehring (Bündnis 90/Die Grünen), MdB

"Und deshalb müssen wir jetzt, wo die AfD das alles in Frage stellt, müssen wir umso mehr fighten. Und ich glaube auch, wenn dieser Kulturkampf noch deutlicher wird, dass die Grünen dann auch wieder stärker werden."

Auch in Gelsenkirchen: Wahlkampfendspurt. Wir haben den AfD-Kandidaten Jörg Schneider in die Bochumer Straße gebeten, wo viele Menschen mit Migrationshintergrund und sozial Schwache leben. Jörg Schneider würde hier normalerweise nicht hingehen.

Kontraste

"Straßenzüge wie diese, gehören die für Sie zur deutschen Kultur?"

Jörg Schneider (AfD), MdB

"Nein eher nicht. Also ich habe da schon... ich denke mir zu den deutschen Werten gehört so etwas wie Ordnung, wie Sauberkeit. Das sind zumindest Werte mit denen ich groß geworden bin, die ich auch teile, die ich für richtig und für wichtig erachte."

Warum hat der AfD-Politiker mitten im tiefroten Ruhrgebiet so viele Stimmen bekommen? Er gibt sich als Anwalt der so genannten besorgten Bürger, die sonst angeblich niemand hört mit der Angst um "ihre Heimat".

Jörg Schneider (AfD), MdB

"Die gehen durch so eine Straße und stellen fest, dass in den Restaurants, das sind dann türkische Teestuben in denen man als deutschsprechender ein bisschen komisch angeguckt wird. Also viele Nachbarn mit denen man sich auf Deutsch kaum noch verständigen kann."

"Jörg Schneider von der Alternative für Deutschland [...] Wahlberechtigt sind Sie?"

Anonym

"Nein. Ich bin türkischer Staatsbürger."

Jörg Schneider (AfD), MdB

"Ok. Aber ich meine sie sprechen jetzt hervorragend deutsch. Warum haben sie sich hier noch nicht einbürgern lassen? Wir waren nämlich gerade bei dem Thema …"

Anonym

"Keine Ahnung, das hat mich nicht so wirklich interessiert, ich hab jetzt keine Nach- oder Vorteile dadurch …"

Ressentiment trifft auf Realität. Trotz allem verschärft die AfD weiter ihre Rhetorik. Auf Nachfrage konkretisiert Jörg Meuthen, wie das AfD-Deutschland aussehen soll.

Jörg Meuthen (AfD), Parteisprecher

"Es ist sicherlich völlig unverfänglich für unser Land, wenn wir einen Anteil etwa muslimischer Bevölkerung von bis zu 2 Prozent der Bevölkerung haben. Haben wir bis zu fünf Prozent wird die Sache bedenklich. Darüber hinaus kommt irgendwann der Kipppunkt.

Kontraste

"Und was machen wir mit den Muslimen, die über den 2 Prozent sind?"

Jörg Meuthen (AfD), Parteisprecher

"Wir lassen sie nicht rein."

Mit dieser und weiteren Vorstellungen will die AfD nun die anderen Parteien vor sich her treiben.

Jörg Meuthen (AfD), Parteisprecher

"Wenn man im Bundestagsplenum ist, ist man hörbarer als wenn man in der außerparlamentarischen Opposition ist. Und das hat eine Eigendynamik, es vollzieht sich dann. Weil wenn die anderen da nicht drauf reagieren, dann haben wir beim nächsten mal eben nicht 12,6 Prozent, sondern 25,2."

Dass die anderen Parteien AfD-Positionen aufgreifen, hat im Wahlkampf bestens funktioniert. Sollten die Grünen künftig mit Union und FDP in der Regierung sein, wollen sie genau das verhindern.

Claudia Roth (Bündnis 90/ Die Grünen), MdB

"Mit dem Einzug einer rechtspopulistisch, rechtsextremen Partei in den Deutschen Bundestag geht es jetzt darum sehr klar, sehr frisch, sehr lebendig und sehr eindeutig die Idee eines Deutschlands zu verteidigen, dessen Vision nicht Abschottung ist, Abschiebung, Grenzziehung, sondern wo es endlich wieder einen humanitären Kompass gibt."

Beitrag von Diana Kulozik, Lisa Wandt und Axel Svehla

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