Bayern, München: Menschenleer ist ein Biergarten mit gestapelten Bänken und Tischen im Westpark. Am 22. Oktober 2020 findet ein Verkündungstermin im Rechtsstreit um die Übernahme der Kosten für Corona-Schließungen statt. Die Münchner Gaststätte Emmeramsmühle streitet mit der Haftpflichtkasse darum, ob eine Betriebsschließungsversicherung auch für den Corona-Lockdown greift. Foto: Sven Hoppe/dpa
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Von Partys, Akzeptanzproblemen und schlechter Kommunikation - Deutschland vor dem Lockdown

Berlin-Neukölln und das Berchtesgadener Land – zwei Orte in Deutschland, die unterschiedlicher nicht sein können – und doch haben sie eine Gemeinsamkeit: beide Orte waren schon früh in dieser zweiten Welle Hotspots der Corona-Pandemie. Doch während im Süden Bayerns nach einem Lockdown das Leben nahezu stillsteht, herrschte im Süden Berlins weiter fast Normalbetrieb. Wie geht man vor Ort mit der Pandemie um, wie ist die Akzeptanz von angeordneten Maßnahmen und wie lebt es sich im Lockdown im Söderland Bayern? Kontraste-Reporter waren vor Ort, sie haben den Ursachen des Infektionsgeschehens hinterhergespürt, teilweise absurde Regeln vorgefunden und mit Gewerbetreibenden und Behörden und Eltern und Schülern gesprochen. Trotz aller Unterschiede haben sie erstaunliche Parallelen zwischen Neukölln und dem Berchtesgadener Land gefunden.

Anmoderation: Ab Montag also senkt sich wieder diese merkwürdige Schatten übers Land und auch wenn diesmal die Schulen und Läden nicht schließen - der Wellenbrecher Lockdown trifft besonders die Bars, die Restaurants, die Bühnen - alles, was Spaß macht also. Aber ob die Übung Sinn macht, ist gar nicht klar: unsere Reporter haben den Direktvergleich zwischen zwei Corona-Hotspots: Berchtesgaden und Neukölln. Bayern drückte die Stopptaste, in Berlin lief fast alles weiter ... und jetzt raten sie mal, wo die Zahlen wieder runtergingen ...

Hier gibt es ihn schon – den Lockdown. Das Berchtesgadener Land. Gut 100.000 Einwohner. Der Corona-Hot-Spot in Deutschland. Es ist zwei Wochen her: die Kontakte werden eingeschränkt. Dann der nächste Schritt: Hotels für Touristen werden geschlossen, Restaurants gesperrt – erstmal für zwei Wochen, heißt es - ein Fiasko für die Wirte.

Wirtin

„Ich könnte kotzen, ich könnte heulen und eigentlich könnte ich schreien.“

De 7-Tage-Inzidenz nach einer knappen Woche Lockdown liegt hier bei 255. Und dieser Wert – am selben Tag – steht für den Berliner Bezirk Neukölln. Ähnlich hoch.

Doch hier im 330.000 Einwohner-Bezirk beschließt man zur selben Zeit: Der Normalbetrieb geht erstmal weiter – mehr oder weniger. Es gibt nur kleine Einschränkungen. Die Geschäfte bleiben offen, auch die Restaurants. 

Lockdown oder nicht? Wie haben die unterschiedlichen Maßnahmen gewirkt? Und wie sieht es jeweils mit der Akzeptanz in der Bevölkerung aus?

Gast

„Letzte Runde, möchte noch jemand was?“ 

In Berlin wir weiter getrunken. Wegen der hohen Infektionszahlen aber ist um 23 Uhr Schluss. Und schon das führte zu Protesten. Und die verstärkte Maskenpflicht in Neukölln, auf Märkten und einzelnen Einkaufsstraßen, sorgt vor allem für eins: Verwirrung:  

Passantin Neukölln

„Hier mal Lockdown, hier nicht, hier mit Maske, hier nicht, es sind keine klaren Regeln. Wir sind total irritiert.“ 

Und weil das mit den Masken nicht so recht klappt, schickt der Bürgermeister letztes Wochenende 1.000 Polizisten los, um die Maßnahmen durchzusetzen. 

Mann

„Habe ein Bußgeld bekommen, weil ich keine Maske habe.“

Nachts in Neukölln. In der nun leeren Einkaufsmaile wird die Maskenpflicht kontrolliert. Dabei sind die Geschäfte geschlossen, es ist nichts mehr los in der Karl-Marx-Straße. In der Querstraße herrscht keine Maskenpflicht. Und genau an der Kreuzung der beiden Straßen gibt es nun ordentlich Ärger. 

Passantin

„Wir stehen hier an der Fuldastraße, direkt der letzte Tisch, der letzte an dieser Ecke. Und die Polizei kam und hat uns aufgeschrieben. Wir haben sofort die Masken aufgesetzt als die Polizei gekommen ist. Und wir müssen jetzt Strafe zahlen, das kann es einfach auch nicht sein. Da wundert sich man sich auch nicht mehr, warum die Leute auf die Barrikaden gehen.“ 

Tatsächlich nimmt die Akzeptanz der Maßnahmen seit dem Frühjahr ab – das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie – koordiniert von Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation:

Prof. Cornelia Betsch, Universität Erfurt

„Was wir vor allem gesehen haben ist, dass die Leute, die bisher eigentlich zufrieden waren mit den Regelungen, dass die weniger Vertrauen hatten in die Regierung … Man versucht ja auch als Bürger sozusagen das Prinzip der Regeln zu verstehen. Und wenn es hier so und dort so die Reglen angewandt werden, dann hat man das Gefühl, da steckt keine einheitliche konsistente Regel dahinter und dann akzeptiert man die auch nicht so ganz.“

Vor allem die Jungen sollen es sein, die mit der Akzeptanz Probleme haben. Wir sind an der Berufsschule in Neukölln. 2.000 Schüler werden hier unterrichtet und von Pandemiemüdigkeit ist hier nichts zu merken. Die Schüler halten sich konsequent and die Hygieneregeln – denn sie wollen unbedingt, dass die Schule offenbleibt. 

Volker Dahms, Schulleiter Oberstufenzentrum Informations- und Medizintrechnik

„Wir haben es immer geschafft, Infektion, die reingekommen ist und die nicht über Schule, sondern über Freizeitverhalten und privates Umfeld reingekommen ist, sehr schnell auch wieder aus der Schule herauszunehmen, und zwar so, dass sie nicht zu einer unkontrollierten Infektion hier im Haus geführt. Deswegen, da sage ich ganz klar stand jetzt: Diese Schule ist auf keinen Fall ein Treiber der Infektion.“

Diejenigen auszumachen, die wesentlich für die Ausbreitung des Virus verantwortlich sind, fällt schwer. In Neukölln hält man jedenfalls am Präsenzunterricht fest.

Im Berchtesgadener Land das Gegenteil. Hier sind die Schulen zu und es regt sich Protest: 

Mutter 1

„Ich möchte, dass die Schulen offen sind und dass wir Präsenzunterricht haben für unsere Kinder.“

Mutter 2

„Ich glaube auch nicht, dass die Schulen die Super-Spreader sind. Es sind vielmehr die Party oder andere. Und ich finde Schule einfach zu wichtig, um sie leichtfertig zu zuzuschließen.“

Leichtfertig zuschließen! Tatsächlich waren die Infektionszahlen auch an den Schulen im Berchtesgadener Land nicht auffällig. Trotzdem ist jetzt alles verwaist.

So manche Maßnahme hier sei kopflos, meint der Chef des regionalen Hotel- und Gaststättenverbandes. So mussten die Hoteliers binnen 24 Stunden alle Gäste im Landkreis wegschicken. 

Johannes W. Hofmann, Dehoga Berchtesgadener Land: „Somit ist es auch nicht mehr nachzuvollziehen, ob in den Betrieben Fehler gemacht wurden oder nicht. Oder Infektionen sich ausgebreitet haben. Die wurden in Panik weggeschickt und sind ihrem Schicksal überlassen.“

Kaum ein Tourist wurde vor der Abreise getestet. Dabei wäre das eine Chance gewesen, verlässliche Informationen über Infektionswege zu erhalten.

Und so tappt man weiter im Dunkeln, Und auch wir treffen auf der Suche nach Antworten auf verschlossene Türen. Man sei schlicht überfordert, so dringt es aus dem Landratsamt.

Zu viel auf einmal. Autoschlangen vor dem Test-Zentrum. Die Menschen im Landkreis sind vorsichtig.

Kontraste

„Sie haben sich testen lassen, warum denn?“

Patientin

„Weil bei mir vor 14 Tagen ein positives Ergebnis war. Und ich einen negativen Test nach Quarantäneende noch bringen musste.“ 

Immer wieder hören wir, dass es die vielen Tests sind, die die Zahlen nach oben treiben. 

Doch die Statistik zeigt, dass die Anzahl der Test seit Juli recht konstant blieb, hier blau, während die Zahl der Neuinfizierten, hier rot, stark anstieg. 

Auch die Tests haben wohl nur wenig mit den hohen Zahlen zu tun. 

Lokalmedien fanden dann einen Verursacher des Lockdowns. Eine Shishabar. Dem Betreiber wird von der Polizei vorgeworfen, 100 Leute hätten hier illegal gefeiert, ohne Gästeliste, ohne Hygienemaßnahmen einzuhalten:

Wirt

„Es heißt, dass wir voll die Party gehabt haben, war nicht so, es war normaler Lokalbetrieb, die Leute sind gesessen. Das hier ist die Gästeliste, bis jetzt hat kleiner danach gefragt.“ 

Laut dieser Liste waren nur 50 Leute anwesend, 30 weniger als damals erlaubt. Einen Tag nachdem die Polizei die Shishabar schloss, verkündete Söder den Lockdown – und nennt das Lokal als Negativbeispiel für die Nichteinhaltung der Regeln.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Es gibt auch einige, die das nicht tun, durch illegale Partys, Shisha Partys und sonst wo.“

Wirt

„Wir werden als Sündenböcke an den Pranger gestellt. Und jeder glaubt, dass wir schuld sind und wir haben voll Halligalli-Party gemacht und uns war alles Wurscht. Aber das war nicht so.“

Bis heute gibt es keine einzige Meldung, dass sich jemand in der Bar infiziert hat. Die Polizei rudert inzwischen zurück, eine Gästeliste hätte es wohl doch gegeben. Und dass man um diese Uhrzeit noch austrinken durfte, war wohl auch in Ordnung. 

Und in Neukölln – wer ist hier der Treiber? 

Der Neuköllner Bezirksstadtrat für Gesundheit zählt die Verdächtigen auf.

Falko Lieke (CDU), Stadtrat für Gesundheit, Berlin-Neukölln 

„Party-People, auch Großveranstaltungen, viele große Familien die sich miteinander treffen, die auch auf Hochzeiten unterwegs sind, möglicherweise auch beengt wohnen, das hat alles dazu geführt, dass wir jetzt so eine Großlage im Prinzip in Neukölln haben.“ 

Und im Berchtesgadener Land? Auch hier waren es wohl die privaten Feiern. Ganz klar ist die Situation aber bis heute nicht. 

Das Robert-Koch-Institut veröffentlichte letzte Woche neue Fakten:

Zitat

„Nur etwa ein Viertel der insgesamt gemeldeten Covid-19-Fälle kann einem Ausbruch zugeordnet werden.“ 

Und bei den wenigen nachvollziehbaren geht man davon aus, dass der private Bereich die Hauptursache ist. Es ist der Bereich, der nun deutschlandweit runtergefahren werden soll und den der Staat am wenigsten kontrollieren kann und sollte. Nur mit Verzicht im Privaten, so die Ärztin und Wissenschaftsjournalistin Julia Fischer, könne der nun beschlossene Lockdown funktionieren. 

Juli Fischer, Wissenschaftsjournalistin

„Wenn man sich anguckt, wo die meisten Infektionen stattfinden, dann sind das einfach engere Kontakte. Immer wenn mehrere Menschen auf engem Raum zusammenkommen. Und deswegen macht es auch Sinn, viele Kontakte zu begrenzen. Und wenn die höchste Priorität ist, die Infektion einzudämmen und Schulen offen zu lassen, dann ist die Priorität eben eher da, das Freizeitverhalten einzuschränken und die Schulen zu schützen.“

Unsere Gegenüberstellung der beiden Hot-Spots - Neukölln mit kaum Einschränkungen und das Berchtesgadener Land mit einem weitgehenden Lockdown, inklusive Schulschließung erbrachte ein erstaunliches Ergebnis:

In beiden Fällen ging die letzten zwei Wochen die Infektionszahlen nicht nach unten. Sicherlich ist es nur ein kurzer Betrachtungszeitraum. Aber es deutet dennoch einiges daraufhin, dass es mit einem bundesweiten Lockdown für ein paar Wochen nicht getan sein wird.

Beitrag von Daniel Donath, Chris Humbs und Ursel Sieber

 

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