Szenenfoto aus Kontraste - Die Reporter - Bio, braun und barfuß © rbb/Frank Ludwig
rbb/Frank Ludwig
Szenenfoto aus Kontraste - Die Reporter - Bio, braun und barfuß | Bild: rbb/Frank Ludwig

Dorfbewohner in Sorge - Rechte Siedler auf dem Vormarsch

In einem kleinen Ort in Brandenburg entsteht das derzeit wohl größte völkische Anastasia-Siedlungsprojekt bundesweit. Bereits 2019 hatte Kontraste über die rechtsextreme Gesinnung der Anführer berichtet. Dennoch konnten diese ihre Siedlung bis heute weiter ausbauen. Die Kinder der Siedlung werden aus der Schule genommen und sollen offenbar nach der rechten Ideologie der Bewegung unterrichtet werden. Einige Dorfbewohner haben nun Angst, aus ihrem Ort könnte ein Nazi-Dorf werden. Neue Kontraste-Recherchen zeigen, wie fest Anführer Markus K. in der rechtsextremen Szene verwurzelt ist.

Anmoderation: Wir lassen ja sehr ungern Geschichten einfach hinter uns ... bei den meisten unserer Recherchen lohnt sich ein zweiter Blick. Und manchmal auch ein zweiter Besuch. So wie bei Anastasia - halb Naturreligion - halb völkischer Truppenübungsplatz. Die kauzigen Anastasia-Aussteiger sind am liebsten: Unter sich. Auf ihren Selbstversorgerhöfen im brandenburgischen Grabow. Unsere Reporter haben monatelang in der Bewegung recherchiert, verdeckt mitten unter ihnen gelebt. Und sind jetzt - anderthalb Jahre später - noch einmal nach Grabow gefahren - das mittlerweile von der finsteren Bewegung regelrecht geschluckt wurde. 

Wir sind zurück in Grabow im Norden Brandenburgs. Ein idyllisches Dorf, aus dem wir schonmal berichtet haben. Hier versuchen völkische Siedler offenbar eine eigene Dorfstruktur zu errichten: Das so genannte „Goldene Grabow“.

Anführer dieser rechten Siedlungs-Bewegung ist Markus Krause. Zusammen mit seiner Frau Iris versuchte er im Jahr 2015 die Dorfbewohner auf ihre Seite zu ziehen. Bei einer Versammlung im Dorfkrug.

Iris Krause

„Wir sind uns einig, dass unser Dorf frei bleibt von illegalen Einwanderern.“

„Haben wir vorgeschlagen im Falle eines Falles eine Dorfwehr zu bilden.“

Markus Krause

„Sollten uns unsere Politiker, Beamten, Soldaten, nicht mehr dienen wollen, bauen wir kleine Strukturen auf.“

Markus Krause ist nicht irgendeiner im Dorf: Seine Familie ist alteingesessen. Er hat ein Vermessungsbüro, ist öffentlich bestellter Vermesser im Land Brandenburg. So hat er bei der Landnahme offenbar leichtes Spiel. Er erfährt meist, wenn Grundstücke frei werden.

Nach Kontraste-Recherchen ist die Siedlung mittlerweile fortgeschritten, wie eine von uns erstellte Karte belegt. Rot ist Land, das dem Ehepaar Krause oder dem so genannten „Goldenen Grabow“ gehört.

Die Frage „wie umgehen mit den völkischen Siedlern“ spaltet das Dorf. Einige Bewohner machen sich große Sorgen über die Zukunft ihres Ortes. Erstmals sind sie bereit zu einem Interview. Aus Sorge vor Anfeindungen möchten sie anonym bleiben.

Anonym

„Herr Krause ist immer gezielt auf der Suche nach Häusern.“

Anonym

„Keiner guckt wirklich hin, die Gruppe kann ungestört ihren Plan verfolgen.“

Anonym

„Hier soll irgendwann alles voller Landsitze mit nur traditionellen Familien und Kindern sein.“

Bei unseren Recherchen finden wir nun eindeutige Belege für die rechtsextreme Vergangenheit von Markus Krause: 

2006 und 2010 war er in Dresden auf einer Demonstration der rechtsextremen „Jungen Landsmannschaft Ostpreußen“ – kurz JLO, bei der etwa auch Andreas Kalbitz Anhänger war. Hier ist Krause neben dem ehemaligen NPD-Chef und Neonazi Udo Pastörs zu sehen.

Oder hier 2007 auf einem Treffen der völkisch-antisemitischen so genannten „Ludendorffer“, einer konspirativen Gemeinschaft, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Die Historikerin und Rechtsextremismus-Expertin Laura Schenderlein hat zur Grabower Siedlung um Markus Krause geforscht.

Laura Schenderlein, Historikerin

„Wenn man auf die Ludendorffer guckt, ist das einfach ein sehr klandestiner Kreis, wo man auch nicht einfach hinkommt und nicht einfach eingeladen wird, ohne dass man einen Bezug zu der Szene hat.“

Familie Krause stützt sich bei ihrer Siedlung auf die antisemitische Anastasia-Romanserie aus Russland. Anastasia – eine angeblich allwissende Einsiedlerin aus Sibirien – fordert die Leser auf, als Selbstversorger aufs Land zu ziehen. Bundesweit breiten sich Anastasia-Siedlungsprojekte aus.

Laura Schenderlein

„Gerade Elemente wie die Vorstellungen von Rasse von Ahnen-Reihen. Die Erzählungen, die sich um Verschwörungs-Vorstellungen ranken, also dass eine jüdische Weltelite im Hintergrund die Fäden in der Hand hält, ist etwas, was durchaus auch bei den Anastasia Büchern als Erzählung fungiert.“

2019 haben wir dieses braune Gedankengut hinter der Naturverbundenen Fassade aufgedeckt, über Monate auch undercover recherchiert. Damals wollten die Siedler eine eigene Schule gründen. 

Jetzt setzten sie offenbar auf Schulverweigerung. Nach Kontraste-Informationen gehen drei schulpflichtige Kinder aus zwei Familien seit längerem nicht mehr zur Schule. Die örtlichen Behörden seien alarmiert, heißt es dazu aus dem Brandenburgischen Bildungsministerium.

Laura Schenderlein

„Zunächst geht es erst einmal darum, sie aus dem gesellschaftlichen Einflussbereich der demokratischen Gemeinschaft herauszunehmen. Ihnen eben in der eigenen Ideologie und auch in der eigenen Lehrform, die für die Bewegung oder für die Szene wichtigen Inhalte zu vermitteln.“

Auf dieser Ackerfläche siedeln derzeit mehrere Familien. Offenbar entstehen hier auch Wohnungen: in Hütten, Bauwägen und Tipis. Auf Fragen zu der Ansiedlung reagiert das Ehepaar Krause nicht.

Auf Nachfrage beim Landkreis erfahren wir: die errichteten Wohnanlagen sind dort wohl illegal. Erst durch Kontraste habe man davon erfahren: 

Sprecher Landkreis

„Wir sind verpflichtet, solchen Hinweisen auch nachzugehen. Das werden die Kolleginnen und Kollegen von der Bauaufsicht jetzt auch tun und dann – wenn erforderlich – auch entsprechende Maßnahmen einleiten.“

Bis zu unserer Anfrage konnte die Siedlung offenbar ungestört wachsen.

Auf dem diesjährigen Herbstfest versuchen wir erneut mit den Siedlern ins Gespräch zu kommen, auch mit Anführer Markus und Iris Krause. Doch niemand will mit uns sprechen. 

Zitat

„Wollen nicht gefilmt werden“

In einem offenen Brief an uns nennt Krause unsere Berichterstattung einen „inszenierten Rufmordversuch“.

Er wolle die Menschen mit seinem Vorhaben in eine friedliche Zukunft geleiten.

Unsere Recherchen wecken daran zumindest erhebliche Zweifel. Am Sitz von Krauses „Goldenem Grabow“ stoßen wir auf eine Sicherheitsfirma, die von Stephan J. betrieben wird. Als Stephan R. war dieser eine einschlägig bekannte Kader-Figur der rechtsextremen Szene: Hier ist R. in einem Werbefilm der Heimattreuen Deutschen Jugend zu sehen – einer Organisation im Geist der Hitlerjugend. Kontraste findet heraus: R. war Bundesführer der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen – diese organisierte auch die rechtsextremen Demos in Dresden, an denen sich Markus Krause beteiligte. 

Und 2014 war er Teilnehmer eines Dorfumzugs in Grabow: hier trommelt er neben Markus Krause. Wir haben auch den Betreiber der Sicherheitsfirma auf seine Vergangenheit angesprochen, er bezeichnete unsere Recherchen als „falsche Informationen“.

Markus Krause war offenbar tief verwurzelt in die rechtsextreme Szene. Und sein Siedlungsvorhaben schreitet voran. Jede Menge guter Gründe für die lokalen Behörden, endlich genauer hinzuschauen.

 

Beitrag von Silvio Duwe und Lisa Wandt

 

weitere Themen der Sendung

Bayern, München: Menschenleer ist ein Biergarten mit gestapelten Bänken und Tischen im Westpark. Am 22. Oktober 2020 findet ein Verkündungstermin im Rechtsstreit um die Übernahme der Kosten für Corona-Schließungen statt. Die Münchner Gaststätte Emmeramsmühle streitet mit der Haftpflichtkasse darum, ob eine Betriebsschließungsversicherung auch für den Corona-Lockdown greift. Foto: Sven Hoppe/dpa
dpa

Von Partys, Akzeptanzproblemen und schlechter Kommunikation - Deutschland vor dem Lockdown

Berlin-Neukölln und das Berchtesgadener Land – zwei Orte in Deutschland, die unterschiedlicher nicht sein können – und doch haben sie eine Gemeinsamkeit: beide Orte waren schon früh in dieser zweiten Welle Hotspots der Corona-Pandemie. Doch während im Süden Bayerns nach einem Lockdown das Leben nahezu stillsteht, herrschte im Süden Berlins weiter fast Normalbetrieb. Wie geht man vor Ort mit der Pandemie um, wie ist die Akzeptanz von angeordneten Maßnahmen und wie lebt es sich im Lockdown im Söderland Bayern? Kontraste-Reporter waren vor Ort, sie haben den Ursachen des Infektionsgeschehens hinterhergespürt, teilweise absurde Regeln vorgefunden und mit Gewerbetreibenden und Behörden und Eltern und Schülern gesprochen. Trotz aller Unterschiede haben sie erstaunliche Parallelen zwischen Neukölln und dem Berchtesgadener Land gefunden.

Hannover: Ein Plakatwagen der AfD zeigt ein Portät von Jens Kestner, Landesvorsitzender der AfD Niedersachsen, und den Schriftzug "Schluss mit der Corona-Panik!". Auf einer Pressekonferenz wird die «Schluss mit der Corona-Panik-Kampagne» der AfD Niedersachsen vorgestellt. Foto: Moritz Frankenberg/dpa
dpa

Corona-Populismus - Was Trump und die AfD vereint

Sie wettern gegen Masken, halten Corona für besiegt und sowieso für nicht gefährlicher als die Grippe – Donald Trump und viele deutsche AfD-Politiker hören sich beim Thema Corona ähnlich an, doch teilweise ist die AfD sogar noch schriller als die US-Präsident, der kommende Woche um seine Wiederwahl fürchten muss. Während die AfD androht, das Maskengebot im Bundestag zu missachten verspricht Trump den Amerikanern den nahen Sieg über das Virus. Beide sind politisch im Formtief und setzen offenbar auf Corona-Populismus.

Die Hand eines Mannes liegt auf dem Knie einer Frau. Foto: Jens Kalaene/dpa-tmn
dpa-tmn

Sexualstraftaten – immer noch ein geringes Risiko für die Täter

Die Reform des Sexualstrafrechts ist ein Erfolg – wenn man auf das gestiegene Anzeigeverhalten schaut. Doch warum steigt die Quote der Verurteilungen nicht? Kontraste und rbb24 Recherche haben mit Betroffenen, Experten, Ermittlern und Staatsanwälten gesprochen. Das Ergebnis: viel zu oft noch sind Beamte nicht ausreichend qualifiziert, wird mit Opfern zu unsensibel umgegangen und werden Ermittlungen nicht sorgfältig genug geführt.