Übergriffe durch psychisch Kranke - Warum Behörden und Kommunen überfordert sind

Es ist nur eine Minderheit der psychisch Kranken, die aber ihrem Umfeld das Leben zur Hölle machen kann: Hochaggressive Psychotiker, die immer wieder pöbeln, drohen und sogar Gewalttaten verüben. Kontraste schildert, wie hilflos die Opfer – oft Angehörige oder Nachbarn – aber auch Polizei und Behörden sind. Erst wenn die Situation eskaliert, greift das deutsche Strafrecht – und die Unterbringung in einer forensischen Psychiatrie folgt. Präventionsangebote im Vorfeld aber gibt es kaum. In einer auf Kosteneffizienz getrimmten Psychiatrie werden selbst schwere Fälle nur unzureichend behandelt.

Anmoderation: Was diese Frauen erleben ist, in einem Wort: Wahnsinn: Beide werden von ihren psychisch kranken Nachbarn bedroht. Und damit geht's los hier bei Kontraste, gut dass sie da sind.
Das sowas passiert das ist die Ausnahme. Psychiater warnen regelmäßig davor, die Kranken als "gefährlich" abzustempeln. Aber sie warnen eben auch deshalb regelmäßig, weil immer wieder was passiert: Zuletzt die Auto-Attacke in Bottrop und Essen am Neujahrstag - der Täter soll schizophren gewesen sein. Einige Taten hätten verhindert werden können, wenn den Tätern früher geholfen worden wäre. Und vorallem hätten sich ihre Opfer nicht so ausgeliefert gefühlt. Bettina Malter und Markus Pohl.

Wann immer das Ehepaar Peters auf seinen Balkon tritt, geht ein banger Blick zur Seite. Denn ihr psychisch kranker Nachbar im Reihenhaus in Münster macht ihnen seit Jahren das Leben zur Hölle.

Inge Peters

"Wenn er mich sieht, bleibt er starr stehen oder kommt auf mich zu, nimmt eine drohende Haltung an: Ich bring dich um. Dich werden Sie hier noch mit den Füßen zuerst vom Hof tragen. So schnell wird die Polizei gar nicht hier sein, wie du im Himmel ankommst. Und all solche Sachen."

Das Drama beginnt im Sommer 2016. Weil ihr Nachbar Unmengen Müll im Garten anhäuft, der Ratten anzieht, verständigen die Peters das Ordnungsamt. Das lässt den Unrat räumen. Und Inge Peters wird zum Hassobjekt ihres Nachbarn.

Inge Peters

"Das erste Mal stand er kurz vor der Räumung mit einer erhobenen Eisenstange vor mir und wollte sie mir auf den Kopf schlagen. Und da habe ich das erste Mal erlebt, was es heißt, Todesangst zu haben."

Seitdem lebt Inge Peters in ständiger Furcht. Mit ihrem Handy hat sie etliche Ausfälle und Drohungen des Mannes dokumentiert:

"Du menschliches Dreckschwein du. Dir tret ich noch in die Fresse, wenn ich dein dämliches Gesicht sehe, guck mal in den Spiegel, guck dich mal an du Ferkel du, du Schmiersau!"

Inge Peters   

"Der hat mittlerweile so viel Hass gegen mich. So viel Hass, das sagt er ja auch. Der wird’s machen!"

Mehrfach rückt die Polizei an. Als der Nachbar vergangenen Oktober wieder einmal auf Inge Peters losgeht, kommt sogar das SEK, der Mann flieht aufs Dach. Er leidet an einer schweren Persönlichkeitsstörung, zum wiederholten Male wird er deshalb in die Psychiatrie eingewiesen.

Von dort aber türmt er, flüchtet auf einen Kran und löst damit einen Großeinsatz der Polizei aus.

Jetzt ist er in einer Forensik untergebracht, einer psychiatrischen Spezialklinik für Gewalt- und Straftäter, schwer gesichert wie ein Gefängnis. Ob er dort auf Dauer bleiben muss, prüft derzeit das Landgericht Münster. Doch für diesen sogenannten Maßregelvollzug gelten hohe Hürden:

Es muss bereits eine Straftat begangen worden sein, eine verminderte Schuldfähigkeit als Folge der psychischen Erkrankung bestehen, und auch künftig eine erhebliche Gefahr durch den Täter erwartet werden.

2016 waren diese Hürden noch einmal angehoben worden. Eine Reaktion auch auf den Fall Gustl Mollath, der sieben Jahre zu Unrecht in der Forensik weggesperrt war.

Für Familie Peters aber heißt das: Weil ihr Nachbar mit schweren Straftaten bislang nur gedroht hat, könnte er bald wieder frei kommen.

Inge Peters

"Dann wird er eines Tages wieder hier sein. Und dann wird das kommen, was wir schon immer gesagt haben oder was man auch immer wieder hört: Es muss erst Blut fließen."

Der psychiatrischen Gutachterin Nahlah Saimeh machen Fälle wie dieser große Sorgen. Denn sie fallen durch alle Maschen. Bei der kleinen Gruppe gefährlicher psychisch Kranker sei es derzeit kaum möglich, frühzeitig einzugreifen.

Nahlah Saimeh, Psychiatrische Gutachterin

"Der Ist-Zustand ist zur Zeit so, dass in bestimmten Fällen man nichts anderes tun kann, als zu warten, dass die Situation eskaliert, um dann eine Handhabe zu haben, jemanden in der forensischen Psychiatrie entsprechend einer Behandlung zuführen zu können."

Zwar dürfen die Ordnungsbehörden psychisch Kranke bei akuter Fremdgefährdung zwangsweise einweisen lassen. Diese Unterbringung in der allgemeinen Psychiatrie ist aber nur von kurzer Dauer. Es geht um schnelle Gefahrenabwehr, nicht um eine nachhaltige Therapie.

Nahlah Saimeh, Psychiatrische Gutachterin

"Ein Großteil der Patienten verlässt nach wenigen Tagen wieder das Krankenhaus, obwohl die Erkrankung, die diesem Fehlverhalten zugrunde liegt, nicht wirklich anbehandelt, geschweige denn durchbehandelt worden ist. Aber wenn die unmittelbar bevorstehende Gefahr nicht mehr da ist, dann geht er wieder raus."

Ein Fall in Tauche im Südosten Brandenburgs zeigt beispielhaft, wie schlecht die psychiatrischen Strukturen auf gewalttätige Kranke vorbereitet sind. In dieses Mehrfamilienhaus zieht im Sommer 2017 ein junger Mann ein. Über Monate bedroht er Nachbarn, soll ihr Eigentum beschädigt haben. Besonders betroffen, eine Nachbarin. Die Alleinerziehende hatte kein Geld, um alles zu reparieren. Daher kann sie uns manche Schäden noch zeigen.

Nadine E.

"Hier sind die Einschüsse drinne. Er hat da in der Nacht mit irgendwie so ner Pistole mit Leuchtsterne oder Leuchtdinger immer mit gegengeschossen, gegen die Autos hier. Und dann waren die ganzen Scheiben alles kaputt gewesen."

Ein Gulli-Deckel landet auf dem Auto eines weiteren Nachbarn. Bei einem anderen explodiert Pyrotechnik auf dem Rücksitz. Auch dessen Autoscheibe wird zerschlagen.

Nadine E.

"Das schlimmste, was dann im Februar war, dass er eben von meinem Sohn die Katze aufgeschlitzt vor die Tür gelegt hat mit einem Schraubenzieher hier vorne im Kopf drin und hat die ganze Tür alles mit Blut vollgeschmiert."

An dem Tag feierte ihr Sohn seinen 15. Geburtstag.

Nadine E.

"Er dann gesehen, dass ich die Polizei gerufen habe wegen der Katze, und dann ist er mit einer Sturmmaske rausgekommen und hat dann zu mir gesagt: Du bist die Nächste."

Erst später erfährt sie, dass der Mann an einer paranoiden Schizophrenie leidet. In solchen Krisensituationen mit psychisch Kranken soll eigentlich der sozial-psychiatrische Dienst des Landkreises helfen. Doch der kann die Lage in Tauche nicht beruhigen. Der Behördenleiter gesteht ein: Bei gewaltbereiten Psychotikern stößt der Dienst an seine Grenzen.

Rutker Stellke, Leiter Gesundheitsamt Landkreis Oder-Spree

"Grundsätzlich brauchen wir eine weitere Verstärkung in dem Gebiet. An vielen Tagen sind wir Dingen auch gewachsen, es ist aber durchaus, ja, das müssen wir auch zugestehen, wir erleben auch schon Momente, wo wir nicht unmittelbar reaktionsfähig sind."

Zumal in Fällen wie in Tauche auch die allgemein-psychiatrischen Kliniken kaum Hilfe bieten.

Die behandeln lieber Depressionen oder Essstörungen. Mit gewaltbereiten psychisch Kranken ist man oft überfordert, sie gelten als Störfaktor. Hinzu kommt: Um Kosten zu sparen, werden die Patienten möglichst schnell entlassen. Eine schwere Psychose zu therapieren aber, braucht Zeit.

Rutker Stellke, Leiter Gesundheitsamt Landkreis Oder-Spree   

"Da erleben wir schon gelegentlich, dass die Aufnahmebereitschaft nicht vorhanden ist, dass unsere Kollegen also tatsächlich denjenigen nicht loswerden. Wir erleben im Umkehrschluss auch, was sehr belastend ist und sehr frustrierend ist, dass solche unter Umständen auch über lange Zeit schon vorbereiteten Fälle, die dann an den Punkt gekommen sind, wo wir die Unterbringung auch wenigstens erst einmal vollziehen können, teilweise schon nach 24 Stunden oder nach drei Tagen wieder in die Gesellschaft zurückkehren."

Ausbaden muss es die Polizei, sie wird immer wieder zu denselben Tätern gerufen. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter fordert deshalb einen massiven Ausbau der Therapiemöglichkeiten.

Sebastian Fiedler, Vorsitzender Bund deutscher Kriminalbeamter       

"Nach unserer Wahrnehmung gibt es einen extremen Ressourcenmangel im Bereich der medizinischen Einrichtungen. Aus der Perspektive der Polizei, die die Probleme am Ende zu lösen hat, und auch gar nicht lösen kann, sondern immer nur mit den Symptomen zu tun hat, entsteht dort ein Problem, das wir gar nicht lösen können."

Wie es gehen könnte, zeigt ein bundesweit einmaliges Modellprojekt in Ansbach. Gleich neben dem Maßregelvollzug gibt es eine psychiatrische Präventionsambulanz. Gezielt versuchen die Ärzte hier, Gewaltneigungen bei psychisch Kranken zu bekämpfen, ehe sie in der Forensik landen.

Joachim Nitschke, Chefarzt Präventionsambulanz Ansbach     

"Hier machen wir eigentlich die Therapie, die sonst erst erfolgt, wenn ein Delikt passiert ist. Aber das funktioniert genauso gut bei dieser Hochrisikogruppe, bevor es passiert."

Im Zentrum steht eine engmaschige Betreuung, inklusive Hausbesuche. Wir begleiten zwei Psychologen zu einer 38-jährigen Mutter. Sie litt unter Wahnvorstellungen, war mehrfach gewalttätig. Die Ansbacher Ambulanz bietet nicht nur therapeutische Hilfe: Sie hat der Frau auch eine WG vermittelt und berät in sozialen Dingen. So konnte sich die Patientin stabilisieren. Ihrem Betreuer gelang, was die psychiatrischen Kliniken nicht schafften.

Anonym       

"In der Klinik da gibt’s auch keine Therapeuten, Ärzte kommen, schauen dich zehn Minuten an, kriegst 'ne Diagnose, aber weißt nicht, was ist das. Und ja, nachdem ich dann die Hilfe angenommen habe, ging's dann bei mir auch langsam bergauf. Er hat mich dann in vielen Sachen unterstützt, auch mit Ärzten, er hat mir auch erklärt, wie wichtig die Medikamente sind. Also viele Sachen, die man normal nie mitbekommt."

Das Ansbacher Projekt setzt auf Freiwilligkeit. Bis zu 80 Prozent der Risikopatienten würden aber mitmachen, wenn man sich intensiv um sie bemüht, sagt Leiter Joachim Nitschke. Die eine Million Euro, die seine Ambulanz im Jahr kostet, sieht er gut investiert.

Joachim Nitschke, Chefarzt Präventionsambulanz Ansbach      

"Man kann Patienten erfolgreich davon abhalten, schwerste Gewaltstraftaten bis hin zu Tötungsdelikten zu begehen. Und das, muss ich sagen, ist für mich der beste Opferschutz, den es geben kann, aus psychiatrischer Sicht."

In Bayern wurde kürzlich beschlossen, das Ansbacher Modellprojekt auf das ganze Land auszuweiten. Andere Bundesländer könnten sich ein Beispiel nehmen.

Abmoderation: Davon hätten dann alle was - Kranke und Gesunde - wenn es im ganzen Land angemessene Hilfe gäbe. Wie die aussehen könnte diskutiere ich gleich  im Anschluss an die Sendung mit einem Experten und gerne auch mit Ihnen auf unseren Seiten in den Sozialen Netzwerken.

Beitrag von Bettina Malter und Markus Pohl

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