Frauen mit Burka in der afghanischen Ortschaft Balkh bei Mazar-i-Sharif. Bild: MOHD RASFAN/AFP
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Situation der Frauen - Gefangen in Afghanistan

„Bitte vergesst uns nicht“, „Bitte rettet uns“ – solche Sprachnachrichten bekommt die Journalistin Natalie Amiri tagtäglich von Mädchen aus Afghanistan. Sie richten sich auch an die deutsche Bundesregierung, die versprochen hatte, so viele Menschen wie möglich rauszuholen. Seit vielen Monaten versucht Amiri Frauen bei ihrer Flucht nach Deutschland zu unterstützen. Auch die zwei Schwestern Zahra und Manizha Abbasi: Zahra darf nicht mehr zur Schule gehen, Manizha – eine bekannte TV-Moderatorin – nicht mehr arbeiten. Sie beide haben Angst vor den Taliban, vor Zwangsheirat und Vergewaltigung. Seitdem der Westen ihre Heimat im Stich gelassen hat, ist ihr Leben ein Albtraum. Die neuen Machthaber treten die Rechte von Frauen immer mehr mit Füßen. Im Schatten des Krieges in der Ukraine setzen sie ihr strenges Regime rigoros durch.

Anmoderation: Der Krieg in der Ukraine – er bestimmt auch diese Sendung. Und so gerät fast in Vergessenheit, was noch vor Monaten alle beschäftigt hat: Afghanistan, das Land, das unter den radikalislamischen Taliban um Jahrhunderte zurückgeworfen wurde. In dem Frauen und Mädchen nichts mehr gelten. Und verzweifelt Hilfe suchen - auch bei unserer ARD-Kollegin Natalie Amiri. Täglich bekommt sie Hilferufe von afghanischen Frauen - und von Mädchen wie Zahra, die früher gern Fahrrad fuhr – bis die Taliban es verboten. Die so große Angst hatte, auch vergewaltigt oder zwangsverheiratet zu werden, dass sie nach Pakistan floh. Und jetzt dort jeden Tag damit rechnen muss, zurückzumüssen. Daniel Schmidthäussler über großes Engagement - und desinteressierte deutsche Behörden.

Im vergangenen August geht auf einmal alles ganz schnell: nach 20 Jahren endet der internationale Einsatz in Afghanistan. Ausländer und Afghanen strömen zu Tausenden zum Flughafen, alle wollen nur raus.

Die Journalistin Natalie Amiri versucht zu helfen, sie erstellt eine Liste mit besonders gefährdeten afghanischen Frauen, darunter Menschenrechtlerinnen und Journalistinnen. Amiri nutzt ihre Kontakte, versucht die Frauen auf die Evakuierungs-Flüge zu bekommen. Der folgende Chatverlauf dokumentiert ihr Bemühen – und das Versagen des deutschen Staates.

M: Natalie, ich habe eine Liste von Leuten von dir geschickt bekommen, sind die schon drin?

N: Sie sind am Abbey Gate. Jemand muss sie reinlassen.

M: Mist. Also immer noch draußen.

N: Es sind vier Stunden nach dem letzten Kontakt zum Verteidigungsministerium vergangen und es hat sich niemand gemeldet.

V: Frau Amiri, das Verteidigungsministerium hat Ihre Liste heute Morgen an das Krisenreaktionszentrum des Auswärtigen Amtes weitergeleitet. Von dort sollten Sie eine Eingangsbestätigung erhalten haben.

N: Habe ich nicht. Eine Maschine der Bundeswehr ist leer zurückgeflogen und meine Frauen standen 48 Stunden am Abbey Gate. Keiner konnte vor Ort die Zuständigen auftreiben.

N: Ich habe es Seibert durchgegeben. Er sagte, er reicht es so schnell wie möglich weiter an die Einsatzleitung.

M: Wir werden das eines Tages alles öffentlich machen, alles, was schiefläuft. Aus meiner Sicht haben wir mittlerweile inzwischen so viele Erfahrungen gesammelt, dass es für mindestens zwei oder drei Minister*innen Rücktrittsgründe gibt.

N: Bundeswehr raus, keine Deutschen mehr da, Einsatzkommando laut Verteidigungsministerium zusammengepackt."

Das war ein Totalversagen. Keine Stelle hat mit der anderen kommuniziert. Das Auswärtige Amt, Bundesinnenministerium, Bundesverteidigungsministerium, jeder schob die Aufgabe dem anderen Ministerium, der anderen Behörde weiter. Niemand hat Ansprechpartner genannt und die Menschen vor Ort, die da wirklich tagelang ausharrten, haben nicht die Möglichkeit gehabt, evakuiert zu werden.

Am 31. August schließt die Bundesregierung ihre sogenannte Menschenrechtsliste. Ohne Vorwarnung. Sie umfasst rund 2600 Personen. Später Gemeldete werden nicht mehr berücksichtigt.

Obwohl die Bundesregierung Ihnen damals große Hoffnungen macht:

"Als Bundesregierung werden wir nichts unversucht lassen, so viele Menschen wie möglich noch aus der katastrophalen Lage vor Ort zu retten."

Am Ende schafft es Amiri mehr als 90 Menschen vor den Taliban zu retten. Allerdings mit Hilfe von privaten Initiativen, wie der „Kabul Luftbrücke“. Noch immer bekommt sie Anrufe, von Frauen, die nicht auf dieser Liste stehen und die sagen: Wir können nicht mehr.

"Wir haben permanent Angst. Die checken von morgens bis abends unsere Nachrichten und übers Internet Wege, wie wir aus diesem Land kommen, das unser Land ist, das wir lieben, aber das zu einem Gefängnis für Frauen geworden ist."

Amiri war kürzlich wieder in Afghanistan und hat dort auch mit Vertretern der Taliban gesprochen. - Und mit vielen Frauen.

Nach ihrer Reise meldet sich auch Zahra Abbasi bei ihr. Sie und ihre Schwester Manizha sind in einem freien Afghanistan aufgewachsen, haben ein modernes, ein selbstbestimmtes Leben geführt.

Salam aleikum, Afghanistan!

Manizha Abbasi war in Afghanistan ein TV-Star, moderierte im Sportkanal des staatlichen Fernsehens: die Frauen-Bowlingmeisterschaften, den traditionellen Pferdesport Buzkaschi, und Cricket. Für die Taliban: unerträglich. Gleich nach ihrer Machtübernahme löschen sie die Archive.

Mit den Taliban gewinnen auch die Mitglieder vom Stamm ihrer Mutter wieder an Macht, schicken Droh-Nachrichten für die Schwestern:

Wenn wir euch finden, seid ihr unsere Beute. Wir werden eure Tochter mit Gewalt verheiraten.

Das alles erzählt Manizhas kleinere Schwester Zahra der Journalistin Amiri in unzähligen Sprachnachrichten wie dieser:

"Seit die Taliban gekommen sind, beginnt jeder Tag für uns mit Tränen und endet mit Tränen. Sie kommen Tag für Tag näher. Wir können uns nie für eine längere Zeit an einem Ort aufhalten. Ich habe so große Angst, dass ich vergewaltigt werde. Und ich habe Angst, all meine Träume begraben zu müssen und dass ich gezwungen werde, jemanden zu heiraten."

Zahras größer Traum war es immer ein eigenes Fahrrad zu haben – sie erfüllte ihn sich, verkaufte eigens ihren Computer dafür, den sie bei einem Schulwettbewerb gewonnen hatte. Als die Taliban kommen, muss sie es verstecken.

Zahra und ihrer Schwester Manizha gelingt die Flucht ins Nachbarland - nach Pakistan. Doch in Sicherheit sind sie damit noch nicht.

Zarahs Visum für Pakistan ist aber jetzt abgelaufen. Das Problem, das sie jetzt hat: Sie kann nicht zurück nach Afghanistan, denn dort wird sie an der Grenze von den Taliban womöglich aufgegriffen. Aber keiner hilft ihr.

Zahra berichtet aus Pakistan, dass kein Land bereit ist, sie aufzunehmen.

"Da ist niemand, der an uns denkt. Wir haben viele gefragt, aber keine Antwort bekommen. Von niemandem, nichts. Sie haben nichts gesagt. Wir sind in einem Motel. Aber es kommt nicht eine Antwort. Das ist echt schwer. Wenn man so ein junges Mädchen vor sich hat, die sagt: Gebt uns einfach nur einen sicheren Platz. Gebt uns einfach nur einen Platz, wo wir wieder atmen können. Und wir haben selber Flügel, um wieder uns aufzurichten und um wieder aufzustehen und wieder was zu bilden. Und es kann doch nicht sein, dass ihr Afghanistan vergessen habt."

„Wertebasierte Außenpolitik“ nennt Annalena Baerbock ihr politisches Handeln. Auf Afghanistan angesprochen, gibt sie auf der Münchner Sicherheitskonferenz ein Versprechen ab:

Ich habe vor, dorthin zu gehen und zu sehen, wie wir sie über die Grenze bringen können, wenn sie keine Papiere von den Taliban bekommen, um das Land zu verlassen. Wir haben ein neues Programm aufgelegt, mit dem Menschen von Universitäten leichter zu uns kommen können. Aber zunächst einmal müssen wir sie aus dem Land bringen.

Doch Zahra und Manizha haben Afghanistan schon verlassen – Ihnen Schutz zu gewähren, wäre für Deutschland relativ einfach.

Wir fragen beim Auswärtigen Amt nach, erklären die verzweifelte Lage der Schwestern und fragen nach Möglichkeiten. Die Antwort – ernüchternd:

Unsere Bemühungen gelten für alle Betroffenen gleichermaßen, eine Priorisierung erfolgt anhand der Gefährdungslage, nicht danach, von wem Betroffene bei uns gemeldet wurden.

Auf Hilfe aus Deutschland können die beiden jungen Afghaninnen offenbar nicht zählen.

Zahra sagt: „Ihr könnt uns doch nicht vergessen. Ihr könnt doch nicht von heute auf morgen Afghanistan einfach aus eurem Gedächtnis radiert haben. Ihr könnt doch nicht einfach dieses Land ignorieren, obwohl ihr 20 Jahre lang bei uns wart. Ihr könnt doch nicht einfach so tun, als würden wir nicht mehr existieren.“

Sie sitzt in Pakistan und wartet darauf, dass irgendjemand aus dem Westen anruft und sie befreit.

Beitrag von Daniel Schmidthäussler

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