Rettungskräfte in den Trümmern. Bild: rbb/Kontraste
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Verschwörungstheorien in Deutschland - Querdenker für Putin

Putin wolle in der Ukraine nur Biowaffen-Labore zerstören. Und die Bilder von toten Zivilisten seien von westlichen Geheimdiensten manipuliert. Es sind krude Verschwörungsideologen und Falschinformationen, die sich in der Querdenker-Szene breit machen. Auf Demonstrationen werden nun russische Fahnen geschwenkt. Eine Begeisterung für Russland, die bereits 2014 mit dem Ukraine-Konflikt und den so genannten „Mahnwachen für den Frieden“ begann. Ein Bündnis, dem sich auch Antisemiten und Rechtsextreme anschlossen. Viele Akteure, die heute im Querdenker-Milieu eine Rolle spielen, mischten damals schon mit – etwa Jürgen Elsässer, rechtsradikaler Vordenker und Chefredakteur des „Compact“-Magazins. Welche Rolle spielt dabei russische Desinformation?

Anmoderation: Mariupol liegt in Trümmern. Tausende Ukrainer sind hier gestorben. Rund 170.000 seit Wochen von jeder Versorgung abgeschnitten – Bilder wie dieses zeigen, wie mörderisch Krieg ist. Dass die russischen Truppen auch Schulen, Wohngebäude und Krankenhäuser angreifen, ist belegt. Also: Dass sie Kriegsverbrechen begehen. Aber es gibt auch die, die solche Bilder als Fakes abtun, die Putin verteidigen, die Gewalt verharmlosen. In Teilen der Querdenker-Szene wird die russische Kriegspropaganda gern geglaubt und vielfach verbreitet. Erst leugneten sie die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht, jetzt leugnen sie Putins Angriffskrieg. Daniel Laufer und Peter Podjavorsek

Dresden, am 20. März, eine Demo der sogenannten "Querdenker". Tausende Menschen protestieren gegen die Coronamaßnahmen – doch es gibt noch ein zweites Thema.

Rund drei Wochen zuvor hat Russland die Ukraine überfallen, seither Tausende Zivilisten getötet. Die meisten, mit denen wir hier sprechen, sympathisieren mit dem Angreifer.

"Ich weiß nicht, warum die Ukrainer jetzt so einen starken Widerstand machen. Ich denke, der Putin hat ganz gute Ansichten."

"Ich habe ein ungutes Gefühl, dass man Putin dort in eine Ecke gestellt hat oder Ecke gedrängt hat, aus der er sich nicht mehr zu helfen gewusst hat."

"Was er tut, sind chirurgische Schnitte. Und da geht er gezielt gegen wirklich militärische Stellungen vor. Und das, was uns oftmals als zivile Opfer gezeigt wird, ist ja mittlerweile auch schon oft widerlegt – das sind teilweise Bilder aus Libyen, aus dem Libanon, wo auch immer her."

Üble Verschwörungserzählungen, die den Krieg verharmlosen.

Auch für den Feuerwehrmann Marcel Jäschke ist Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine bloß ein Märchen. Er spricht von einer "Polizeiaktion".

Marcel Jäschke

"Das ist kein russischer Angriffskrieg. Sie müssen ja nur mal dem Herrn Putin zuhören. Wenn diese Information in Ihrem Fernsehen gesendet werden, was ich nicht glaube, dann werden wir mit diesen Informationen Leute anstecken. Geheimdienste schützen das System. Und jeder, der das sagt, so wie ich hier gerade, riskiert sein Leben dafür."

Marcel Jäschkes Leben ist nicht in Gefahr; er kann hier frei reden. In Putins Russland, das er verteidigt, könnte er das nicht.

Eine Frau spricht uns an – Olga Okara. Sie kommt zufällig vorbei, vor ein paar Tagen ist sie aus der Ukraine geflüchtet.

Olga Okara

"I’m… I’m shocked. I saw many people who support Putin. People, you are crazy. How can it be? How can it be? Please come (to) Kyiv, to Mariupol and see by your own eyes. It’s awful. Our life is destroyed. (auf Russisch: Ich habe alles verloren.) I lost everything!

"Ich bin schockiert. Ich habe viele Menschen gesehen, die Putin unterstützen. Leute, Ihr seid verrückt! Wie kann das sein? Wie kann das sein? Bitte kommt nach Kyjiw! Kommt nach Mariupol und seht es mit eigenen Augen! Es ist fürchterlich. Unser Leben ist zerstört. Ich habe alles verloren."

Verschwörungserzählungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine und zur Corona-Pandemie verfangen vor allem bei Menschen, die die liberale Demokratie in Frage stellen. Den Rechtsextremismusforscher Miro Dittrich des Thinktanks CeMAS wundert das nicht.

Miro Dittrich, Rechtsextremismusforscher CeMAS

"Ein Fehler, der oft gemacht wird, ist, dass man denkt, diese Leute glauben, nur mit dieser Coronavirus-Geschichte stimme etwas nicht. Die zentrale Erzählung ist ja, dass es eine geheime weltweite Elite gebe, die auf Seiten des Westens die Presse steuert und dann die ganze Welt steuert. Diese Menschen glauben, dass sie schon seit Jahrhunderten das Weltgeschehen lenke. Und deshalb sehen sie alle, die gegen den Westen vorgehen, in diesem Fall Russland, natürlich als großen Befreier."

Die Begeisterung für das Putin-Russland – sie begann nicht erst mit der Pandemie. Der Ukraine-Konflikt 2014 war zugleich Geburtsstunde der "Mahnwachen für den Frieden". Eine pauschale Ablehnung gegenüber der NATO und den USA einte das Bündnis, dem sich auch Antisemiten und Rechtsextreme anschlossen.

Viele Akteure, die heute im "Querdenker"-Milieu eine Rolle spielen, mischten damals mit – auch er: Jürgen Elsässer. Er ist rechtsradikaler Vordenker und Chefredakteur des "Compact"-Magazins, einem Zentralorgan der Szene.

Kürzlich bei einer Veranstaltung der AfD in Brandenburg stellte Elsässer wieder fest: Der Aggressor sei die NATO.

Jürgen Elsässer, Chefredakteur Compact

"Die wollen Russland haben. Und es ist total egal, ob da ein Zar an der Macht ist oder ein Stalin oder ein Gorbatschow oder eben ein Putin: Das Ziel von London und Washington ist immer dasselbe."

Keinen Monat nach dem Überfall auf die Ukraine fordert Elsässer in seinem Magazin: Deutschland solle schleunigst einen "Friedensvertrag" abschließen – mit Russland!

Teile der Neuen Rechten haben beste Verbindungen nach Moskau. Die Analystin Julia Smirnova des "Institute for Strategic Dialogue" beobachtet das schon seit Jahren.

Julia Smirnova, Analystin ISD Germany

"Der russische Staat und staatsnahe Unternehmen, Oligarchen investierten sehr viel Zeit darin, Kontakte zu rechtsextremen und verschwörungsideologischen Milieus im Westen zu unterhalten."

Auch zu Gunnar Lindemann? Bei der Veranstaltung in Brandenburg ist er an Elsässers Seite. Für die AfD sitzt er im Berliner Abgeordnetenhaus. In seiner Freizeit vertritt er Putins Interessen.

Lindemann bereiste die Krim, Lugansk, Donezk, seit die Gebiete faktisch unter russischer Kontrolle stehen.

Bei seinen Besuchen forderte der AfD-Politiker die Anerkennung der selbsternannten Volksrepubliken im Osten des Landes. Die Ukraine setzte ihn auf ihre Sanktionsliste.

Vor Publikum verteidigte Lindemann im März mal wieder Russland.

Gunnar Lindemann (AfD), Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin

"Russland betreibt extra die Angriffe so, dass sie versuchen, die Zivilbevölkerung zu schützen."

Das ist gelogen – die Wahrheit sieht so aus.

Bilder wie diese aus Mariupol haben Russlands Ruf ruiniert. Leute wie er wollen das kaschieren: Gunnar Lindemann.

Er greift eine Erzählung auf, die auch im verschwörungsideologischen Milieu weit verbreitet ist. Putin selbst nutzte sie, um die Invasion zu rechtfertigen:

Gunnar Lindemann (AfD), Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin

"Mittlerweile kommen natürlich immer mehr Details raus, worüber die westliche Presse versucht zu schweigen. Wir erinnern uns zum Beispiel: Am Anfang des Krieges schon hat Russland gesagt, es gibt Biolabore, Biowaffenlabore in der Ukraine mit der USA zusammen."

Wladimir Putin, Präsident Russland (overvoiced)

"Es gab Experimente mit Coronavirus-Stämmen, Milzbrand, Cholera, Afrikanischer Schweinepest und anderen tödlichen Krankheiten."

Russland hat Listen der Erreger veröffentlicht, an denen geforscht worden sei – es sollen Original-Dokumente aus der Ukraine sein. Doch: Das Coronavirus steht gar nicht drauf. Alle Erreger, die Putin aufgezählt hat, fehlen.

Trotzdem verfängt die Geschichte mit den Biowaffen-Laboren – auch bei Gunnar Lindemann. Wir wollen mit ihm sprechen. Der AfD-Politiker stimmte einem Interviewtermin erst zu, dann sagte er aber wieder ab. Wir versuchen, ihn am Rande einer Parteiveranstaltung zu treffen.

Gunnar Lindemann (AfD), Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin

"Es wird… wird biologisch geforscht."

Kontraste

"Ja."

Gunnar Lindemann (AfD), Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin

"Und an was wird geforscht? Ob es nun Biowaffen sind oder sonst irgendwas ist. Wissen wir das?"

Kontraste

"Gibt's Belege dafür, dass etwas anderes ist als einfach nur normale Bakterien, harmlose Bakterien?"

Gunnar Lindemann (AfD), Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin

"So wie in China? Wie Coronavirus? Harmlose Bakterien?"

Wir würden ihm gerne die von Russland veröffentlichten Listen zeigen.

Kontraste

"Sie wollen sich diese Belege von Russland nicht angucken?"

Gunnar Lindemann (AfD), Mitglied des Abgeordnetenhauses Berlin

"Nein, ich möchte mir jetzt nix angucken. Und ich möchte auch mit Ihnen nicht mehr reden, weil Sie betreiben keinen Journalismus. Sie betreiben hier Propaganda."

Wie wichtig der Ukraine-Krieg dem Milieu der "Querdenker" ist, zeigt eine neue Auswertung des ISD – sie liegt Kontraste exklusiv vor.

Julia Smirnova hat eine dreistellige Zahl verschwörungsideologischer und rechtsextremer Kanäle, Seiten und Gruppen auf Telegram und Facebook untersucht – rund 90.000 Beiträge seit kurz vor Beginn der Invasion.

Auf Telegram hatte zeitweise mehr als jede dritte analysierte Nachricht einen entsprechenden Bezug.

Auf Facebook war es in den Tagen nach dem Angriff sogar jede Zweite.

Das Thema scheint in der Szene gesetzt: Vergangene Woche handelte immer noch rund jeder Vierte der Beiträge vom Krieg.

Julia Smirnova, Analystin ISD Germany

"Jetzt behaupten Verschwörungsideologen, dass der Krieg in der Ukraine von der Neuen Weltordnung verursacht wurde und dass Putin in der Ukraine gegen sogenannte Globalisten, gegen die Neue Weltordnung kämpft."

Die "neue Weltordnung" – ein antisemitischer Mythos, der bei vielen "Querdenkern" auf fruchtbaren Boden fällt.

Wir erhalten eine Nachricht aus Dresden – vom Feuerwehrmann Marcel Jäschke. Er will sich mit uns treffen, uns etwas erzählen.

Marcel Jäschke (Off)

"Ihr werdet die Wahrheit wahrhaftig erfahren."

Jäschke ist überzeugt, dass hinter dem Ukraine-Krieg eine weltumspannende Verschwörung steckt:

Marcel Jäschke

"Es ist kein ukrainisch-russischer Konflikt. Die große Suppe, die ist vom US- Finanzimperialismus gekocht. Und deren Interesse ist, die Kontrolle über die gesamte Welt zu haben.”

Der "US-Finanzimperialismus", der im Verborgenen die Fäden ziehe: eine Erzählung, wie Antisemiten sie verbreiten. Für Marcel Jäschke ist sie Teil seiner "wahrhaftigen Wahrheit".

Eine Sichtweise, mit der er hier wohl nicht allein ist: zurück auf der Querdenker-Demo in Dresden.

Entsetzen über die Putin-Fans bei Olga Okara. Die Ukrainerin will uns ein Video zeigen – sie hat es im Netz entdeckt. Zu sehen ist der Ort, an dem sie aufgewachsen ist.

Olga Okara

"This is my house in Mariupol. This is my mother. This is my father. And I’m a real person. Putin destroyed my life.”

"Das ist mein Haus in Mariupol. Das ist meine Mutter. Das ist mein Vater. Und ich bin ein echter Mensch. Putin hat mein Leben zerstört."

Olga Okaras Vater Witali, ihre Mutter Nelja – sie haben Russlands Krieg nicht überlebt.

Beitrag von Daniel Laufer und Peter Podjavorsek

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Öl, Gas und andere Rohstoffe - Deutschland bremst EU-Sanktionen aus

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