"Blauer-Engel" - Gütesiegel bei Wandfarben wertlos

Dem "Blauen Engel" vertrauen viele Verbraucher, wenn sie  schadstoffarme Farben oder Reinigungsmittel suchen. Doch wer das Kleingedruckte liest, stellt schnell fest: In vielen dieser Produkte stecken gesundheitsschädliche Konservierungsmittel, so genannte ISOTHIAZOLINONE. Seit Jahren werden immer mehr Fälle bekannt, bei denen diese Konservierungsmittel schwere allergische Reaktionen bei Verbrauchern auslösen. Trotzdem tragen Wandfarben und andere Produkte mit dem Allergieauslöser immer noch das Siegel "Blauer Engel". Verbraucher fühlen sich getäuscht und Experten fordern Konsequenzen.
 

 

Anmoderation: Der Blaue Engel - ein Qualitätssiegel, auf das sich viele beim Einkaufen seit Jahren verlassen! Egal, ob es Teppiche, Wandfarben oder Waschmittel sind. Produkte mit diesem Logo haben den offiziellen Segen der Bundesregierung: Sie sind gut für die Umwelt und schützen den Verbraucher vor Schadstoffen. Das dachte meine Kollegin Caroline Walter auch , bis sie am eigenen Leibe schmerzhaft erlebte, was das Gütesiegel wirklich wert ist. Gemeinsam mit Christoph Rosenthal hat sie Menschen getroffen, denen es ebenso erging.

Für Steffi Angerer wurden die eigenen Wände zu Feinden. Die Wohnung war frisch gestrichen. Schon nach der ersten Nacht fingen die Beschwerden an.

Steffi Angerer

"Es ging los an den Augen mit Rötungen, Schwellungen. Ganz stark juckender Ausschlag - der ganze Kopf, der Hals, bis zur Kleidung. Und die Hände dann auch betroffen, stark juckend, gerötet bis zu den Handgelenken. Ich war am Verzweifeln, ich hab wirklich vor Schmerzen nicht mehr gewusst, was ich tun soll. Ich wollte kühlen, aber Wasser hat wehgetan."

Es wurde immer schlimmer, sie ging schließlich in die Notaufnahme, dort wurde ihr hochdosiert Cortison gespritzt.

Steffi Angerer

"Ich konnte auch nicht arbeiten. Ich bin Hebamme, ich bin ganz nah am Menschen dran, es war nicht möglich in der Zeit. Ich war wirklich außer Gefecht."

Erst nach Wochen hat man durch einen Allergietest eindeutig die Ursache gefunden: Ein Konservierungsmittel, das in der Wandfarbe enthalten ist. Der Name: Methylisothiazolinon. Seitdem muss Steffi Angerer diesen Stoff unbedingt meiden.

Steffi Angerer

"Ich war sehr geschockt, dass es jetzt wirklich meine Wohnung ist, dass es die Wandfarbe in meinen eigenen vier Wänden ist, meinem Rückzugsort, wo ich mich eigentlich wohlfühlen sollte, dass der mich so krank gemacht hat."

Wir sind in einem Berliner Baumarkt. Die Verbraucher, die Farben aussuchen, ahnen von dem Risiko nichts.

Kontraste

"Dieses Konservierungsmittel Isothiazolinone ist in sehr vielen Wandfarben drin und kann starke allergische Reaktionen auslösen. Ist Ihnen das bekannt gewesen?"

Verbraucher

"Nein ist mir nicht bekannt"

Verbraucher

"Nein."

Verbraucherin

"Nein."

Verbraucher

"Noch nie gehört, nein."

Kontraste

"Jetzt, wo Sie das hören, wird das für Sie ein Kriterium sein bei der Farbauswahl?"

Verbraucher

"Ja auf jeden Fall. Weil mein Sohn ist stark Allergie bedroht und da werde ich natürlich jetzt darauf achten."

In den meisten Farben wird das Konservierungsmittel verwendet, um sie haltbarer zu machen. Der Inhaltsstoff ist auf den Eimern nur im Kleingedruckten zu finden. Verbraucher achten mehr auf das Gütesiegel "Der Blaue Engel".

Verbraucher

"Der Blaue Engel steht natürlich dafür, dass eine Prüfung stattgefunden hat, dass es jemanden gibt, der sich darum gekümmert hat, die Inhaltsstoffe einmal durchzutesten."

Wir recherchieren, wie groß das Gesundheitsrisiko durch den Konservierungsstoff tatsächlich ist.

Prof. Thomas Fuchs von der Uniklinik Göttingen forscht seit Jahrzehnten zu den Isothiazolinonen. Der Dermatologe hat schon viele Patienten behandelt, die eine schwere Kontaktallergie durch das Konservierungsmittel erlitten haben.

Prof. Thomas Fuchs

"Der Anstieg in den letzten etwa acht Jahren, der allergischen Reaktionen auf diese Stoffe, ist nach meinem Dafürhalten exorbitant hoch. Und so definitiv nicht akzeptabel."

Isothiazolinone sind in vielen Produkten enthalten vom Shampoo bis zum Allzweckreiniger. Sie alle bergen das Allergierisiko.

Marina Rulfs macht deswegen die Hölle durch. Sie ist gerade wieder in einer Hautklinik wegen ihrer Hände. Sie sind von einem Kontaktekzem gezeichnet.

Marina Rulfs

"Tja, wie fühlt sich das an? Sehr schmerzhaft. Gerade über Nacht, wenn es ein bisschen getrocknet ist und man wacht morgens auf, dann platzt es ja gleich, wenn man die Hände wieder streckt. Das platzt sofort wieder auf."

Als Kosmetikerin bekam sie mit dem Konservierungsstoff zum ersten Mal Probleme. Wegen ihrer Allergie musste sie ihr Geschäft aufgeben. Dann arbeitete sie als Putzfrau, doch auch im Reinigungsmittel war der Stoff enthalten. Obwohl sie den Job beendete, wurden ihre Hände nicht besser. Denn es stellte sich heraus, auch in ihrem Geschirrspülmittel zuhause war Methylisothiazolinon.

Marina Rulfs

"Mich regt am meisten auf, dass man als Verbraucher einfach nicht geschützt ist. Vieles kann man nicht einordnen, man hat's vielleicht unter anderem Namen doch wieder als Verbraucher mit nach Hause geholt. Das ärgert mich, dass der Gesetzgeber da eben nicht reagiert."

Im Gegenteil: Wandfarben mit Isothiazolinonen werden noch mit dem Gütesiegel "Der Blaue Engel" ausgezeichnet.

Wir konfrontieren das Umweltbundesamt. Es ist verantwortlich für das Siegel, das angeblich für schadstoffarme Produkte steht. Ein Problem bei den Wandfarben sieht man hier aber nicht.

Wolfgang Plehn, Umweltbundesamt

"Da ist also die Wahrscheinlichkeit, dass also dann über die Luft eine Kontaktallergie ausgelöst wird, extrem niedrig, also dass da tatsächlich Reaktionen auftreten können, dafür gibt es eigentlich bisher kaum Belege. Insofern sag ich mal, ist jetzt hier eine unmittelbare und schnelle Handlungsreaktion an der Stelle, jetzt nicht unbedingt erforderlich."

Von wegen: Es gibt Belege, die das Amt offenbar ignoriert. So dokumentiert eine europaweite Studie führender Dermatologen bereits im Jahr 2015 viele Fälle von Kontaktallergien auf Isothiazolinone - ausgelöst durch ausdünstende Wandfarben. Diese seien ein Risikofaktor. Farben und Siegel wurden analysiert. Das Ergebnis:

"Die Umweltsiegel wiegen den Verbraucher in falscher Sicherheit … Unsere Analyse zeigt dagegen, es gibt keinen Unterschied in der MI (Methylisothiazolinon)-Konzentration zwischen Farben mit oder ohne Umweltsiegel."

Wie gravierend die Folgen sind, erlebte diese Schule in Braunschweig. Bei der Sanierung achtete die Stadt extra darauf, Produkte mit dem "Blauen Engel" zu verwenden. Doch auf einmal fingen die Beschwerden an. Lehrerin Michaela Grube hat es stark getroffen - sie hatte einen brennenden, juckenden Ausschlag über Wochen.

Michaela Grube

"Die Augen haben gebrannt. Man stand davor, als wenn man Sonnenmilch im Auge hat. Man konnte sich das Sekret aus den Augenwinkeln wischen, man konnte überhaupt nicht mehr sehen, was in der Klasse vor sich ging. Die Kopfschmerzen waren wahnsinnig auch in der Nacht, dass man wirklich aus Tiefschlaf aufgewacht ist vor lauter Kopfschmerzen. Wir haben wirklich alles Mögliche probiert, um vor dieser Klasse zu stehen, aber je öfter wir es probiert haben, desto schlimmer wurde es eigentlich."

Insgesamt waren 18 Lehrer und 60 Schüler betroffen. Im Verdacht: Die Isothiazolinone. Letzte Untersuchungen laufen noch.

Stefan Behmer, Schulleiter

"Das war schon so gravierend, dass durchaus einige Kolleginnen, insbesondere Kolleginnen, auch für längere Zeit auch tatsächlich krankgeschrieben waren und eben nicht arbeitsfähig waren."

Die Schüler streikten schließlich, mit Erfolg. Wegen der Gesundheitsgefahr zog die Schule in Ersatzgebäude um. Monatelang waren die renovierten Räume nicht nutzbar.

Der renommierte Sachverständige Peter Braun wird  immer häufiger zu dieser Art Notfälle gerufen. Er misst dann die Belastung mit Isothiazolinonen in der Luft wie in diesem Rathausbüro. Die Richtwerte für das Konservierungsmittel würden regelmäßig überschritten, auch wenn "Blauer Engel"-Produkte eingesetzt werden.

Peter Braun, Analyselabor ALAB

"Ich halte es schlichtweg für eine Katastrophe, dass Verbraucher, die eigentlich den Blauen Engel als Garantie für gesundheitsverträgliche und umweltverträgliche Produkte ansehen, dass die in diesen Fällen eben sehen müssen, dass sie da getäuscht werden."

Unverständlich: denn es gibt Farben ohne das Konservierungsmittel Isothiazolinon – es geht offenbar. Doch bisher sind es nur wenige Farben.

Der Druck auf die Industrie sei nicht groß genug, das kritisiert Prof. Thomas Fuchs. Ihn regt die Untätigkeit der Behörden auf.

Prof. Thomas Fuchs, Dermatologe Uni Göttingen

"Ich halte ein Verbot der Isothiazolinone in den verschiedensten Produkten für notwendig, einfach deshalb, weil es so unglaublich schwere allergische Reaktionen dadurch gibt."

Kontraste

"Setzt sich das Umweltbundesamt für ein Verbot ein?"

Wolfgang Plehn, Umweltbundesamt

"Sorry, also ..."

Kontraste

"Was ist jetzt?"

Wolfgang Plehn, Umweltbundesamt

"Na ja, äh …"

Kontraste

"Na, es wird dieses Verbot gefordert?"

Ja, wo?

Offenbar sind viele Erkenntnisse hier noch nicht angekommen.

Kontraste hat die großen Farbenhersteller angefragt. Interviews werden abgelehnt.

Das Unternehmen Brillux, auch Hersteller von Schöner Wohnen Farbe, lässt unsere Fragen unbeantwortet.

Alpina Farben teilt uns dagegen mit:

Zitat Alpina

"Alpina arbeitet intensiv daran, sein Sortiment sukzessive auf Konservierungsmittelfreiheit umzustellen."

Auch Caparol will die Produktion umstellen, technisch sei es für das ganze Sortiment noch nicht möglich.

Steffi Angerer hofft, dass es keine leeren Versprechen bleiben.

Steffi Angerer

"Ich finde, dass diese Konservierungsstoffe, die so krank machen, in Wandfarben nichts verloren haben. Denn jeder Verbraucher, der darauf reagiert, ist einer zuviel."

 

Abmoderation: Jetzt erklärte übrigens auch die Verbraucherzentrale Hamburg, die Vergabe des "Blauen Engels" für Wandfarben  müsse überprüft werden. Und die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen fordert inzwischen dringend ein Verbot der schädlichen Konservierungsmittel.

Beitrag von Caroline Walter und Christoph Rosenthal

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