"Es war doch nicht alles schlecht" - Die "Hitler"-Glocke in Herxheim soll bleiben

Sie ist eine der letzten ihrer Art: Die "Hitler"- Glocke in Herxheim. Seit 83 Jahren hängt sie in der Dorfkirche und ruft die Gläubigen regelmäßig zum Gebet. Und das soll auch so bleiben, meinen Bürgermeister und Pfarrer. Trotz Hakenkreuz und "Führerspruch" - die Glocke klingt so schön und gehört einfach zum Ort dazu.
 

 

Anmoderation: Hakenkreuze an Hauswänden, Hakenkreuze auf T-Shirts – das ist in Deutschland verboten, meist werden solche Verstöße streng geahndet. Umso erstaunlicher, dass ein Dorf in der Pfalz seit Jahrzehnten  völlig unbekümmert ein Relikt aus der Nazizeit verwendet, auf dem unübersehbar ein dickes Hakenkreuz prangt.  Eine Kirchenglocke, die Adolf Hitler huldigt - und kaum jemand stört sich daran. Lisa Wandt berichtet.

Ronald Becker hat zurzeit einen stressigen Job. Immer wieder muss er Journalisten in den Turm der St. Jakobskirche führen. Denn er ist Bürgermeister von Herxheim am Berg. Und dieses Dorf in der Pfalz ist im Besitz einer Rarität aus der Nazi-Zeit.

Ronald Becker (Freie Wähler), Bürgermeister Herxheim am Berg

"Das ist diese Glocke von 1934 mit der Aufschrift "Alles fürs Vaterland, Adolf Hitler". Und diese Glocke hängt seit 83 Jahren hier in unserem Glockenturm."

Die Hitler-Glocke sagt im Viertelstundentakt die Zeit an – und läutet zu Beginn eines jeden Gottesdienstes. Auch vor Hochzeiten. Ihr Klang ist hier allgegenwärtig.

Sigrid Peters findet das unerträglich. Die Organistin war viele Jahre in eben dieser Kirche tätig – von der Glocke mit Hakenkreuz und Führerspruch aber hat sie lange nichts gewusst. Als gläubige Christin meint sie nun jedes Mal die Stimme Adolf Hitlers zu hören.

Sigrid Peters, Organistin

"Heute darf Adolf Hitler nicht mehr im Gottesdienst, in einem Gottesdienst darf Adolf Hitlers Stimme doch nichts mehr zu sagen haben."

Die evangelische Kirchengemeinde distanziert sich zwar von der Inschrift der Glocke, will diese aber partout nicht abstellen. Denn das würde den Moll-Dreiklang auflösen – also das Zusammenspiel von drei Glocken. Ohne die Hitler-Glocke wäre es nur ein Zweiklang und das "wäre akustisch eine Zumutung", so hieß es bis vor kurzem in einer Stellungnahme der Gemeinde von Pfarrer Helmut Meinhardt.

Kontraste

"Ist es eine Zumutung oder könnte man das auch aushalten?"

Helmut Meinhardt, Pfarrer, ev. Kirchengemeinde Herxheim am Berg

"Was kann man nicht aushalten?"

Kontraste

"Aber dann ist ja trotzdem die Frage, warum läutet sie weiter?"

Helmut Meinhardt, Pfarrer, ev. Kirchengemeinde Herxheim am Berg

"Warum sollten wir sie jetzt abstellen?"

Kontraste

" Weil sie vielleicht für manche Menschen so ein bisschen wie die Stimme Adolf Hitlers rüberkommt? Zumindest sagt das ja diese Kritikerin …"

Helmut Meinhardt, Pfarrer, ev. Kirchengemeinde Herxheim am Berg

"Ja was rüberkommt ist ein zwei gestrichenes C."

Für Pfarrer Meinhardt geht es also vor allem um einen wohlklingenden Ton.

Sigrid Peters dagegen hätte sich von ihrer evangelischen Kirche mehr Widerstand gewünscht. Schließlich hat die pfälzische Landeskirche vergangenes Jahr ein selbstkritisches Buch über ihre Rolle im Nationalsozialismus herausgegeben. Der Titel: Protestanten ohne Protest.

Sigrid Peters, Organistin

"Heute in der Zeit, wo es nicht gefährlich ist, protestiert die Kirche wieder nicht dagegen. Sie protestiert nicht dagegen, dass eine Nazi-Glocke zum Gottesdienst läutet."

Der Pfarrer redet sich raus, über die Zukunft der Glocke entscheide das Dorf Herxheim. Denn das ist alleiniger Eigentümer der einstigen Polizeiglocke: Im Krieg diente sie der Gemeinde nämlich als Alarm-Glocke.

Doch auch Bürgermeister Becker von den Freien Wählern will sie unbedingt weiter hängen und läuten lassen. An dem Hakenkreuz und der Aufschrift "Alles für’s Vaterland – Adolf Hitler" nimmt er keinen Anstoß. Im Gegenteil:

Ronald Becker, Bürgermeister Herxheim

"Es ist die einzige hier in Rheinland-Pfalz, ich glaube drei Stück gibt es in der ganzen Bundesrepublik, die diese Aufschrift tragen. Von daher kann man da nur stolz sein."

Kontraste

"Also Sie sind stolz, dass Sie hier eine Hitler-Glocke hängen haben?"

Ronald Becker, Bürgermeister Herxheim

"Ich würde sagen, wir sind stolz heute eine Glocke mit solcher Inschrift zu haben. Diese Glocke jetzt als Hitler-Glocke zu bezeichnen, das ist immer so negativ."

Eine Verharmlosung der Nazi-Zeit, meint Sigrid Peters. Sie ist fassungslos.

Sigrid Peters, Organistin

"Es hat sich doch gezeigt in der Geschichte, was aus dieser Aufschrift geworden ist und wie viele Millionen Menschen ihr Leben dafür lassen mussten. Und deshalb kann das doch nicht einfach so stehen bleiben."

Die Organistin hat die Existenz der Hitler-Glocke vor einiger Zeit bundesweit öffentlich gemacht. Seither kämpft sie unermüdlich dafür, dass die Glocke nicht mehr läuten darf.

Sigrid Peters, Organistin

"Ich bin weit davon entfernt, dass man sagt, diese Objekte aus der Nazi-Zeit müssen verschwinden. Im Gegenteil: Ich bin der Meinung, das sind Dokumente, ganz wichtige Dokumente aus dieser Zeit. Aber sie dürfen doch nicht einfach unkommentiert weiter benutzt werden so wie zur Zeit Adolf Hitlers."

Viele Bürger von Herxheim sehen in ihr eine Nestbeschmutzerin. Sie wollen für ihren guten Wein bekannt sein und nicht wegen einer Nazi-Glocke. Wir sollen die Kirche im Dorf lassen, hören wir in dem 800-Seelen-Dorf immer wieder.

Kontraste

"Jetzt gibt es ja die Überlegung, eine Glocke abzustellen, was halten sie davon?"

Bürger

"Ach, das Geläut ist doch so schön."

"Wegen der Scheiß Glocke, das ist doch Geschichte."

"Was kann die Glocke dafür?"

"Mich stört das nicht. Ich habe die Zeit vergessen"

Kontraste

"Und sie wollen sie auch lieber vergessen?"

Bürger

"Ich will sie auch gern vergessen. Das ist 70 Jahre her und für mich kein Problem."

Diese beiden Männer haben die Nazi-Zeit in Herxheim als Kinder noch miterlebt. Später saß Bernd Schmidt sogar für die SPD im örtlichen Gemeinderat. Und dennoch ist er der Meinung:

Bernd Schmidt

"Es war nicht alles schlecht. Ich will nicht sagen, wir bräuchten heute noch mal einen Adolf Hitler, das brauchen wir nicht mehr, aber es war nicht alles schlecht, was Adolf Hitler gemacht hat."

Kontraste

"Was war denn gut?"

Bernd Schmidt

"Als der Hitler an die Macht kam, wurden die Leute beschäftigt, die Autobahnen wurden gebaut, es gab keine Arbeitslosen mehr. Die Leute waren zufrieden."

Über die Gräueltaten der Nazis soll lieber Stillschweigen herrschen. Doch es ist mehr als nur die übliche Forderung nach einem Schlussstrich. Es ist der Wunsch, dass "auch mal" positiv über die Nazi-Zeit berichtet wird - wie wir hier von einigen erfahren. Das sieht offenbar auch Bürgermeister Ronald Becker so.

Ronald Becker, Bürgermeister Herxheim

"Wenn man den Namen Adolf Hitler nennt, dann ist immer gleich die Judenverfolgung und die Kriegszeiten als erstes oben auf. Wenn man über solche Sachen berichtet, soll man umfangreich berichten. Dass man sagt, das waren die Gräueltaten und das waren auch Sachen, die er in die Wege geleitet hat und die wir heute noch benutzen."

Kontraste

"Ich würde das anders sehen, ich finde nicht, dass man den Massenmord trennen kann von den guten Sachen ..."

Ronald Becker, Bürgermeister Herxheim

"Gut, ja, ok, es gibt verschiedene Ansichten halt."

Jetzt am vergangenen Montag kam im Dorfgemeinschaftshaus der Gemeinderat samt Bürgermeister zusammen. Bei der Sitzung ging es auch um die Nazi-Glocke. Das Ergebnis: Eine Glockenexpertin soll nun in einem Gutachten klären, was mit dem Nazi-Relikt in Zukunft passiert. Es bleibt also erstmal alles beim Alten in Herxheim. Auch zu einer Gedenktafel am Kirchturm haben sich die Politiker nicht durchringen können.

Bürgermeister Becker immerhin spricht sich ausdrücklich für eine solche Tafel aus.

Kontraste

"Würden Sie sagen, auf so eine Tafel, sollte dann auch drauf, da sind so und so viele Millionen Menschen umgebracht worden, davon distanzieren wir uns, aber es gab auch gute Sachen?"

Ronald Becker, Bürgermeister Herxheim

"Das weiß ich jetzt nicht, wie dieser Text, äh, ausfallen …"

Kontraste

"Aber Sie fänden das schon ganz gut, wenn da auch draufsteht: es war nicht alles schlecht, was da passiert ist?

Ronald Becker, Bürgermeister Herxheim

"Das ist richtig, ja."

Abmoderation: Man fragt sich: Hätte sich vor zehn Jahren in diesem Dorf jemand getraut, öffentlich derart ungeniert Adolf Hitler zu verteidigen? Wohl kaum. Diese Dämme sind erst in den letzten Jahren mit Pegida, AfD & Co gebrochen und die jüngste rassistische Hassrede des Herrn Gauland mit der Haltung "Das-wird-man-ja-wohl-nochmal-sagen-dürfen!" trägt leider weiter dazu bei.

Beitrag von Lisa Wandt

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