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- Schwarz-rote Mogelpackung: Wer profitiert von der "Rente mit 63"?

Die SPD, so scheint es, hat sich durchgesetzt: Wer 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hat, darf künftig schon mit 63 seinen Ruhestand genießen. Doch von der vermeintlichen Wohltat profitieren gerade mal 12.000 Arbeitnehmer im Jahr, und sie gilt auch gerade mal für vier Jahrgänge.

Die Regierungskoalition freut sich über ihren ersten grossen Wurf: "Die Rente mit 63"! Sollten Sie zu den 53 Prozent Bundesbürgern gehören, die das laut Umfrage gerne in Anspruch nehmen wollen, dann werden Sie jetzt eine Überraschung erleben. Susanne Katharina Opalka und Sascha Adamek zeigen: Nicht immer ist drin, was aussen drauf steht!

Andrea Nahles (SPD)
Bundesarbeitsministerin, 29.01.2014

„Ich hatte einen ganz, ganz kleinen Moment des Stolzes, als ich den unterschrieben habe. Den habe ich mir genehmigt.“

Die Bundesarbeitsministerin ist so stolz auf das neue Renten-Paket, dass sie eine gigantische PR-Kampagne gestartet hat– von der Fassade ihres Ministeriums bis in alle großen Printmedien: gut 1 Million Euro kostet das den Steuerzahler.

Neben der teuren „Mütterrente“ wird vor allem die „abschlagsfreie Rente mit 63“ gepriesen: Aber was bringt sie und vor allem Wem?

Testbesuch in einer Tischlerei in Berlin. Trotz der harten Arbeit können die Handwerker in dieser Werkstatt bislang erst nach 45 Beitragsjahren und mit 65 in Rente gehen. Es sei denn, sie nehmen finanzielle Einbußen, die so genannten Abschläge, in Kauf. Was also erwarten sie jetzt von der neuen „abschlagsfreien Rente mit 63“?

Frank Zimmermann
„Abschlagfrei heißt zu dem normalen mit den 45 Arbeitsjahren, dass man die normale Rente bekommt, die einem auch zustehen würde.“
Steve Grunow
„Ich krieg den Satz Rente mit 63, den ich mit 67 kriegen würde.“

Wir stellen die gleiche Frage vor dem Gasturbinen-Werk von Siemens. Für die Metall-Arbeiter hier wäre eine Rente mit 63 ohne Abschläge eine echte Erleichterung:

KONTRASTE
„Und was heißt das, Wie viel Rente bekommt man da?“
Arbeiter
„Wie viel bekommt man da? Abschlagsfrei eben, Das eben, wie es so ausgerechnet wurde über die Eckpunkte.“
KONTRASTE
„Also die Rente, die auf ihrem Rentenpapier steht?“
Arbeiter
„Ja. Oder nicht?“

Die meisten hoffen also auf das große Rentenversprechen der Regierung: nach 45 Jahren schon mit 63 die volle Rente, so wie sie in der Renteninformation steht.

Was die Arbeiter bei der Rente mit 63 wirklich erwartet, hat die Rentenexpertin Barbara Sternberger-Frey für KONTRASTE nachgerechnet. Sie hat eine eindeutige Botschaft: Wer schon mit 63 in Rente geht, zahlt weniger Beiträge und bekommt deshalb auch weniger Rente als mit 65.

Barbara Sternberger-Frey
Rentenexpertin

„Wenn sie dann mit 63 in Rente gehen, dann haben sie ein paar Jahre weniger gearbeitet und die fehlen ihnen auch bei der Rente mit 63. Es werden zwar keine weiteren Abschläge mehr abgezogen wie bis dato, aber trotzdem fehlt Geld und das kann schon mal 50, 100, oder 150€ ausmachen - jeden Monat. Das muss man sich dann auch mal vor Augen halten.“

Fazit: Die Rente mit 63 ist eine Mogelpackung!

Doch damit nicht genug.

Es gibt auch nur wenige Menschen, die wirklich die „Rente mit 63“ nach 45 Jahren in Anspruch nehmen könnten: So waren von den 829.450 Neurentnern im Jahr 2012 gerade einmal 10.555 Männer und 1.751 Frauen mindestens 45 Jahre versichert. Dennoch behauptet die Ministerin unverdrossen, gut 200.000 Arbeitnehmern würde es zukünftig besser gehen.

Der paritätische Wohlfahrtsverband sieht deshalb im Gesetzentwurf nur ein politisches Ablenkungsmanöver:

Ulrich Schneider
Paritätischer Wohlfahrtsverband

„Die Rente mit 63, die jetzt eingeführt werden soll, stellt eine Lösung dar, für die es überhaupt kein Problem gibt. Weder vermag sie die Härten auszugleichen bei der Rente mit 67, wenn es nämlich jemand nicht schafft bis 67, weil er gesundheitlich nicht mehr mitmacht, noch wird irgendwie das Problem der auf uns zukommenden Altersarmut behandelt. Mit anderen Worten: Es ist ein außerordentlich teures Symbol mit wesentlich geringerer Wirkung, als Frau Nahles das vorgibt.“

Die Rente mit 63 – eine Mogelpackung, bei der es vor allem ums Kleingedruckte geht. Das muss auch Frank Zimmermann feststellen, der jetzt auf die Rente mit 63 hofft. Wir schauen mit ihm noch einmal in den Gesetzentwurf:

KONTRASTE
„Welcher Jahrgang sind Sie denn?“
Frank Zimmermann
„62“
KONTRASTE
„Jahrgang 62? Da steht 64 Jahre!.“
Frank Zimmermann
„Mhmmm!“
KONTRASTE
„Für Sie gibt es gar keine Rente mit 63!“

Auch bei Siemens sind die Arbeiter überrascht.

KONTRASTE
„Welcher Jahrgang sind Sie? Da haben Sie aber die Rente nicht mit 63, sondern mit 63 und 10 Monaten.“
Arbeiter
„Oh.“

KONTRASTE
„Wie lange müssen Sie arbeiten?“
Detlef Haintzke
„Theoretisch noch 12. Dann hätte ich 63.“
KONTRASTE
„Welcher Jahrgang sind Sie denn“
Detlef Haintzke
„63.“
KONTRASTE
„Pech gehabt, überrascht Sie das, dass es 64 und 8 Monate sind?“
Detlef Haintzke
„Mich überrascht bei dieser Regierung gar nichts mehr.“

Die Wahrheit ist: Von der reinen „abschlagsfreien Rente mit 63“ profitieren ab Juli gerade mal vier Geburtsjahrgänge und zwar nur die von 1949 bis 52. Danach erhöht sich das Renteneintrittsalter mit jedem Jahrgang um zwei Monate. Bereits für den Jahrgang 58 müsste es deshalb „Rente mit 64“ heißen. Und für alle, die nach 1963 geboren sind, gibt es die abschlagsfreie Rente erst ab 65. Doch in diesem Alter geht das heute schon nach 45 Beitragsjahren. Die Ministerin begründet dies mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft.

KONTRASTE
„Wie finden Sie das?“
Steve Grunow
Tischler

„Eigentlich ist es ungerecht. Entweder macht man das für alle gleich oder man lässt es.“

Das Rentenpaket der Bundesregierung ist also: eine Mogelpackung, denn viele gehen leer aus: darunter alle die jünger als 50 sind, so gut wie alle Frauen, Akademiker und jene, die lange Zeit arbeitslos waren.

Ausgerechnet die Experten der Deutschen Rentenversicherung hegen deshalb Zweifel an dem Gesetz. In einer internen Stellungnahme heißt es, Zitat:
„Dass besonders langjährig Versicherte vorübergehend mit 63 abschlagfrei in Rente gehen können, ist systematisch und verteilungspolitisch nicht nachvollziehbar.“

Die Ministerin ist dennoch anderer Meinung, wie wir in ihrem Internetauftritt entdecken:

Andrea Nahles (SPD)
Bundesarbeitsministerin, 29.01.2014

„Die Menschen wissen das ganz genau, sie spüren’s, dass wir hier eine Gerechtigkeitslücke schließen. Und deshalb ist auch die Zustimmung in der Bevölkerung zur Rente mit 63 wie auch zur Mütterrente hoch!“

Gerechtigkeitslücke? Die Opposition wird dem Gesetz jedenfalls nicht zustimmen. Stattdessen wollen die Grünen im Bundestag einen Antrag einbringen für die Menschen, die nach „harter Arbeit“ wirklich nicht mehr können:

Markus Kurth (Bündnis 90/Die Grünen)
Bundestagsabgeordneter

„Das sind die sogenannten Erwerbsminderungsrenterinnen und –rentner. Das ist beispielweise der Dachdecker, der mit Ende 50 einfach nicht mehr kann oder auch die Krankenschwester, die Rückenprobleme hat und die müssen im Gegensatz zum Rentner mit 63 Abschläge hinnehmen und zwar erheblich. und an der Stelle würden wir sagen, ist es sinnvoll die Abschläge abzuschaffen, denn die Betroffenen haben sich das Berufsende nicht freiwillig ausgesucht.“

 

Beitrag von Sascha Adamek und Susanne Opalka