- Schicksal Psychiatrie: Wie Psychiater das Leben der Vera Stein zerstörten

Vera Stein war einmal ein ganz normaler Teenager - bis ihr Vater sie in die Psychiatrie sperren ließ. Auch später, als Erwachsene, wurde sie eingesperrt: gegen ihren Willen und ohne krank zu sein. Die Medikamente ruinierten ihre Gesundheit. Und Psychiater und Richter finden das bis heute völlig in Ordnung.

Über unser nächstes Thema wurden Horrorfilme gedreht und Horrorromane geschrieben. eingeschlossen sein in der psychiatrischen Klinik - gegen den eigenen Willen. Schon die Vorstellung löst kreatürliche Angst aus.

Die Geschichte, die Detlev Schwarzer Ihnen nun erzählt, ist, natürlich, keine Fiktion. Aber sie ist so grausam und buchstäblich unglaublich, dass auch unsere erste Reaktion war: das kann doch nicht wahr sein! Eine junge Frau, jahrelang festgehalten und mit Medikamenten vollgepumpt - ohne medizinischen Grund und gegen ihren erklärten Willen.


Vera Stein, 43. In den siebziger Jahren war sie in psychiatrischen Kliniken über Jahre eingesperrt. Sie wurde mit Psychopharmaka vollgepumpt, ohne daß sie je eine psychische Erkrankung hatte. Mit dramatischen Folgen. Ein Foto vor dem Klinikaufenthalt. Vera ein aufgewecktes Mädchen mit 15 Jahren - Bilder nach der Psychiatrie. Die Gesichtszüge verändert. Sie kann kaum noch gehen. Ihr Körper zusammengesackt. Spätschäden jahrelanger Psychopharmaka-Behandlung.

Die Folge: Heute ist Vera Stein an den Rollstuhl gefesselt. Ihre Gesundheit: ruiniert.

Vera Stein:
"Der Rücken, und der Kopf und die Beine, das tut alles weh. Und sonst legŽ ich die Beine deshalb immer hoch. Und muß mich halt zwischendurch immer hinlegen . Und mich strengt alle sehr an. Und ich kann gar nicht mehr so leben wie andere Frauen in meinem Alter. Ich kann meinen Beruf nicht mehr machen, und das Leben und die Gesundheit sind zerstört."

Rückblick: 1974. Vera Stein: ein lebhaftes Kind. Doch ihr Vater ist streng. In der Pubertät kommt er nicht mehr mit ihr zurecht. Er will seine Tochter in die Psychiatrie stecken. Doch Vera Stein ist nicht krank. Für ihre damalige Gymnasiallehrerin, Hildegard Moos, war Vera Stein ein ganz normales Mädchen.

Hildegard Moos, ehemalige Lehrerin:
"Sie ist schulisch nie auffällig geworden. Im Gegenteil, sie war sozial engagiert. Sie hat sich für Klassenkameraden eingesetzt, sie war lebhaft, und sie hat sich durchaus dem schulischen Leben gestellt, wie es Jugendliche in diesem Alter tun. Mit immer mal auch kleinen Einbrüchen. Die gehören einfach dazu."

Doch Veras Vater findet eine Psychologin. Ihr Attest für die Tochter: Verdacht auf jugendliche Schizophrenie. Der bloße Verdacht reicht der Uniklinik Frankfurt, Vera für Monate einzusperren. Erinnerungen an die Aufnahme.

Vera Stein:
"Da war ein Schild an der Tür, worauf stand: Bitte klingeln. Und dann hat die Schwester uns aufgeschlossen . Und dann ist die Schwester mit den Eltern die Daten und Personalien besprechen gegangen. Mich haben sie ins Spielzimmer geführt. Und nach einiger Zeit habe ich dann gefragt, wo sind meine Eltern,ich möchte mich gern verabschieden. Und da waren sie schon verschwunden. Ja, und dann haben sie mich in ein Zimmer geführt, wo ein paar Betten waren. Und dann wollte ich da raus, und dann habe ich gesehen, die Türen sind alle zu."

Mit Gewalt werden ihr Psychopharmaka verabreicht. Überprüft wird die Diagnose Schizophrenie nicht. Monatelang ist Vera Stein gefangen, ohne psychisch krank zu sein. Hildegard Moos selbst holt sie aus der Klinik heraus. In der Schule und auf Klassenfahrten ist Vera wieder völlig normal, doch durch die Psychopharmaka geschwächt. Schnell erkennt die Lehrerin die eigentliche Ursache von Veras Problem: ihr Vater.

Hildegard Moos, ehemalige Lehrerin:
"Er erklärte mir zum Beispiel, um den Klinikaufenthalt zu begründen - daß seine Tochter vom Teufel besessen sei, eine etwas sehr merkwürdige Formulierung. Und das zeigt wohl, daß die Eltern, besonders der Vater, nicht mit der Pubertätskrise, in der sich Vera seinerzeit befand, zurechtkommen konnte und mit seinen rigiden Vorstellungen eigentlich ein Leben zu sehr eingeengt hat, das sich dann nicht mehr frei entfalten konnte."

Nach der zehnten Klasse muß Vera Stein von der Schule abgehen. Sie arbeitet im Fahrradgeschäft der Eltern ihrer besten Freundin Eva. Wiedersehen nach 20 Jahren.

Vera Stein:
"Hallo, wie schön, daß man sich wiedersieht."

Auch hier im Fahrradgeschäft fällt Vera durch besonderes Geschick beim Verkaufen und durch ihre guten Umgangsformen auf.

Helmut Müller:
"Da waren damals noch viele Amerikaner, die hier gekauft haben bei uns. Da hatten wir Camp King hier oben. Da waren wir immer froh, daß sie da war, weil sie auch Englisch konnte. Wir konnten es nicht. Sie hatte auch immer die schwierigen Fälle für uns abgewickelt."

Eva Schweitzer, geb. Müller:
"Wir haben immer sehr viel unternommen zusammen. Vera war immer nur lustig. Es war toll, mit ihr zusammen zu sein. Sie hat mir Tischtennis beigebracht. Wir haben viel gemacht miteinander. Aggressiv war Vera nie. Sie hat nur unheimlich unter ihrem Vater gelitten. Das kann ich sagen. Also, Ich hatte vor dem Mann auch sehr Angst."

Der Vater will unterdessen seine Tochter für immer loswerden. 1977 findet er eine neue Klinik, - die Klinik Dr. Heines in Bremen. Hinter dieser herrschaftlichen Villa : ein trostloser Neubau wie ein Gefängnis. Nur zur Beobachtung für ein paar Tage soll Vera hierher kommen. Doch sie wird für eineinhalb Jahre eingesperrt.

Fast ein Paradies, ein Luxushotel. So wird die Klinik in einem Fernsehbericht aus den siebziger Jahren geschildert, Töpfern, Malen, Gruppengespräche, moderne Therapie. Die Realität sieht für Vera Stein anders aus. Psychologische Betreuung gibt es kaum. Sie wird sofort mit stärksten Psychopharmaka ruhig gestellt. Was sie durchleidet, ist kaum vorstellbar:

Vera Stein:
"Das Schlimmste war das Eingesperrtsein und daß man denen völlig ausgeliefert war und die Medikamente, die schwere Nebenwirkungen hatten, immer unter Zwang reingespritzt bekommen hat. und daß ich an Betten, Stühle und Heizkörper mit Gewalt gefesselt wurde. Und als zum Beispiel am Heizkörper gefesselt war. Hatten Ärzte und Pflegepersonal am Nebentisch Kaffee getrunken, Kuchen gegessen und mich verspottet."

Der Klinikleiter Dr. Heines schwärmt im selben Fernsehbericht von den großen Heilerfolgen seiner Klinik. Dr. Heines (Archiv) "Es ist in den letzten Jahren in der klinischen Psychiatrie sehr viel zur Humanisie-rung der Behandlung getan worden. Wir dürfen feststellen, daß 22 Prozent aller seelisch Kranken folgenlos abheilen und daß 42 Prozent der seelisch Erkrankten wieder derart gut genesen, daß sie in Familie und Beruf wieder weitgehend integriert werden können." Vera Stein hingegen verläßt die Klinik als gebrochener Mensch: Erst Jahrzehnte nach der Psychiatrie ist Vera Stein in der Lage, sich gegen das Unrecht zu wehren. Ihr Vater: der Auslöser des Leids. Für sie eine tragische Figur. Juristisch belangen will sie ihn nicht. Sie klagt gegen die Klinik-Ärzte, die bedenkenlos den Wünschen des Vaters folgten, und sie jahrelang einsperrten. Doch das Hanseatische Oberlandesgericht Bremen kommt zu einem bizarren Urteil. Es gibt der Klinik Dr. Heines recht. Vera Stein sei freiwillig dort gewesen. Den Ärzten sei keine Falschbehandlung vorzuwerfen. Vera Stein sei "schwersterkrankt" und "behandlungsbedürftig" gewesen. Fazit: Vera Stein würden weder Ansprüche auf Schmerzensgeld noch auf Schadensersatz zustehen. Die Meinung über Vera Stein bildet sich das Gericht aufgrund eines einzigen Gutachtens von Prof. Rudolf, Psychiater an der Uni-Klinik Münster. Vera Steins Anwältin ist entsetzt. Eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem Fall fand gar nicht statt. .

Dr. Ilse Dautert, Rechtsanwältin:
"Das Gericht ist schlicht und ergreifend lediglich dem Gutachter gefolgt, ich denke mit Eingang des Gutachtens war für den Senat ganz klar, wie das Verfahren ausgehen würde und alle weiteren Einwändungen der Klägerin und insbesondere auch noch weitere gutachterlichen Stellungnahmen waren für den Senat völlig irrelevant."

Schlimmer noch: Vera Stein hätte in Bremen gar nicht eingesperrt werden dürfen. Sie war bereits 18 Jahre alt und damit volljährig. Sie hätte der Einweisung zustimmen oder ein Vormundschaftsgericht hätte sie einweisen müssen. Die Rechtslage ist eindeutig.

Sebastian Schattenfroh, Rechtsanwalt:
"Wenn Zweifel bestehen, daß der Betroffene einverstanden ist mit seiner geschlossenen Unterbringung, ist es absolut zwingend, sofort einen richterlichen Beschluß herbeizuführen. Das wird in der Praxis häufig missachtet, ist rechtlich aber eindeutig rechtswidrig."

Eine Einverständniserklärung hat Vera Stein in der Klinik Dr. Heines nie unterschrieben. Über eineinhalb Jahre bekommt sie insgesamt 17 verschiedene Psychopharmaka, die das Nervensystem beeinträchtigen, meistens unter Zwang gespritzt. Einmal erhält sie 19 Ampullen des Neuroleptikums Haldol, ein vielfaches der zulässigen Höchstdosis. Doch das Oberlandesgericht Bremen meint, daß der regelrechte Psychopharmaka-beschuß nicht für die gesundheitlichen Schäden verantwortlich ist. Renommierte Psychiater führen die schweren Bewegungsstörungen aber eindeutig auf die Psychopharmaka zurück.

Werner E. Platz, Vivantes-Kliniken Berlin:
"Das was hier naheliegt, ist nach den gegebenen Medikamenten in der Länge und in der Dosis, daß es sich um Spätdyskenisien handelt. Daß heißt, um späte Bewegungsstörungen , die eine Folge, Begleiterscheinung, unerwünschte Wirkung der gegebenen Neuroleptika sind."

Immer wieder versucht Vera Stein zu fliehen. Sie macht klar: mit ihrer Einweisung ist sie nicht einverstanden. Einmal schafft sie es bis zum Bremer Hauptbahnhof. Die Heines-Klinik löst eine polizeiliche Fahndung aus.

Vera Stein: "Aufgrund der Suchmeldung haben mich drei Bahnpolizisten eingefangen , haben mir die Arme auf den Rücken und Handschellen angezogen und die in die Knochen gedreht, daß die Gelenke blutig wurden. Haben mich dann im Krankenwagen in die Klinik zurück. da wurde ich dann gefesselt, k. o gespritzt und da war ich wieder gefangen. "

Das ist eindeutig Freiheitsberaubung, da gibt es keine juristischen Zweifel.

Sebastian Schattenfroh, Rechtsanwalt
"In dem Moment, wo sie ausbricht und sogar in Handschellen zurückgeführt wird, bringt sie in aller Deutlichkeit zum Ausdruck, ich will nicht eingesperrt werden. "

Doch Vera Stein wird nicht freigelassen. Einmal in der Psychiatrie, findet sie kaum wieder hinaus. Die Klinik Dr. Heines hätte Vera Stein freilassen oder ein Richter hätte die geschlossene Unterbringung verfügen müssen. Doch das passierte nicht. Das Oberlandesgericht Bremen hat das einfach ignoriert. Und es vertritt noch eine weitere durch kein Gesetz gestützte Meinung: Nämlich daß der "Behandlungsvertrag, der zwischen Vera Steins Vater und der Heines-Klinik geschlossen wurde, für das Einsperren von Vera Stein ausreichen würde".

Eine ebenfalls unhaltbare Rechtsauffassung:
Ilse Dautert, Rechtsanwältin:
"Das lernt man in den ersten Semestern eines Jura-Studiums, daß man für einen volljährigen Menschen ohne dessen Vollmacht keinen Vertrag schließen kann. Und genau das hat der Senat hier unterstellt."

Vera Stein hat den Vater nie bevollmächtigt. Sie wurde nie entmündigt. Doch ihr Vater konnte sie problemlos wegsperren. Das Bremer Gericht hat das Unrecht auch noch abgesegnet.
Ilse Dautert, Rechtsanwältin:
"Das war meiner Meinung nach ein ganz krasses Fehlurteil. Ich denke, es ist im Ergebnis eine Anleitung zum Wegsperren ungeliebter Angehöriger."

Das bittere Ergebnis für Vera Stein: Kein Arzt wurde je belangt, keine Klinik muß Schadenersatz leisten. Weder das Oberlandesgericht Bremen noch die Klinik Dr. Heines wollten Kontraste gegenüber eine Stellungnahme abgeben. Doch Vera Stein gibt nicht auf. Sie hat gegen das Urteil Revision beim Bundesgerichtshof eingereicht. Gesund wird Vera Stein aber nie mehr.