Download (mp4, 29 MB)

- Aufgeweichter Klimaschutz: Autokanzlerin gefährdet Arbeitsplätze

Bundeskanzlerin Merkel stemmt sich mit aller Macht gegen schärfere Abgaswerte für Europas Autobauer. Sie behauptet, die EU-Pläne würden Arbeitsplätze gefährden. Doch genau das Gegenteil ist der Fall, die Zulieferer der Autoindustrie gehen jetzt auf die Barrikaden.

Das gab’s wohl noch nie: Einen Boykott der großen Umweltverbände auf einer Weltklimakonferenz. Aus Protest gegen Stillstand und rückwärtsgewandtes Denken verließen heute zahlreiche Umweltschützer den Gipfel in Warschau. Wirtschaft und Industrie würden den Ton angeben bei den Klimaverhandlungen, so der Vorwurf. Auch Deutschland wird kritisiert: Der einstige Klimaschützer Nr. Eins gebe nur noch ein trauriges Bild ab. In der Tat muss man sich wundern: Denn schließlich war es Bundeskanzlerin Merkel, die auf EU-Ebene dafür gesorgt hat, dass vorerst keine schärferen Abgaswerte für Autos gelten sollen. Und das mit wenig schlüssigen Argumenten. Recherchen von Chris Humbs und Ursel Sieber.

Diese Autos verkaufen sich prächtig: sogenannte Sport Utility Vehicle, kurz SUV. Luxuriöse Spritschleudern, die an Geländewagen erinnern und gerne in der Stadt gefahren werden. Umweltprobleme? Nachhaltigkeit? Den Nutzern sind andere Werte wichtiger.

SUV-Fahrer
„Ich bin ein Mann der starke Autos mag. Das passt auch besser zu meinem Bauch."
SUV-Fahrerin
„Ich bin zwar eine kleine Frau, aber ich fahre große Autos."

Beim Autokauf zählt immer noch die Unvernunft, weiß Prof. Dudenhöffer. Er analysiert seit Jahrzehnten den Automarkt.

Prof. Ferdinand Dudenhöffer
Center Automotive Research (CAR), Uni Duisburg-Essen

„Die SUV gehen deswegen so gut, weil die Leute verrückt sind nach diesen Fahrzeugen. Sie sind emotional, man fühlt sich wie ein Marlboro Cowboy in dem Fahrzeug."

Diese Freiheit hat ihren Preis. Technisch sind dieses Autos völlig überholt. Sie sind schwer, haben einen hohen Luftwiderstand - und dazu kommt klassisch-alte Motorentechnik. SUV haben schlechte Umweltwerte. Vergleichbare Kompaktfahrzeuge brauchen im Schnitt 25% weniger Sprit. Dennoch:

Prof. Ferdinand Dudenhöffer
Center Automotive Research (CAR), Uni Duisburg-Essen

„Dieser SUV-Boom geht weiter und um das Jahr 2020 gehen wir davon aus, dass ein Drittel der Neuwagen in Deutschland als SUV verkauft werden."

Um diesem umweltschädlichen Boom etwas entgegenzusetzen, hat man in Brüssel strikte Grenzwerte für Autoabgase ausgehandelt: 95 Gramm des klimaschädlichen CO2 pro Kilometer. Dieser Wert soll durchschnittlich für alle Hersteller ab 2020 gelten. Autobauer, die mit ihrer Flotte die EU-Klimaschutz-Vorgaben nicht erreichen, erwarten dann deftige Strafen - pro Auto.

Solche Strafen drohen vor allem BMW und Daimler. Sie haben schlicht zu viele dieser beliebten Spritfresser auf dem Markt. Deshalb haben die beiden Konzerne im Kanzleramt gegen die Pläne der EU protestiert. Mit Erfolg. Die Bundeskanzlerin legt in Brüssel ein Veto ein. Ihr Argument: Dadurch würden angeblich Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet.

Angela Merkel (CDU)
Bundeskanzlerin (28.06.2013)

„In einer Zeit, in der wir nun hier tagelang sitzen und über Beschäftigung sprechen, müssen wir bei allen Notwendigkeiten, voranzukommen im Umweltschutz, auch darauf achten, dass wir uns nicht unsere eigene industrielle Basis schwächen."

Damit fördert Merkel aber das Festhalten an veralteter Technik.

Prof. Ferdinand Dudenhöffer
Center Automotive Research (CAR), Uni Duisburg-Essen

„Ich glaube, sie erweist den deutschen Autobauern eher eine Art Bärendienst, denn sie werden in ihrer Innovationsfähigkeit durch das Aushebeln der Regulierung gebremst."

Innovative Technik machte die deutschen Autohersteller stark. Und zumeist sind es die Zulieferer, die diese Techniken für die sparsamen Autos entwickeln und bauen. Somit ist Merkels Politik insbesondere für die vielen Zulieferer ein Schlag ins Gesicht.

Jean-Marc Gales
Vorsitzender Autozuliefererverband Europa (CLEPA)

„Wir haben als Verband keine Befürchtungen, dass die 95g Arbeitsplätze vernichten sondern eher, dass im Sinne einer smarten Regulierung sie für den Erhalt der technischen Führerschaft Europas und damit auch für den Erhalt von Arbeitsplätzen sorgen wird. Das Argument, der Grenzwert ist zu scharf, das lassen wir nicht gelten."

Mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer in der Autoindustrie ist bei den Zulieferern beschäftigt. Und für sie sind neue, strengere Richtlinien ein Garant für sichere Arbeitsplätze – denn so müssen die Autokonzerne bei ihnen High-Tech ordern.

Prof. Ferdinand Dudenhöffer
Center Automotive Research (CAR), Uni Duisburg-Essen

„Die Zulieferer sind ja die heimlichen Helden hinter unseren Autos. Die ganzen Spritspartechniken werden ja dort produziert. Die Zulieferer, die hätten sich gefreut über diese Ziele, mit 95 Gramm CO2."

Schon immer haben strikte staatliche Regelungen der deutschen Autoindustrie gedient - egal ob bleifreies Benzin, der Katalysator oder kürzlich der Rußpartikelfilter. Die Autos wurden so immer moderner, immer attraktiver. Sie wurden ein Exportschlager.

Für die deutschen Hersteller folgten Rekordgewinne und vor allem neue Arbeitsplätze. Heute mit einem Höchststand.

Erstaunlicherweise fehlt Merkel dieser Weitblick.

Dafür setzt sie sich nun in Brüssel für eine Aufweichung der Grenzwerte ein. Sie will, dass die SUV bei der Berechnung des CO2- Flottenwerts nicht mehr oder nur noch teilweise mitgezählt werden müssen. Man lügt sich in die eigene Tasche.

Die Folge: die Konkurrenz aus dem Ausland fährt den deutschen Autobauern davon. Wie hier der Elektrowagen Tesla aus Silicon Valley.

Denn egal ob USA oder China: Überall gelten zukünftig strikte Abgasgrenzwerte. Es zeichnet sich ab, dass sie dort vor allem durch die massive Förderung schadstofffreier E-Autos erreicht werden.

Zwar verspricht auch Merkel eine Millionen Elektroautos bis 2020 auf deutschen Straßen. Die Prognosen der Experten legen jedoch nahe: Dieses Ziel wird nicht erreicht - dank des Vetos der Kanzlerin.

Prof. Ferdinand Dudenhöffer
Center Automotive Research (CAR), Uni Duisburg-Essen

„Es werden Minimum 1 Millionen Elektrofahrzeuge in Europa nicht verkauft werden."
KONTRASTE
„Warum?“
Prof. Ferdinand Dudenhöffer
Center Automotive Research (CAR), Uni Duisburg-Essen

„Die werden deshalb nicht verkauft werden, weil man sie dann nicht braucht, weil man mit diesen Regulierungen, die jetzt vorgeschlagen sind, Freigrenzen schafft bei denen Fahrzeuge eben diese 95g deutlich überschreiten können."

SUV-Dinosaurier statt High-Tech. Zumindest kurzfristig können so die Manager, wie hier Dieter Zetsche von Daimler, satte Gewinne und damit satte Boni einfahren.

Nach mir die Sintflut.

Übrigens: BMW stellt seine SUV X3, X5, X6 und demnächst X4 in den USA her. Nicht einmal kurzfristig entstehen so allzu viele Arbeitplätze in deutschen Montagehallen.

 


Beitrag von Chris Humbs und Ursel Sieber