Kowalski & Schmidt: Bandera-Gesetz (Quelle: rbb)
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Ein Gesetz und die schmerzhafte Vergangenheit zweier Nachbarstaaten - Bandera-Gesetz

Die Stimmung zwischen Ukrainern und Polen ist seit Anfang des Jahres stark abgekühlt. Der Grund dafür sind unterschiedliche Sichtweisen auf die Vergangenheit und ein neues polnisches Gesetz, dass die Verbrechen ukrainischer Nationalisten während des Zweiten Weltkriegs verurteilt.

Im Zentrum von Wroclaw steht ein Denkmal - für jene Polen, die während des Zweiten Weltkriegs von ukrainischen Nationalisten ermordet wurden. Szczepan Siekierka und sein Enkel Michal kommen oft hierher. Sie wollen, dass man dieses Verbrechen und die dafür Verantwortlichen klar benennt. Ein neues Gesetz unterstützt sie dabei.

Michał Siekierka, Verein OZUN Wrocław
„Im Jahr 2003 wussten fast vierzig Prozent der Polen nichts darüber, was damals in Wolhynien und Ost-Galizien passiert ist. Vierzig Prozent! Vierzig Prozent wussten nicht, dass ihre Vorfahren aufgrund einer Ideologie ermordet wurden.“

1943 verübte die Ukrainische Aufstandsarmee UPA, die mit den Deutschen kollaborierte, in Ostpolen Massaker an der Zivilbevölkerung. Um die 100.000 Polen wurden ermordet.
Der Historiker Grzegorz Rossolinski-Liebe hat über einen der damals verantwortlichen, Stepan Bandera geforscht.  Bandera war der Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten - kurz OUN.

Grzegorz Rossolinski-Liebe, Historiker FU Berlin
„Die OUN hat schon Mitte der 30er Jahre Pläne entwickelt, wie man einen ukrainischen Staat aufbaut mit einer faschistischen Regierung – und wie man diesen Staat von ethnischen Minderheiten, vor allem Polen und Juden säubert.“

Die ethnischen Säuberungen gelten in Polen inzwischen als Völkermord.

Auch die Nationalsozialisten haben ihren Anteil daran. Als sie 1941 Judenpogrome in der Westukraine beginnen, involvieren sie gezielt die ukrainische Bevölkerung. Als Wolhynien und Ostgalizien zwei Jahre später „judenfrei“ sind, wendet sich die Gewalt gegen Polen.

Die Erinnerung an diese Verbrechen wurde in Polen offiziell lange Zeit verdrängt.

Doch in den letzten Jahren rückte sie durch historische Re-Inszenierungen und Filme wieder stärker ins Bewusstsein.

Grzegorz Rossolinski-Liebe
"Indem die Deutschen begonnen haben und sie involviert haben, haben die Akteure schon gewusst, wie Massenmorde, wie eine Säuberung funktioniert. Das war nicht mehr abstrakt."

Für Szczepan Siekierka und andere Mitglieder seiner Vereinigung ist diese Erinnerung noch immer sehr konkret.

Niemand hier hat die Geschehnisse und Bilder von damals vergessen.

Szczepan Siekierka, Verein  UOZUN w Wrocławiu (polnisch)
„Der Angriff kam von allen Seiten und ließ sich nicht beherrschen. An diesem Tag wurden 72 Bewohner meines Ortes ermordet, aber insgesamt waren es über einhundert.“

Deshalb ist man hier zufrieden, dass ein neues Gesetz die Verherrlichung des ukrainischen Partisanenführers Stepan Bandera - den so genannten "Banderismus“ - in Polen verbietet.

Jan Szajner (polnisch)
„Das ist doch ganz normal! Wenn man den Banderismus und die wesentlichen Eigenschaften, die ihm zugeschrieben werden, analysiert, dann gibt es überhaupt keinen Zweifel, dass das nichts lobenswertes ist, sondern im Gegenteil etwas, das man verurteilen muss.“

Doch für Ukrainer wie Igor Salamon ist die historische Bewertung von Stepan Bandera längst nicht so eindeutig. Er gilt vielen als eine Art Nationalheld im Kampf um die Unabhängigkeit der Ukraine.

Igor Salamon, Verband der Ukrainer in Polen, Wroclaw (polnisch)
"Wenn das Gesetz die Reklame für Banderdismus verbietet, weiß niemand, was dieser Banderismus eigentlich ist. Über Hitler wurden sehr viele Bücher geschrieben, negative Bücher. Aber über Bandera gibt es kein einziges Buch."

Um Stepan Bandera ranken sich viele Mythen. In seinem Buch, das Anfang April auf Polnisch erschienen ist, räumt Grzegorz Rossolinski-Liebe damit auf.

In der Ukraine dagegen gilt Bandera als Symbol für den Kampf gegen die Sowjetisierung. Deshalb sind nach 1990 - vor allem in der Westukraine - viele Denkmäler für ihn entstanden.

Aus polnischer Sicht: Bandera-Propaganda, die jetzt verboten ist.

Grzegorz Rossolinski-Liebe
„Paradoxerweise gibt es viel Wahrheit in diesem Gesetz. Und eigentlich wäre es ideal, wenn man es in der Ukraine eingeführt hätte. Wenn die Ukraine zu der Meinung kommen würden, dass sie so ein Gesetz brauchen, dass die Verehrung der Massengewalt verbietet – ähnlich wie ein Gesetz, dass das Leugnen des Holocausts verbietet.“

Dass man historische Figuren unterschiedlich interpretiert, spielt für den Alltag von Polen und Ukrainern in Wroclaw jedoch keine große Rolle. Gemeinsam organisieren Igor Salamon und andere gerade ein Kulturfestival. Kontakte, Gespräche, Austausch - das alles gehört zu einem Prozess der Verständigung, der - wie auch zwischen Deutschen und Polen - Zeit brauchen wird.

Małgorzata Chilkiewicz, Kaleidoskop Kultur (polnisch)
„Wir bauen jetzt gerade Zukunft dieser Stadt, diesem Teil von Europa auch. Hier in Wroclaws leben jetzt über 40.000 Menschen aus der Ukraine. Und wir leben hier zusammen, das ist jetzt wichtig. Für uns. Also für meine Generation. Nicht das, was vor so vielen Jahren passiert ist.“

Für Szczepan Siekierka und sein Enkel Michal ist klar: Der Konflikt um die Erinnerung muss ausgetragen werden. Sie wollen, dass die Verbrechen der ukrainischen Nationalisten von ukrainischer Seite anerkannt werden. Und werden weiter dafür kämpfen.

Autor Raphael Jung

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