Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer (Quelle: rbb)
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Polen als Kolonie des Westens? - So sind ausländische Investoren

Seit der Marktöffnung 1990 lockte Polen ausländische Investoren mit großzügigen Angeboten ins Land. Die regierende PiS-Partei bricht mit dieser Politik, spricht von Ausbeutung, sogar von Polen als einer Kolonie des Westens. Was ist an dem Vorwurf dran? Wie ist die Stimmung unter den deutschen Unternehmern?

Vor sieben Jahren gründete Christoph Müller in Breslau die kleine Hightech-Firma „MT-Silesia“. Eigentlich war er damals auf der Suche nach Ingenieuren für sein Unternehmen in Niedersachsen, wo er wegen des Fachkräftemangels keine mehr fand. Am Ende musste der Unternehmer einen Kompromiss schließen. 

Christoph Müller
"Wir sind über Kontakte zur technischen Universität in Breslau hierhin gekommen und haben sofort Ingenieure gefunden. Wir haben ihnen angeboten in Deutschland zu arbeiten. Aber die haben uns gesagt: Wir möchten lieber in Breslau bleiben."

In Breslau beschäftigt Christoph Müller 15 Ingenieure und 5 in Ladbergen bei Osnabrück. Zusammen entwickeln sie Software und Elektronik für autonom fahrende Fahrzeuge im Berg- und Tunnelbau – wie für einen Zug, der beim Bau des österreichischen Brennerbasistunnels eingesetzt wird. Der fährt nicht auf echten, sondern auf virtuellen Schienen - Zukunftstechnologie!

Piotr Wojtala (Mitarbeiter) 
"Anderswo hat man mir angeboten, Maschinen instand zu halten oder für einen reibungslosen Produktionsablauf zu sorgen. Die Projekte hier bei MT-Silesia fand ich spannender."

Christoph Müller hat seine Entscheidung, nach Polen zu expandieren, nie bereut - trotz der momentan kritischen Töne der PiS-Regierung gegen ausländische Unternehmen.

Christoph Müller
"Die Stimmung ist etwas reservierter geworden gegenüber Deutschen, auch gegenüber Europa natürlich. Da braucht man einfach nur in die Nachrichten zu schauen. Im Tagesbetrieb ist eigentlich nichts festzustellen. Wenn man an Investitionsentscheidungen denkt, an Expansion, dann ist man natürlich zurzeit vorsichtig."

Firmen aus der ganzen Welt haben sich seit den 90er Jahren in Polen niedergelassen. Jeder dritte Pole arbeitet heute für ein ausländisches Unternehmen. Die meisten kommen aus Deutschland: mehr als 6000 Firmen, Mittelständler und große Konzerne wie Bayer, BASF und Siemens. Unter der Vorgängerregierung präsentierte sich Polen als ein investorenfreundliches EU-Land.

Ausschnitt aus einem alten Werbefilm
"Polen bietet den Investoren viele Vorteile an. Polen wurde zu einem Ort des Aufbruchs, der Investoren aus der ganzen Welt anzieht."

Damit soll jetzt Schluss sein.

Mateusz Morawiecki (Ministerpräsident)
"Wir sind in einer Situation, die sich gewissermaßen nicht mehr rückgängig machen lässt. Wir sind ein Land, das jemandem aus dem Ausland gehört."

Jarosław Kaczyński (Vorsitzender der PiS-Partei)
"Hinter der breiten Koalition, die gegen uns entstanden ist, stehen Kräfte, die Polen möglichst weit unten halten wollen, damit Polen anderen dient, damit die Polen für andere arbeiten, damit Polen eine Art Kolonie ist. Wir werden keine Kolonie sein."

Die polnische Wirtschaft boomt, nirgendwo ist das so gut sichtbar wie in Warschau. Ohne ausländische Investoren hätte diese Entwicklung aber nicht stattgefunden: Mit der Kritik möchte die PiS ihr Wirtschaftsprogramm rechtfertigen.

Ignacy Morawski (Wirtschaftsexperte) 
"Wir sind aufgestiegen, aber es ist ein Fortschritt vom Ende der zweiten Liga an die Spitze der zweiten Liga, aber  nicht in die erste Liga. Und die Polen würden gerne in die erste Liga aufsteigen. Die jetzige Regierung ist überzeugt: Der wirtschaftliche Fortschritt Polens braucht wesentlich mehr staatliche Unterstützung - eine Art Kick."

Ein Kick in Form milliardenschwerer Investitionen - wie die Entwicklung eines polnischen Elektro-Autos, das bereits 2019 in Produktion gehen soll. Private und staatliche Vorzeigeunternehmen, wie der Champions aufgebaut werden. Der einstige Wirtschaftsminister und jetziger Ministerpräsident Morawiecki propagiert beim Treffen mit polnischen Unternehmern den Gesinnungswandel.

Mateusz Morawiecki
"Ich freue mich sehr darüber, dass wir unsere Gespräche über ein solch wichtiges Thema wie den Wirtschaftspatriotismus fortsetzen."

Polen orientiere sich dabei an den asiatischen Tigerstaaten.

Ignacy Morawski
"In Südkorea oder Japan gibt es recht wenige ausländische Investitionen, dort dominieren einheimische Firmen. Außerdem setzt man dort sehr stark auf eine Rhetorik des nationalen Erfolgs. Und unsere Regierung ist vernarrt in das asiatische Modell, weil sich die asiatischen Länder in kurzer Zeit von armen zu wohlhabenden Ländern entwickelt haben."

800 deutsche Unternehmen sind in der deutsch-polnischen Industrie- und Handelskammer organisiert. Noch hat die Politik der Regierung für sie keine negativen Folgen. Über 90 Prozent würden ihre Investition wiederholen.

Michael Kern (Geschäftsführer der AHK Polen)
"Die Firmen nehmen natürlich die Dinge wahr, die sie in den Medien lesen. Das kann für Verunsicherungen sorgen, aber dass wir Benachteiligungen festgestellt haben, das war bislang nicht der Fall. - Ist Polen eine Kolonie des Westens? - Ganz sicherlich nicht. Und man muss es im Zeitablauf sehen. Natürlich hatte Polen vor 20 Jahren ein deutlich niedrigeres Lohnkostenniveau als es im Westen der Fall war. Das ist heute nicht mehr der bestimmende Faktor. Geschätzt wird an dem Standort die EU-Mitgliedschaft des Landes, die Produktivität, die Motivation und die Ausbildung der Arbeitskräfte."

Dass polnische Firmen schneller wachsen müssen, findet Christoph Müller richtig, und auch, dass Polen mit den vielen internationalen Konzernen, die nur auf billige Arbeitskräfte setzen und irgendwann abwandern, ein Problem hat. Doch er wehrt sich gegen pauschale Verurteilungen.

Christoph Müller
"Äußerungen, die sich allgemein gegen ausländische Unternehmen richten, die kann ich bezogen auf unser Unternehmen natürlich überhaupt nicht verstehen. Weil wir jeden Zloty den wir in Polen verdienen, auch in Polen reinvestieren. Und wir tragen zur nachhaltigen Entwicklung der polnischen Wirtschaft ein ganz ganz klein wenig bei."

Ein Beitrag von Katharina Zabrzynski

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