Kowalski & Schmidt: Cinema Klassenkampf (Quelle: rbb)
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Ein historisches Bildgedächtnis des Arbeitskampfes - Cinema Klassenkampf

Auf ihrer Internetplatform „labournet.tv” sammeln zwei Berliner Aktivistinnen Filme aus aller Welt zum Thema Arbeiterbewegung und stellen sie kostenfrei online – um Menschen Mut zu machen, sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen zur Wehr zu setzen.

Anna Baum und Johanna Schellhagen sind die beiden Macherinnen von labournet.tv, einer Online-Plattform für Filme der internationalen Arbeiterbewegung. Aus ihrem Online-Archiv mit über 800 Titeln zeigen sie die spannendsten Filme in der Reihe „Cinema Klassenkampf“  in verschiedenen Berliner Programmkinos.

Die gemeinnützige Stiftung „Menschenwürde in der Arbeitswelt“ finanziert ihre Gehälter, einen Platz in einer Neuköllner Bürogemeinschaft und die Untertitelung der Filme auf Deutsch und Englisch.

Johanna Schellhagen hat einen Abschluss in Philosophie. Anna Baum studiert Gewerkschaftswissenschaften. Ihr Online-Archiv steht den Nutzern kostenlos zur Verfügung.

Johanna Schellhagen, labournet.tv
„Das Interessante am Thema „Kämpfe am Arbeitsplatz“ finde ich – ist, dass Leute am Arbeitsplatz Macht haben.  Wenn sie sich zusammen tun und zusammen organisieren, dann ist es meistens so, dass sie etwas durchsetzen für sich. Und deswegen finde ich es so spannend, weil es ein Ort ist, wo man gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen kann, indem man sich eben an der Basis engagiert und zusammenschließt.“

Heute wird eine polnische Dokumentation hoch geladen.

Es geht um den Aufstand der KITA-Angestellten in Posen.

Den Arbeitskampf mit der Kamera begleitet hat Magda Malinowska. Sie wird per Skype kontaktiert. Wie sieht sie ihre Rolle als Filmemacherin?

Magda Malinowska, Filmemacherin und Aktivistin aus Poznan (Englisch)
„Für mich ist die Trennung zwischen „Filmemacher“ und „Aktivist“ grundsätzlich falsch. Ich glaube, die Filmemacher sollten sich als Teil der Arbeiterbewegung – oder der feministischen Bewegung – auf jedem Fall, als Teil von etwas Größerem, sehen.“

Die Macherinnen von labournet.tv sammeln nicht nur Filme. Sie produzieren auch eigene. Zum Beispiel über den Arbeitskampf bei Amazon. Als die deutschen Mitarbeiter 2015 streikten, versuchte der Konzern die Mehrarbeit nach Polen auszulagern. Doch die polnische Belegschaft solidarisierte sich mit den deutschen Kollegen. Labournet.TV hat ihr Treffen  in Poznan gefilmt.

Amazon Mitarbeiterin (Englisch, untertitelt)
Wir verteilten Flugblätter mit den Forderungen der deutschen Arbeiter. Tausende Flugblätter. Wir trugen T-Shirts mit den Parolen, welche die deutschen Kollegen im Streik verwenden.

In der zusätzlichen Überstunde für die Polen, mit der Amazon den Streik der Deutschen ausbremsen wollte, wurde „gebummelt“. Davon haben die deutschen Kollegen profitiert.

O-Ton (Film)
„Seitdem wir streiken, hat man Lohnerhöhungen „wieder entdeckt“, wir haben fast keine Befristeten mehr, wir haben fast hundert Prozent Unbefristete...“

Auch die polnische Belegschaft hat eine Lohnerhöhung von umgerechnet 25 Cent pro Stunde bekommen.

Im Berliner Regenbogenkino ist heute “Cinemaklassenkampf-Tag“. Es geht auch um die Forderung der Vivantes-Beschäftigten nach einem Tarifvertrag vergleichbar mit dem des öffentlichen Dienstes.

O-Ton (Film)
„Meine Kollegen streiken jetzt schon seit 28 Tagen dafür, dass wir einen TVÖD für alle kriegen.“

Nach dem Film wird diskutiert. Dabei sollen nicht nur die Filmemacherinnen, sondern vor allem die Streikenden zu Wort kommen.

Kowalski und Schmidt: Cinema Klassenkampf (Quelle: rbb)Interview zum Streik an der Humboldt Universität zu Berlin

Anna Baum, labournet.tv
„Der Sinn ist nicht, dass es von unserer Perspektive ist, sondern deren Perspektive. Und wir sind da und wir unterstützen und wir reden auch vorher mit den Protagonisten und wir gucken, dass sie sich sicher fühlen und dass die auch vorbereitet sind und wir planen das mit denen, aber wir selber sind nicht die, die das alles unterscheiden.“

Labournet.tv dokumentiert Arbeitskämpfe und Streiks auf der ganzen Welt, Beispiel Kolumbien.

O-Ton (Film)
"Coca Cola! Mörderin! Coca Cola! Mörderin! Wer ließ Isidro Gil töten?"

So drehten sie einen Film über Streikende im Coca-Cola Werk in Pariba. Mehrere Arbeiterführer wurden dort von angeheuerten Paramilitärs ermordet. Ohne Folgen für die Mörder.

Johanna Schellhagen, labournet.tv
„Ja, und deswegen haben wir den Film gemacht, weil es so eine exemplarische Geschichte ist, weil sie zeigt, was ein Staat auch sein kann und was für sinistre Verbindungen es geben kann zwischen Multinationalen Konzernen oder überhaupt zwischen kapitalistischen Unternehmen und Staaten auch.“

Haben sie keine Angst die Protestierenden zu gefährden, die in den Filmen ihr Gesicht zeigen?

Anna Baum, labournet.tv
„Ich glaube manchmal ist es auch so, dass die Veröffentlichung die auch schützen kann. Wenn eben Tausende von Menschen diesen Geschichten folgen, und sehen, dass diese Person dann ihren Job verloren hat, dann gibt es eben einen größeren Aufstand dagegen.“

Im Moment arbeiten sie an einem Film über Streiks der studentischen Hilfskräfte an der Berliner Humboldt Universität. Labournet.tv will ihre Forderungen festhalten.

O-Ton (Situation)
„Warum habt ihr gestreikt und was ist die Vorgeschichte?“

Den beiden Filmemacherinnen geht es nie um rein objektive Berichterstattung. Labournet.tv ist grundsätzlich parteiisch: auf der Seite der Streikenden.

 

Autorin Milena Hadatty

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