Kowalski und Schmidt: Kinderschuhe an Kirchenzäunen (Quelle: rbb)
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Die Aktion „Baby Shoes Remember“ und die polnische katholische Kirche - Kinderschuhe an Kirchenzäunen

Noch immer schweigt die katholische Kirche in Polen zum Problem der pädophilen Priester in ihren Reihen. Mit einer spektakulären Aktion will eine Initiative Öffentlichkeit herstellen.

Kinderschuhe an Kirchenzäunen – plötzlich tauchen sie überall auf! Mit der Aktion „Baby Shoes Remember“ protestieren Ende August Menschen in ganz Polen gegen den Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche.

Dieser Helfer des Pfarrers in Stettin fordert die Menschen auf, den Bürgersteig vor der Kirche zu verlassen. Ein Priester wird sogar handgreiflich.

Bogna Czałczyńska und Agata Caban haben die Protestaktion in Stettin organisiert. Ihr Verein „Mädchen für Mädchen“ kämpft für Frauenrechte und Demokratie.

Bogna Czałczyńska
„In Polen beginnt jetzt eine offene Diskussion über das Problem der Pädophilen in der Kirche, dass die Kirche straflos bleibt und ein Dasein außerhalb der geltenden Gesetze führt.“

Der Ort ihres Protestes ist nicht zufällig gewählt. In diesem Pfarrhaus wohnte vor zehn Jahren ein pädophiler Priester: Roman B.  Mit dessem Opfer - einer heute 23-jährigen Frau - sind die Aktivistinnen in Kontakt.

Bogna Czałczyńska
„Das Mädchen war damals 13 Jahre alt. Sie wurde von dem Priester vergewaltigt und schließlich zur Abtreibung gezwungen. Der Priester wurde nach römisch-katholischem Kirchenrecht verurteilt. Seine Strafe war Beten, Buße tun, Verlegung in ein anderes Pfarramt. Er hat zwei Jahre Berufsverbot bekommen, durfte keine Sakramente spenden. Aber nicht mal das wurde umgesetzt. Er hat dann woanders Messe gehalten.“

In dieser Kirche  hat Roman B. gearbeitet, als er das Mädchen vor 10 Jahren vergewaltigt hat. Einen seiner Vorgesetzten von damals, Pfarrer Staszewski, treffen wir zufällig auf der Straße. Er will nicht über den Fall sprechen. Die Kamera soll ausgemacht werden.

Der zuständige Pfarrer der Gemeinde, Aleksander Ziejewski, äußert sich nur schriftlich. Sein Zorn gilt den Protestierenden. Nicht dem pädophilen Priester.

„Wegen Verleumdung, wegen Autoritätsuntergrabung und wegen des Eindringens in fremdes Eigentum werde ich gerichtlich vorgehen“, schreibt er uns.

Agata Caban
„Wir erwarten, dass der Pfarrer zu uns kommt und sich zum Kindesmissbrauch in der Kirche äußert. Er hätte nicht viel machen müssen. Er hätte nur zugeben sollen, dass es ein Problem gibt, und das wäre für uns Gläubige, die das Problem in der Kirche sehen, ausreichend.“

Bogna Czałczyńska
„Die Kirche steht nicht auf der Seite der Schwachen, auf der Seite der Opfer. Sie steht wie die Pharisäer, wie Heuchler und wie eine Mafia auf der Seite ihrer Institution und verteidigt sie mit mafiösen Methoden.“

Doch die Macht der Kirche bröckelt. In dieser Woche wurde der Orden von Roman B. für sein Verbrechen von einem Zivilgericht verurteilt, eine Million Zloty und eine monatliche Rente an das Opfer zu zahlen. 10 Jahre nach der Tat.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, macht aber vielen anderen Opfern Mut. Marek Lisiński ist einer der wenigen in Polen, der sein Leid öffentlich macht. Wir sind mit ihm in Berlin verabredet.

Auch er wurde als Kind von einem Priester vergewaltigt. Der Täter wurde vom Kirchengericht verurteilt, sich schriftlich bei seinem Opfer zu entschuldigen. Um finanzielle Wiedergutmachung kämpft Marek Lisiński bis heute. Seine Familie hat sich von ihm abgewendet.

Marek Lisinski
„Ich werde in meiner Familie nicht mehr gern gesehen. Meine Schwester hat mich nicht zur Hochzeit ihrer Tochter eingeladen. Meine Familie akzeptiert nicht, dass ich mich wehre. Sie erwarten, dass ich Demut zeige und dass ich dem Täter verzeihe. Sie lassen gar nicht den Gedanken an sich heran, dass ihr geistlicher Führer, wenn man ihn so nennen kann, solche Schandtaten begehen könnte.

Kowalski& Schmidt-Reporterin:  „Ist das typisch?“

„Ja, in den meisten Fällen, egal ob in der Stadt oder auf dem Dorf. Und wenn die Kinder oder später Erwachsenen davon erzählen, dann glaubt man ihnen nicht.“

In Berlin nimmt  Marek Lisiński am Kongress „MitSprache“ teil, bei dem sich Missbrauchsopfer aus der ganzen Welt treffen.

Hier berichtet er von seiner Stiftung „Ängstigt euch nicht“, die den Opfern von pädophilen Priestern in Polen hilft.

Marek Lisiński
„Wir kümmern uns momentan um circa 300 Opfer, haben 66 Täter gefunden, die rechtskräftig verurteilt wurden. Die Kirche sprach bisher nur von 19 Tätern.“

Verlässliche Studien über das Ausmaß von Pädophilie in der polnischen Kirche gib es nicht. In einer Talkshow macht der Chef der katholischen Presseagentur nur wage Angaben. Er beruft sich dabei auf Gespräche mit Bischöfen.

Marcin Przeciszewski
„Wir können es nur schätzen und diese Schätzung ist fehlerbehaftet. Momentan wissen wir von ein paar Hundert Fällen. Wobei einige Prozesse noch im Gange sind.“

Frage: „Meinen Sie ein paar Hundert Opfer oder ein paar Hundert Priester?“

Marcin Przeciszewski: „Ein paar Hundert Priester.“

Bis heute leidet  Marek Lisiński wegen den Vergewaltigungen in der Kindheit. Er hat Angstzustände und wird seit Jahren psychologisch betreut. Im Kreise der anderen Opfer fühlt er sich verstanden und respektiert.

Marek Lisiński
„Das kann ich nicht beschreiben. Das ist so ein Glück. Für diese Augenblicke lohnt es sich zu leben. Das ist für mich eine Belohnung für unsere tagtägliche Arbeit in Polen.“

Autorin: Wioletta Weiss

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