Kowalski und Schmidt: Lesen hinter Gittern (Quelle:rbb)
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Über die Kraft der Literatur - Lesen hinter Gittern

Maria Dąbrowska-Majewska bringt Bücher in Warschauer Gefängnisse und liest mit den Gefangenen. Durch die Beschäftigung mit Literatur will sie die Rückfallquote der Straftäter senken.

In Polen sitzen fast 80.000 Menschen in Haft. 300 davon lebenslänglich. Lebenslänglich bedeutet in Polen mindestens 32 Jahre und nicht 15 wie in Deutschland.

Maria Dąbrowska (Polnisch)
„Mit solchen, die 2, 3 Jahre abzusitzen haben, beschäftige ich mich nicht. Veränderung braucht Zeit. Auf die schiefe Bahn kommt man nicht von einem Tag auf den anderen. Also brauchen wir auch Zeit, um uns wieder aufzurichten. Deshalb schaue ich eher auf die mit wirklich langen Haftstrafen.“

Bevor Maria Dąbrowska ins Gefängnis fährt, kauft sie Obst für die Insassen. Sie hat ein Mission: Sie will Literatur in die Haftanstalten bringen.

Bücher haben für die 62-jährige Warschauerin schon immer eine große Rolle gespielt.

Maria Dąbrowska
„Für mich hat das Lesen eine soziale Funktion: Der Mensch liest – und spricht dann mit anderen darüber. Ich habe mal in Breslau in einem Gefängnis gearbeitet und mit niemandem ließ es sich so gut über Literatur reden wie mit den Häftlingen.“

Kowalski und Schmidt: Lesen hinter Gittern (Quelle: rbb)
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Vor 6 Jahren hat Maria Dąbrowska die Stiftung „Zmiana“ – „Veränderung“ - ins Leben gerufen. Sie macht regelmäßig Lesekreise mit Gefangenen und glaubt fest daran, dass das Lesen die Menschen zum Positiven verändert.

Maria Dąbrowska
„Es soll ein Raum sein, in dem wir 2 Stunden lang nicht über das Gefängnis reden, nicht über die Strafen ... in einer ganz anderen Welt, ganz anderen Wirklichkeit - und diese Mauern sind da, aber sie sind auch nicht da. Denn - wir treffen uns wegen etwas Anderem.“

Im Strafvollzug Białołęka, im Nordosten Warschaus, sitzen über 1.000 Gefangene. Ausschließlich Männer. Ihre Delikte reichen von einfachen Vergehen bis hin zu mehrfachem Mord.

Maria Dąbrowska
„Im Gefängnis vertraut kein Häftling dem anderen. Freundschaften gibt es hier nicht. Jeder verrät jeden. Es ist ein grässlicher Ort.“

Jeder ihrer Besuche ist mit aufwendigen Sicherheitsmaßnahmen und viel Bürokratie verbunden.

Zu ihren „Jungs“, den Langzeitsträflingen, hat Maria eine innige Beziehung entwickelt.

INTERVIEW HÄFTLING 1 (Polnisch)
„Ich war gleich beim ersten Treffen ganz überrascht. Sie hat die Bücher wirklich gelesen, sie wusste, wovon sie handelten. Und sie gab Empfehlungen mit ganz viel Enthusiasmus - sie hat uns richtig angesteckt!“

INTERVIEW HÄFTLING 2 (Polnisch)
„Dann hat sich unser Verhältnis vertieft und unsere Gesprächsthemen fingen an, privat zu werden, weit über die Bücher hinaus. Maria war neugierig, was bei uns so los ist.“

INTERVIEW HÄFTLING 1 (Polnisch): „Sie ist so positiv, sie bringt Sonne hierher.“

MARIA: „Und - wie geht´s? Also - wie geht es DIR?“

HÄFTLING 2: „Wenn ich meinen Kumpels erzähle, dass ich jetzt Abi habe, sagen sie: Ach, quatsch! Spinn nicht rum! Und ich sage: Doch, wirklich!“

MARIA: „Ja, vergesst nicht, dass ihr mit euren Noten den Durchschnitt des ganzen Viertels hier anhebt!“

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Edyta Kulesza
„Frau Marias Initiative hat einen enormen Einfluss auf die Insassen. Sie nehmen wahr, dass es auch außerhalb der Haft ein Leben gibt, in das sie vielleicht irgendwann zurückkehren. Sie erzählt ihnen, was grad in der Stadt los ist - und sie selbst waren vielleicht vor 10 Jahren das letzte Mal dort. Das Gefängnis wäre ohne Frau Maria viel trauriger!“

Maria Dąbrowska hat im Holocaust einen Großteil ihrer Familie verloren. Das Thema „Ausgrenzung“ beschäftigt sie von jeher.

Maria Dąbrowska
„1.000 Sachen grenzen uns aus. Mich z.B.: dass ich eine Frau bin, dass ich Jüdin bin, dass ich alleinerziehend bin, dass ich alt bin und zu kurze Kleider trage. Vielleicht hat es auch mit dem Judentum zu tun, die Einsamkeit, dass wir keine Familie mehr haben – und starke Bindungen in der Welt schaffen. ... Jetzt denke ich, für mich ist es meine Bestimmung – eine Mizwa.“

Mittlerweile hat Maria Dąbrowska schon eine halbe Million Bücher für die Gefängnisse gesammelt. Für ihr soziales Engagement bekam sie die Medaille des Heiligen Georgs, weil sie sich, wie es in der Laudatio heißt, „denen widmet, die verurteilt, aber nicht um ihre Würde gebracht werden“.

Maria Dąbrowska
„Als ich diese Medaille bekommen habe, hatte ich ein Gefühl, als hätte ich den Nobelpreis bekommen.“

In Praga – einem Viertel, das sich gerade vom Problembezirk zur Hipsterhochburg entwickelt - ist Maria zu Hause. Viele ihrer Schützlinge sind von hier - ihre Rückfallquote aus den letzten 4 Jahren liegt bei Null. Noch ein Grund, stolz und glücklich zu sein. Hier baut sie Brücken zwischen denen, die mehr, und denen, die weniger von der Sonnenseite des Lebens abbekommen haben.

Maria Dąbrowska
„Für gewöhnlich verlassen diese Herren irgendwann das Gefängnis. Sie sind unsere Nachbarn, sie stehen mit mir an der Haltestelle, wir kaufen zusammen Kartoffeln. - Und, mal ehrlich, seid ihr euch sicher, dass ICH NICHT gesessen habe?“

Autorinnen: Joanna Rubinroth, Tanja Krüger

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