Kowalski und Schmidt: Juden im Niemandsland (Quelle: rbb)
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Bild: rbb

Die so genannte Polenaktion 1938 - Juden im Niemandsland

Im Oktober 1938 wurden 17.000 polnische Juden aus ganz Deutschland an die polnische Grenze deportiert. Monatelang mussten sie dort ausharren, weil die polnische Regierung sie nicht aufnahm.

In Jaqueline Hopp weckt die Ausstellung „Ausgewiesen!“ im Centrum Judaicum in Berlin viele Emotionen. Die Geschichte ihrer Familie, der Familie Klein, wird hier beleuchtet.

Jaqueline Hopp
„Dieses Foto mit Radiogruppe von den Kindern habe ich nie gesehen, den Zeitungsausschnitt auch nicht,  also, das macht etwas mit dem Bild, das man von der eigenen Familie hat, vom eigenen Vater, Angehörige. Es ist sehr bewegend.“

Ihre Familie ist eines der Opfer der sogenannten „Polenaktion“ vom 28. Oktober 1938. Damals begannen die Nazis in Deutschland lebende Juden mit polnischem Pass nach Polen zu deportieren. Innerhalb von nur 2 Tagen wurden 17.000 Juden in Deutschland festgenommen, in Züge gepfercht und an die Grenze gebracht.

Alina Bothe, Kuratorin
„Es ist das erste Mal, dass Jüdinnen und Juden gezielt ausgewiesen wurden, es ist das erste Mal, dass die Reichsbahn Sonderzüge einsetzt und das ist das erste Mal, dass Menschen „nach dem Osten verbracht“ werden – dass diese Idee der Massendeportation nach dem Osten umgesetzt wird.“

Die Novemberpogrome wenige Tage später, Krieg und Holocaust haben diese Verbrechen bis heute überschattet.

Gerhard Klein und sein Bruder wurden beide in Berlin geboren.  Deren Vater, Heinrich Klein, ein Juwelier, stammte aus der Nähe von Ausschwitz. Deshalb bekamen alle drei 1918, nach der Neugründung der Republik Polen, automatisch die polnische Staatsbürgerschaft. Polnischer Pass, deutsche Identität.

Jaqueline Hopp
„Polnisch war auch keine Sprache, die zu Hause gesprochen wurde. Es war eine richtig deutsche jüdische Familie.“

Trotzdem wurde die ganze Familie deportiert. Zu diesem Zeitpunkt war Gerhard Klein 19 Jahre alt. Erst als er 60 Jahre später darüber für die Shoah Foundation vor der Kamera erzählt, erfährt seine Tochter diese grausame Geschichte.

Jaqueline Hopp
„Es war unvorstellbar. Diese Trennung, diese Ungewissheit, diese Armut, dieser Dreck, das hat er alles in diesem Interview sehr minuziös geschildert, an das konnte er sich sehr gut erinnern. Es hat sich offensichtlich sehr tief in seinem Gehirn gebrannt, was er da erlebt hat.“

Ortwechsel. Zbąszyń – einer der Orte des Geschehens, auf halbem Weg zwischen Berlin und Posen. Vor dem Krieg war Zbąszyń der erste Ort hinter der deutsch-polnischen Grenze. In diesem Städtchen mit damals 4.500 Einwohnern strandeten 8000 aus Deutschland deportierte Juden. Ohne Geld und nur mit Handgepäck.

Wojciech Olejniczak sucht seit Jahren nach Spuren der Deportierten in der Stadt. Der Künstler und Hobby-Historiker hat einige Fotos gefunden, viele Briefe und Bücher. Nur wenige flüchtige Erinnerungen an die Ereignisse von damals sind geblieben.

Kowalski und Schmidt: Juden im Niemandsland (Quelle:rbb)
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Wojciech Olejniczak (Polnisch)
„Die heutigen Zeitzeugen waren damals Kinder. Sie erinnern sich nur, dass sie auf einmal viele neue Spielkameraden hatten. Und dass attraktive Briefmarken in großen Mengen aus unterschiedlichen Ländern aufgetaucht sind.“

Die polnischen Behörden wollten ihre eigenen Staatsbürger nicht aufnehmen. Monatelang durften die Deportierten Zbąszyń nicht verlassen. Und obwohl die Stimmung in der Stadt auch hier antisemitisch war, engagierten sich viele Bewohner für die Gestrandeten.

Wojciech Olejniczak
„Die Bewohner sahen in ihnen plötzlich keine Juden, sondern einfach Menschen, die sich in einer hoffnungslosen Situation befanden. Es wurde nicht mit dem Finger auf sie gezeigt, sondern überlegt, wie man ihnen helfen kann.“

In Zbąszyń entstand eine Art Parallelstadt mit jüdischer Schule, jüdischem Krankenhaus und Sportclubs. Um der Verzweiflung zu trotzen. Das einzige Fenster der Hoffnung war der Bahnhof.

Wojciech Olejniczak
„Von hier aus sind die Deportierten, sobald sie durften, in die Welt gefahren. Wer es ins Ausland geschafft hat, hat meist überlebt. Wer in Polen geblieben ist, wurde meist Opfer des Holocaust.“

Zurück in Berlin. Der Vater von Jaqueline Hopp konnte rechtzeitig nach Palästina flüchten. 1952 kehrte  er in seine Heimatstadt Berlin zurück. Ihre Großeltern waren im Vernichtungslager Treblinka ermordet worden. Ende Oktober sollen Stolpersteine für die Familie Klein gesetzt werden. In der Keibelstraße, wo sie einst lebte.

Jaqueline Hopp
„Ja, ich denke schon, das wird der Platz sein, wo die neuen Stolpersteine hinkommen. Das kann ich mir gar nicht anders vorstellen. Es ist schon sehr bewegend, wenn man endlich weiß, wo das Haus war, wo man einen Ort hat, wo man hingehen kann und sagt: Das ist der Ursprung der Familie. Finde ich gut.“

Autorin: Agnieszka Hreczuk

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