Kowalski und Schmidt: Ohne Polen ein Problem - Der Arbeitsmarkt in Deutschland
rbb
Bild: rbb

- Ohne Polen ein Problem – Der Arbeitsmarkt in Deutschland

Jede zweite neue Stelle in Deutschland wird von Ausländern besetzt – und zwar in erster Linie von Osteuropäern. Allen voran von Polen. Was heißt es für den deutschen Arbeitnehmer?

Deutschland ist eine führende Wirtschaftsnation.  Hier zu arbeiten – der Traum vieler Ausländer. Hunderttausende – kamen in den letzten Jahren hierher – um in Deutschland Häuser zu bauen, um Deutsche zu pflegen oder um ihre Pakete auszufahren.

Auch im deutschen Handwerk steigt die Zahl der Migranten kontinuierlich.
Adam Prasol kommt aus Polen, eine Zeitarbeitsfirma hat ihn in die Berliner Tischlerei BMS vermittelt. Den Beruf des Tischlers hat er dann hier gelernt.

Kowalski und Schmidt: Ohne Polen ein Problem – Der Arbeitsmarkt in Deutschland (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Adam Prasol
„Am Anfang war das schwer den Job zu finden, weil ich konnte ja nicht so viel Deutsch reden, der Beruf gefällt mir sehr, mein Vater und mein Opa sind auch Tischler und das finde ich super.“

Tischlermeister Benjamin Schork ist froh, dass er den jungen Mann hat. Junge Leute in Deutschland für das Handwerk zu begeistern wird offensichtlich immer schwieriger.

Kowalski und Schmidt: Ohne Polen ein Problem – Der Arbeitsmarkt in Deutschland (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Benjamin Schork, Geschäftsführer BMS
„Es ist einfach nicht mehr so gefragt. Die Leute wollen sich nicht mehr die Hände schmutzig machen, ich glaube es herrscht generell ein falsches Bild vom Tischlerberuf. D.h. nämlich auch richtig arbeiten und das tun wir hier ja alle. Und von daher ist es einfach so, dass die Leute die wollen lieber im Büro sitzen wollen und andere Dinge tun, am besten ein bisschen Youtuber sein und dann ist es auch schön.“

Jede zweite neue Stelle in Deutschland wird von Ausländern besetzt. Bis August 2018 wuchs die Zahl der Beschäftigten hier um rund 715.000. Die Zahl der Deutschen unter ihnen: 333.000, die der Ausländer um 382.000.

Dabei besetzen nicht Flüchtlinge die Stellen. Am stärksten wuchs die Zahl der Beschäftigten aus Osteuropa:  aus Polen und Rumänien. Nehmen die Polen und die Rumänen den Deutschen jetzt die Arbeit weg?

Kowalski und Schmidt: Ohne Polen ein Problem – Der Arbeitsmarkt in Deutschland (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Stefan Thyroke, ver.di
„Das kann man so nicht sagen, wir haben insgesamt ein Fachkräftemangel und auch darüber hinaus ein Arbeitskräftemangel im ungelernten Bereich, d.h. Arbeit ist genug da und im Gegenteil in unserer Branche sind die Arbeitgeber sogar dankbar, dass es Zuzug aus dem europäischen Ausland gibt.“

Autorin
Woher kommt das dann, dass man das immer wieder denkt?

„Das ist eine gute Frage und kann ich ihnen auch nicht so beantworten. Die Arbeitslosenzahlen sind ja sehr niedrig, so niedrig wie noch nie in den letzten knapp 30 Jahren und von daher ist eigentlich an der Angst nichts wirklich dran.“

In Deutschland verdienen Osteuropäer viel mehr als bei sich zu Hause. Und für das Geld sind sie bereit oft länger und mehr zu arbeiten als ihre deutschen Kollegen.

So werden auch die Löhne der deutschen Arbeitnehmer nach unten gedrückt – lautet oft die Kritik. Die Gewerkschaft widerspricht.

Stefan Thyroke
„Die Tatsache, dass Kollegen und Kolleginnen nach Deutschland kommen, hat nichts damit zu tun, dass die Löhne nicht steigen.“

Doch es gibt auch Schattenseiten des Zuzuges aus Osteuropa - vor allem für die Osteuropäer selbst: der Pole Marcin Baba arbeitete lange als Lagerist, plötzlich wurde ihm gekündigt. „Arbeit und Leben“ soll ihm helfen, ein Verein des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Er war bei einer Zeitarbeitsfirma unter Vertrag, er wurde krank, danach war sein Job einfach weg.

Kowalski und Schmidt: Ohne Polen ein Problem - der Arbeitsmarkt in Deutschland (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Marcin Baba (Polnisch)
„Erst hat mein Chef Verständnis gezeigt, und sagte, dass sie warten bis ich wieder aus dem Krankenhaus komme , Gesundheit sei doch das Wichtigste im Leben und überhaupt, sie freuen sich, wenn ich wieder da bin – kein Ding. Aber als ich wieder kam, gab es plötzlich keine Arbeit mehr für mich.“

Dass er – auch als Pole - Kündigungsschutz in Deutschland hat - erfährt er erst von Monika Fijarczyk. 60% der Menschen, die hier Rat suchen, kommen aus Polen. Ausbeutung und Missbrauch sind hier die Themen. Die Fälle ähneln sich.

Monika Fijarczyk, Mitarbeiterin Arbeit und Leben e.V. (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Monika Fijarczyk, Arbeit und Leben e.V.
„Also die meist auftretenden Probleme sind unbezahlte Löhne, der Mindestlohn wird unterschritten, die Leute arbeiten mehr Arbeit, mehr als gesetzlich zugelassen ist, ungerechtfertigte Kündigungen sind auf alle Fälle ein großes Problem, aus unserer Sicht gibt es zu wenig institutionelle Unterstützung für die Verteidigung der Arbeitnehmerrechte.“

Dabei sind weit über eine Million Stellen in Deutschland immer noch unbesetzt. Unternehmen und Handwerksbetriebe suchen weiter händeringend nach Arbeits- und Fachkräften. Die Tischlerei BMS hat eine Lösung für das Problem.

Benjamin Schork
„Deswegen arbeite ich auch nur mit den Zeitarbeitsfirmen zusammen, die nicht nur den Mindestlohn bezahlen, sondern das Gehalt eines Tischlers, was der die Stunde zu bekommen hat und wenn man immer so Peanuts verfüttert, dann kriegt man auch keine guten Leute mehr, aber da muss man dranbleiben.“

Von einer gut bezahlten Arbeit profitieren hier offensichtlich beide: der deutsche Arbeitgeber und polnische Arbeitnehmer.

Autorin Martina Hiller von Gaertringen

weitere Themen der Sendung