Kowalski und Schmidt: Mehr Kleintransporter aus Polen (Quelle: rbb)
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Lebensgefahr auf deutschen Autobahnen - Mehr Kleintransporter aus Polen

Totale Übermüdung, kaum Ruhezeiten und Marathonfahrten – so sieht der Alltag vieler polnischer Fahrer aus, die im Auftrag globaler Unternehmen Waren an deutsche Kunden liefern.

Schwere Unfälle mit osteuropäischen Kleintransportern. Auf der A3 vor einigen  Wochen. Ein Fahrzeug rast in das Stauende. Auch hier auf der A2. Unfall mit Todesfolge. Wieder hat der Fahrer des Kleintransporters das Stauende übersehen.

Wir sind unterwegs auf deutschen  Autobahnen. Auffällig: Viele kleine Transporter, oft mit polnischem Kennzeichen und einer winzigen Schlafkabine über dem Fahrerhaus. In der Branche als „Polensprinter“ bekannt.

Totale Übermüdung, kaum Ruhezeiten und Marathon-Fahrten. Das alles führt immer wieder zu Unfällen. Wir wollen mit den Fahrern ins Gespräch kommen. Sie warten auf Rastplätzen auf neue Aufträge.

Dzień dobry!

Der junge Fahrer des roten Transporters möchte nicht mit uns sprechen. Beim nächsten Fahrzeug haben wir mehr Glück. Der Fahrer hat heute seinen letzten Arbeitstag und ist bereit, offen mit uns zu sprechen, zeigt uns sein Fahrzeug.

Kowalski und Schmidt: Mehr Kleintransporter aus Polen, Schlafkabine
Bild: NDR

Kleintransporter-Fahrer
„Hier oben schläft man, besonders viel Platz hat man nicht.“

Der Fahrer erzählt uns er sei teilweise wochenlang unterwegs. In dieser Zeit sind die kleine Dachkabine und das Fahrerhaus sein zu Hause.

Kleintransporter-Fahrer
„Ich koche im Auto, einen Kühlschrank gibt es nicht. Alle zwei Tage gehe ich einkaufen. Geduscht wird auf den Rastplätzen.“

Grenzwertige Arbeitsbedingungen auf deutschen Autobahnen.

Wir treffen uns mit dem Fachjournalisten Jan Bergrath. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Arbeitssituation deutscher und europäischer Berufskraftfahrer.

Kowalski und Schmidt: Mehr Kleintransporter aus Polen
Bild: NDR

Jan Bergrath, Fachjournalist
„Die Arbeitsbedingungen bei diesen Kleinlastern mit Schlafkabinen ist erschreckend. Das sind Fahrer, die in der Regel aus Osteuropa kommen, früher kamen die ausschließlich aus Polen, heute kommen die aus Bulgarien, Rumänien. Sie unterliegen zwar formal den Lenk- und Ruhezeiten, aber es ist nicht zu kontrollieren.“

Dass dies gefährlich werden kann, bestätigt uns auch der polnische Fahrer. Viele Kollegen würden von den Speditionen regelrecht durch Europa gepeitscht.

Kleintransporter-Fahrer
„Gerade die unerfahrenen, jungen Fahrer bekommen teilweise nur zwei Stunden Schlaf. Dadurch kommt es vermehrt zu Unfällen.“

Der nächste Fahrer hat so eine gefährliche Situation schon selbst erlebt.

Kleintransporter-Fahrer
„Ich musste in kurzer Zeit von Sizilien nach Birmingham fahren. Habe weniger als 4 Stunden geschlafen. Als Folge bin ich am Steuer eingenickt und gerade noch rechtzeitig aufgewacht, der kaputte Spiegel erinnert mich daran.“

Anscheinend kein Einzelfall. Das zeigt eine Sonderauswertung des statistischen Bundesamtes. Die Zahl der Unfälle, die von Transportern bis 3,5 t verursacht wurden, geht 2017 leicht zurück. Aber der Anteil polnischer Kleintransporter steigt alarmierend. Ein Anstieg von über 40 % im Vergleich zum Vorjahr.

Er hält sich jetzt an die Ruhezeiten, sagt er. Lässt sich nicht mehr von der Spedition scheuchen. Die Aufträge bekommt er in erster Linie bei der Internetseite Timocom und das funktioniert so:

Kleintransporter-Fahrer
„Wer das niedrigste Angebot macht, bekommt den Auftrag. Viele bieten so wenig, dass ich mich frage, wie man damit überhaupt noch Geld verdienen kann.“

Auf der Internetseite werden Ladungen an Transporteure vermittelt.  Eigentlich praktisch, aber auf dem Marktplatz der Online Frachtbörse gibt es schwarze Schafe.

Kleintransporter-Fahrer
„Man ist das schwächste Glied in der Kette. Oft weiß man gar nicht für wen man überhaupt transportiert, weil da so viele Subunternehmen zwischengeschaltet sind. Ich habe jetzt hier ein Papier auf dem draufsteht, ich bekomme für den Auftrag 200 €, aber der Vermittler hat ein anderes Papier auf dem 400€ steht.“

Timocom schreibt, man habe…

"…keinen Einfluss auf die Preisgestaltung seiner Kunden."

Jan Bergrath
„Das Problem dabei ist, die Preise sind natürlich außer jeglicher Kontrolle. Es gibt keine Mindesttarife für dieses Gewerbe, das gab es früher mal, wurde abgeschafft. Das heißt: Wenn ich eine Fahrt reinsetzte, die unterm Kostendeckungspreis ist und jemand fährt sie, kann man ihn nicht dran hindern das zu tun.“

Aber wer lässt seine Waren eigentlich auf diese Weise transportieren? Wir fahren zum größten Online-Versandhändler der Welt: Amazon.

Dzień dobry!

Und hier: Direkt vor dem Logistikzentrum in Winsen bei Hamburg stehen wieder zwei dieser Transporter mit polnischem Kennzeichen.

Kleintransporter-Fahrer:
„Ich bin gestern von Amazon in Frankreich hierher gefahren. Eigentlich sollte ich meine Ware um 8:00 abgeben, aber man hat mir hier mitgeteilt, dass ich erst um 18:00 Uhr ausladen kann.“

10 Stunden im Auto warten. Während wir uns mit dem Fahrer unterhalten, kommt direkt der nächste Auftrag per SMS, um 19:00 Uhr soll neue Ware in Hannover aufgenommen werden.

Kleintransporter-Fahrer:
„Die Aufträge kommen oft sehr spontan. Das ist stressig, man kann eigentlich nichts planen oder sich weit von dem Fahrzeug entfernen. Man weiß nicht, wann man mal frei hat oder wann man wieder nach Hause kann.“

Eine Belastung für die Fahrer, ständig auf Abruf, aber praktisch für Unternehmen.

Amazon will davon nichts wissen. Es gäbe…

 „…keine Transporte zwischen den Amazon Logistikzentren mit Fahrzeugen dieser Größe.“

„Es kann sein, dass es sich um Fahrzeuge von Speditionen handelt, die von Lieferanten beauftragt sind.“

Transporte mit den sogenannten „Polen-Sprintern“ – schwer zu kontrollieren. Fahrzeuge bis 3,5 t werden zwar ähnlich genutzt wie große LKW, haben im Vergleich zum Brummi aber andere Vorschriften. Jeder mit PKW-Führerschein darf einen Transporter bis 3,5 t fahren. Ab 2,8 Tonnen gelten eigentlich Sozialvorschriften – diese lassen sich aber praktisch nicht kontrollieren. Einen digitalen Tacho, der Lenk- und Ruhezeiten wie beim LKW aufzeichnet, gibt es nicht.

Jan Bergrath
„Sie haben sogenannte Lügenbücher dabei, da können sie im Prinzip eintragen was sie tun. Es ist fiktiv, es ist auch nicht zu kontrollieren. Auf diese Art und Weise fahren die dann auch mal von Köln nach Barcelona in einem Stück durch.“

Um Kontrollen wirksamer zu machen, müsste die EU sich darauf einigen, Kleintransporter wie LKW zu behandeln.

Jan Bergrath
„Wenn es diese Einigung nicht gibt, werden diese Fahrzeuge auch weiter ohne Tachographen unterwegs sein und dann herrscht weiter Wildwest auf der Straße.“

Unser Fahrer will auf diese Einigung nicht mehr warten. Die letzte Fahrt nach Hause steht an. Nach 5 Monaten mit dem Kleintransporter quer durch Europa.

Kleintransporter-Fahrer:
„Je nach Auftragslage verdiene ich zwar 1.400 bis 1.600 € pro Monat. Aber der Job ist schon echt hart. Mir reicht’s.“

Jeden Tag todmüde, brenzlige Situationen auf der Autobahn. Und die Sehnsucht nach der Familie zuhause. Darauf hat er keine Lust mehr. Er hat gekündigt.

Über eine Einigung wird auf EU—Ebene gestritten. Solange werden weiter polnische  Fahrer übermüdet und unterbezahlt auf deutschen Autobahnen unterwegs sein.

Autor Sebastian Dubielzig

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