Kowalski und Schmidt: 100 Jahre Unabhängigkeit Polens – und jetzt? (Quelle: rbb)
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Bild: rbb

- 100 Jahre Unabhängigkeit Polens – und jetzt?

Immer wieder mussten die Polen für die Unabhängigkeit ihres Landes kämpfen. Und jetzt - in Zeiten des europaweit um sich greifenden Rechtspopulismus verlieren sie sie nicht schon wieder?

Warschau - 11. November 2018.  Ausnahmezustand. Polen feiert seine 100 jährige Unabhängigkeit und  Hunderttausende sind gekommen.  Doch es kamen auch polnische Nationalisten, selbsternannte Patrioten, gewaltbereite Rechtsradikale.

Marcin Szczygielski, Schriftsteller (auf Polnisch)
„Unser Tag der Unabhängigkeit.“

Auch der Warschauer Marcin Szczygielski ist heute dabei um diesen Tag zu würdigen. Doch feiern ist ihm jetzt nicht mehr zumute.

Marcin Szczygielski
„Dieser Tag sollte doch ein fröhliches Fest werden. Ich fühle aber Entsetzen - und Angst – hier ist doch nichts davon zu spüren, dass unser Land unabhängig, glücklich und frei ist.“

Marcin Szczygielski ist eine in Polen polarisierende Persönlichkeit: Schriftsteller, Fernseh-Moderator, Grafiker. In seiner künstlerischen Arbeit: anders und unkonventionell.

Hier - mitten in Warschau -  wo im zweiten Weltkrieg die Deutschen das Warschauer Ghetto errichteten. An diesem - einst so grausamen Ort - spielt sein berühmtestes Buch: „Flügel aus Papier“ - ein Märchen über den Holocaust und über einen kleinen, polnischen Jungen, einen Juden.

Marcin Szczygielski
„Ich fand, dass man daran erinnern soll und muss. Erwachsene Polen kehren ungern zu dem Thema zurück, aber die junge Generation – die gibt mir Hoffnung und deshalb beschloss ich ihnen zu erzählen, wie das Leben hier im Getto aussah, wo es sich überhaupt befand.“

Ein Kinderbuch über Juden – dafür bekam Szczygielski wichtige, internationale Literaturpreise und viel Anerkennung. Aber auch jede Menge Hassmails von seinen Landsleuten. Das hat ihn überrascht.

Marcin Szczygielski
„Warum der Antisemitismus so präsent ist? Und das nachdem die letzten Juden vor 50 Jahren von den Kommunisten aus Polen vertrieben wurden?! Die Mehrheit der Antisemiten in Polen ist nie persönlich einem Juden begegnet. Das ist unfassbar! Aber es passt zu dem seltsamen und paradoxem Land in dem ich lebe und aufgewachsen bin.“

Polen – ein Land voller Widersprüche. So beschreibt der Schriftsteller immer wieder den Zustand seines Landes. Als sein Partner und er sich öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannten bekamen sie viel Zuspruch. Und auch das hat ihn überrascht.

Kowalski und Schmidt: 100 Jahre Unabhängigkeit Polens – und jetzt? (Quelle: rbb)
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Marcin Szczygielski
„In unserem Land ist nichts schwarz oder weiß. Man könnte annehmen, dass in einem rechtspopulistisch regiertem und eng mit der katholischen Kirche verzahntem Land die Homophobie wachsen würde, doch so ist es gar nicht! Es ist nicht Russland!“


Dass die Polen also so unberechenbar geworden sind – das liegt an ihrer Geschichte sagt Szczygielski.

Marcin Szczygielski
„Es ist ein seltsames Land. Unsere Mentalität ist sehr komplex. Es liegt auch an den Teilungen. Wir wurden von Russen, von Österreichern und von Preußen mit ihrer deutschen Mentalität regiert. Dann herrschte die Katholische Kirche, später dann die Kommunisten. Und die Polen, um überhaupt überleben zu können, haben gelernt, sich immer wieder zwischen den Notwendigkeiten, den Möglichkeiten und den eigenen Wünschen durchzulavieren.“

Seltsam ist die Welt – Lied von Czesław Niemen (Untertitel):

Wie seltsam diese Welt,
wo es immer noch
so viel Böses gibt.

Marcin Szczygielski
„Warum wir so angespannt, so nervös sind? Schwierig. Zum großen Teil, weil die Regierung uns so manipuliert. Ich hoffe, dass wir zur Vernunft kommen. Die Polen hatten immer einen starken Freiheitsdrang und auch wenn wir uns jetzt etwas verloren haben und nicht wissen wie die Freiheit und Unabhängigkeit aussehen soll, gehe ich davon aus, dass die Menschen sich wieder besinnen und erkennen, dass wir nicht abgekoppelt vom Rest der Welt funktionieren können.“

Seltsam ist die Welt – Lied von Czesław Niemen (Untertitel):

Doch Menschen guten Willens gibt es mehr.
Und ich glaube fest daran,
dass diese Welt
dank ihnen nie zugrunde gehen wird.

Kowalski und Schmidt: 100 Jahre Unabhängigkeit Polens – und jetzt? (Quelle: rbb)
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Autorin Joanna Ratajczak

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