Kowalski und Schmidt: Obdachlose zurück in Polen (Quelle: rbb)
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Bild: rbb

Hilfe für polnische Obdachlose, die zurück in ihre Heimat wollen - Obdachlose zurück in Polen

Der Verein Barka hilft obdachlosen Polen in Berlin, in ihrer Heimat wieder Fuß zu fassen. Wohngemeinschaften, Therapieplätze und berufliche Angebote stehen bereit.

Es sind zweitausend, dreitausend, vielleicht sogar viertausend Menschen aus Polen, die hier in Berlin auf der Straße leben. Ganz genau weiß man es nicht, da wird ohnehin mehr geschätzt als gewusst. Aber, was wir wissen, ist, dass die Berliner Bahnhöfe - wie der Bahnhof Lichtenberg - quasi Zuhause sind für viele Menschen ohne Zuhause. Ich treffe mich jetzt mit Wojciech Greh und für den ist dieser Ort eher ein Arbeitsplatz.

Wojciech Greh arbeitet für die polnische Stiftung Barka aus Posen. Sie versucht seit einem halben Jahr, polnische Obdachlose nach Polen zu holen. Das Interview verzögert sich, weil Wojtek und seine Helfer von einem polnischen Obdachlosen angesprochen wurden.

Wojtek Greh:
„Wir sehen uns heute in der Obdachlosenstelle. Du isst etwas, duschst und trinkst keinen Alkohol. Dann reden wir und du kommst mit nach Polen. Bei Barka bekommst du einen Entzug, eine Therapie und einen Platz im Heim. Du hast Kinder und hast eine Frau und du musst zu deiner Familie zurück.”

Darek:
„Dein Baby ist sechs Monate alt und du hast es zu Hause gelassen. Ich verstehe deine Situation, aber warum bist du untergetaucht?“

Obdachloser: „Ich habe gesoffen.”

Wojtek: „Verpass die Chance nicht! Und komm mit nach Polen.”

Wojtek und sein Kollege Darek verhandeln eine Stunde mit dem Obdachlosen. Ob er mitmacht, wissen sie noch nicht.

Moderator Martin Adam im Gespräch mit Sozialarbeitern von Barka e.V (Quelle: rbb)

Interview:
Martin: „Dzień dobry, Wojciech Greh, sie haben einen Kollegen mitgebracht Darek Kielar.  Wie viele Menschen haben Sie schon zurück nach Polen gebracht?”

Wojtek: „Guten Tag zuerst! Wir sind seit September auf der Straße unterwegs und haben 20 Menschen zurück nach Polen gebracht.”

Martin: „Wie arbeitet denn Barka ganz konkret?”

Darek: „Wir versuchen, die Menschen von der Straße zu holen und bieten ihnen eine andere Perspektive in Polen. Hier in Berlin arbeiten wir zu zweit. Wojtek kümmert sich um die Formalitäten und ich bin für die praktische Seite zuständig. Ich war selbst mal obdachlos und weiß, wie ich mit den Menschen reden muss, wie ich ihr Vertrauen gewinnen kann. Ich kann verstehen, was ihnen fehlt und was für ein Problem sie gerade haben.“

Martin: „Aber nochmal zu diesem Punkt: Ich habe gelesen, dass die Menschen sich oftmals schämen, dass sie eigentlich auch zurückzugehen nach Polen, dann aber Angst haben, da anzukommen und irgendwie als Verlierer zu gelten.”

Wojtek: „Ja, das ist so, das ist der Hauptgrund. Zum Beispiel, er hat seinen Job oder Arbeit verloren und er will nicht nach Polen, weil die Anderen denken, dass er nach Polen als reicher Pole zurückkommt. Und das ist das Problem.”

Martin: „Und wie finanziert ihr eure Arbeit in Berlin?  Und wie geht es weiter?“

Wojtek: „Ja, wir wurden von der polnischen Regierung finanziert, haben aber gerade eine Nachricht vom Senat bekommen, dass sie uns nicht mehr unterstützen. Wir suchen neue Finanzierungsquellen und arbeiten erstmal ehrenamtlich.  So dass wir bis Ende 2019 hier in Deutschland bleiben.”

Martin: „Dankeschön. - Das war die Berliner Seite, aber wie geht es den Menschen, die aus Berlin mit Barka nach Polen gehen. Agnieszka Hreczuk ist für uns mitgefahren."

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Beitrag von Agnieszka Hreczuk

Ich kenne Krzysztof aus Berlin. Seit vier Monaten ist er in der Zentrale von „Barka“ in Posen.

Kowalski und Schmidt: Obdachlose zurück in Polen (Quelle: rbb)

Krzysztof
„Das Beste an dieser Arbeit ist der psychische Komfort. Ruhe, Ruhe und noch mal Ruhe. Nach so vielen Jahren Trinken braucht man viel Ruhe, um wieder alles im Kopf zu sortieren.“

Einfache Arbeiten von 6 Uhr morgens bis 14 Uhr: Routine, die dem Alkoholkranken Halt gibt. Die letzten acht Jahre hat Krzysztof auf der Straße in Berlin gelebt. Bei „Barka“ in Posen soll er nun in der Gemeinschaft mit anderen lernen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

Die Projekte von „Barka“ werden von Sponsoren und mit EU-Geldern finanziert. Der Verein hat über 20 Filialen in Westpolen sowie Teams in verschiedenen europäischen Städten - seit August auch in Berlin.

Vor sieben Jahren habe ich über obdachlose Polen in Berlin berichtet und bin Krzysztof damals begegnet. Er lebte auf einem alten Schiff, war ständig betrunken. „Am Boden“ hieß meine Reportage. Wir schauen uns zusammen das Foto an, das ich damals von ihm gemacht habe.

Kowalski und Schmidt: Obdachlose zurück in Polen (Quelle: Agnieszka Hreczuk)

Krzysztof
„Oh, hier stapelten sich die Weinkartons, später noch höher. Ich konnte mit ihnen das ganze Schiff verkleiden ... Das war ein richtiger Abgrund...  Das Foto motiviert mich, nicht wieder mit dem Trinken anzufangen. Ich möchte nie wieder in einen solchen Zustand geraten.“

Deshalb hat er Berlin verlassen.

Krzysztof
„Dort trinkt man ja beinahe umsonst. Für 5 Pfandflaschen bekomme ich 1 Liter Wein. Ein Paradies. Und vor der Polizei muss man sich in Berlin auch nicht verstecken, anders als in Polen. Anfangs hatte ich vor den Polizisten Angst, bis ich merkte, dass ich direkt neben ihnen trinken kann und sie sagen nichts.“

Der Verein der gegenseitigen Hilfe, wie Barka offiziell heißt, wurde vor 30 Jahren von einem Psychologen-Ehepaar hier in Posen gegründet. Jadwiga Sadowska, ihre Tochter,  ist mit zwei Schwestern mitten unter den Hilfsbedürftigen aufgewachsen. Heute setzen alle drei Schwestern das Projekt der Eltern fort.

Kowalski und Schmidt: Obdachlose zurück in Polen (Quelle: rbb)

Jadwiga Sadowska
„Uns geht es nicht darum, so viele Polen wie möglich nach Polen zurückzuholen. Wir wollen nicht einfach die Leute von den Straßen in Berlin auf die Straßen in Polen holen, wo das Leben noch schwieriger ist. Uns geht es darum, dass diese Menschen, die wir holen, aus der Sucht herauskommen, dass sie selbstständig werden und  ohne Hilfe von anderen Menschen weiter leben können.“

Die Regeln bei Barka sind streng: Wer Alkohol oder Drogen nimmt, wer gewalttätig wird, muss gehen. Oder er muss eine Entzugstherapie machen und darf erst danach zurückkommen.

Jadwiga Sadowska
„Am Anfang waren die deutschen Organisationen sehr skeptisch gegenüber Barka. In den letzten Monaten kamen mehrmals deutsche Journalisten zu uns, um zu schauen, was in "Wirklichkeit" hinter unserer Arbeit steckt, ob wir die Obdachlosen nicht drangsalieren.“

Das gegenseitige Vertrauen ist gewachsen.

Jadwiga Sadowska
„Sie haben aber gemerkt, dass wir tatsächlich mit den Obdachlosen arbeiten und dass unser Doppelteam-Prinzip, ein Sozialarbeiter und ein Leader, sinnvoll ist.“

Leader sind Menschen, die den Weg aus der Sackgasse geschafft haben wie Andrzej. Er war selbst lange obdachlos, hat heute eine Familie und einen festen Job als Leader bei Barka.

Andrzej (Quelle: rbb)

Andrzej
„Unsere Aufgabe als Leader besteht darin, für die Obdachlosen eine Art Hoffnungsfunken zu sein, dass es eine Änderung geben kann. Dass es zu dem Leben auf der Straße eine Alternative gibt, dass sie eine Perspektive haben.“

Bei Barka dürfen sie so lange bleiben, bis sie sich dem Leben draußen wieder gewachsen fühlen. Manche sind schon zehn Jahre hier. Manche halten es keine
zwei Wochen aus.


Andrzej
„Sie sollen sehen, wie wichtig Arbeit ist, die täglichen Abläufe kennenlernen, die sie vergessen haben oder früher nie gelernt haben: dass man früh aufsteht, arbeiten geht, Verpflichtungen hat...“  

20 Obdachlose sind mit Hilfe des Vereins Barka von Berlin nach Polen zurückgekehrt. Einige haben den Neuanfang nicht geschafft und sind zurück auf der Straße. Krzysztof ist seit vier Monaten trocken - so lange ohne Alkohol hat er es noch nie geschafft. Ein Grund, stolz zu sein - und vorsichtig.

Krzysztof
„Ich habe Angst, das Gelände von Barka zu verlassen. Wenn ich für drei Stunden in der Stadt wäre, bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht trinken würde.“

Autorin: „Wann traust du dich in die Stadt?“

Krzysztof: „Ich weiß nicht, in einem Monat, vielleicht zwei, oder sogar drei...“

Er würde so gerne seine Kinder wiedersehen, nach 17 Jahren, wenn er dafür bereit ist und wenn sie es auch wollen.

Autorin: Agnieszka Hreczuk

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