Brücke
rbb
Bild: rbb

- Der Speckgürtel von Stettin

Seit über zehn Jahren ziehen mittelständische Stettiner, vor allem junge Familien mit Kindern, in die naheliegenden Dörfer auf der deutschen Seite der Grenzregion.  Nach der Wende eine der ärmsten Regionen in Ostdeutschland entwickelt sich die die Gegend langsam zum "Speckgürtel von Stettin".  Die anfängliche Skepsis der Deutschen ist geringer geworden. Immer mehr freuen sich über den Zuzug aus Polen: katholische Gemeinden, Fußballvereine und auch der Einzelhandel.  Und wie erleben die jungen Polen das grenzüberschreitende Pendeln?

Das Grenzgebiet an der Oder. Auf der deutschen Seite:  die Gemeinden Mescherin und Gartz. Und sechs Kilometer hinter der  Brücke, das polnische  Städtchen Gryfino. Von hier aus machen sich die Jungs auf den Weg, um bei ihrem  Fussballverein "Blau-Weiss-90-Gartz" zu trainieren. Im Sommer gastierte dort die "Real Madrid Fußballschule". Knapp  hundert  Kinder aus der Grenzregion durften hier eine Woche lang ihr Können zeigen. Der 15 jährige Dawid Baran hofft, sich zu qualifizieren, um dann im nächsten Sommer bei Real Madrid im "Bernabeu" Stadion trainieren zu dürfen.    

Lutz Kohlheim
SV Blauweiss-90-Gartz
"Dann freut man sich natürlich, wenn urplötzlich vier polnische Kinder vor der Tür stehen und fragen, "dürfen wir hier Fußball spielen". Wir haben auch deutsch- polnische Kinder, also die zweisprachig oder mehrsprachig noch aufwachsen, weil das Elternhaus gebürtig aus Polen ist. Sie sind hierher gezogen und haben sich in unseren Verein integriert."

Hier spielt es keine Rolle, wer Deutscher, Pole oder Deutsch-Pole ist. Es zählt, wie gut einer Fußballspielen kann.

Witek
aus Gartz
"Ja, mit der Zeit haben wir uns befreundet, es klappt auch alles im Verein, obwohl die Hälfte der Kinder deutsch ist und die andere Hälfte polnisch, macht es nicht so einen Unterschied, wir teilen uns nicht in Gruppen, wir sind EINE Mannschaft."

Kuba
aus Gryfino
"In Gartz macht vor allem das Training Spaß, aber man macht auch sonst einiges zusammen, zum Beispiel ins Schwimmbad gehen ..."

Adrian und Pawel
aus Gryfino
"Wir fahren auch mal gemeinsam nach Stettin! ... Ja, oder wir spielen zusammen Videospiele ..."

Vor der Wende war das Ufer der Oder eine bewachte Grenze. Aus dem  DDR-Zollhaus wurde später ein Gasthaus. Das Lokal führt heute eine polnische Familie.   

Paulina Majchrowska-Picks
Gastwirtin
"Wir haben auch viele Gäste, die vorher in dem Haus gearbeitet haben und jetzt gerne zu uns essen kommen. Manche übernachten sogar hier. Genau. Alte Zollbeamte. Es ist auf jeden Fall kein Nachteil."

Die Speisekarte ist zweisprachig; polnisch und deutsch. Wie die Küche und die Kundschaft. Der Umzug an die Oder hat sich für die Gastwirtin gelohnt.

Paulina Majchrowska-Picks
Gastwirtin
"Es gibt hier viel mehr Möglichkeiten als in Polen, vor allem was die soziale Absicherung betrifft. Allgemein für junge Familien, für Kinder, meiner Meinung nach - und es ist nicht nur meine Meinung ...  ist es hier viel freundlicher als drüben."

Durch den Zuzug junger Polen altert die Bevölkerung hier nicht so schnell, wie mancherorts in der Region. Leerstehende Häuser sind interessant für junge Familien aus dem nahen Stettin und entgehen so dem Verfall. Einige Polen gründen Geschäfte: zum Beispiel diesen Imbiss.

Zenona Teßmer kam schon zu DDR-Zeiten. Ihr Enkel will  Polnisch lernen.

Florian und Zenona Teßmer
aus Gartz
Reporterin: Aber warst du schon mal in Gryfino?
Florian: Ja
Zenona Teßmer: Ja, zum Schwimmbad, ne? Da waren wir mal.
Florian: Ja, sogar schon ganz oft.
Reporterin: Und sprichst du dort Deutsch, oder ...
Zenona Teßmer: Deutsch
Florian: Na so, manchmal ein bißchen Polnisch, so ...
Zenona Teßmer: Nein, du kannst doch nicht Polnisch ...
Florian: Doch! dzień dobry und alles!
Zenona Teßmer: Naja, das kannst du ja sagen, dzień dobry guten Tag, oder do widzenia ... Und 'n paar böse Wörter auch, aber die sag ich nicht!

Zurück zum Fußballtraining. Für das Sommercamp von Real Madrid hat sich in Gartz  leider keiner qualifiziert. Trotzdem bekommt jeder Teilnehmer eine Urkunde, auf Spanisch, ein "Certificado".

Dawid
aus Gryfino
"Es war sehr intensiv, das Training, und ich habe einige neue Tricks und Übungen gelernt ... und auch mehrere deutsche Fussballbegriffe."

Witek
aus Gartz
"Naja, vielleicht der Name "Real Madrid-Camp" macht es irgendwie besonderer, man fühlt sich ...  Man ist mehr motiviert!"

Es geht zurück auf die polnische Seite, nach Gryfino. Die deutsch-polnische Fußballmannschaft ist ein Stückchen mehr zusammen gewachsen.

Autorin Milena Hadatty

weitere Themen der Sendung

Aktion der Demokratie zur Voransicht
rbb

Junge Polen: Politik statt Urlaub

Politikverdrossene Jugend? Ja, aber nur wenn es um Parteiarbeit geht. Sechs junge Aktivisten aus Posen haben diesen Sommer Tausende Menschen auf die Straße gebracht. Ihre Proteste gegen die Abschaffung einer unabhängigen Justiz haben sie per Facebook und Twitter organisiert. Anstatt in Urlaub zu fahren, mobilisieren Franciszek Sterczewski und seine Mitkämpfer die Massen.

Festivalgelände und Schriftzug "DESINTERESSIERT?"
rbb

Junge Deutsche: Keine Lust auf "alte Säcke"

Till Müller gründet mitten im Abi-Stress eine eigene Jugendpartei, weil ihm die Mitglieder der etablierten Parteien zu alt sind. Studenten und Geflüchtete entwerfen zusammen Mode um mit ihrer Kollektion Integration sichtbar zu machen. "Die Jugend ist politisch interessiert, aber sie sehen sich nicht in den alteingesessenen Parteien", sagt Sozialwissenschaftler Wolfgang Gründinger, der mit seinem Buch "Alte Säcke Politik" die etablierten Parteien provoziert.

Antideutsche Stimmungsmacher
rbb

Antideutsche Stimmungsmacher

Es berührt einen wunden Punkt zwischen beiden Nachbarstaaten, der immer wieder gerne missbraucht wird: Die PiS-Politiker fordern, Deutschland solle Polen endlich für den Zweiten Weltkrieg entschädigen. Doch was ist dran an der Forderung?

Die Illustratorin (Quelle: rbb)
rbb

Gesichter der Freiheit

Angela Merkel, Nina Simone, Pina Bausch ...  So unterschiedlich diese Frauen sind, sie verkörpern etwas Gemeinsames: Freiheit. Das meint zumindest Nadia Linek. Die Berliner Grafikerin mit polnischen Wurzeln schuf eine Reihe von markanten und expressiven Porträts - "Follow Women", "Folge den Frauen".